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Original im Internet

Der befreiende Schritt, der über Vergebung hinausgeht

Aus der April 2018-Ausgabe des Herold der Christlichen Wissenschaft


Viele Leute haben angesichts des Kummers und des Leids, verursacht durch ein liebloses Wort oder eine Ungerechtigkeit, in diesem Zitat des Dichters Alexander Pope Trost gefunden: „Irren ist menschlich und Vergeben göttlich.“

Die Menschheit scheint oft anfällig für irriges Denken und Handeln zu sein, und das kann zu der allgemeinen Erklärung führen, dass es normal ist, sich irrig zu verhalten. Und doch sehnen wir uns nach Trost und möchten von der durch diese Vergehen hervorgerufenen Verletzung frei sein. Das Leben lehrt uns Schritt für Schritt, dass das nur mit echter und tiefgehender Vergebung möglich ist. Doch um den wahren Segen der Vergebung zu erlangen, ist ein geistiges Verständnis von Gottes Wesen als reiner Liebe und von der Wahrheit des Menschen als die Widerspiegelung dieser Liebe vonnöten.

Petrus fragte einst Jesus: „Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben? Bis zu siebenmal?“ Jesus verstand, dass Petrus eine feste Regel für das manchmal so schwierige Vergeben haben wollte, und erwiderte: „Ich sage dir: Nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal“ (Matthäus 18:21, 22).

Seine Antwort zeigt, dass Vergebung ein nicht aufhörendes göttliches Mandat ist, und sein Leben verdeutlichte, dass eine lieblose Antwort oder Verurteilung nie den Standard der Demonstration unserer individuellen Erlösung − unserer Einheit mit unserem himmlischen Vater − erfüllt. Selbst am Kreuz betete er: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23:34).

Diese Bitte zeugt von dem demütigen, mitfühlenden Standpunkt, der über sterbliche Umstände hinauswächst. Diese Worte entsprangen einem Herzen, das mit Vergebung für die erfüllt war, die ein entsetzliches Verbrechen begingen: die Kreuzigung eines fehllosen Menschen, der so vielen die heilende Gegenwart der göttlichen Liebe nahegebracht hatte. Durch sein Verständnis, dass Gott Liebe ist und dass der Mensch existiert, um in jeder Hinsicht Liebe zu manifestieren, wusste Jesus, dass sein Feind keine Person war, sondern Unwissenheit, die einer furchterfüllten Sichtweise seiner Mission zugrunde lag – Unwissenheit von Gott und Seiner geistigen Idee.

Im Grab erhob sich Jesus über den Glauben, einer auf Materie basierenden Feindseligkeit ausgesetzt zu sein, und demonstrierte, dass ein sterblicher Widerstand gegen den Christus – die Tätigkeit von Gottes Liebe, die er so klar verkörperte – ihn nicht töten konnte. Wenn Jesu Denken zu irgendeinem Zeitpunkt von Ressentiments oder Selbstmitleid belastet gewesen wäre, hätte der Stein nie von seinem Grab weggerollt werden können. Sein Erbarmen verhinderte die Härte, die ihn sonst im Grab festgehalten und seine Fähigkeit blockiert hätte, die befreiende Gnade Gottes zu dieser Zeit zu erleben, als sie so dringend gebraucht wurde.

Und doch musste sich über sein Erbarmen, seine liebevolle und machtvolle Vergebung hinaus ein weiterer Schritt entfalten. Durch diesen Schritt wurde Jesus völlig unerreichbar für die Verachtung und den Hohn derjenigen, die ihm nach dem Leben trachteten. Seine drei Tage im Grab, weit weg von allen, die ihn verfolgten oder ihm persönlich anhingen, gaben ihm die Möglichkeit, seine gottgegebene Mission für die Menschheit zu erfüllen. Mary Baker Eddy beschreibt es folgendermaßen im Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift: „Die einsame Abgeschlossenheit des Grabes gab Jesus eine Zuflucht vor seinen Feinden, einen Ort, an dem er die große Aufgabe des Seins lösen konnte. Seine dreitägige Arbeit im Grab drückte der Zeit das Siegel der Ewigkeit auf. Er bewies, dass Leben todlos und dass Liebe der Meister über Hass ist“ (S. 44).

Jesus wusste, dass er, der Sohn Gottes – der Christus –, nie von seinem gottverliehenen Status eines geistigen Seins abgefallen war. Auch war er nie von dem irrigen Verständnis eines Geist entgegengesetzten Lebens in der Materie gekreuzigt worden. Nicht Gottes Mensch, das reine und vollkommene Ebenbild seines Schöpfers, hat Jesus ans Kreuz genagelt, sondern das irrige materielle Konzept vom Menschen, das an alles gebunden ist, was ein falsches sterbliches Verständnis vom Leben in der Materie ausmacht. Jesu nächster Schritt, sein uneingeschränktes Ja zum Menschen als unberührt von jeglichem Materialismus, gewährleistete seine Freiheit von den Wunden des Egoismus und Hasses sterblicher Ignoranz, und ermöglichte ihm, sich mental vollständig über den sterblichen Traum zu erheben.

Sein Verständnis, dass die Wahrheit wirklich und der Irrtum unwirklich ist, hatte das sterbliche Gemüt empört, doch dieses Verständnis hatte ihn letztendlich von den verfolgenden Elementen der Welt befreit. Und da Jesus unser Vorbild, unser Wegweiser, ist, müssen wir Schritt für Schritt alles nachahmen, was er tat und lehrte, damit wir uns unsere eigene Erlösung erarbeiten. Diese Forderung bezieht sich auf jeden Bereich unseres Lebens. Wie Jesus reine, unverfälschte Vergebung veranschaulichte, so müssen wir das auch tun. Und wir müssen erkennen, dass unsere Probleme uns zwar innerhalb der menschlichen Erfahrung sehr echt erscheinen können, sie jedoch nicht in Gott, der göttlichen Liebe, bestehen. Wir müssen uns über den Glauben an eine materielle Schöpfung mit auf Abwege geratenden sterblichen Persönlichkeiten erheben und den weiteren Schritt über den Materialismus zu der Erkenntnis tun, dass wir unser Sein in Gott, Liebe, haben, in dem keine Übertretung, keine Verletzung und kein Grund zur Vergebung enthalten ist. Auf diese Weise werden wir – wie Jesus es uns durch seinen eigenen Sieg über die Sterblichkeit bewiesen hat – schließlich unsere vollständige Freiheit von Schmerzen und Trauer erlangen.

Mrs. Eddy spricht diesen Punkt in ihrem Artikel „Liebet eure Feinde“ in Vermischte Schriften 1883–1896 an. Sie schreibt dort: „Nenne nur das deinen Feind, was das Christusbild, das du widerspiegeln solltest, besudelt, entstellt und entthront. Was immer das menschliche Leben läutert, heiligt und weiht, ist nicht ein Feind, wie sehr wir auch darunter leiden mögen“ (S. 8).

Andere so zu lieben wie Jesus es gelehrt hat, erfordert, dass wir sie in ihrer wahren geistigen Identität sehen, als geliebtes Gotteskind; damit werden die Qualen des irrigen materiellen Sinnes vernichtet und die Trauer und Reue zerstört, die eine falsche materielle Sichtweise so oft fördert. Die Zerstörung des falschen materiellen Sinnes erfordert häufig großen Einsatz, und dessen Vorzüge werden in demselben Artikel hervorgehoben: „Diese Zerstörung ist eine moralische Chemikalisation, in der das Alte vergeht und alles neu wird. Der Hang menschlicher Neigungen und Strebungen zum Weltlichen und Materiellen wird auf diese Weise vernichtet, und damit beginnt die Vergeistigung. Der Himmel kommt zur Erde nieder, und die Sterblichen nehmen schließlich die Lehre an: ‚Ich habe keine Feinde‘“ (S. 10).

Über die Jahre sind mir die Herausforderungen, die teilweise ausführlichen und tragischen Beschreibungen des persönlichen Sinnes abzulegen, auch begegnet. Ich habe gelernt, dass wir zwar in der Liebe wachsen können und müssen, um Vergebung zu erlangen, dass jedoch der Schritt, der schließlich zur Freiheit von all den Verletzungen und der Traurigkeit führt, die Erkenntnis der völligen Unwirklichkeit der Beleidigung ist, die uns einst so wirklich vorgekommen war. Wenn wir uns der Wahrheit ergeben haben, dass der von Gott erschaffene Mensch niemals wirklich ein Bestandteil dieses illusorischen Traums eines Lebens in der Materie gewesen ist, befreien wir unser Denken von Schuldzuweisung, Ressentiments, Trauer usw.

Das trifft sogar zu, wenn es während dieses Heilungsprozesses zu einer Trennung zwischen einem selbst und der anderen Person kommt. Unter solchen Umständen können wir diese Person liebevoll Gott anvertrauen. Und wenn wir unseres Weges gehen, müssen wir ihr nicht den Rücken zukehren, sondern können sie in Gottes Liebe geborgen wissen. Indem wir ihre wahre, geistige Identität bekräftigen – ihre Vollkommenheit im Gemüt, ihre Reinheit in der Seele, ihren aufrechten Status im Geist –, lassen wir unsere Sichtweise von ihr im Traum der Sterblichkeit fallen, und das ist die größte Liebe, die wir zu bieten haben. Auf diese Weise entziehen wir ihr nicht unsere Liebe, sondern erheben sie zur höheren, heilenden Liebe der göttlichen Liebe.

Wir lernen in der Christlichen Wissenschaft, dass Liebe in jeder Lebenslage der Befreier ist (siehe Wissenschaft und Gesundheit, S. 225). Wenn wir also den Wunsch fallenlassen, auf rein menschlicher Ebene zu handeln, und stattdessen bestrebt sind, den geliebten Menschen in Gott, seinem wahren geistigen Sein, zu sehen, dann lassen wir die heilenden, erneuernden Fluten der Liebe ein. Diese Liebe ist weder persönlich noch besitzergreifend, sondern übergibt alles Gott, denn bei Ihm finden wir die beste Fürsorge und Versorgung. Dieses selbstlose Loslassen ist der Inbegriff des Lebens, das Jesus führte, und der Liebe, die Gott ist und die Jesus so selbstlos manifestierte.

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Die Mission des Herold

Mrs. Eddys göttlich inspirierte Erklärung der Mission des Herolds der Christlichen Wissenschaft, der im Jahre 1903 gegründet wurde, ist zu einem Symbol für die weltumfassenden Tätigkeiten der christlich-wissenschaftlichen Bewegung geworden. Ihre Worte erscheinen als Inschrift an der Vorderseite der Christlich-Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft. Sie lauten: die allumfassende wirksankeit und verfügbarkeit der wahrheit zu verkünden. Der Herold ist ein greifbarer Ausdruck des Wunsches unserer Führerin, die unschätzbare Kenntnis der Wissenschaft des Lebens an die ganze Menschheit weiterzugeben. Sie erkannte, daß der Tröster „zur Heilung der Völker“ gekommen war.

Alfred F. Schneider, Der Herold der Christlichen Wissenschaft, September 1977

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