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Original im Internet

Pilatus’ Anmaßung durchschauen

Aus dem Herold der Christlichen Wissenschaft. Online veröffentlicht am 24. September 2026


Als ich mich eines Morgens kämmte und für den Tag schminkte, hielt ich im Gegensatz zu sonst inne und betrachtete das Bild, das mich im Spiegel anschaute. Plötzlich kam mir der Gedanke, wie unfair es wäre anzunehmen, dass der Körper, den ich im Spiegel sah, tatsächlich ich war und Macht über meine zukünftigen Aussichten hatte – dass er über meine Gesundheit, meine Lebensdauer, mein Glück und meine Fähigkeit bestimmen konnte, produktiv zu sein.

Nach dieser Überlegung kam mir gleich folgender Gedanke: Moment mal – wenn ich mit dieser Anmaßung einverstanden bin, würde das nicht bedeuten, in gewisser Weise auch mit Pilatus’ Anmaßung einverstanden zu sein? Mit anderen Worten, wäre ich dann nicht wie Pontius Pilatus der Meinung, dass es eine von Gott getrennte Macht und Gesetzlichkeit gibt? Ich wusste, dass Christus Jesus diese Vorstellung als haltlos aufgedeckt hat.

Das Johannesevangelium enthält eine lebendige Beschreibung des Austauschs zwischen Jesus und Pilatus während der Befragung am Morgen von Jesu Kreuzigung. Als Pilatus ihn direkt fragte, für wen er sich ausgab, antwortete Jesus nicht. Das frustrierte Pilatus offensichtlich, und er sagte (Johannes 19:10): „Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich zu kreuzigen, und Macht habe, dich freizugeben?“ Darauf sagte Jesus klar und deutlich, so als ob er alles verteidigte, was über Gott, seinen liebevollen und treuen Vater, wahr war (Johannes 19:11): „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.“

Hinter Pilatus’ knapper rhetorischer Frage – Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich zu kreuzigen oder freizugeben? – stand eine für ihn vermutlich völlig angemessene Vorstellung. Als Statthalter von Judäa hatte er in diesem Augenblick die rechtliche Autorität, über die Zukunft des vor ihm stehenden Mannes zu befinden. Doch Pilatus’ Urteil entbehrte der großen Wirklichkeit und Macht Gottes, die Jesu Antwort unmissverständlich deutlich machte und mit seiner darauffolgenden Auferstehung und Himmelfahrt abschließend bewies.

An jenem Morgen vor dem Spiegel dienten mir Pilatus’ Worte als beeindruckende Metapher für die falsche Anmaßung, die hinter einem sterblichen Verständnis der Existenz steckte – dass ein Körper die Wirklichkeit des Seins eines Menschen ist und dass er die endgültige Autorität hat, den weiteren Verlauf von dessen Leben festzulegen. Die materielle Sicht tendiert zu dem Argument, dass die Aussichten eines Menschen auf Glück und Wohlbefinden überwiegend von Faktoren bestimmt werden, die außerhalb seiner Kontrolle liegen – wie Körperbeschaffenheit, Genetik und Zufall. Wir sind doch sterbliche, materielle Wesen, so das Argument, und mögen einige tiefsitzende geistige Fähigkeiten haben, doch letztendlich sind wir auf die Materie und ihre sogenannten Gesetze und Bedingungen angewiesen.

Innerhalb der von den materiellen Sinnen vermittelten Parameter kann das wie eine durchaus akzeptable Vorstellung klingen. Doch die Bibel macht deutlich und die Lehre der Christlichen Wissenschaft führt aus, dass Materie nicht die Macht und Vorherrschaft hat, die sie zu haben scheint. Ja, der Christus hat uns vermittelt, dass wir zu Gott gehören und Seine Töchter und Söhne sind. Die von Gott erschaffene Individualität ist vollständig geistig, aus Geist geboren; sie wohnt Geist inne und manifestiert ausschließlich das Leben und Gemüt, das Gott ist.

Diese geistig korrekte Sicht auf uns selbst ist die hier und jetzt zutreffende Wirklichkeit dessen, wer wir als Ebenbild des Vaters sind. Die göttlichen Tatsachen unseres Seins werden uns durch das inspirierte Studium der Bibel und der Lehren des Trösters deutlich, die in Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy wiedergegeben werden, sowie durch unser individuelles Gebet und die stillen Erfahrungen moralischer Erneuerung und Heilung, durch die wir den „alten Menschen“ (siehe Epheser 4:22) – die sterbliche Sicht auf uns selbst – ablegen und unsere wahre Individualität als Ebenbild des Göttlichen zunehmend akzeptieren und erleben.

Der unvergleichliche Werdegang von Christus Jesus als Heiler hat die vollständig geistige Natur des Menschen sehr klar gemacht. Gleichzeitig hat er die irrige Vorstellung unschädlich gemacht, dass die Materie die Individualität des Menschen ausmacht und sein Leben und Schicksal beherrscht.

Jesus betrachtete die Behauptung, die Materie könne Einfluss auf das Kind Gottes haben, als den Gipfel der Unverfrorenheit und Anmaßung, und er bewies, dass diese Behauptung in jeder Verkleidung eine Lüge ist, ob sie sich als eine durch eine Störung der inneren Organe geschwächte Frau, einen gelähmten, ans Bett gefesselten Mann, den geliebten, im Sterben liegenden Knecht eines Hauptmanns oder einen ihn beschimpfenden Geisteskranken darstellte. Wann immer der Augenschein von Angst und Krankheit ihn im übertragenen Sinn mit der Frage verhöhnte: „Weißt du nicht, dass ich Macht habe, diesen armen Menschen zu beherrschen, zu foltern, ans Bett zu binden?“, ging der Meister nicht mit persönlicher Tapferkeit darauf ein, sondern mit der Autorität des Christus – der göttlichen Natur, die Jesus exemplifizierte und die der Impuls jedes seiner Gebete war. Seine heilende Reaktion entsprach immer dem Geist der Worte, die er zu Pilatus sagte – verallgemeinert: „Du kannst keine Macht über diese Person haben“ –, denn er wusste mit heiliger Gewissheit, dass es keine von seinem Vater, dem allmächtigen Gott, dem Guten, getrennte Macht gibt.

Und ganz im Geist der Worte und Werke des Meisters schreibt Mary Baker Eddy in Wissenschaft und Gesundheit (S. 207): „Das Böse ist nicht das Höchste; das Gute ist nicht hilflos; noch sind die sogenannten Gesetze der Materie primär und das Gesetz des Geistes sekundär.“ Für mich ist das genau, was ich auf bescheidene Weise an jenem Morgen verstand, als ich vor dem Spiegel stand. Der ewige Christus, die behütende und lenkende Wahrheit, die stets im individuellen menschlichen Bewusstsein enthalten ist, zeigte mir, dass eine materielle Einschätzung meiner selbst schlicht und einfach nicht zutreffend ist, und so ist jede daraus gezogene Schlussfolgerung ebenfalls falsch. Ich erkannte, dass ich keine von der Materie abhängige körperliche Einheit bin, und alle anderen Menschen sind es auch nicht.

Die Worte Anmaßung und Vorstellung, die in der Christlichen Wissenschaft benutzt werden, um die mit dem sterblichen Verständnis der Existenz einhergehenden Disharmonien zu beschreiben, sind sehr hilfreich, um uns die zugrundeliegende Falschheit dieser Disharmonien verständlich zu machen. Eine Vorstellung ist nicht von der Wesenheit her wahr. Sie ist eine Annahme, ein bloßer Glaube ohne Verständnis, eine Behauptung ohne Grundlage in greifbarer, bewiesener Wirklichkeit. Im Fall von menschlichem Leid zeigt die Christliche Wissenschaft – intelligent und mit dem größten Mitgefühl für die betroffene Person –, dass das gesamte Bild falsch und unwirklich ist.

Wir lesen in Wissenschaft und Gesundheit, dass das sterbliche Gemüt und der sterbliche Körper ein und dasselbe sind. Mit anderen Worten, dieses sogenannte Gemüt bildet seine eigenen falschen, materiellen Vorstellungen über das Wesen von Leben, Substanz und Intelligenz auf dem menschlichen Körper ab, da es eine von Grund auf materielle Sichtweise hat. Doch da es keine Kenntnis seiner eigenen irrigen Vorgehensweise hat, maßt sich dieses Gemüt an, dass das, was es als Materie und materielle Zustände sieht, fühlt und erlebt, irgendwie außerhalb seiner selbst stattfindet und unabhängig wirkt, indem es eine eigene Intelligenz, Macht und Entscheidungskraft hat. Mrs. Eddy verwendet im Lehrbuch folgende hilfreiche Analogie, um diesen Punkt zu verdeutlichen (S. 220): „Das sterbliche Gemüt erzeugt seine eigenen Phänomene und schreibt sie dann etwas anderem zu – wie ein Kätzchen, das sich im Spiegel betrachtet und meint, dass es ein anderes Kätzchen sieht.“

Diese Analogie hilft uns zu erkennen, wie das sterbliche Gemüt vorzugehen scheint, nämlich indem es der Materie Macht zugesteht, obwohl sie gar keine hat. Doch die Christliche Wissenschaft lehrt, dass wir als Gottes Kind nichts mit dieser Angelegenheit zu tun haben. Wir haben kein von Gott getrenntes Gemüt, das unwissend seine eigenen Vorstellungen über Leben und Intelligenz auf den Körper projiziert und dann über das erschrickt, was es sieht! Dieser sterbliche, materielle „Anschein“ hat in Wirklichkeit nichts mit uns zu tun.

Wir haben von Gott die geistige Fähigkeit erhalten, uns in göttlicher Wissenschaft quasi als das „Spiegelbild“ – die geistige Widerspiegelung – des göttlichen Gemüts, Gottes, zu entdecken und zu erkennen. Dieses Gemüt ist der eine wahre Ich bin unseres Seins und das einzige Gemüt, das wir jemals wahrhaft zum Ausdruck bringen bzw. manifestieren können. Da das göttliche Gemüt nur seine eigene Allheit kennt, ist es weder beeinflusst noch eingeschüchtert, und wir haben die göttliche Autorität klarzumachen, dass wir dies als Widerspiegelung des Gemüts ebenfalls nicht sind. Ja, wir befinden uns nie außerhalb der unendlichen Brennweite des göttlichen Gemüts.

Als der Ausdruck, das Ebenbild und die Manifestation Gottes existieren wir als aktive geistige Zeuginnen und Zeugen des göttlichen Gemüts. Wir können nichts anderes als die Güte Gottes zum Ausdruck bringen, nichts anderes erleben und nichts anderes manifestieren. „Alles ist unendliches Gemüt und seine unendliche Manifestation, denn Gott ist Alles-in-allem“ (Wissenschaft und Gesundheit, S. 468). Das ist der Standpunkt wissenschaftlichen Gebets und wissenschaftlicher Demonstration, durch die falsche Konzepte von Gott und dem Menschen ausgeräumt und die geistigen Tatsachen des Seins in unser Herz und Leben eingelassen werden – und das Ergebnis ist Heilung.

Es steht nicht außerhalb unserer Fähigkeiten, zunehmend vom Standpunkt der Einheit – eines Gemüts und seiner vollkommenen geistigen Manifestation, des Menschen – aus zu beten und zu denken. Es ergibt Sinn, dass wir Gottes Gedanken haben und mit uns führen können; sie kommen auf natürliche Weise aus dem unendlich liebevollen, intelligenten Gemüt zu uns, das unsere Mutter und unser Vater ist.

Mrs. Eddy dringt direkt zum Kern dessen vor, was erforderlich ist, wenn wir die falschen Behauptungen unschädlich machen sollen, die mit Materie und einem materiellen Selbst assoziiert werden – und sie beschreibt die Fülle der Segnungen, die daraus resultieren. Sie schreibt in Vermischte Schriften 1883–1896 (S. 185): „Allem entsagen, was einen sogenannten materiellen Menschen ausmacht, und seine geistige Identität als Kind Gottes anerkennen und erreichen ist Wissenschaft, die geradezu die Schleusen des Himmels öffnet, aus denen das Gute in jeden Lebensbereich hineinströmt, dabei die Sterblichen von aller Unreinheit reinigt, alles Leiden zerstört und das wahre Bild und Gleichnis demonstriert.“

Ob wir es mit einem unfairen Arbeitgeber, einer kaputten Familienbeziehung oder einer augenscheinlich ernsten Krankheit zu tun haben oder versuchen, das Spektrum globaler Probleme mit Gebet anzugehen, Christus hat uns die Versicherung gegeben, dass wir nicht hilflos sind. Wenn unsere Gebete in der Allmacht Gottes und der Wahrheit dessen verankert sind, wer wir als Sein geistiger Ausdruck sind, wird die Anmaßung einer anderen Macht unschädlich gemacht und wir sagen mit wachsender Überzeugung in Anlehnung an Jesu Aussage: „Du hast keine Macht über mich, da sie dir nicht von oben gegeben ist.“

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