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Ein Selbstgespräch

Aus der Januar 1985-Ausgabe des Herold der Christlichen Wissenschaft


Der Tag war lang gewesen. Mit einem Kollegen hatte es eine Auseinandersetzung gegeben. Ich war immer noch erregt. Als ich nach Hause kam, sank ich in einen Sessel, und das folgende Selbstgespräch entwickelte sich:

So kann ich nicht weitermachen.

Das brauche ich auch nicht. Es gibt einen Ausweg aus diesen zermürbenden Gedankenschemen. Die Christliche Wissenschaft zeigt ihn uns. Sie lehrt, daß Gott, das Gute, das einzig wirkliche Gemüt und der Mensch Gottes Schöpfung ist, der ewige Ausdruck des göttlichen Gemüts. Sie weist die Vorstellung zurück, der Mensch besitze ein eigenes, eigenwilliges, materielles Gemüt und sei nicht immer dem göttlichen Willen untertan.

Aber das sterbliche Gemüt scheint einfach von ihm Besitz zu ergreifen — wie er mit dem Finger auf mich zeigt, mich tadelt, seinen Willen durchzusetzen sucht. Er scheint mich als Zielscheibe zu benutzen.

Seit wann beherrscht denn das sterbliche Gemüt den von Gott geschaffenen Menschen? Hat dieses falsche Gemüt wirklich die Kraft, das göttliche Gemüt zu verdrängen und in das Denken der Menschen einzudringen, um es zu verwirren und zu verärgern?

„Er“ ist der Schuldige. Eine ungerechte Forderung. Er wird wütend und verliert die Beherrschung. Und dann bin ich immer der Leidtragende.

Aber die Christliche Wissenschaft zeigt, daß nicht „er“ die Schuld hat. Der Irrtum ist der Übeltäter. Darüber muß ich mir im klaren sein. Starrsinn gehört niemals zum Menschen. Er entspringt allein dem sterblichen Gemüt und ist daher nur ein Anspruch, eine Annahme, eine Illusion.

Aber es sieht so aus, als könne ich nichts dagegen tun.

Ein sterbliches „Ich“ kann hier nichts ausrichten. Aber Gott kann etwas dagegen tun und tut es auch. Mrs. Eddy versichert uns das:

Starren Willen beuge Du,
Hartes Herz erneu,
Weck die Welt aus dumpfer Ruh,
Dünkels Wahn zerstreu!Vermischte Schriften, S. 398.

Gott beugt den starren Willen. Ich brauche das nicht zu tun. Gott zerstreut des Dünkels Wahn. Ich kann die angestaute Frustration fahrenlassen, die Vorstellung aufgeben, er sei ein Sterblicher, der immer gleich aufbraust und eine spitze Zunge hat. Ich kann die Annahme zurückweisen, er habe sich seit jeher wie ein Tyrann benommen, und statt dessen Gott die Herrschaft überlassen, auf daß Sein Reich begründet werde und Sein Wille geschehe.

Ich kann in diesem Augenblick damit beginnen, mich so auf Gottes Allmacht und Allgegenwart zu konzentrieren, daß es für mich nichts anderes gibt. Ich kann hier und jetzt beten, daß nicht menschlicher Wille, sondern Gottes Wille geschehe. Ich kann anerkennen, daß die ganze Macht Gottes jetzt in mir und durch mich wirkt, um den Starrsinn aus meinem Leben völlig zu entfernen.

Das Problem ist also menschlicher Wille.

Aber das verschafft ihm keine Wirklichkeit. Eigenwille hängt mit dem Glauben an Sterblichkeit und Materialität zusammen. Er gehört in Wahrheit niemals zu dem von Gott geschaffenen Menschen. Er hypnotisiert uns, wenn wir ihm nachgeben — er ist durch und durch ein Betrüger. „Zufriedenheit“, so argumentiert der menschliche Wille, „erlange ich dann, wenn sich meine Wünsche erfüllt haben.“ „Ich werde zufrieden sein“, sagt er, „wenn ich meinen Willen durchsetze.“ Eigenwille mag als Rechthaberei eines anderen in Erscheinung treten, aber er stellt sich mir, um als wirklich akzeptiert zu werden. Nur wenn ich zulasse, daß seine trügerische Natur und böswillige Absicht nicht aufgedeckt und zurückgewiesen wird, kann Verwirrung, Empfindlichkeit und Nörgelei oder durch Selbstmitleid genährte Selbstrechtfertigung von mir Besitz ergreifen.

Was mich nervt, ist dieser Wortschwall — böse, beißende, herabsetzende Worte.

Warum bin ich über nichts entsetzt? Es ist eine Lüge sowohl über ihn wie über mich. Wir sind beide Gottes Kinder, der zu Seinem Gleichnis geschaffene Mensch, weder eigensinnig noch dem Willen des anderen untertan. Der Mensch spiegelt stets das göttliche Wesen wider: ganz und gar gut, immer harmonisch. Er ist sich jederzeit seiner geistigen Identität bewußt, und dies macht ihn glücklich und zufrieden. Solche Glückseligkeit ist mein — und auch sein — göttliches Recht. Der sogenannte menschliche Wille kann sie weder zerstören noch herbeiführen.

Aber er ist das Problem. Wenn er doch nur ...

Jetzt fange ich schon wieder damit an. Es ist allzu einfach, im anderen den Eigenwillen zu sehen, vor allem wenn wir sein Opfer zu sein scheinen. Doch es ist viel wichtiger, ihn in uns selbst aufzudekken. Ich muß den Eigenwillen in meinem Denken ans Licht bringen und überwinden. Könnte es nicht möglich sein, daß mein Eigenwille auf seinen reagiert, daß ich also Teil des Problems bin?

Die Schwierigkeit liegt darin, daß ich nur selten den Eigenwillen in mir erkenne. Wenn ich auf ihn aufmerksam werden würde, würde ich mich nicht täuschen lassen und einen anderen für meine aufgebrachten Gefühle verantwortlich machen. In Gedanken ständig zu wiederholen: „Wenn er doch nur ... “ schürt nur den mentalen Aufruhr.

Aber ich bin gar nicht eigensinnig, ich bin nur beharrlich, um mich ihm gewachsen zu zeigen. Und außerdem gebe ich sowieso immer nach.

Nun, ist das nicht typisch sterbliches Gemüt — es dreht den Spieß um! Natürlich will die Halsstarrigkeit mich betrügen, indem sie sich als Beharrlichkeit ausgibt. Aber geduldiges Bemühen, mich Gottes Willen zu fügen, ist etwas ganz anderes, als hartnäckig auf meinem Willen zu bestehen oder mich widerwillig zu fügen.

Also sollte ich lieber mein eigenes Denken in Ordnung bringen.

Das ist alles, was jemals nötig ist. Wenn wir uns an die göttliche Wahrheit wenden, uns Gottes Willen, Seiner Herrschaft, Seiner Macht unterordnen, geben wir den verzerrten Begriff vom „Ich“ auf und identifizieren uns mit dem wahren Ego, der Seele. Bemühen wir uns, alles, was in unserem Denken und Handeln Gott unähnlich ist, auszumerzen, dann überlassen wir es Ihm, unsere Motive, unser Reden, unser Handeln zu lenken.

„Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel“ Matth. 6:10., sagte Christus Jesus. Welch ein herrliches Gebet! Welch eine machtvolle Bitte! Daß Gottes Wille auf Erden geschehe, hier in der menschlichen Situation, in der der Starrsinn seine Grundlage für sein Wirken zu haben scheint. Ja, der einzige „Ort“, den es wirklich gibt, die einzige „Situation“, die besteht, ist der Himmel — hier und jetzt —, die Herrschaft des Geistes.

In diesem Reich befindet sich jetzt der Mensch; er ist schon immer dort gewesen und wird es immer sein. Daher wird das vollkommene Selbst von keinem lügnerischen Anspruch des Eigenwillens berührt. Gott, der den Menschen vollkommen geschaffen hat, erhält ihn in dieser Vollkommenheit. Mein Sein oder Bewußtsein kann in Wirklichkeit niemals von der Annahme berührt werden, die sich Starrsinn nennt, ganz gleich, ob der Eigenwille in mir oder jemand anderem zum Ausdruck zu kommen scheint; noch kann ich beeinflußt werden zu glauben, daß diese Annahme dazu in der Lage sei. Gott ist mein Leben, mein wahres Sein; und die göttliche Wahrheit, wenn erkannt, bestimmt meine Veranlagung und Erfahrung in diesem gegenwärtigen Dasein. Ich füge mich diesen Tatsachen, lasse Gottes Willen von Frieden, Zufriedenheit, Freude, Harmonie, Gesundheit, Heiligkeit und Güte für mich wirken — ohne ein Wenn und Aber.

Das Gespräch ist beendet, der Ärger verflogen, das Problem gelöst.

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Die Mission des Herold

Mrs. Eddys göttlich inspirierte Erklärung der Mission des Herolds der Christlichen Wissenschaft, der im Jahre 1903 gegründet wurde, ist zu einem Symbol für die weltumfassenden Tätigkeiten der christlich-wissenschaftlichen Bewegung geworden. Ihre Worte erscheinen als Inschrift an der Vorderseite der Christlich-Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft. Sie lauten: die allumfassende wirksankeit und verfügbarkeit der wahrheit zu verkünden. Der Herold ist ein greifbarer Ausdruck des Wunsches unserer Führerin, die unschätzbare Kenntnis der Wissenschaft des Lebens an die ganze Menschheit weiterzugeben. Sie erkannte, daß der Tröster „zur Heilung der Völker“ gekommen war.

Alfred F. Schneider, Der Herold der Christlichen Wissenschaft, September 1977

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