Auf dem Weg durch meine Nachbarschaft sah ich im letzten Frühling, wie ein kleines flaumiges Etwas mitten auf der Straße landete. Ein Taubenküken, längst noch nicht flügge, war aus dem Nest gefallen. Ich hob den kleinen Vogel auf und setzte ihn auf den Bürgersteig in der Hoffnung, dass die Mutter kommen möge, doch zu meinem Schrecken landete ein Blauhäher neben ihm und hackte heftig auf ihn ein. Als ich den Blauhäher verscheucht hatte, sah ich bestürzt, wie übel die kleine Taube zugerichtet war – so schlimm, dass ich nicht einmal sicher sein konnte, ob sie überhaupt noch lebte.
Ich hob das Küken vorsichtig auf, betrübt über die scheinbar kaum vorhandenen Möglichkeiten einer Genesung, und hörte, wie eine Nachbarin mir riet, „der Natur ihren Lauf“ zu lassen.
Ich wusste, dass sie meinte, ich sollte den bevorstehenden Tod des Vögelchens akzeptieren, doch das rüttelte mich auf, das Gegenteil zu denken. Ich konnte darauf bestehen, dass die gottgegebene, geistige Natur dieses kleinen Wesens sich durch Heilung manifestieren würde.
Ich kenne mich mit der Versorgung von Vögeln nicht aus und beschloss daher, das Küken zu einer Pflegestelle für Wildvögel zu bringen, obwohl ich fürchtete, dass man ihm im gegenwärtigen Zustand wenig Chancen einräumen würde. Unsere örtliche Pflegestelle hatte schon geschlossen, und so musste ich die Taube über Nacht bei mir behalten.
Körperliche Probleme mit Gebet zu behandeln, ist für mich völlig natürlich, seit ich erwachsen bin, aber ich hatte keine Erfahrung mit einer so ernst aussehenden Situation. Die Verletzungen waren so stark, dass ich zugeben musste, keine eigene Macht zu haben, irgendetwas zu heilen oder wiederherzustellen. Ich wandte mich in Gedanken an Gott, die göttliche Liebe, und vertraute vollständig auf die Wahrheit, dass der Vogel als geistige Idee im göttlichen Gemüt versorgt war. Als ich das tat, wurde ich von der selbstauferlegten und falschen Last befreit, ich müsse das kleine Wesen gesundbeten. Stattdessen bestätigte ich die göttliche Natur des kleinen Vogels als Schöpfung der Liebe, sicher im Himmelreich geborgen.
Rückblickend ist mir klar, dass mein vollständiges Loslassen jeglicher persönlichen Verantwortung bezüglich des Ergebnisses mich befähigte, den Vogel ganz und gar in Gottes Hand zu legen. Meine Aufgabe war, die göttliche Natur des Kükens froh anzuerkennen und in Gedanken darauf zu bestehen, dass nichts diese vollkommene Idee von ihrem Schöpfer, Gott, trennen konnte.
Ich setzte meine kleine Gefährtin sanft in einen Schuhkarton und sprach laut aus, dass ihr Vater-Mutter-Gott hier bei ihr war. Ich wusste mit ganzem Herzen, dass Gottes immer-gegenwärtige Liebe alles lenkte, was für das Tier richtig war. Sämtliche Überlegungen hinsichtlich eines möglichen Ausgangs der Situation und des voraussichtlichen Zeitpunkts einer Heilung brachte ich zum Schweigen.
Als ich den ganzen Abend über energisch Gottes Gegenwart und Fürsorge bestätigte, musste ich an ein Lied im Liederbuch der Christlichen Wissenschaft denken, das meine Mutter besonders geliebt hatte. Sie hatte uns immer wieder gesagt:
Liebe, die von oben strömt,
hält geborgen uns vor Harm,
und wir streben himmelwärts,
stützen uns auf Gottes Arm.
(John R. MacDuff, Nr. 53, Adapt. © CSBD)
Jetzt erkannte ich, dass ich eine Entscheidung treffen musste. Ich sagte mir: „Entweder weißt du, dass Gott diesen Vogel versorgen kann, oder du weißt es nicht. Du kannst entweder in der Nacht immer wieder in die Küche schleichen und nach ihm sehen, oder du kannst ihn Gott übergeben.“
Ich fühlte mich durch einen Satz aus dem Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy, bestärkt (S. 463): „Eine geistige Idee enthält kein einziges Element des Irrtums, und diese Wahrheit entfernt alles Schädliche in der richtigen Weise.“
Dieser Gedanke inspirierte mich, alles über den Angriff, den ich beobachtet hatte, zu verneinen – den Angreifer, das Opfer und die daraus resultierenden Verletzungen. Doch wie konnte ich das tun? Ich wusste, dass reines Wunschdenken den Vogel nicht heilen konnte.
Der Schlüssel war ein anderer Satz aus Wissenschaft und Gesundheit (S. 473): „Gott ist überall, und nichts außer Ihm ist gegenwärtig oder hat Macht.“ Dieselbe Macht Gottes, des immer-gegenwärtigen Guten, die das Rote Meer geteilt und alle Heilungen von Jesus untermauert hat, war hier bei meiner kleinen Gefährtin.
Ich dachte daran, wie liebenswert und reizend der kleine Vogel gewesen war, als ich ihn zuerst in der Hand gehalten hatte, und ich stellte mir vor, wie viel Liebe unsere allmächtige göttliche Mutter zu ihm haben musste. Und wenn diese Liebe das Einzige war, was gegenwärtig war und Macht hatte, wie sollte der Vogel dann etwas anderes sein als eine vollkommene, unangreifbare Idee Gottes? Und, ebenso wichtig, da Gott Geist ist und die wahre Natur des Vogels in Übereinstimmung mit seinem Schöpfer sein muss, musste er gänzlich geistig sein, und geistige Dinge sind weder angreifbar noch verletzlich.
Als ich am nächsten Morgen in den Schuhkarton schaute, war ich hocherfreut, mit einem „Piep“ begrüßt zu werden. Ich untersuchte den Vogel nicht, erfreute mich aber weiter seiner Vollkommenheit, als ich ihn zur Pflegestelle für Wildvögel fuhr. Die dortige Expertin, die viel Erfahrung mit der Versorgung aller möglichen Tiere hatte, hob das Küken hoch und drehte es auf den Rücken, wodurch ich sehen konnte, dass Hals und Brust vollkommen verheilt waren.
„Muss eine alte Wunde sein“, murmelte sie, als sie sanft ein Stück Schorf entfernte, obwohl sie erstaunt schien, dass ein so junger Vogel eine Verletzung dieser Art erlitten haben und davon geheilt werden konnte. Sie versicherte mir, dass die Taube nicht mehr in Gefahr war und dass sie in der Pflegestelle versorgt werden würde, bis sie flügge war.
Ich ließ meine kleine Gefährtin in der guten Obhut der Expertin und pries Gott hocherfreut für die Heilung. Und ich freute mich über die größere Zuversicht, die ich erlangt hatte, dass in jeder Situation nicht wir kämpfen, sondern Gott, wie uns in 2. Chronik 20:15 versichert wird.
