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Klischees — eine Einladung zum Umdenken

Aus der Januar 2008-Ausgabe des Herold der Christlichen Wissenschaft


Das Gespräch mit dem Inhaber einer Druckerei ging um verschiedene Drucktechniken, um Papiermaße, die Möglichkeit, heute viele Abläufe mit einem Computer zu steuern, für die man früher selbst Hand anlegen musste und plötzlich fiel der Begriff Klischee. Als Begriff bei Hochdruckvorlagen beschreibt er einen Weg, Texte und Grafiken in hoher Auflage drucken zu können. Aber mir kam die zweite Bedeutung als „festgefahrene, überkommene Vorstellung“ ins Bewusstsein und ich begann darüber nachzudenken.

Am nächsten Tag begrüßte mich mein Nachbar auf dem Weg zum Briefkasten. „Na, was beschäftigt Sie denn?“ Und ich antwortete: „Was fällt Ihnen spontan zum Begriff Klischee ein?“

Seine Antwort kam flink, ohne langes Nachdenken; „Klischees gibt's überall, und man kann nichts gegen sie machen“, das lang gezogene „Oder?“ war förmlich eine Einladung, dazu etwas zu sagen.

Ja, der ersten Aussage stimme ich zu. Klischees, also flink dahergeredete Meinungen, die selten mit der Wirklichkeit zu tun haben, hört man tatsächlich öfter mal. Aber dass man nichts dagegen tun kann?? Das kann ich nicht akzeptieren. Manche dieser Vorstellungen kleiden sich in so genannte Witze und beinhalten unzulässige Verallgemeinerungen. Wer hat nicht schon selbst Witze über „die Beamten“ oder „die Lehrer“ gehört? Weniger lustig ist es, wenn über „diese Jugend heutzutage“ oder über „die Ausländer“ geklagt wird.

Was fällt auf? Gewiss, es mag einzelne Situationen geben, in denen jemand etwas Unerfreuliches oder Negatives erlebt hat aber daraus den Schluss zu ziehen, dass eine ganze Berufsoder Bevölkerungsgruppe zu speziellen Verhaltensweisen oder sogar Fehlern neigen würde, ist wohl eher oberflächlich gedacht und transportiert häufig nichts als Vorurteile.

Nun ist dieses Phänomen nicht neu. Bereits in der Bibel finden sich Beispiele, wie sich Menschen mit solchen irrigen Gedankenbildem auseinandergesetzt haben. Jesus war sich wohl bewusst, dass die oft wörtlich genommenen Auslegungen durch die Pharisäer seiner eigenen geistigen Auffassung über Menschen, verhaltensweisen und Taten entgegengesetzt waren. Und doch verwendete er kein Klischee, also ein (womöglich weitgehend akzeptiertes, aber eben sehr menschliches) Vorurteil, um die Pharisäer abzuwerten, womöglich mit der Behauptung: „Mit denen zu reden hat keinen Zweck, die verstehen mich sowieso nicht.“ Das hätte seiner Auffassung vom Menschen als vollkommener Idee Gottes widersprochen. Dennoch wollte und konnte er die Behauptungen der Pharisäer nicht unwidersprochen stehen lassen. Und so warnte er seine Jünger mit folgenden Worten: „Seht zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer“. Und als er merkt, dass die Jünger ihn nicht recht verstanden und diese Äußerung auf Brot, aber nicht auf deren Lehre bezogen, wiederholt er: „Wieso versteht ihr denn nicht, dass ich nicht vom Brot zu euch geredet habe? Hütet euch vielmehr vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer.“ (Matthäus 16)

Ist diese Haltung, nämlich eine bestimmte Verhaltensweise zu tadeln, ohne die Personen zu verurteilen, zu beleidigen oder zu kränken, nicht hilfreich? Sie vermeidet eine unter Umständen unfreundliche Auseinandersetzung und konzentriert sich vielmehr auf die Inhalte, ohne die betreffende Person herabzusetzen oder gar zu beleidigen. So wird auch vermieden, ganze Gruppen von Menschen abzustempeln und damit die Individualität jedes einzelnen Menschen zu missachten.

Mary Baker Eddy, der Klischees in ihrem Leben mehr als einmal begegnet sind, hat durch ihr Verhalten gezeigt, dass niemand solche Verallgemeinerungen weiter tragen oder unter ihnen leiden muss. Als Frau ist sie oftmals angegriffen worden, manchmal offen, öfter noch versteckt, weil es vielen Menschen zu ihrer Zeit fremd, ja unvorstellbar erschien, dass eine Frau eine Kirche gründen, Bücher schreiben, eine Verlagsgesellschaft aufbauen und Zeitschriften wie diesen Herold der Christlichen Wissenschaft ins Leben rufen konnte. Nicht nur für ihre Anhänger, sondern für viele Menschen auf der Welt war und ist sie aufgrund ihrer ausgeprägten Individualität Vorbild und Vorkämpferin für Freiheit und Gerechtigkeit. Manche sahen sie als Gegnerin, weil sie eben den gängigen Klischees über das, was Frauen zu tun und zu lassen hätten, nicht entsprach. In ihrem Hauptwerk, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, sagt sie: „Das Verständnis seiner geistigen Individualität macht den Menschen wirklicher, gewaltiger in der Wahrheit und befähigt ihn, Sünde, Krankheit und Tod zu besiegen.“ (S. 317)

Die Individualität eines Menschen macht ihn einzigartig und kennzeichnt ihn als ausgeprägte Idee Gottes. Sie verbindet ihn in erster Linie mit dem göttlich Guten. Es lässt ihn die Qualitäten zeigen, die anregen, aufbauen, stärken und für sich selbst wie für andere ein Beispiel für den Reichtum an Fähigkeiten und Aktivitäten bedeuten. Dies steht der Vorstellung eines Klischees entgegen, das von den gleichen Fehlern, Schwächen und Mängeln einer großen Gruppe von Menschen ausgeht. Das Ignorieren des gottgegebenen geistigen Ursprungs des Menschen macht ihn anfällig für unzutreffende, aber leicht dahergeredete Verallgemeinerungen.

Unsere eigene Bereitschaft, Klischees bewusst zu vermeiden, ist ebenso ein guter Beitrag, um nicht selbst abgestempelt zu werden. Ich habe anderen Menschen häufig über meinen Glauben und meine Kirche erzählt und mir ist oft Aufmerksamkeit geschenkt worden, obwohl es anfänglich so aussah, als würde ein Gespräch mit klischeehaften Äußerungen (und Abwertungen) abgewürgt werden. So fuhr ich vor wenigen Jahren in der Bahn von Berlin nach Frankfurt am Main. Neben mir saß ein Geistlicher, der in der Bibel las. Ich blickte auf sein Buch, weil ich feststellen wollte, welche der vielen mir bekannten Bibelübersetzungen er möglicherweise vor sich hatte. Er bemerkte meinen suchenden Blick, glaubte aber, ich wollte wissen, worin er gerade las. So sagte er mir in leicht vorwurfsvollem Ton: „Das hier ist eine Bibel, aber junge Männer wie Sie interessieren sich ja nicht dafür.“ Nun ja, ein Klischee berücksichtigt eben die Individualität des Menschen nicht, sondern stellt Behauptungen auf, die entweder Tatsachen oder Vorurteile suggerieren und sich in diesem Fall auf „junge Männer“ beziehen. Ich erwiderte ruhig, dass er sich gewaltig irre und ich möglicherweise mit der Bibel ebenso vertraut bin wie er. Ohne meine Worte aufzunehmen erwiderte er, dass er immer wieder Beispiele für seine Meinung finde.

Erst als ich ein zweites Mal darauf hinwies, dass ich das Studium in der Bibel für natürlich halte und es regelmäßig pflege, horchte er auf. Wir kamen in ein anregendes Gespräch über die Heilige Schrift und mehr als einmal bekräftigte er, dass er mit meiner Einstellung überhaupt nicht gerechnet hatte.

Ist Jesu Haltung, nämlich eine bestimmte Verhaltensweise zu tadeln, ohne die Personen zu verurteilen, zu beleidigen oder zu kränken, nicht hilfreich?

Es war gut, dass ich ihm ein wenig von meiner individuellen Einstellung zeigen konnte. Sie befreite mich von dem Versuch, klischeehaft einer Gruppe zugerechnet zu werden, und es befreite ihn, durch überkommene falsche Vorstellungen jemandem Unrecht zu tun.

Wie mein Nachbar sagt: Ja, Klischees können immer mal auftreten — aber NEIN! Wir können etwas gegen sie tun: unsere Individualität als geistige Ideen eines Schöpfers pflegen, der jeden Menschen mit einer Fülle einzigartiger Fähigkeiten ausgestattet hat.


Er ist Chefredakteur des Herold der Christlichen Wissenschaft. Er ist Praktiker und Lehrer der Christlichen Wissenschaft und lebt in Berlin.

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Die Mission des Herold

Mrs. Eddys göttlich inspirierte Erklärung der Mission des Herolds der Christlichen Wissenschaft, der im Jahre 1903 gegründet wurde, ist zu einem Symbol für die weltumfassenden Tätigkeiten der christlich-wissenschaftlichen Bewegung geworden. Ihre Worte erscheinen als Inschrift an der Vorderseite der Christlich-Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft. Sie lauten: die allumfassende wirksankeit und verfügbarkeit der wahrheit zu verkünden. Der Herold ist ein greifbarer Ausdruck des Wunsches unserer Führerin, die unschätzbare Kenntnis der Wissenschaft des Lebens an die ganze Menschheit weiterzugeben. Sie erkannte, daß der Tröster „zur Heilung der Völker“ gekommen war.

Alfred F. Schneider, Der Herold der Christlichen Wissenschaft, September 1977

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