Meine Erfahrung hat gezeigt, dass ich mich bei allem, was das Leben mir präsentiert, immer an die Bibel wenden kann. Zu dem, was ich am Studium der Bibel am meisten schätze, gehört die Inspiration, die ich aus den Stellen und Geschichten erlange und die für alle und alles eine Lösung enthält. Ja, der erste Glaubenssatz der Christlichen Wissenschaft lautet (Mary Baker Eddy, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, S. 497): „Als Anhänger der Wahrheit nehmen wir das inspirierte Wort der Bibel als unseren geeigneten Führer zum ewigen Leben.“
Wenn ein Problem auftritt, fällt mir manchmal sofort eine geliebte Bibelgeschichte oder -stelle ein. Und manchmal werde ich zu einer mir unbekannten Bibelgeschichte geführt, die genau die Antwort enthält, die ich brauche.
Eine solche unbekannte Bibelgeschichte hat mir einmal vor Jahren geholfen, als ich Programmiererin war. Um auf dem Markt mithalten zu können, hatte mein Arbeitgeber angefangen, Personen direkt von der Uni einzustellen und erheblich besser zu bezahlen. Das war frustrierend für diejenigen von uns, die bereits seit ein paar Jahren dort arbeiteten und nun weniger verdienten als die Neueinstellungen. Es gab viel Gemurre, und die Arbeitsmoral litt sehr. Obwohl ich wusste, dass es nicht hilfreich war, wurde auch ich ärgerlich.
Ich weiß nicht mehr genau, wie es passierte, doch ich wurde zu einem der weniger bekannten Gleichnisse von Jesus geführt – sehr direkt, und ich bin mir sicher, von Gott motiviert –, in dem ein Mann Arbeiter für seinen Weinberg anheuert und ihnen jeweils einen Denar bezahlt (siehe Matthäus 20:1–15). Er stellt den ganzen Tag lang immer wieder neue Arbeiter ein mit dem Versprechen, ihnen zu geben, was recht ist. Am Ende des Tages bezahlt er zum großen Unwillen derer, die seit dem frühen Morgen gearbeitet haben, allen einen Denar.
Die Parallele zwischen dem Gleichnis und meiner Erfahrung lag auf der Hand. Ich gehörte zu denjenigen, die früh am Morgen eingestellt worden waren, und schimpfte nun über Ungerechtigkeit. Die Antwort des Arbeitgebers an sie traf auch auf mich zu. Er sagte ihnen im Grunde genommen, dass er nicht ungerecht war; er hatte ihnen das Gehalt gegeben, das er ihnen versprochen hatte, und es ging sie nichts an, was die Neueingestellten verdienten. Dieses Gleichnis machte mir absolut klar, dass ich aufhören musste, mir darüber Gedanken zu machen, was andere verdienten.
Eine weitere, mir vertrautere Stelle half mir dabei. Sie befindet sich in Wissenschaft und Gesundheit (S. 13) und bezieht sich auf Jesaja 55:1, wo es darum geht, Milch und Wein ohne Geld und umsonst zu kaufen: „Liebe ist unparteiisch und universal in ihrer Anwendbarkeit und in ihren Gaben. Sie ist die offene Quelle, die ruft: ‚Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!‘“
Ich erkannte Gott als die Quelle alles Guten und als den liebevollen, großzügigen und gerechten Arbeitgeber von uns allen und ließ jede Angst los, dass nur eine begrenzte Menge an Gutem vorhanden war. Ich wusste, dass mich meine Firma fair behandelte und dass meine Bedürfnisse jetzt und in Zukunft gestillt wurden, und das war genug.
Kurz danach gab unsere Firma eine Gehaltserhöhung mit rückwirkender Gültigkeit für die restliche Belegschaft bekannt; das war vermutlich schon seit einiger Zeit in Arbeit. Natürlich war ich dankbar für diese finanzielle Anpassung, doch noch dankbarer war ich, dass ich bereits Frieden empfunden hatte. Und in den vielen seitdem vergangenen Jahren war diese Erfahrung wie ein Stab für mich, der mir die Zuversicht gab, dass die Bibel kein Buch mit antiquierten Geschichten ohne Bezug zu unserem heutigen Leben ist.
Als ich mich später eingehender mit dem Gleichnis befasste, las ich in einem Bibelkommentar, dass Jesus die Geschichte unter anderem als Ankündigung erzählt hatte, dass zwar die Juden Gott zuerst gedient hatten, die später dazugekommenen Heiden jedoch im Himmelreich dieselben Privilegien und Rechte haben würden wie sie (siehe Matthew Henry‘s Commentary on the Whole Bible [Matthew Henrys Kommentar der gesamten Bibel], S. 1714). Die Botschaft hier ist, dass niemand der reichhaltigen Güte Gottes weniger würdig ist als andere.
Dieses Gleichnis kam kurz nachdem Petrus gefragt hatte, was er und die anderen Jünger dafür erhalten würden, dass sie Jesus nachfolgten. Das zeigt uns, dass das Gleichnis eine Erwiderung auf die Vorstellung ist, dass Belohnungen aufgrund der Seniorität einer Person verteilt werden. So wie die heilende Botschaft dieses Gleichnisses die Bedürfnisse von Jesu Zuhörerschaft gestillt hatte, deckt das inspirierte Wort den Bedarf empfänglicher Herzen in jedem Zeitalter. Obwohl die Bibel vor vielen Jahrhunderten und in anderen Ländern geschrieben wurde, sind ihre Lehren zeitlos und ihre Botschaften von dauerhafter und universalter Gültigkeit – immer frisch, denn jedes Mal, wenn wir sie lesen, befinden wir uns an einer anderen Stelle in unserer Erfahrung bzw. unserem Verständnis.
Wir können uns an die Bibel wie an eine gute Freundin oder einen guten Freund wenden, um Hilfe zu erhalten. Ob wir sie zum ersten oder zum zigsten Mal lesen, sie enthält eine inspirierte Botschaft für jede und jeden von uns, die tröstet und heilt.
Patti Faulkner
