Obwohl ich eine Sonntagsschule der Christlichen Wissenschaft besucht hatte und gern hingegangen war, weil dort eine liebevolle Atmosphäre herrschte, in der niemand kritisiert wurde, nahm ich als Erwachsene nur sporadisch an den Gottesdiensten teil. Ich beschäftigte mich weder mit den wöchentlichen Bibellektionen aus dem Vierteljahresheft der Christlichen Wissenschaft noch las ich die Zeitschriften der Christlichen Wissenschaft.
Doch nachdem mehrere Jahre so ins Land gegangen waren, fing ich aufgrund verschiedener körperlicher Probleme an, die Christliche Wissenschaft ernsthaft zu studieren. Mein geistiger Fortschritt bei ihrer Umsetzung öffnete den Weg für die Heilung der körperlichen und auch anderer Probleme. Und dann stieß ich eines Tages auf diesen Satz von der Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft, Mary Baker Eddy (Vermischte Schriften 1883–1896, S. 268–269): „Durch Geduld müssen wir den Sinn für die Wahrheit erlangen, und die Wahrheit ist gewohnt zu warten.“
Mir war intuitiv klar, dass es wichtig für mich war, dieses Konzept zu verstehen. Jeden Abend vor dem Zubettgehen dachte ich über diesen Satz nach, und obwohl ich dessen Bedeutung nicht so recht verstand, gab er mir vor dem Einschlafen ein Gefühl des Friedens. Tagsüber überlegte ich dann: Worauf wartet Wahrheit, Gott? Auf mich? Wie kann Wahrheit warten?
Als ich mehr in der Kirche mitarbeitete, verschiedene Ämter ausübte und Elementarunterricht in der Christlichen Wissenschaft nahm, merkte ich, dass mir gelegentlich ein Bibelvers oder etwas im Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mrs. Eddy, nicht vollständig klar war. Doch wenn ich geduldig und liebevoll ausharrte und betete, verstand ich die Bedeutung dann immer irgendwann. Ich lernte, dass ich mich nicht von Frust oder Ungeduld leiten lassen durfte. Stattdessen vertraute ich darauf, dass Gott, das göttliche Gemüt, mir zum richtigen Zeitpunkt das offenbaren würde, was ich verstehen musste (mehr dazu in meinem Artikel „Daniel hat die Bibel für mich mit Leben erfüllt“, Herold-Online, 25. Juli 2022).
Es hat mir außerdem Spaß gemacht, über folgenden Bibelvers nachzudenken, der unmittelbar nach der oben erwähnten Aussage in Vermischte Schriften zitiert wird (Psalm 37:5): „Befiehl dem Herrn deine Wege, und hoffe auf ihn; er wird es wohl machen.“ Auch das wurde zu einem wichtigen täglichen Gebet für mich; ich vertraute von ganzem Herzen auf dieses Versprechen. Wenn ich Gott an erste Stelle stellte und Ihm als dem allwissenden, allsehenden und allweisen Gemüt vertraute, so begriff ich, dann konnte ich erkennen, dass Er immer in jeder Hinsicht für mich sorgte und mich zum richtigen Zeitpunkt und auf die richtige Weise an den richtigen Ort brachte.
Geduld wird oft als das Wahren eines ruhigen Äußeren während einer ausgedehnten unangenehmen Situation betrachtet, mit anderen Worten, das Warten auf ein gutes Ergebnis irgendwann in der Zukunft. Doch ich erkannte klarer, dass Wahrheit immer wahr ist, und da sie nie unwahr ist, ist das gute Ergebnis bereits vorhanden. Aus meiner Sicht ist dies die Art und Weise, wie wir „den Sinn für die Wahrheit“ durch Geduld bereits erlangt haben. Und Wahrheit wartet nicht in der Hinsicht, dass sie etwas erkennt, das von Mangel zur Erfüllung bewegt werden muss, sondern sie ist jetzt und immer unerschütterlich wahr.
Es ist unsere Aufgabe, Wahrheit in allem anzustreben, was wir tun und sagen. Wahrheit ist mehr als Ehrlichkeit, so wichtig diese auch ist. Wahrheit ist göttliches Gesetz – beständig, unübertretbar, unerschütterlich und fest in Liebe, Gott, verankert. Es geht nicht darum zu warten, dass wir etwas besser machen, sondern sie ist da, wenn wir bereit sind, uns auf sie zu stützen, auf sie zu verlassen und sie zu demonstrieren. Und Wahrheit steht nicht seufzend daneben mit der Frage, wann wir es endlich „begreifen“. Wahrheit füllt sich mit der Verheißung des unauslöschlichen Guten, das wir erleben, wenn wir durch unser Erforschen und Praktizieren der Christlichen Wissenschaft im Alltag mehr von dem beweisen, was wir lernen.
Gott, Wahrheit, weiß, dass wir jetzt vollkommen sind und nicht erst irgendwann später. Christus Jesus lehrte (Matthäus 4:17): „Das Himmelreich ist nahe gekommen!“ Wahrheit scheint nur zu warten, da wir oft glauben, dass wir sie noch nicht besitzen, und danach streben, sie zu erlangen. Doch in Wirklichkeit sind wir der Ausdruck der Wahrheit – genau jetzt geistig, rein und vollkommen. Es erfordert Selbstlosigkeit und Demut, ein höheres Verständnis dieser Tatsache zu erlangen.
Ein Beispiel hierzu habe ich vor vielen Jahren erlebt, als ich mit einer Frau an einem sehr wichtigen Projekt arbeitete. Ganz plötzlich stoppte die Frau ihre Arbeit und weigerte sich, den nächsten Schritt zu tun. Ich war sehr in Versuchung, sie zu überreden, voranzugehen, fühlte aber den starken Impuls, nichts zu sagen, sondern zu beten in dem Wissen, dass Gott ebenso zu ihr sprach wie zu mir. Wir lesen dazu in Wissenschaft und Gesundheit (S. 284): „Die wechselseitige Kommunikation geht immer von Gott aus zu Seiner Idee, dem Menschen.“
Am folgenden Tag verstand ich auf einmal, warum die Frau Widerstand leistete. Ich erkannte, dass ein Missverständnis der Frau das Gefühl gab, von der Entscheidungsfindung ausgeschlossen zu sein.
Erst war ich geneigt, sie schnell anzurufen und ihr zu erklären, dass sie vollständig frei war, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen – dass weder ich noch sonst jemand vorhatte, ihr dieses Recht zu nehmen. Doch mir kam dieser inspirierte Gedanke in den Sinn: „Sei still und erkenne, dass ich Gott bin“ (siehe Psalm 46:11). Ich konnte darauf vertrauen, dass ich sie von nichts überzeugen musste. Man könnte sagen, dass dies eine gute Geduldsübung war, wie wir in Wissenschaft und Gesundheit lesen (S. 454): „Warte geduldig, bis die göttliche Liebe über den Wassern des sterblichen Gemüts schwebt und den vollkommenen Begriff bildet. Geduld muss ihr ‚vollkommenes Werk haben‘.“
Ich verbrachte den restlichen Tag damit, weiter geduldig auf Gott zu warten; ich wusste, dass Er uns beiden genau das mitteilte, was wir wissen mussten. Am selben Abend rief meine Kollegin mich an, um mir zu sagen, dass sie bereit war, mit dem Projekt fortzufahren, auch wenn ihr nicht recht klar war, warum. Nun konnte ich ihr die kleine, aber wichtige Mitteilung machen, die ihr zuvor nicht erklärt worden war. Sie atmete erleichtert auf, und das Projekt setzte sich harmonisch fort.
Wir müssen die Vorstellung aufgeben, der Mittelpunkt unseres eigenen Universums zu sein, wie auch die Überzeugung, dass wir durch Forschen das perfekte Verständnis jeglicher Thematik erwerben und aufrechterhalten können. Wir müssen akzeptieren, dass wir der Ausdruck des göttlichen Gemüts sind, das alles weiß, und durch demütiges Gebet und hingebungsvolles geistiges Studium können wir aus der Dunkelheit „zu der Wahrheit klar“ kommen, wie es in einem geliebten Kirchenlied ausgedrückt wird (Violet Hay, Liederbuch der Christlichen Wissenschaft, Nr. 64, Übers. © CSBD). Und dann erkennen wir, dass wir nie von Gott getrennt sind oder darauf hinarbeiten müssen, Ihm näher zu kommen, sondern immer eins mit Wahrheit sind. Wahrheit „wartet“ nur darauf, dass wir zu dem erwachen, was schon jetzt und immer wahr ist.
