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Sich aus der schweigenden Mehrheit erheben

Aus der Oktober 2013-Ausgabe des Herold der Christlichen Wissenschaft


Gelegentlich führen mich meine Wege in das Zentrum von Leipzig, der Wiege der friedlichen Revolution im November 1989 in der damaligen DDR. Dort gibt es noch etliche Hinweise darauf, wie der offene politische Widerstand gegen das DDR-Regime begann und wie wenig sich die Demonstranten seinerzeit von den bewaffneten Einheiten von Polizei und Armee haben einschüchtern lassen.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich all meinen Mut zusammengenommen habe und zu den Protestkundgebungen ins Stadtzentrum meiner damaligen Heimatstadt gezogen bin. Noch heute spüre ich die Furcht, wie die politische Führung wohl reagieren würde auf diese unerlaubten Versammlungen. Als immer mehr Menschen die Proteste unterstützten, wuchs auch die Entschlossenheit, keinesfalls wieder zurückzuweichen. Bald führte die gewaltfreie Revolution zum Zusammenbruch des DDR-Regimes und kurz danach des politischen Systems im gesamten europäischen Ostblock.

Eines habe ich damals gelernt, dass wir im Angesicht des Bösen nicht einfach tatenlos danebensitzen können. Selbst wenn wir nicht öffentlich protestieren können, können wir doch mental Stellung beziehen und uns in eine schweigende, aber hoffnungsvolle Mehrheit einreihen. Jeder in dieser Mehrheit, der gegen Ungerechtigkeit, Korruption oder eine andere Art des Bösen aufbegehrt, kann auf der Macht einer höheren Idee beharren, die ihrer geistigen Quelle, nämlich Gott selbst, entspringt. Diese Überzeugung, im Denken gehegt, breitet sich aus und ermächtigt Einzelne, sich für die Gerechtigkeit stark zu machen.

Gleichzeitig müssen wir auf das achten, was Hannah Arendt, eine politische Theoretikerin, die „Banalität des Bösen“ nannte. 1961 berichtete Arendt für den „New Yorker“ über den Prozess Israels gegen Adolf Eichmann, zuständig für millionenfachen Mord an Juden. Im Gerichtssaal kam sie dabei zu der frappierenden Erkenntnis, dass dieser Mann kein Dämon oder Monster war, sondern ein durchschnittlicher Bürokrat, der sich immer wieder darauf berief, nur Befehle ausgeführt zu haben. Aus dieser Erfahrung resultierte ihre Warnung, dass sich entsetzliche Gräueltaten wiederholen können, wenn die Menschen ihr Recht zu denken nicht wahrnehmen.

Gott hat dem Menschen die Fähigkeit verliehen, klar zu denken und das Gute zu ergreifen, nicht das Böse.

Mary Baker Eddy, Entdeckerin und Gründerin der Christlichen Wissenschaft, kannte die Macht des Denkens sehr gut. Mutig trat sie der Verachtung und bitteren Kritik entgegen, weil sie es gewagt hatte, den Menschen von einer anderen Grundlage aus zu begreifen als ihre Zeitgenossen. Durch ihr Bibelstudium hat sie Gott als nur gut und liebevoll, als allgegenwärtig und allmächtig und den Menschen als Sein vollkommenes Bild und Gleichnis verstanden.

Ihr Buch Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift erklärt, dass wir die Erscheinungsformen des Bösen − sie fasst diese häufig in den drei Begriffen Sünde, Krankheit und Tod zusammen − nicht fürchten müssen. Sie schreibt auch, dass wir nicht einfach gedankenlos vom Leid anderer wegschauen können, auch wenn es uns selbst nicht direkt betrifft. In der Christlichen Wissenschaft besteht die Antwort auf das Böse darin zu verstehen, in welch vielfältiger Weise Gott sich in jedem Menschen ausdrückt. Jeder Mensch hat ein geistiges Wesen und unser Gebet kann dieses Wesen ansprechen.

Gott hat dem Menschen die Fähigkeit verliehen, klar zu denken und das Gute zu ergreifen, nicht das Böse. Jeder kann diese Fähigkeit nutzen, dem Falschen zu widerstehen, ihm bewusst entgegenzutreten und den Einfluss auf das eigene Denken und Handeln möglichst gering zu halten.

In der Christlichen Wissenschaft besteht die Antwort auf das Böse darin zu verstehen, in welch vielfältiger Weise Gott sich in jedem Menschen ausdrückt.

Auf der Grundlage dieser Wissenschaft betrachtet ist der Mensch nicht beherrscht von Willkür, Dummheit oder blindem Gehorsam. Sollten wir vor einer solchen Versuchung stehen, können wir eine Stärkung daraus beziehen, dass wir die Aussage aus Wissenschaft und Gesundheit in die Praxis umsetzen: „Indem du dem Bösen widerstehst, überwindest du es und beweist sein Nichts.“ (S. 446) Jedem Menschen die Fähigkeit zu intelligentem, inspiriertem Denken und moralischem Handeln zuzutrauen kann selbst in einer schweigenden Mehrheit zu positiven Wandlungen führen. Wenn nämlich wenigstens etwas Gewissheit herrscht, dass die „Wortlosen“ dem Falschen nicht zustimmen und sich der weithin angenommenen Macht des Bösen nicht ergeben, ist es wahrscheinlicher, dass Einzelne ihre Stimme auch hörbar erheben.

So kann selbst eine schweigende Mehrheit jene unterstützen, die sich dem Einfluss des Bösen ausdrücklich widersetzen. Jeder Beitrag im Kampf gegen das Böse, gegen entmündigende Beeinflussung, ist notwendig. Ja mehr noch, jeder denkende Mensch hat die Macht und die Verantwortung, den Kräften des Bösen etwas entgegenzusetzen – das Böse als machtlos zu beweisen.

Das hat zu Zeiten des Nationalsozialismus Oskar Schindler getan, der über 1000 Juden vor dem Vernichtungslager gerettet hat, und Bekannte von mir, die eine einzelne Frau vor den Nazis versteckt haben. Christliche Wissenschaftler haben trotz drohender Repressalien diese Wissenschaft studiert, die unter den Nazis und später unter dem kommunistischen Regime in der DDR verboten war. Sie haben sie für sich selbst und für andere praktiziert, obwohl sie Gefahr liefen, von der Stasi entdeckt und inhaftiert zu werden.

Für mich haben diese Leute folgende Passage aus Wissenschaft und Gesundheit in die Tat umgesetzt: „Die Christliche Wissenschaft erhebt die Fahne der Freiheit und ruft: ‚Folgt mir! Entflieht der Knechtschaft von Krankheit, Sünde und Tod!‘ Jesus zeichnete den Weg vor. Bürger der Welt, nehmt die ‚herrliche Freiheit der Kinder Gottes‘ an und seid frei!“ (S. 227)

Wahre Freiheit ist von Gott ermächtigt (siehe Galater 5:1). Im Gebet das Streben nach Freiheit und die Ausübung demokratischer Rechte wie freie Wahlen, die ungehinderte Nutzung sozialer Medien und anderer Kommunikationsformen wie auch die Erkenntnis zu unterstützen, dass Korruption keine Macht hat, das alles sind Beispiele für mentale Schauplätze, wo unsere Gebete etwas bewirken können.

Mein wachsendes Verständnis der Freiheit, die dem Menschen als Gottes Kind angeboren ist, hat zu einer stärkeren Überzeugung geführt, wie wichtig jeder einzelne Beitrag für die Freiheit von Fremdherrschaft und für ein friedliches Leben unter dem göttlichen Gesetz ist.


Kristin Heise ist Praktikerin der Christlichen Wissenschaft.

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Die Mission des Herold

„... die allumfassende Wirksamkeit und Verfügbarkeit der wahrheit zu verkünden ...“

– (Mary Baker Eddy, Die Erste Kirche Christi, Wissenschaftler, und Verschiedenes, S. 353)

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