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Original im Internet

Politik als Forum für Freundschaft

Aus der Oktober 2021-Ausgabe des Herold der Christlichen Wissenschaft

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 21. Juni 2021 im Internet.


Vor etwa einem Jahr stieß ich hinsichtlich Politik auf eine erstaunliche Idee. Ich fand sie in einer Rede von Václav Havel, einem der Anführer der „Samtenen Revolution“, die der Tschechoslowakei in den 1990ern zur Unabhängigkeit von der Sowjetunion verhalf. Havel, dann Präsident des neu befreiten Landes, schlug vor, Politik zu einem Forum für die Praxis von Freundschaft zu machen.

Politik als Forum für Freundschaft? Geht das überhaupt?

Für mich gehen Freundschaft und Politik seit den 1970ern Hand in Hand. Ich habe seit meiner Schulzeit einen engen Freundeskreis mit Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Kulturen, und eins unserer Lieblingsthemen in den Jahrzehnten seit dem Schulabschluss ist Politik. Wir kennen die jeweiligen Sichtweisen, ob es um die Rolle der Regierung, die Innenpolitik und den privaten Sektor usw. geht, und obwohl unsere Diskussionen gelegentlich hitzig und vehement sind, enthalten sie vielfach auch Humor. Doch letztendlich profitieren wir alle von der gemeinsam verbrachten Zeit, denn wir informieren einander und feilen an unseren Argumenten. Hin und wieder lassen wir uns auch von den Sichtweisen anderer überzeugen. Haben wir jemals zugelassen, dass unsere politischen Diskussionen unsere Freundschaft belastet haben? Keine Sekunde! Und warum nicht? Weil uns die Freundschaft wertvoller ist als unsere politischen Einstellungen.

In einem landesweiten Beispiel hatte das kanadische Unterhaus in den 1980ern eine sehr diskutierfreudige Abgeordnete der Opposition, die sich große Mühe gab, der machthabenden Partei das Leben schwer zu machen. Sie stritt sich besonders mit einem Minister, der für seine Unverblümtheit, seine raue Sprache und seine Bereitschaft bekannt war, sich in Wortgefechte einzulassen, besonders wenn es um jemanden aus der Opposition ging. Doch während ihrer gemeinsamen Amtszeit und besonders danach geschah etwas Interessantes. Diese „natürlichen“ politischen Gegner freundeten sich an. Ihre Büros lagen nah beieinander, und die beiden Politiker gingen höflich miteinander um. Nachdem sich beide aus der Politik zurückgezogen hatten, wurde ihre Freundschaft enger und sie besuchten sich und ihre Familien gegenseitig. Ich bezweifle, dass hinsichtlich öffentlicher Politik viel Einigkeit zwischen ihnen herrschte, doch das hinderte sie nicht daran, Freunde zu sein und sich gegenseitig zu respektieren.

Ein Freund von mir, der pensionierter Naturschützer ist und im Parlament gedient hatte, hat einen einfachen Vorschlag zur Verbesserung des politischen Systems gemacht: Den Sitzplan im Unterhaus so ändern, dass die Mitglieder nicht mehr mit ihrer eigenen Partei zusammensitzen, sondern mit Mitgliedern anderer Parteien. Er ist sicher, dass alle innerhalb einer Viertelstunde ihren Nachbarn Fotos von ihren Kindern und Enkeln, dem großen Fisch der letzten Angeltour oder von sonst etwas zeigen würden. Kurz gesagt, die Menschlichkeit der Mitglieder egal welcher Partei würde ihre Differenzen überwinden und das Parlament im Geist der Kooperation und Überparteilichkeit umwandeln.

Ich glaube, an so etwas könnte Havel gedacht haben, als er über Freundschaft in der Politik sprach: eine Brüder- und Schwesterlichkeit, die über die Probleme des Augenblicks hinausgeht, so dringlich sie auch erscheinen, und eine Menschlichkeit, die unseren Entscheidungen bezüglich dieser Probleme zugrunde liegt.

Mary Baker Eddy, die Gründerin dieser Zeitschrift, vertraute sehr darauf, dass eine höhere Menschlichkeit uns zusammenbringen kann. Sie schrieb: „Der Zement einer höheren Menschlichkeit wird alle Interessen in der einen Göttlichkeit vereinen“ (Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, S. 571).

Vor einigen Jahren bildete diese Idee die Grundlage für meine Gebete, um ein örtliches Problem zu lösen. Eine Bundesbehörde, die in unserem historischen Wohnviertel viel Land besitzt, hatte beschlossen, hinter unseren Häusern, wo sich ein schmaler Park an einem Fluss befindet, einen hohen, unansehnlichen Zaun zu ziehen. Bis dahin hatten wir direkt vom Grundstück aus in den Park gehen können, doch nun sollten wir diesen einfachen und liebgewonnenen Zugang verlieren.

Einige Nachbarn hatten rasch eine Brief- und Lobby-Kampagne organisiert. Jeder von uns wurde gebeten, fünfhundert Dollar für einen Rechtsfonds beizusteuern, falls ein Gerichtsverfahren erforderlich würde.

Als ich an der Eigentümerversammlung teilnahm, wurde mir klar, dass ich den besten Beitrag leistete, indem ich still betete. Mein Ausgangspunkt war, dass es einen regierenden Gott gibt, ein göttliches Gemüt, und dass jeder Mensch der vollständige, beständige Ausdruck dieses intelligenten Gemüts ist, ob er sich als Teil von Gottes Intelligenz verstand oder nicht. Ich versuchte, an eine höhere Menschlichkeit zu denken – man könnte es sogar als den Geist der Freundschaft bezeichnen –, die die Gemeinschaft vereinen konnte, einschließlich der Bundesbehörde, der Eigentümer und der Nutzer des Parks. Mir kam der Gedanke, dass es etwas gab, das allen Beteiligten gemein war: der Wunsch, die Lebensqualität aller zu verbessern. Ich verstand diesen gemeinsamen Wunsch als ein unausgesprochenes Gebet, das Respekt und Flexibilität fördern und unterschiedliche Ansätze harmonisieren würde, sodass alle Beteiligten vorankommen konnten. 

Und genau das passierte. Die Eigentümer hatten Briefe geschrieben und die Behörde hat respektvoll darauf reagiert, obwohl sie bis dahin nicht dafür bekannt war, auf die Meinung der Anwohner zu hören. Das Ergebnis war, dass die Eigentümer zwischen verschiedenen Designs des Zauns wählen und auf Wunsch ein Zauntor erwerben konnten, um Zugang zum Park zu erhalten. Alle waren mit dem Ergebnis zufrieden, und dieser schöne Park wird weiterhin umfassend genutzt, sowohl von Menschen unseres Wohnviertels als auch von anderen. Die Ideen, die in diesem ortsgebundenen Fall eine Lösung herbeiführten, zeigen, wie Antworten für Probleme mit größerer Reichweite gefunden werden können.

Die Idee, dass es einen regierenden Gott, ein regierendes Gemüt, gibt, liegt den Lehren der Christlichen Wissenschaft zugrunde. Im Gebet zu bestätigen, dass es ein Gemüt gibt, bedeutet nicht, dass man menschliche Meinungen übergeht oder extreme Ansichten toleriert oder dass alle dieselben Gedanken haben oder auf dieselbe Weise argumentieren. Es führt jedoch dazu, Eigenwillen abzubauen, heftige Reaktionen zu beruhigen und die Rhetorik zu dämpfen, sodass sich Gemeinsamkeiten zeigen können.

Jesus sprach von dem „Balken“, den wir aus unserem Auge ziehen müssen, bevor wir versuchen, den „Splitter“ aus dem Auge eines anderen zu ziehen (siehe Matthäus 7:5). Wenn wir gottähnliche Qualitäten wie Demut, Ruhe und Geduld kultivieren und ausdrücken, können wir uns vielfach nicht nur selbst besser fühlen, sondern wir sehen einen Bruder, eine Schwester oder einen Mitmenschen so, wie Gott ihn oder sie sieht – als Gottes geistiges Bild und Gleichnis. Wenn wir unser Denken in dieser Weise zu Gottes Sichtweise erheben und erkennen, was wir als Seine Kinder wirklich sind, erlangen wir Heilung und verbessern unseren Charakter und den anderer. Die Goldene Regel – andere so zu behandeln, wie wir von ihnen behandelt werden wollen (siehe Matthäus 7:12) – steht im Mittelpunkt der praktischen Ethik Jesu und vieler anderer Religions- und Ethiksysteme. Und das beschert politischen Diskussionen mehr Höflichkeit und Respekt, ob unter Freunden oder auf nationaler Ebene.

Es ist völlig normal, unterschiedliche Ansichten darüber zu haben, wie man Probleme lösen und die Gesellschaft voranbringen soll. Und manchmal sind politische Meinungen so extrem, dass sie Wut, Furcht und scheinbar unüberbrückbare Differenzen entfachen. Doch je mehr wir uns vom göttlichen Gemüt inspirieren und führen lassen, desto mehr werden diese Extreme gedämpft, desto mehr ist es möglich, sich zusammen hinter Ideen zu stellen, die wahrhaft inspiriert sind, und desto mehr Freundschaft und Menschlichkeit erleben wir gemeinsam.

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„... die allumfassende Wirksamkeit und Verfügbarkeit der wahrheit zu verkünden ...“

– (Mary Baker Eddy, Die Erste Kirche Christi, Wissenschaftler, und Verschiedenes, S. 353)

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