Wir lesen in der Bibel, dass Gott Liebe ist. Und die Christliche Wissenschaft lehrt, dass Gott außerdem Prinzip ist. Die wissenschaftliche Folgerung daraus ist, dass Liebe Prinzip ist. Akzeptieren wir die mathematische Exaktheit dieser Logik, so können wir ferner schlussfolgern, dass Liebe, Gott, zu jedem Zeitpunkt Prinzip ist. Liebe kann nur als Prinzip existieren – als der allerhabene und universale Schöpfer aller Gesetze.
Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Autorität dieser logischen Schlussfolgerungen in der Bibel verankert ist. Gott manifestierte Sich selbst Mose gegenüber als Gesetzgeber. Die Zehn Gebote, die Gott den Kindern Israel durch Mose übermittelt hat, waren keine reine Theorie. Sie waren weder abstrakt noch unmöglich für einen Durchschnittsmenschen zu verstehen und zu befolgen. Im Gegenteil, sie sind damals wie heute hochgradig praktisch umsetzbar.
Das Leben von Christus Jesus ist ein weiteres klares biblisches Beispiel dafür, wie sich Liebe als Prinzip und Prinzip als Liebe manifestiert. Die Seligpreisungen in Jesu Bergpredigt sind Beispiele für das göttliche Grundgesetz. Sie entsprechen Jesu Verständnis von Gott als dem Prinzip, das nie etwas anderes zum Ausdruck bringen kann als Liebe. Jesus stellte dieses Gesetz der Liebe während seiner gesamten Mission unter Beweis. Das zeigte sich durch seinen mitfühlenden Umgang mit der Frau, die des Ehebruchs überführt worden war, durch seine Speisung der Tausenden, als nur wenig Nahrung bereitstand, und in seiner Heilung des Mannes mit der verdorrten Hand an einem Sabbat, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
Die Christliche Wissenschaft lehrt ferner, dass Liebe unvoreingenommen und universal ist. Das entspricht der Logik, die Gott als Prinzip sieht. So wie die Gesetze der Mathematik seit Ewigkeiten wahr sind, niemanden vorziehen und auf dem Meeresgrund ebenso berechenbar sind wie auf dem Weg zum Mars, so unvoreingenommen und universal sind die Gesetze des göttlichen Prinzips.
Die von Jesus gepredigten Seligpreisungen spiegeln diese Tatsache wider. „Glückselig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen“ (Matthäus 5:8) ist keine persönliche Theorie, die erst entstand, als Jesus diese Tatsache aussprach. Als universales Gesetz traf diese Seligpreisung ebenso auf Menschen zu, die lange vor Jesus lebten, zum Beispiel Henoch, Noah, Abraham und Mose. Und da es ein Gesetz ist, trifft es unweigerlich und nachweislich auf jeden Menschen der heutigen Zeit zu. Das liegt in der Natur des göttlichen Gesetzes – es ist unabhängig von Raum und Zeit praktisch und wirksam für alle.
Betrachten wir einmal einige Folgen dieser göttlichen Logik.
Erstens: Alles, was sich als ein Gesetz manifestiert, birgt Macht in sich. Das Gesetz der Mathematik schreibt vor, dass zwei plus zwei immer vier sein muss. Hier gibt es keine Ausnahmen. Dieses Gesetz der Mathematik ist so mächtig, dass jeder noch so kleine Versuch, es zu ändern oder falsch anzuwenden, zu ignorieren oder zu überwinden, immer fehlschlagen muss. Ebenso ist es mit Liebe. Da Liebe Prinzip ist, birgt sie Macht in sich. Jesus hat auch diese Tatsache umfassend bewiesen. Er lebte Liebe. Gott, Prinzip, Liebe, war er standhaft treu, ohne im Geringsten davon abzuweichen oder zu wanken. Und das gab ihm eine so überragende Macht, dass nichts ihr widerstehen konnte – weder Aussatz noch die vier Tage, die Lazarus im Grab gelegen hatte, noch die Gesetze der Physik und auch nicht das Kreuz.
Eine zweite Folge ist, dass Prinzip segnen muss, da es sich als Liebe manifestiert. Eine Definition des Verbs segnen ist, mit Gutem auszustatten, eine andere ist, zu verherrlichen. Als Jesus der Welt die Seligpreisungen, die Gesetze der göttlichen Liebe, gab, vermittelte er, dass alle, die ihnen entsprechend handeln, gesegnet werden würden. Wenn wir den Begriff gemäß beiden Bedeutungen verwenden, können wir sicher sein, dass unser Leben der Liebe in jeder Hinsicht nicht nur zu wahrem Glück führen, sondern auch Gott verherrlichen wird. Diese Tatsache muss sich als Gesetz darstellen. Mit anderen Worten, sie muss ohne Ausnahme wirken. Und sie muss mit solch einer Macht wirken, dass sie durch absolut nichts eingeschränkt oder verhindert werden kann.
Und schließlich, da es nur einen Gott gibt, gibt es nur ein unendliches Prinzip. Dieses Prinzip ist Liebe – das einzige Prinzip. Wir können uns wiederum der Bibel zuwenden, um diese Tatsache zu bestätigen. Das Erste Gebot lautet (2. Mose 20:3): „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ In der Wissenschaft wird dieses Mir als unendlicher, allerhabener Geist und das dementsprechende Prinzip verstanden. Ist nicht Liebe dieses eine einzige Prinzip? Wir lesen bei Jesaja (45:5): „Ich bin der Herr, und sonst keiner mehr; außer mir gibt es keinen Gott.“ Liebe wird sich unweigerlich als das einzige Gesetz erweisen. Alles andere, das uns als Gesetz erscheint, muss sich irgendwann der wissenschaftlichen Tatsache fügen, dass Liebe, Prinzip, der einzige Gott und somit das einzig wahre Gesetz ist.
Vor vielen Jahren habe ich eine Erfahrung gemacht, die die Grundlage meines wachsenden Verständnisses der oben ausgeführten Logik gebildet hat. Meine Familie verbrachte einen Samstagnachmittag in einem Park am Rand einer Insel. Er lag an der Klippe, von der aus man das Meer sehen konnte.
Als wir zum Rand der Klippe gingen, um einen besseren Blick aufs Wasser zu bekommen, entdeckte unser älterer Sohn, der damals ungefähr zehn war, einen Pfad, der zu einigen größeren Felsbrocken unten am Wasserrand führte. Sofort nahm er diesen Pfad, gefolgt von seinem achtjährigen Bruder.
Da ich erwartete, dass die beiden auf demselben Weg zurückkommen würden, beachtete ich sie nicht weiter – bis der Kopf meines älteren Sohnes am Rand der Klippe erschien. Er hatte offensichtlich beschlossen, dort hochzuklettern. Ich schaute über den Klippenrand und sah, dass mein jüngerer Sohn auf halbem Weg nach oben war. Er konnte sich festhalten, kam aber nicht weiter. Er hatte versucht, denselben Weg die Klippe hinauf zu nehmen, wie sein älterer Bruder, doch da er kleiner war, konnte er eine Greifmöglichkeit, die sein Bruder genutzt hatte, nicht erreichen. Er war in einer gefährlichen Lage. Das Meer und weitere Felsen lagen 6 Meter unter ihm und die steile Klippe über ihm. Ohne Seil konnte er nicht zurück, und so war er erstarrt.
Ich rannte den Pfad runter. Auf den Felsen unter ihm konnte ich nur an eine Möglichkeit denken. Ich kletterte hoch zu meinem Sohn und positionierte mich so, dass ich seinen Körper umhüllte. Meine Füße befanden sich unter seinen und meine Hände über seinen Schultern. Mit so viel Zuversicht, wie ich aufbringen konnte, sagte ich sanft zu ihm: „Ich bin bei dir. Ich bin bei dir.“ Mit diesen Worten und durch meine so nahe Anwesenheit wollte ich ihm einfach vermitteln, dass er nicht allein war.
Rückblickend ist mir klar, wie nah wir einer Katastrophe gekommen waren. Ich hätte meinen Sohn vermutlich nicht berühren können, ohne ihn aus seiner Stellung zu schieben. Und wenn er irrigerweise angenommen hätte, er könnte sich einfach gegen mich lehnen, um außer Gefahr zu sein, wären wir beide auf die Felsen und das Wasser unter uns gestürzt. Doch das waren die Worte, die mir einfielen. Sie reichten, um seine Angst zu durchbrechen. Er fand eine neue Greifmöglichkeit, kletterte schnell die restliche Klippe hoch und war in Sicherheit.
Jahrzehnte später fragte ich mich: Was genau war in diesen Augenblicken geschehen? Hatte sich mehr zugetragen, als dass ich nur die Angst meines Sohnes vertrieben hatte? Konnte er nach Überwindung der Angst etwas erkennen, das er vorher nicht wahrgenommen hatte? War etwa eine Greifmöglichkeit in Sicht gekommen, die vorher nicht erkennbar war? Wie hatte sich jeder Aspekt dieser gefährlichen Situation innerhalb weniger Sekunden so perfekt gelöst, dass das Ergebnis uneingeschränkt gut war? War das gute Ergebnis unweigerlich, sobald die Angst überwunden war? Es war eindeutig ein liebevolles Vorgehen daran beteiligt. Ich hatte mein Leben riskiert, um seins zu retten. Welche Rolle spielte diese Liebe? War ihre segnende Auswirkung unumgänglich? Gab es eine andere rationale Möglichkeit zu erklären, was da geschehen war, als dass dies das Ergebnis des göttlichen Gesetzes gewesen war?
Als ich über diese Fragen nachdachte und dabei die Lehren in der Bibel und im Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy, zurate zog, kam mir eine plötzliche Erkenntnis, nämlich: Eine Handlung selbstloser Liebe beruht auf dem göttlichen Gesetz, und nichts und wieder nichts hätte dieses Gesetz, das Gesetz der Liebe, in diesen wenigen Augenblicken außer Kraft setzen können. Sie war über alles erhaben, das einzige Gesetz. Es war kein anderes Gesetz zugegen – nicht Angst, nicht die Beschaffenheit und der Winkel der Klippe, nicht die Abwesenheit einer Greifmöglichkeit, nicht eine augenscheinlich gefährliche Situation. Nichts davon stellte ein Gesetz dar. Jeder Bestandteil dieser Situation musste sich fügen und vollständig dem einzigen Prinzip der Existenz – der Liebe selbst – Raum geben.
In der Zeit dieses Vorfalls hatte ich täglich mit den Lehren der Christlichen Wissenschaft gearbeitet. Allerdings erinnere ich mich an kein spezifisches mentales Gebet, das zu diesem Ergebnis geführt hat. Ich weiß aber noch, dass nicht der Hauch von Angst in meinem Denken vorhanden gewesen war. Dieser Mangel an Angst brachte aus meiner Sicht das Erlebnis in vollständige Übereinstimmung mit den Regeln und Lehren der Christlichen Wissenschaft.
Unser Lehrbuch sagt sehr klar, dass selbstlose Liebe wirksames Gebet ist (siehe Wissenschaft und Gesundheit, S. 1). Und die Situation, als Christus Jesus seine Jünger in einem Boot auf einem aufgewühlten See rettete (Johannes 6:16–21), bewies, dass solch eine Liebe, sofern ohne Angst, ausreichte – und ausreicht –, um vollkommene Sicherheit zu demonstrieren. Seine liebevolle Anweisung an seine Jünger war in diesem Augenblick: „Fürchtet euch nicht!“ Sobald ihre Angst zerstört war, befanden sie sich umgehend und wohlbehalten am anderen Ufer.
Kurz gesagt: Mir wurde klar, dass Liebe das einzige Gesetz war und ist. Sie musste im wahrsten Sinne des Wortes segnen. Sie musste den menschlichen Bedarf auf jede praktische Weise stillen und tat das auch. Nichts konnte ihr widerstehen. „Ich bin der Herr und sonst keiner mehr.“
