Ich erinnere mich noch gut, dass meine Großmutter jemandem einen Keramikteller mit der Aufschrift schenkte: „Es ist nicht leicht, bescheiden zu sein, wenn man perfekt ist.“ Ich war sicher, dass sie das als Hinweis auf eine benötigte Änderung seiner Einstellung meinte, doch der Empfänger stellte sich den Teller auf seine Kommode, weil er die Botschaft offenbar passend fand. Viele Jahre später konnte ich dann miterleben, dass sich sein Charakter verändert hatte und er ein bescheidener, liebevoller Mensch geworden war.
Wenn Sie meinen, es sei anmaßend oder gar absurd, für sich zu beanspruchen, vollkommen zu sein – hier geht es nicht um Perfektion –, sind Sie nicht allein. Die verbreitete Meinung ist, dass Umwelteinflüsse, Vererbung und auch der Zufall unsere Intelligenz, unseren Charakter und sogar unseren Lebenszweck bestimmen und zu Fehlern, Defekten und Begrenzungen – keinesfalls jedoch zu Vollkommenheit – führen.
Materielle sogenannte Ursachen haben eindeutig nicht die Freiheit bewirkt, die Christus Jesus, das vollkommenste Beispiel des Menschentums, lehrte und demonstrierte. Seine Lehre, die in der dieswöchigen Bibellektion der Christlichen Wissenschaft zum Thema „Der Mensch“ beleuchtet wird, schließt folgende Anweisung ein (Matthäus 5:48): „Darum sollt ihr vollkommen sein, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“
In dem, was seitdem als das Gebet des Herrn bekannt wurde, hat Jesus jeden Menschen mit folgenden Worten als Kind Gottes – des unendlich vollkommenen Gemüts, des universalen Vaters – identifiziert (Matthäus 6:9): „Unser Vater im Himmel!“
Mary Baker Eddy, die Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft, ist Jesus nachgefolgt und argumentiert in Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, dass jeder Mensch in Wirklichkeit so vollkommen sein muss wie Gott. Ihr Buch erklärt den Menschen (uns alle in unserer wahren Natur als Gottes geistige Nachkommen) folgendermaßen (S. 259): „In der göttlichen Wissenschaft ist der Mensch das wahre Bild Gottes. Die göttliche Natur kam am besten in Christus Jesus zum Ausdruck, der den Sterblichen die wahrere Widerspiegelung Gottes vor Augen hielt und ihr Leben höher hob, als ihre armseligen Denkmodelle es ermöglicht hätten – Gedanken, die den Menschen als gefallen, krank, sündig und sterbend darstellten. Das christusgleiche Verständnis vom wissenschaftlichen Sein und vom göttlichen Heilen umfasst als Grundlage des Denkens und der Demonstration ein vollkommenes Prinzip und eine vollkommene Idee – einen vollkommenen Gott und einen vollkommenen Menschen.“
Statt einen augenfälligen Zustand des Menschen als dauerhaft und echten Hinweis darauf hinzunehmen, dass der Mensch „gefallen, krank, sündig und sterbend“ ist, weist uns Wissenschaft und Gesundheit (S. 110) auf „die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen“ hin. Das bedeutet nicht, dass wir sterbliche Objekte sind, die je nach ihrer Bereitwilligkeit, Verbesserungen an sich durchzuführen, wiederhergestellt werden können. Eine Vervollkommnungsfähigkeit für uns in Anspruch zu nehmen, geht über eine menschliche Selbstverbesserung hinaus. Es geht hier um das Verständnis und die Demonstration unserer wahren Identität als das vollkommene, intakte, geistige Ebenbild, das Gott erschaffen hat.
Jesus demonstrierte diese Vervollkommnungsfähigkeit durch seine Lehre und besonders durch Heilungen. Die augenblickliche Verleihung der Sehfähigkeit, die Umwandlung von Personen zu einem moralischen Lebensstil und die Wiederherstellung des Lebens von Verstorbenen usw. wurden von Augenzeugen bestätigt. Diese Heilungen waren mehr als nur unerklärliche Wunder; sie bewiesen die Vervollkommnungsfähigkeit eines jeden Menschen, die natürliche Fähigkeit, seine von Gott geschaffene geistige Vollkommenheit zu erkennen.
Das geht auf die Befähigung eines jeden Menschen zurück, Christlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Mrs. Eddy geht in ihrer Botschaft an die Mutterkirche für 1900 (S. 7) kurz auf ihre eigene Erfahrung ein, wenn sie von der „Wissenschaft der Vervollkommnungsfähigkeit durch Christus, den Weg, die Wahrheit und das Leben“ spricht.
Dank unserer Empfänglichkeit für die Christus-Botschaft können wir alle geduldig und demütig ein korrekteres Verständnis unseres ursprünglichen geistigen Selbst und von dessen Vollkommenheit erlangen. Das hat nichts mit Perfektionismus zu tun, der unerreichbaren Forderung einer menschlichen Makellosigkeit, die uns lähmt und entmutigt. Stattdessen lehnt die heilende Theologie und Praxis der Christlichen Wissenschaft sowohl menschlichen Perfektionismus als auch menschliche Unvollkommenheit ab und verankert uns in einem solideren Verständnis unseres Selbstwertes und unserer rechtmäßigen Freiheit.
Begrenzte, materielle Überzeugungen über einen selbst abzulegen, erfordert vielfach Geduld. Doch wenn der Mensch demütig und beständig an der Tatsache festhält, dass das göttliche Gemüt den Menschen zu Gottes Ebenbild erschaffen hat, wie wir im ersten Kapitel des ersten Buches Mose lesen, dann wird er sich der befreienden Wahrheit bewusst sein, dass wir alle existieren, weil das Gemüt uns ewiglich „denkt“ – weil es uns als Gottes geistiges Ebenbild sieht. Das Ergebnis dieser wachsenden Erkenntnis ist bessere Gesundheit und ein besserer Charakter, wie zahllose Heilungen im Herold und in seinen Schwesterpublikationen unter Beweis stellen.
Wenn jeder Mensch für sich entscheidet, die Christlichkeit zu leben, die Jesus lehrte, kann er seine geistige Vervollkommnungsfähigkeit zunehmend unter Beweis stellen. Die größere Überzeugung, die entsteht, wenn wir Begrenzungen in unserem eigenen Leben überwinden, untermauert die nicht aufzuhaltende Entdeckung der ursprünglichen und dauerhaften Vollkommenheit des Menschen – die absolute Wirklichkeit des Seins – Schritt für Schritt.
Wenn Sie noch nicht mit den wöchentlichen Bibellektionen aus dem Vierteljahresheft der Christlichen Wissenschaft vertraut sind, können Sie hier mehr darüber erfahren.
