In meinen Zwanzigern zog ich in eine neue Stadt, die an jeder Straßenecke eine gut gefüllte Bar zu haben schien. Sehr schnell beteiligte ich mich daran, besondere Anlässe mit Alkohol zu feiern, und fast alles eignete sich als „besonderer Anlass“.
Ich meinte, dass Alkohol meinem Leben Spaß und Freunde verlieh und mich lockerer machte. Jedenfalls behauptete ich das vor mir selbst. Von außen betrachtet sahen ein paar alkoholische Getränke in Gesellschaft harmlos aus, doch ich entdeckte schnell, dass sie auch Nachteile hatten. Die meisten meiner Trinkfreundschaften waren oberflächlich, und je mehr ich trank, desto unsicherer und deprimierter fühlte ich mich. Momentane Hochgefühle waren im Grunde immer von einer Abwärtsspirale gefolgt. Und es war mir kaum möglich, einen klaren Kopf zu bekommen, bevor der nächste „besondere Anlass“ auftrat.
Meine Mitbewohnerin und ich hatten immer an denselben Tagen frei und betranken uns dann oft zusammen. So ging es mehrere Jahre lang, und meine Unsicherheit und Angst nahmen dementsprechend zu.
Irgendwann gingen meine Mitbewohnerin und ich getrennte Wege. Wie viele aus unserem Freundeskreis nahm sie später ein Programm zur Behandlung von Alkoholismus in Anspruch, das ihr Hilfe und Unterstützung beim Erlangen ihrer Freiheit bot. Doch als ich mir schließlich selbst gegenüber zugab, dass ich ein Problem hatte, ging es mir nicht darum, den Alkoholkonsum zu stoppen. Vielmehr wollte ich von dem Gefühl der Unsicherheit geheilt werden, das dazu geführt hatte, dass ich überhaupt trank.
Als ich an meine Zeit in einer Sonntagsschule der Christlichen Wissenschaft zurückdachte, kam mir der Gedanke, Hilfe im Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy, zu suchen. Langsam und wie von selbst begleitete mich wieder die Lehre, dass wir alle ein geliebtes Kind Gottes sind. Mrs. Eddy erklärt (S. 317): „Das Verständnis seiner geistigen Individualität macht den Menschen wirklicher, gewaltiger in der Wahrheit und befähigt ihn, Sünde, Krankheit und Tod zu besiegen.“ Ich wollte verstehen, was das für mich als Mensch bedeutet, und mehr über meine einzigartige, gottgegebene geistige Identität erfahren.
Ich fragte mich: „Wenn ich kein unsicherer, von Alkohol abhängiger Mensch, sondern das geliebte Kind Gottes bin, was bedeutet das dann in Bezug darauf, wer oder was ich bin?“ Ich musste mich neu entdecken. Ich musste lernen, dass keine äußere Quelle mir wahre Gelassenheit, Freude oder Befriedigung geben kann. Diese Eigenschaften müssen von innen kommen. Ich musste die Tatsache aufdecken, dass meine von Gott erschaffene Identität Vergnügen, Zufriedenheit und Energie aus göttlicher Quelle in sich aufnimmt.
Diese Suche ging viel tiefer als damals mein Sonntagsschulunterricht, doch Gott als unendliche Liebe zu erkennen war ein wichtiger Anfang. Bei meiner Beschäftigung mit Wissenschaft und Gesundheit war ich froh, diesen Satz zu finden (S. 231): „Sünde zu fürchten hieße die Macht der Liebe und die göttliche Wissenschaft des Seins in der Beziehung des Menschen zu Gott misszuverstehen – Seine Regierung anzuzweifeln und Seiner allmächtigen Fürsorge zu misstrauen.“ So wie ich Sünde verstehe, schließt sie alles Denken und Handeln ein, das uns und anderen Schaden zufügt.
Ich fing an, tief in die Christliche Wissenschaft einzutauchen. Erst erlebte ich das, was Mrs. Eddy in Wissenschaft und Gesundheit beschreibt, als sie ihre eigene Frage über ein Leben ohne persönliche Freunde beantwortet (S. 266): „Dann wird die Zeit kommen, in der du einsam sein und Mitgefühl vermissen wirst; aber dieses scheinbare Vakuum ist bereits von göttlicher Liebe erfüllt.“ Das bewahrheitete sich für mich. Während meines weiteren geistigen Studiums fiel die Gewohnheit, Alkohol zu trinken, schlicht und einfach von mir ab, zusammen mit den co-abhängigen Beziehungen, die meinem geistigen Wachstum im Weg standen.
Nicht lange danach zog ich an einen neuen Ort um, und mein Leben füllte sich mit einem neuen Freundeskreis, mit dem ich gemeinsame Interessen hatte. Als ich ein klareres Verständnis meiner Identität als Gottes Kind entwickelte und darauf vertraute, entdeckte ich bereichernde Interessen wie Tanz, Musik, Wandern, Kirche und Nachhilfeunterricht in Englisch. Meine Einstellung hatte sich geändert, und ich sah viel Gutes im Leben, das ich mit anderen teilen konnte, ohne dass Alkohol als „Stärkung“ nötig war.
Ich erhielt den Beweis, dass ich wirklich von Gruppenzwang frei war, als einige Freundinnen aus meinem vorherigen Wohnort zu Besuch in meiner Stadt waren. Nachdem wir mehrere interessante Teile der Stadt besichtigt hatten, gingen wir zum Tanzen in einen Nachtclub. Eine mir unbekannte junge Frau, die mit den Freundinnen gekommen war, sagte, ihr sei aufgefallen, dass ich gar keinen Alkohol trank. Ich hatte das interessanterweise gar nicht bemerkt, bis sie mich darauf ansprach. Sie fragte mich ehrlichen Herzens, wie es war, nicht zu trinken. Ich hatte großes Verständnis für sie, weil ich dasselbe reine Verlangen erkannte, das ich gehabt hatte, als ich einen anderen Lebensweg für mich finden wollte.
Mein Alkoholkonsum hörte nicht einfach dadurch auf, dass ich zu der Überzeugung gelangte, ich sollte nicht trinken. Ich musste meine ganz eigenen Gründe finden, damit aufzuhören. Zwar hatte ich gelernt, dass Alkohol trinken schlecht war, doch ich wollte, dass Gott mir einen wichtigeren Grund gab, um damit aufzuhören, und genau das passierte: Mir wurde klar, dass mich das Trinken davon abgehalten hatte, Gott wirklich zu kennen und mich selbst so zu sehen, wie Gott mich kannte.
Statt mir etwas zu versagen, erlangte ich die Freiheit, ohne Alkohol ich selbst zu sein, und das war die vollständige Heilung. Zu erkunden, wer ich wirklich bin, erschien mir zuerst beängstigend, weil ich nicht wusste, was ich dort finden würde. Doch je tiefer ich in die Christliche Wissenschaft eindrang, desto offener wurde ich dafür, meine wahre Individualität zu verstehen. Ich fing an, mich selbst mehr als ein Ausdruck Gottes zu verstehen, als ein Ausdruck der göttliche Liebe und Seele und des göttlichen Geistes und Gemüts und weiterer Synonyme für Gott zu erkennen, die ich in der Bibel und in Wissenschaft und Gesundheit gefunden hatte. Ich erlebte immer mehr die Freiheit, ein wahreres Verständnis von mir selbst zum Ausdruck zu bringen.
Da ich auch weiterhin mit Personen befreundet bin, die gelegentlich Alkohol trinken, begriff ich, dass ich jede Kritik an denen fallen lassen musste, die Alkohol konsumieren. Wenn es wahr über mich ist, dass ich eine vollständig geistige Identität habe, dann trifft es auch auf andere zu. Meine Aufgabe ist, auf dieser Grundlage mehr Verständnis zu zeigen.
Kürzlich reichte mir jemand ein Glas Wein, als ich eine Freundin besuchte. Ich musste lachen, als ich mich schon allein vom Geruch des Weins abgestoßen fühlte. Da wurde mir klar, wie lange ich keinen Alkohol mehr getrunken hatte und wie weit er von meinem Alltag entfernt war. Stattdessen habe ich immer eine schöne und fröhliche Zeit mit anderen verbracht und dabei einen klaren Kopf bewahren können.
Dieser Tage suche ich mir keine Trinkrunde mehr, sondern bin sehr zufrieden, wenn ich Zeit damit verbringe, in einem Café ein Buch zu lesen, einen Spaziergang zum Nachdenken am Strand zu machen und nach Delfinen Ausschau zu halten – und dem grünen Licht, das sich manchmal bei Sonnenauf- oder -untergang zeigt – oder entspannt mit anderen zu kochen. Es gibt keinen Alkohol mehr in meinem Leben, der mich der Frische meines wahren Selbst und meines Gefühls der Nähe zu Gott berauben kann. Statt eines Katers genieße ich dankbar die einfachen Freuden des Lebens.
Selbstverständlich gibt es Zeiten, in denen ich mit Herausforderungen und Selbstzweifeln kämpfe. Doch sie treten seltener auf und verschwinden schneller. Wenn sie auftreten, ist Alkohol nicht mehr mein Lösungsmittel. Ich habe Gottes Liebe und die Wissenschaft des Christus immer in greifbarer Nähe, die mich trösten und mir mein wahres Selbst bewusst machen.
