In der Apostelgeschichte (3:1–8) in der Bibel lesen wir von der Heilung eines Mannes, der „lahm von Mutterleib an“ war. Seine Freunde setzten ihn täglich an eine der Türen zum jüdischen Tempel in Jerusalem, damit er dort betteln konnte. Nach Jesu Himmelfahrt begegneten seine Jünger Petrus und Johannes diesem Mann, als sie in den Tempel gingen, um zu beten. Auf die Bitte um ein Almosen sagte Petrus: „Silber und Gold habe ich nicht; aber was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazareners, steh auf und geh!“ Dann nahm Petrus den Mann bei der Hand und richtete ihn auf. Die Bibel berichtet: „Und er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang und lobte Gott.“
Aus materieller Sicht mag es den Anschein haben, als ob Petrus und Johannes eine Art mentaler Operation an den Unterbeinen des Mannes durchführten, wodurch sie den Geburtsfehler behoben und ihm die Kraft zu laufen verliehen. Doch die Heilung war viel umfassender. Wenn die Gebete der Apostel einfach eine körperliche Missbildung berichtigt hätten, wäre trotzdem eine monatelange Physiotherapie vonnöten gewesen, wie wir es heute nennen, damit er die notwendige Koordination und Balance entwickelte, die erforderlich sind, um aufrecht zu stehen und zu gehen, ganz zu schweigen davon, in die Luft zu springen und auf den Füßen zu landen. Und doch ging und sprang der Mann, als habe er nie eine körperliche Einschränkung gehabt.
Die Vollständigkeit und Augenblicklichkeit der Heilung des Mannes schließen die Suggestion aus, dass die Heilung durch eine Veränderung materieller Knochen und Sehnen bewerkstelligt wurde. Petrus und Johannes gingen eindeutig von einer höheren Grundlage als der Physiologie aus. Sie folgten dem Beispiel ihres Meisters Christus Jesus, der lehrte (Johannes 6:63): „Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze.“ Mit diesem Verständnis der Allerhabenheit des Geistes verhalfen sie dem Lahmen zu seiner rechtmäßigen Gestalt. Das ist dieselbe Heilungsmethode, die die Christliche Wissenschaft heute anwendet.
Christus Jesus heilte jede Art von Krankheit und Sünde und erweckte sogar die Toten, indem er den körperlichen Anschein von Krankheit und die sogenannten Gesetze der Physiologie zurückwies, die vorgeben, die Menschen zu regieren. Diese Überzeugungen sind damals wie heute „nichts nütze“. Die belebende Macht, die heilt und erneuert, ist Geist, Gott.
Jesus erkannte, dass Gott den Menschen nach Seinem Bild und Gleichnis erschaffen hat, wie wir im ersten Kapitel der Genesis lesen. Da Gott Geist ist, muss Sein Bild und Gleichnis geistig sein – vollständig losgelöst von jeder Form der Körperlichkeit. Jesus erkannte Gott als den Vater des Menschen an und zeigte seiner Zuhörerschaft mit jeder einzelnen Heilung, dass ein Gott der unendlichen Liebe Sein geliebtes Kind niemals einer Deformierung, einer Krankheit, einem Mangel oder einem sonstigen Leid aussetzen würde. Diese korrekte Sichtweise von Gottes zärtlicher Fürsorge für den Menschen heilte jede Abweichung von Seiner Norm.
Petrus und Johannes folgten treu Jesu Lehre und setzten bei dem Lahmen dieselbe Heilmethode ein. Sie wiesen die Suggestion zurück, dass dieser Mann ein materieller Organismus und somit von Knochen, Muskeln und Sehnen abhängig ist, um sich fortzubewegen. Stattdessen schauten sie auf eine geistige Idee Gottes, die die Kraft, Eleganz, Bewegungsfähigkeit und Freiheit widerspiegelte, die unser himmlischer Vater Seiner Idee verliehen hatte.
Diese Eigenschaften fehlten dem Mann nicht, sondern wurden nur durch den Mesmerismus eines materiellen Glaubens verdeckt, der behauptete, er sei mit einem fehlerhaften Körper in die Materie hineingeboren worden. Das klare Verständnis von Petrus und Johannes zerstörte den Mesmerismus und brachte den gegenwärtigen Status des Mannes als gesund und kräftig ans Licht. Alle im Tempel Anwesenden konnten ihn nun in einem reineren Licht sehen, als er ging und sprang und Gott lobte.
Und was geschah mit den Füßen und Knöcheln des Mannes? Wie wurden sie fest? Wir lernen in der Christlichen Wissenschaft, dass Materie der subjektive Zustand des sterblichen Gemüts ist – eine falsche Vorstellung von Leben, Substanz, Intelligenz und Menschlichkeit. Die Materie, einschließlich dessen, was wir als einen Körper wahrnehmen, ist nicht Substanz, sondern eine falsche mentale Vorstellung. Mary Baker Eddy, die Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft, schreibt in Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift (S. 173): „Was Materie genannt wird, manifestiert nichts anderes als eine materielle Mentalität.“
In dem Maße, wie ein geistiges Verständnis unsere Mentalität von dem falschen Glauben an eine an Materie gebundene Gesundheit und Substanz befreit, fallen die Irrtümer materieller Überzeugungen von uns ab. Wir nehmen die geistige Natur aller Wirklichkeit vielleicht nicht augenblicklich vollumfassend wahr. Doch die schlimmsten Verstöße gegen Gottes Güte, darunter Leid, Krankheit und körperliche Deformierung, verschwinden immer mehr. Für den Lahmen an der Tür zum Tempel und die anderen war er zwar immer noch ein endliches menschliches Wesen, aber sie betrachteten seine Füße und Knöchel nicht mehr als deformiert und kraftlos.
Die Lüge des sterblichen Gemüts war überzeugend aufgedeckt worden. Doch war dies das Ende der Lüge, die den Mann und seine Freunde all die Jahre betrogen hatte, das Ende aller Lügen des sterblichen Gemüts? Nein, keineswegs. Das sterbliche Gemüt hat nur den Wortlaut der Lüge etwas geändert – genug von den neu offenbarten Tatsachen aufgenommen, um glaubhaft zu klingen und weiterhin zu behaupten, dass Gesundheit und Leben von Materie abhängen. Die alte Lüge war, dass der Mann mit einer unheilbaren Behinderung auf die Welt gekommen war. Die neue Lüge besagte, dass die Gebete von Petrus und Johannes den Körper des Mannes verändert hatten, wodurch er die Kraft zu laufen erhalten hatte.
Das Argument des sterblichen Gemüts lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: „Ich bin der Diktator der Gesundheitsgesetze. Gott kann nur heilen, indem Er die Materie in Übereinstimmung mit meinen Forderungen bringt. Wenn Er das tut, lasse ich zu, dass der Mensch ein normales Leben aufnehmen kann.“ Das ist absurd! Gott ist dem sterblichen Gemüt nicht untertan – Er ist nicht dazu bestimmt, sich dem sterblichen Gemüt zu fügen, um Gesundheit herzustellen. Gott lässt sich von niemandem Befehle erteilen. Und jede Heilung bringt uns dem Verständnis näher, dass das sterbliche Gemüt keine wirkliche Wesenheit oder Intelligenz ist.
Die Bibel lehrt uns, dass Gott, das göttliche Gemüt, erhaben und allmächtig, der einzige Gesetzgeber und der Urheber und Erhalter von Gesundheit und Wohlbefinden in allen Lebewesen ist, einschließlich des Menschen. Gesundheit beruht auf Geist, nicht Materie. Wir lesen unzweideutig in Wissenschaft und Gesundheit (S. 120): „Gesundheit ist kein Zustand der Materie, sondern des Gemüts; auch können die materiellen Sinne kein zuverlässiges Zeugnis zum Thema Gesundheit liefern.“
Heilung in der Christlichen Wissenschaft findet immer im Denken statt. Wir erfreuen uns eines veränderten körperlichen Zustands, da er der Beweis dafür ist, dass der Glaube an Krankheit aus dem Denken entfernt wurde und nicht, weil Krankheit und Vitalität in irgendeiner Weise von der Materie abhängig sind. Trost und Heilung in der Materie zu suchen festigt den falschen materiellen Glauben, statt ihn zu verringern.
Mrs. Eddy schreibt in Wissenschaft und Gesundheit (S. 260–261): „Suchen wir Freude im Körper, so finden wir Schmerz; Leben, so finden wir Tod; Wahrheit, so finden wir Irrtum; Geist, so finden wir sein Gegenteil, die Materie. Kehre jetzt diesen Vorgang um. Schau vom Körper weg in Wahrheit und Liebe hinein, in das Prinzip aller Glückseligkeit, Harmonie und Unsterblichkeit. Halte das Denken beständig auf das Dauernde, das Gute und das Wahre gerichtet, und du wirst diese in dem Verhältnis erleben, wie sie dein Denken beschäftigen.“
Wenn wir beten, um Materie in Ordnung zu bringen, und sei es noch so gläubig und ehrlich, schränken wir unsere Fähigkeit zu heilen ein. Das wurde mir sehr deutlich, kurz nachdem ich mein erstes Haus gekauft hatte. Während ich an einem Wochenende unter dem Hausfundament arbeitete, gelangten Schmutz und Holzsplitter in meine Augen. Die meisten konnte ich entfernen, indem ich mir die Augen wusch, doch ein Splitter hatte sich in den Augapfel gebohrt und ließ sich nicht wegspülen. Tage vergingen, ohne dass sich etwas änderte. Ich konnte nur verschwommen sehen und jeder Wimpernschlag war unangenehm. Außerdem tat es weh, zum Schlafen die Augen zu schließen.
Eine Woche später schleppte ich mich entmutigt und erschöpft zur Kirche, allerdings auch begleitet von dem ehrlichen Verlangen nach der Wahrheit. Während ich der Lektionspredigt aus dem Vierteljahresheft der Christlichen Wissenschaft zuhörte, wandte ich jede Stelle auf meine Situation an.
Schon bald erkannte ich, dass ich das Problem von einer inkorrekten Prämisse aus angegangen war. Ich hatte das Zeugnis der körperlichen Sinne, das behauptete, dass die Sehfähigkeit von Körperorganen abhängig ist und dass in meinem Fall ein solches Körperorgan durch einen harten, spitzen, festsitzenden Gegenstand beschädigt worden war, absolut akzeptiert. Ich hatte die ganze Woche gebetet, um diesen scharfen Gegenstand zu entfernen, damit ich wieder normal sehen konnte.
Die Lektionspredigt zeigte mir eine bessere Sichtweise. Sie wies mich darauf hin, dass der Mensch geistig ist, nicht aus Materie zusammengesetzt, und dass Sehfähigkeit ein geistiger Sinn ist, den der Schöpfer dem Menschen verliehen hat. Sehen ist ewig, unveränderlich, unzerstörbar und schmerzlos. Die Materie kann nicht darauf einwirken. Am Ende des Gottesdienstes verließ ich die Kirche vollkommen befreit.
Wenn Petrus und Johannes geglaubt hätten, dass die Bewegungsfähigkeit des Mannes von materiellen Beinen abhängig war, hätten sie nicht bewirken können, dass der Lahme lief. Ebenso, wenn ich weiter darauf bestanden hätte zu glauben, dass die Sehfähigkeit von materiellen Augen abhängig ist, hätte ich den aufdringlichen Glauben, der meine Sehfähigkeit beschränkte, nicht abschütteln können.
In der Christlichen Wissenschaft, wie schon für Jesus und seine Jünger, gehört körperliches Heilen unverzichtbar dazu, Gott zu ehren. Dieses Heilen wird dadurch bewerkstelligt, dass wir die sogenannten Gesetze der Körperlichkeit und Materie zurückweisen, statt uns ihnen zu fügen. Wir sind durch das christusgleiche Verständnis unseres geistigen Ursprungs und Wesens dazu ermächtigt. Wenn wir Heilung in der Materie suchen, setzen wir Gott herab, begrenzen wir den Umfang und die Unmittelbarkeit der Heilung und schaffen eine instabile Grundlage für zukünftige Heilungen und weiteres geistiges Wachstum. Unser liebevoller Vater-Mutter-Gott ist immer bereit, unser Denken aus dem Sumpf des materiellen Glaubens in die Erkenntnis unserer geistigen Vollkommenheit zu führen – einen Bewusstseinszustand, in dem das Fleisch nichts nütze ist.
Paul Shankwiler
