Eine Person, die wir nicht sonderlich mögen, bekommt ein paar Schwierigkeiten. Ein bisschen Schadenfreude schadet hier nicht, oder? Vielleicht hat die Person jetzt das bekommen, was sie verdient? Schadenfreude ist hierfür so ein schönes, passendes Wort, denn es drückt das Vergnügen aus, andere in der Klemme zu sehen. Früher fand ich das völlig in Ordnung und sogar natürlich.
Doch durch meine Beschäftigung mit der Christlichen Wissenschaft habe ich gelernt, dass Gott, Geist, unsere Identität als vollständig geistig kennt und dass Gott uns alle liebt. Als Christinnen und Christen sind wir aufgefordert, uns auf den göttlichen Charakter zu fokussieren und dessen Ausdruck in uns und anderen wertzuschätzen. Christus Jesus wies in seiner Antwort auf die Frage: „Welches ist das größte Gebot im Gesetz?“ nachdrücklich darauf hin und sagte (Matthäus 22:37–39): „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Das ist das erste und größte Gebot. Das Zweite aber ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Sich zu freuen, wenn einer anderen Person ein Missgeschick passiert, passt keineswegs zu diesen beiden Geboten.
Ehrliche Christinnen und Christen erkennen, dass sich Schadenfreude nicht damit vereinbaren lässt, Jesus nachzufolgen. Wir wissen nicht, ob der Pharisäer Saulus schadenfroh war, bevor er zum Apostel Paulus wurde. Doch so wie Saulus zunächst in der Bibel beschrieben wird, war er ganz darauf konzentriert, die ersten Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu zu verhaften und einzusperren, auch, als er unterwegs nach Damaskus war, um die dortigen Gläubigen in Angst und Schrecken zu versetzen. Sicher war das Letzte, womit er gerechnet hatte, auf dem Weg plötzlich und vollständig konvertiert zu werden – und dann Jesus selbst von ganzem Herzen nachzufolgen. Doch genau das geschah. Er erlebte ein Umdenken von 180 Grad – von Böswilligkeit zu einer Religion der Liebe (siehe Apostelgeschichte 9:1–20).
Später beschrieb der Apostel das Gefühl lebendiger Liebe, das zum Mittelpunkt seines neuen Lebenszwecks und seiner Lebensmission geworden war. In der Neuen Genfer Übersetzung wird es so ausgedrückt (1. Korinther 13:4–6): „Liebe ... trägt keinem etwas nach. Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit.“
Aus einer praktischen, geistigen Sichtweise haben wir einen Anteil an dem Guten, das andere erleben, da alles wahrhaft Gute von Gott kommt, der Liebe ist. Wenn wir Güte sehen – überall und bei allen –, können wir Gottes universale Gegenwart und Liebe anerkennen. Wenn wir jeden Ausdruck der Barmherzigkeit der göttlichen Liebe akzeptieren und freudig zur Kenntnis nehmen, werden wir gesegnet.
Mary Baker Eddy, die Gründerin des Herolds, schreibt (Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, S. 518): „Die geistig Reichen helfen den Armen in einer großen Bruderschaft, in der alle dasselbe Prinzip oder denselben Vater haben; und gesegnet ist der Mensch, der seines Bruders Not sieht und ihr abhilft, indem er das eigene Gute in dem des anderen sucht.“ Diese Lehre ist kompromisslos. Jesus warnt uns sogar vor großer Gefahr, wenn wir andere auch nur einen Dummkopf nennen (siehe Matthäus 5:22).
Obwohl das sehr streng klingt, machte der Meister äußerst klar, dass wir andere nicht wütend verurteilen dürfen. Er lehrte, dass wir unsere eigenen Fehler in Augenschein nehmen müssen, bevor wir andere kritisieren (Lukas 6:41): „Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge nimmst du nicht wahr?“ Und an anderer Stelle sagt er (Matthäus 7:1, 2): „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden.“ Allerdings zögerte er nicht, falsches Denken und Handeln öffentlich streng zurechtzuweisen (siehe beispielsweise Matthäus 23).
Ich kann seine Lehren am wirksamsten befolgen, indem ich bete. Gebet in der Christlichen Wissenschaft ist nicht nur eine Hoffnung, dass Gott eine Situation in Ordnung bringen wird, so ehrlich solch eine Bitte auch sein mag. Statt mich heimlich zu freuen, wenn jemand „sein Fett wegbekommt“, bete ich, um für mich zu bekräftigen, dass das eine unendliche Gemüt, Gott, von allen Menschen umsichtig zum Ausdruck gebracht wird. Wenn ich Gottes Wesen als unendlich gut und die Wirklichkeit allen Seins anerkenne, hilft mir das zu verstehen, dass alles, was Gott unähnlich ist, weder eine Quelle, eine Identität, eine Ursache noch eine Wirkung hat. Mrs. Eddy erklärt in Wissenschaft und Gesundheit (S. 475–476 sowie 306): „Ein sterblicher Sünder ist nicht der Mensch Gottes“ und „Der Mensch Gottes ist geistig erschaffen und weder materiell noch sterblich.“
Gott, Geist, hat Seine Kinder nach Seinem Ebenbild erschaffen. Wenn also das, was wir als einen sterblichen Sünder wahrnehmen, nicht der Mensch Gottes ist, dann haben wir als christlich Denkende eine einzigartige Gelegenheit. Bei dem fehlgeleiteten Verhalten eines Menschen können wir Gott bitten, uns die geistigen Qualitäten zu zeigen, die das göttliche Gemüt an der betreffenden Person wahrnimmt. Warum? Weil das, was Gemüt kennt, für immer wahr ist.
Hier sind geistige Disziplin, geistige Klarheit und geistiges Vorgehen von unschätzbarem Wert. Unseren geistigen Sinn – die einzige Wahrnehmung, die über Sterblichkeit hinaussehen kann – zu kultivieren befähigt uns, Gottes geliebte Idee mental von dem zu trennen, was wir als einen irregeleiteten Sterblichen sehen. Dann erkennen wir jeden Menschen als vollkommene, geistige Idee. Das ist die wahre Essenz eines jeden Menschen, auch wenn die sterbliche Sichtweise das Gegenteil darstellt.
Für mich besagt das Gebot, unseren Nächsten zu lieben, dass wir jeden Menschen als Ausdruck Gottes, des all-aktiven Guten, wertschätzen sollen. Anderen Pech zu wünschen oder uns auch nur ein wenig zu freuen, wenn sie Pech haben, ist für ein christliches Leben und Praktizieren nicht angemessen. Und unsere „geistige DNA“ enthält genau das Gegenteil. Es liegt in unserer gottgegebenen Natur, anderen ehrlichen Herzens nur das Beste zu wünschen. Dadurch, dass wir das “eigene Gute in dem des anderen” finden, nimmt auch unsere Freude zu.
