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Original im Internet

Gebet, das Spaltungen heilt

Aus dem Herold der Christlichen Wissenschaft. Online veröffentlicht am 6. August 2026


Über Politik zu reden war früher tabu. Im höflichen Miteinander galt es als unangebracht. Heute werden politische Überzeugungen freimütig – und gern lautstark – mitgeteilt und Spannungen breiten sich in den Vereinigten Staaten und in anderen Ländern der Welt immer weiter aus. Die Frage nach der politischen Meinung einer Person fördert keinen gesunden und aktiven Meinungsaustausch über Bürgerfragen mehr zutage. Stattdessen ist ein heftiges Parteiergreifen entstanden, eine Art Lagerdenken nach dem Motto: „Wir gegen die.“

Mary Baker Eddy, die Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft, hat völlig anders reagiert. „Ich werde gefragt: ‚Welche politische Einstellung haben Sie?‘ Ich habe in Wirklichkeit keine, außer dem Bestreben, eine gerechte Regierung stützen zu helfen, Gott über alles zu lieben und meinen Nächsten wie mich selbst“ (Die Erste Kirche Christi, Wissenschaftler, und Verschiedenes, S. 276). Da ich schon immer großes Interesse an Regierungsbelangen hatte, muss ich oft an ihre Worte denken.

War Mrs. Eddy naiv, was Politik anging, oder empfahl sie Apathie als Reaktion auf politische Belange? Keineswegs. Sie bezog im Amerika des 19. Jahrhunderts Position gegen die Sklaverei und unterstützte die Temperenzler. Ihre Schriften zeigen, dass sie anlässlich der unterschiedlichsten Weltereignisse wie Kriege und der Tod führender US-amerikanischer und ausländischer Persönlichkeiten betete. Auch die Boshaftigkeit und Spaltung, die die Politik in der Gesellschaft hervorrufen kann, waren ihr nicht fremd: Die Zeit nach dem Bürgerkrieg war nicht gerade eine Zeit der Harmonie und Einhelligkeit.

Mrs. Eddy hat nicht den Eindruck vermittelt, dass sie ein Abwenden von gesellschaftlichen und bürgerlichen Belangen empfahl, sondern es ging ihr um eine grundsätzlich andere Art, uns als geistig denkende Bürgerinnen und Bürger zu orientieren und zu identifizieren. Ihre oben angeführte Antwort inspiriert ein Engagement, das nicht durch die Zugehörigkeit zu einer Partei oder Organisation motiviert wird, sondern durch Gott, das göttliche Gemüt. Im Herzen wahrer Regierung befinden sich geistige Eigenschaften und Ideale – darunter die Bereitschaft, Einsatz zu zeigen, sowie Selbstlosigkeit, Mitgefühl, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit, Sicherheit –, die an die Stelle politischer Debatten treten und Differenzen in der politischen Einstellung überwinden. Sie sind universale Attribute von Prinzip, die jedem Menschen angeboren sind, und jeder Mensch ist von Gott erschaffen.

Keine politische Einstellung zu haben bedeutet für mich, dass ich mich weigere, meine Mitbürgerinnen und Mitbürger auf der Basis ihrer Überzeugungen als von diesen gottgegebenen Eigenschaften und Idealen getrennt oder ihnen entgegengesetzt zu betrachten. Diese Haltung ist in den Lehren von Christus Jesus verwurzelt: Als Jesus erklärte, wie wichtig es ist, das Gebot zu befolgen, „deinen Nächsten wie dich selbst“ zu lieben, fragte ihn ein Gesetzesgelehrter: „Wer ist denn mein Nächster?“ (siehe Lukas 10:26–37). Ich nehme an, dass der Gelehrte in dem Moment recht selbstgefällig war. Er mag gedacht haben: „Bestimmt gibt es Menschen, die meine Liebe nicht verdienen.“

Ich gebe zu, dass es Augenblicke gegeben hat, in denen ich selbst so gedacht habe. Doch Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter rügt Selbstgerechtigkeit, Selbstrechtfertigung und Feindseligkeit. Wir sollen uns nicht verhalten wie die Personen in dem Gleichnis, die so an ihre Doktrinen gebunden waren, dass sie eiskalt an einem Menschen in Not vorübergingen. Stattdessen sollen wir unser Verhalten dem des Samariters angleichen – der Person, die der Rechtsgelehrte am Ehesten ignoriert hätte – und jeden Menschen in Liebe, Mitgefühl und Fürsorge einhüllen.

Beim täglichen Lesen der Nachrichten ist es ehrlich gesagt vorgekommen, dass ich Zweifel empfand, wie relevant die Lehre von Jesus und Mrs. Eddy zu diesem Thema ist. Lässt sie sich heutzutage überhaupt anwenden? Ist es wirklich angemessen, alle unsere Nächsten ständig zu lieben? Doch dann habe ich etwas erlebt, das mir diese Frage beantwortet hat. Es ist nicht nur möglich, sondern notwendig. Ja, zu lieben, wie Jesus es uns gelehrt hat, heilt die tiefsitzende Feindseligkeit Andersdenkenden gegenüber, die nach Aufmerksamkeit schreit.

Mein Rentnerpferd ist auf einer Farm untergebracht, die nur zehn Minuten von meinem Haus entfernt ist. Im vergangenen Herbst erfuhr ich, dass der Gemeinderat beschlossen hatte, die Zufahrtsstraße zu dieser Farm nicht länger instand zu halten. Das hatte erhebliche Implikationen: Die Anlieger dieser Straße würden einen beachtlichen Wertverlust ihrer Grundstücke erleiden, da die Straße irgendwann unpassierbar werden würde, und zwar nicht nur für die Allgemeinheit, sondern auch für Rettungsdienste. Dieser Beschluss war gefasst worden, ohne die Anlieger vorher zu informieren. Panik machte sich breit, und für die nächste öffentliche Sitzung des Gemeinderats am folgenden Abend wurde heftiger Widerstand vorbereitet.

Im Verlauf des Tages wurde ich zunehmend verärgert über diese Situation, besonders angesichts der möglicherweise fragwürdigen Motive des Bürgermeisters und der Gemeinderatsmitglieder. Als ich am nächsten Morgen betete, bevor ich in den Tag startete, beschäftigten mich diese Gedanken wieder sehr stark. Doch irgendwann hielt ich inne. „Moment mal“, dachte ich. „Ich weiß etwas über Gottes Güte und Gnade – und über die Ehrlichkeit und Integrität des Menschen als Gottes Bild und Gleichnis. Was tue ich hier eigentlich?“ Ich erkannte diese Botschaft als den Einfluss des Christus, der wahren Idee von Gott – der göttlichen Liebe –, die so zu jedem Menschen spricht, wie wir es verstehen können (siehe Mary Baker Eddys Hauptwerk, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, S. 332).

Anstatt mich von den mentalen Strömungen der Hoffnungslosigkeit, Spaltung und Abneigung mitreißen zu lassen, stellte ich mich auf die Seite des göttlichen Prinzips. Ich dachte an mögliche Motive der Gemeinderatsmitglieder, sich zur Wahl zu stellen, darunter ihre Liebe zu ihrer Gemeinde. Und ich argumentierte, dass Gottes Güte keine begrenzte Menge ist, die aufgeteilt werden muss, wodurch dann automatisch jemand zu kurz kommt. Gott ist das unendliche Gute, also kann niemand von diesem Guten, von Fortschritt und von Sicherheit abgeschnitten werden.

Ich beschloss, als Zeugin für Gottes universale Regierung an der Sitzung teilzunehmen und darauf zu vertrauen, dass nur Entscheidungen Bestand haben können, die die Integrität von Prinzip widerspiegeln. Ich konnte wie Gamaliel in der Bibel argumentieren (Apostelgeschichte 5:38, 39): „Wenn dieser Rat oder dieses Werk von Menschen ist, dann wird es untergehen, wenn es aber von Gott ist, dann könnt ihr es nicht zerstören.“

Obwohl viele Personen an der Versammlung teilnahmen, durften nur wenige das Wort ergreifen, und das schuf nicht gerade Vertrauen. Doch ich betete stetig weiter und bekräftigte, dass wir alle in Liebe zu unserer Gemeinde vereint waren und dass gute, richtige Ideen einander nicht entgegentreten können. Später an jenem Abend fühlte ich mich dazu inspiriert, dem Bürgermeister und den Gemeinderatsmitgliedern eine E-Mail zu senden, in der ich ihnen meine Anerkennung aussprach und erklärte, wie sehr ich die Nachbarschaft und die Grundstücke schätze.

Voll Frieden legte ich mich schlafen und hatte am nächsten Morgen mehrere Antwort-Mails erhalten, darunter eine vom Bürgermeister. Er versicherte mir, dass der Gemeinderat diese Entscheidung noch einmal überdenken würde und dass er selbst eine Änderung erwartete. Auf der nächsten Sitzung wurde der Beschluss, die Straße nicht länger instand zu halten, aufgehoben, obwohl mir mehrere Personen gesagt hatten, dass dies aufgrund der Einstellungen gewisser Gemeinderatsmitglieder unmöglich sein würde. Der Bürgermeister gab sogar zu, dass die Entscheidung ein Fehler gewesen war, und entschuldigte sich.

Ich war natürlich sehr dankbar für diese Umkehrung einer unfairen Entscheidung. Doch die Lektion, die ich über Politik gelernt hatte, war noch wertvoller für mich. Durch diese Erfahrung erkannte ich, dass jede augenscheinlich unlösbare Situation in Wirklichkeit nichts als eine falsche, verzerrte Sicht auf die Dinge ist. Ich merkte, wie schnell ich unbewusst von der entzweienden Sichtweise meiner Mitmenschen mitgerissen worden war. Und ich merkte, wie schnell und wirksam mich das göttliche Prinzip, Liebe, wachrütteln konnte, sodass ich erkannte, was geistig wirklich vor sich ging.

Ich verfolge nationale und internationale Ereignisse wie bisher, merke aber, dass meine Gebete gezielter geworden sind. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass ich, was eine politische Einstellung angeht, im Grunde keine habe – dass ich mich weigern kann, mich von der Vorstellung mitreißen zu lassen, dass jede Bürgerin und jeder Bürger der Welt mir oder irgendjemand anderem gegenüber hasserfüllt eingestellt ist, nur weil wir unterschiedliche Sichtweisen, Herkünfte, ethnischen Zugehörigkeiten usw. haben. Ich schöpfe neue Hoffnung, dass durch beharrliche Gebete von einem jeden von uns die tiefen politischen Spaltungen – und jedwede sogenannten unüberwindlichen Probleme, die diese Spaltungen noch weiter fördern – geheilt werden können.

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