In einer Zeit, in der Fake News so üblich waren wie heute, fuhr eine Gruppe Reporter nach Concord in New Hampshire, USA, um negative Einzelheiten über eine landesweit berühmte Frau ans Tageslicht zu bringen. Diese Frau war Mary Baker Eddy, Gründerin einer neuen protestantischen Religion, die das Ziel verfolgte, Jesu Verheißung zu erfüllen (Johannes 14:12): „Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue.“ Mrs. Eddy und ihre Kirche folgten dem Beispiel seiner Jünger und der frühen Christinnen und Christen, die mehrere hundert Jahre lang große Heilungen vollbracht hatten. Sie selbst hatten ebenfalls erhebliche Erfolge im christlichen Heilen. Damit zogen sie das Interesse der Menschen auf sich – mit dem Ergebnis sensationslüsterner Berichterstattungen.
„Wir glaubten nichts anderes als nur das Schlimmste von jedem Menschen“, erzählte Louis Weadock, ein Starreporter beim New York Herald später einer Kollegin mit Namen Adela Rogers St. Johns, „und wir wollten Mrs. Eddy dem Hohn und Spott aussetzen, wir wollten sie bloßstellen und denunzieren, wenn es möglich wäre“ (siehe Yvonne Caché von Fettweis und Robert Townsend Warneck, Mary Baker Eddy: Christliche Heilerin, erweiterte Ausgabe, S. 376–381). Mrs. Eddy ernannte Irving Tomlinson zum Ansprechpartner für die Presse. Dieser berichtete später in einer Niederschrift, dass sie ihm eine Botschaft an „den führenden Mann“ in dieser Gruppe von Reportern gegeben hatte. Der Mann hatte ein äußerst schmerzhaftes Geschwür am Hals, von dem seine Kollegen dachten, dass es Krebs sein könnte.
Als Mr. Tomlinson anrief und „den führenden Mann“ verlangte, ging Mr. Weadock ans Telefon und sagte, dass dieser Mann „zu krank sei, um ans Telefon zu kommen, und sowieso nicht sprechen könne“. Doch Mr. Tomlinson betonte seine Bitte, mit ihm zu sprechen, da Mrs. Eddy ihm aufgetragen hatte, nur mit dem führenden Mann direkt zu reden. Der Mann kam widerwillig ans Telefon und hörte zu. Als er sich nach dem Telefonat umdrehte, „konnte er nicht nur richtig sprechen, sondern war auch völlig geheilt“.
Geheilt.
Betrachten wir die Nachrichten – und die Personen, über die berichtet wird, sowie die Journalistinnen und Journalisten, die über sie schreiben – mit derselben Liebe, die Mary Baker Eddy diesem Mann gegenüber zum Ausdruck gebracht hat, obgleich er augenscheinlich darauf aus gewesen war, sie in einer der größten Zeitungen New Yorks zu verteufeln? Mir kam der Gedanke, dass diese Liebe die Grundlage für ihre Vision für den Christian Science Monitor war, den sie ein Jahr später gründete. Wie sie in der ersten Ausgabe schrieb, sollte das Ziel der Zeitung sein, „keinem Menschen zu schaden, sondern die ganze Menschheit zu segnen“ (Die Erste Kirche Christi, Wissenschaftler und Verschiedenes, S. 353).
Im ähnlich angespannten heutigen Medienzeitalter müssen alle, die mit den Nachrichten zu tun haben – ob die Berichterstatterinnen und Berichterstatter, die Leserschaft oder diejenigen, die im Mittelpunkt der Berichte stehen –, mit Negativität, Zynismus, Selbstgerechtigkeit, unproduktiven Einflüssen und sogar Hass umgehen. Es gibt unzählige komplexe, schwerwiegende Themen, mit denen die Menschheit sich auseinandersetzen muss, und ebenso viele Kanäle, über die man die Nachrichten besprechen, debattieren oder beklagen kann – herkömmliche Nachrichtenquellen, rund um die Uhr aktive Kabelsender und soziale Medien.
Doch wir alle haben eine Gelegenheit, die Menschen und Themen in den Nachrichten von einer höheren Warte zu betrachten, indem wir die Lehre von Christus Jesus befolgen, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst.
Ein Gesetzesgelehrter fragte Jesus einst: „Wer ist denn mein Nächster?“ Vorher hatte Jesus ihn gefragt, was im religiösen Gesetz geschrieben steht, und der Gelehrte hatte ihm geantwortet: Gott von ganzem Herzen zu lieben und seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst. Er kannte den Wortlaut des religiösen Gesetzes, schien aber den Geist nicht erfasst zu haben. Und doch hatte er augenscheinlich den Wunsch, beides zu verstehen. Und so beantwortete Jesus die Frage: „Wer ist denn mein Nächster?“ mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (siehe Lukas 10:25–37).
Dieses Gleichnis ist ein gutes Beispiel dafür, für unsere Mitmenschen zu sorgen, und lässt sich auch auf unsere Einstellung gegenüber den Nachrichten beziehen, ob es um die Person im Mittelpunkt der Berichterstattung geht oder die Person, die den Artikel geschrieben hat. Ebenso relevant ist es für unsere Sicht auf jemanden aus unserem Bekanntenkreis, dessen Wahl der Nachrichtenquelle oder Auslegung der gegebenen Informationen wir ablehnen.
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter handelt von einem Mann, der von Jerusalem nach Jericho unterwegs war. Auf dem Weg fiel er unter die Räuber, die seine Kleidung stahlen, ihn schwer verletzten und dann halbtot liegenließen.
Wenn jemand aufgrund von Fehlinformationen, Desinformationen oder einer äußerst polarisierten Nachrichtenüberbringung in die Irre geht, könnte man sagen, dass er „unter die Räuber gefallen“ ist. Wir müssen unser eigenes Denken schützen und anderen zur Seite stehen, damit sie nicht von Menschen ihrer natürlichen Intelligenz, kritischen Denkfähigkeit und Würde beraubt werden – von Menschen, die versuchen, sie zu manipulieren und ihnen ihre Selbstregierung, ihre Vernunft und ihr Gewissen zu nehmen. Das sind Dinge, die Mrs. Eddy als „unveräußerliche Rechte“ bezeichnet (siehe Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, S. 106). Einige fühlen sich vielleicht verwundet, tieftraurig und sogar gelähmt vor Angst und Wut über die Richtung, die ihre Stadt, ihr Land oder die Welt eingeschlagen hat. Das kann die eigene natürliche Fähigkeit schwächen, das Leben mit Entschlossenheit, Klarheit und Kraft sowie in Freiheit zu leben. Und manche haben vielleicht sogar ihrem Freundes- und Familienkreis den Rücken zugekehrt oder wurden selbst verlassen wegen ihrer Überzeugungen oder ihres Umgangs mit den Nachrichten.
Wer war in Jesu Gleichnis zur Hand, um dem Verletzten zu helfen? Schon bald kam ein Priester des Weges. Er sah den Verletzten, ging aber auf der anderen Straßenseite an ihm vorbei. Dann kam ein Levit des Weges – die Leviten waren dafür zuständig, die vielen religiösen Gebote durchzusetzen, die für die Anbetung im jüdischen Tempel in Jerusalem zu beachten waren –, und auch er schaute sich den Mann an und ging dann auf der anderen Straßenseite weiter. Und dann kam ein Samariter. Was tat er? Hier ist eine schöne Liste der Verben, die seine Taten beschreiben: Er kam, sah, es jammerte ihn, er verband (die Wunden), goss Öl darauf, hob den Mann auf, führte ihn (in die Herberge), pflegte, gab.
Haben wir uns schon mal wie der Mann am Straßenrand gefühlt und beobachtet, dass andere vorbeigingen, weil sie uns für unwürdig oder unsere Situation für hoffnungslos hielten? Oder hat es Situationen gegeben, in denen wir jemanden wie diesen Mann sahen und – buchstäblich oder metaphorisch – auf der anderen Straßenseite vorbeigingen und die betreffende Person vielleicht latent die Schuld an ihrer ernsten Lage gaben? Wenn wir auf jemanden zugegangen sind, der verletzt war oder kämpfte aufgrund von Nachrichten, die er sich einverleibt hatte, haben wir diesen Menschen kritisiert oder als unwichtig erachtet, oder hatten wir Mitgefühl? Haben wir die Wunden dieser Person weiter aufgerissen oder haben wir sie verbunden und den Balsam heilender Ideen aufgetragen? Waren wir großzügig genug, einen Umweg mit ihr zu gehen und sie zu versorgen – waren wir bereit, so viel unserer eigenen Ressourcen zu investieren, wie nötig, bis sie sich wiederhergestellt fühlte?
Kurz gesagt, inwieweit behandeln wir uns und andere in solch einer Lage mit einem heilenden Motiv der Liebe, so wie Mrs. Eddy es getan hat? Tragen wir zur Heilung in ihrem – und unserem – Leben bei?
Mrs. Eddy beschreibt in einem Artikel in Vermischte Schriften 1883–1896 (S. 355–359) mit der Überschrift „Der Weg“ drei Eigenschaften, die für christliches Heilen erforderlich sind: Selbsterkenntnis, Demut und Liebe. Diese Eigenschaften sind absolut maßgeblich dafür, wie wir uns mit den Nachrichten und unseren Mitmenschen auseinandersetzen und wie wir an sie herangehen.
Beginnen wir mit Selbsterkenntnis: Christus Jesus spricht in der Bergpredigt darüber, wie wichtig es ist, den Balken aus unserem eigenen Auge zu entfernen, bevor wir jemanden auf ein Staubkorn in seinem Auge hinweisen.
Dann Demut: Demut ist sehr wichtig für den Journalismus und die Leser- und Hörerschaft der Nachrichten, besonders, wenn es um Nachrichten über Menschen geht, deren Meinungen genau das Gegenteil von unseren sind.
Und schließlich Liebe: Ein Ausdruck hierfür ist die journalistische Goldene Regel des Monitors, keinem Menschen zu schaden, sondern die ganze Menschheit zu segnen. Dazu gehört, so fair wie nur möglich zu sein – eine große Bandbreite an Meinungen respektvoll und umsichtig mit Weisheit und in einem angemessenen Kontext wiederzugeben.
Wenn es etwas gibt, das aufgedeckt und gehandhabt werden muss, dann wird dies auf eine Weise getan, die das Problem als unpersönliches Übel und eine Manifestation der Gesinnung des Fleisches deutlich macht, von der Paulus im Römerbrief spricht. Statt einen Menschen persönlich anzugreifen, bemüht sich der Journalismus des Christian Science Monitors um eine Berichterstattung, die der Hoffnung (und stillen Überzeugung) Ausdruck verleiht, dass jeder Mensch Gottes Plan für ihn letztendlich erfüllen kann.
Dieses Engagement für Fairness segnet auch die Leserschaft, denn sie erhält eine ausgewogenere Sicht auf die betreffenden Personen und ihre Denk- und Handelsweise, wodurch die Leserinnen und Leser das Böse von den Menschen trennen und wirksamer über das Böse beten können, statt wütend und empört zu sein. Und dieses Engagement segnet uns Journalistinnen und Journalisten, denn es fordert von uns, unsere eigene Meinung außer Acht zu lassen und ehrlich zu versuchen, die Menschen und die jeweilige Situation zu verstehen.
Das Ziel der Fairness dabei, wie wir an andere herangehen, ist daher wichtig und trägt auch Früchte. Eine bessere Herangehensweise könnte sein: „Wie kann ich mit Liebe an die Nachrichten und die beteiligten Personen herangehen?“ „Wie kann ich zur Heilung der Situation beitragen?“ – so wie Mrs. Eddy es hinter den Kulissen zugunsten des Reporters in Concord durch Gebet tat.
Die Journalistin Adela Rogers St. Johns sagte, Mr. Weadock habe ihr berichtet, wie Mrs. Eddys augenblickliche Heilung des Geschwürs am Hals seines Kollegen die Einstellung der Reporter „zur Christlichen Wissenschaft völlig änderte und einen entscheidenden Umschwung brachte, sodass sie zu einem fairen Standpunkt in ihrem Vorgehen gelangten und von einem wirklichen Verlangen beseelt waren, fair mit Mrs. Eddy umzugehen. Tatsächlich hofften sie, dass sie vollständig gerechtfertigt daraus hervorgehe, was natürlich der Fall war.“
Das Wundervolle hier ist, dass die christliche Liebe und Heilung erst kamen und dann die Fairness, und nicht umgekehrt. Fairness ist kein mechanischer Schritt hin zu Liebe, sondern das Ergebnis von Liebe. Solch eine Liebe befreit uns von Aufruhr, ob wir die Nachrichten berichten, die Berichte bearbeiten oder sie lesen.
Als diejenigen, die für den Christian Science Monitor schreiben, ihn lesen und abonnieren, haben wir eine Gelegenheit, für die Welt zu beten und zur Heilung beizutragen. Und mit dieser Gelegenheit geht die wesentliche Rolle einher, Herausforderungen im Gebet mit Selbsterkenntnis, Demut und Liebe anzugehen.
Das ist der Standard der göttlichen Liebe, die das Ziel des Monitors festigt, unterstützt und fördert, „keinem Menschen zu schaden, sondern die ganze Menschheit zu segnen“.
Christa Case Bryant
Chefredakteurin, The Christian Science Monitor
