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Original im Internet

Keine Typisierung

Aus der August 2018-Ausgabe des Herold der Christlichen Wissenschaft

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 25. Juni 2018 im Internet.


Im College war ich ein Semester lang Praktikantin bei einer Kunstlehrerin. Am ersten Tag gingen wir die Liste der Schüler durch, und sie zeigte auf einen Namen und sagte: „Mit dem wirst du’s schwer haben.“ Das schien sich zu bewahrheiten. Der Junge – nennen wir ihn Jan – saß ganz hinten und zeigte weder Bereitschaft noch Interesse, sich zu beteiligen.

Um ein neues Arbeitsgebiet vorzustellen, zeigte ich der Klasse eines Tages verschiedene Schmuckstücke, die ich aus gefundenen Objekten hergestellt hatte. Und anhand einer besonders schönen Silberbrosche erklärte ich, dass man mit etwas Einsatz ein unscheinbares Stück Metall in Kunst verwandeln kann.

Mittendrin meldete sich plötzlich die Schulleiterin über Lautsprecher und beorderte die achten Klassen ins Auditorium. Die Schüler machten sich schnell auf den Weg und ließen meine Schmuckstücke auf den Tischen liegen – bis auf die silberne Brosche. In der Eile hatte ich nicht gesehen, wer die Brosche mitgenommen hatte, doch ich dachte sofort an Jan.

In der Sonntagsschule der Christlichen Wissenschaft hatte ich allerdings eine ganz andere Betrachtungsweise der Leute gelernt. Die Christliche Wissenschaft stellt den Menschen als den geistigen, vollständigen, reinen Ausdruck des göttlichen Gemüts dar. Da Gemüt unendliches, allgegenwärtiges Gutes ist und keinen Bestandteil des Bösen enthält, kann der Mensch, der Ausdruck des Gemüts, auch nichts Böses enthalten. Diese geistige Sichtweise hilft uns, die negative Typisierung zu durchschauen, die Menschen so oft anhaftet.

Immer wenn mir an jenem Tag der Gedanke kam, dass Jan die Brosche gestohlen haben musste, hielt ich trotz seines Rufs an seiner Unschuld fest. Ich erzählte niemandem davon, sondern überlegte, wie ich mit der Klasse über die fehlende silberne Brosche sprechen könnte, ohne jemanden zu beschuldigen.

Die Christliche Wissenschaft stellt den Menschen als den geistigen, vollständigen, reinen Ausdruck des göttlichen Gemüts dar.

Am nächsten Morgen dachte ich immer noch darüber nach, als die Schüler eintrafen. Jan kam mit betretenem Gesicht zu mir und sagte: „Ich muss etwas beichten.“ Aus seiner Hosentasche holte er die Brosche hervor und gab sie mir. Ich bedankte mich und wir erwähnten die Sache nie wieder.

Später verstand ich, dass ein Gedanke aus Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy uns beiden geholfen hatte: „Jesus sah in der Wissenschaft den vollkommenen Menschen, der ihm da erschien, wo den Sterblichen der sündige sterbliche Mensch erscheint“ (S. 476–477). Einen Augenblick lang hatte diese Christus-ähnliche Sichtweise den Jungen aus seiner Schublade befreit und ihm ein anderes Selbstwertgefühl verliehen.

Mir ist noch ein weiterer Aspekt der Typisierung aufgefallen. In einer Familie oder Gruppe wird ein Kind vielleicht als künstlerisch begabt, ein anderes als intelligent und ein drittes als sportlich bezeichnet. Zwar ist das als Kompliment gedacht und wird auch gern so verstanden, doch es kann auch schnell zu einer Schublade werden. Wieso kann ein Kind nicht künstlerisch begabt und intelligent sein und damit alle möglichen interessanten Fähigkeiten erkunden?

Wir lesen in Wissenschaft und Gesundheit: „Sich selbst zuzugestehen, dass der Mensch Gottes eigenes Gleichnis ist, macht den Menschen frei, die unendliche Idee zu erfassen“ (S. 90). Wir können voller Freude entdecken, dass das auf uns alle gleichermaßen zutrifft. Vielleicht sagen wir: „Ich kann nur Strichmännchen malen“, „Ich bin eine Niete in Mathe“ oder „Ich bin halt so“. Doch wir sind nicht so! Wir waren noch nie begrenzte, stereotype Persönlichkeiten mit beschränkten Fähigkeiten.

Die Zehn Gebote erkennen nur ein „Ich bin“ an. Mary Baker Eddy erklärt in Wissenschaft und Gesundheit: „Es gibt nur ein Ich oder Uns, nur ein göttliches Prinzip oder Gemüt, das alles Dasein regiert ...“ (S. 588). Und vom Menschen sagt sie: „Er ist die zusammengesetzte Idee Gottes, die alle richtigen Ideen einschließt; der Gattungsbegriff für alles, was Gottes Bild und Gleichnis widerspiegelt ...“ (S. 475).

Diese Sätze haben mich dazu gebracht, meine eigenen begrenzten Ansichten infrage zu stellen und zu erkennen, dass ich sie ablegen kann. Es ist Zeit, das Schubladendenken über uns und andere aufzugeben und das zu entdecken, was wir schon immer gewesen sind – der geistige und vollständige, einzigartige, makellose Ausdruck des allgegenwärtigen, unendlichen Gemüts.

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Die Mission des Herold

Mrs. Eddys göttlich inspirierte Erklärung der Mission des Herolds der Christlichen Wissenschaft, der im Jahre 1903 gegründet wurde, ist zu einem Symbol für die weltumfassenden Tätigkeiten der christlich-wissenschaftlichen Bewegung geworden. Ihre Worte erscheinen als Inschrift an der Vorderseite der Christlich-Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft. Sie lauten: die allumfassende wirksankeit und verfügbarkeit der wahrheit zu verkünden. Der Herold ist ein greifbarer Ausdruck des Wunsches unserer Führerin, die unschätzbare Kenntnis der Wissenschaft des Lebens an die ganze Menschheit weiterzugeben. Sie erkannte, daß der Tröster „zur Heilung der Völker“ gekommen war.

Alfred F. Schneider, Der Herold der Christlichen Wissenschaft, September 1977

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