Im biblischen Bericht über Jesu Auferstehung befindet sich eine meiner Lieblingsstellen, nämlich die Begegnung von Maria Magdalena und Christus Jesus im Garten. Gemäß Johannes stieß Jesus auf Maria, die weinte. Sie dachte zunächst, er sei der Gärtner, und dann lesen wir: „Jesus sagte zu ihr: ‚Maria!‘ Da wandte sie sich um und sagte zu ihm: ‚Rabbuni!‘, das heißt: ‚Meister‘ “ (Johannes 20:16). Die zarte mentale Berührung des Christus offenbarte Maria Jesu geistige Identität, und sie erkannte ihren Erlöser.
Als ich diese Geschichte vor ein paar Monaten las, fiel mir Jesu nächste Aussage besonders ins Auge: „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater“ (20:17). Die Worte „Rühre mich nicht an“ machten tiefen Eindruck auf mich. Ich konnte mir all die Überzeugungen der Realität in der Materie vorstellen, die Eindruck bei Jesus machen wollten. Er hatte diese materiellen Überzeugungen durch seine Auferstehung überwunden und zerstört, doch er wollte sich nicht von der Materie hinunterziehen lassen auf dem Weg zur endgültigen Demonstration der Himmelfahrt.
Als ich das las, war ich von der Weisheit des Meisters beeindruckt. Er gestattete keiner einzigen Bindung an die Materie, wie überzeugend sie auch sein mochte, seine geistige Sichtweise von der reinen Geistigkeit, Vollkommenheit und Unsterblichkeit des Menschen zu berühren. Seine Anweisung „Rühre mich nicht an“ kann uns heute auch den Weg weisen auf unserem Fortschritt im geistigen Verständnis der Allheit Gottes.
Es ist unerheblich, womit wir konfrontiert sind − Angst vor Versagen, Glauben an eine Erbkrankheit, Unfall, Mangel, mit schlechten Beziehungen oder einem sonstigen Element des sterblichen Gemüts, des Glaubens an ein Leben in der Materie. Sie alle sind nichts als aggressive Suggestionen: Ängste und Missverständnisse, die unser Denken in ein materielles Lebensverständnis hinunterziehen würden, wenn wir dies zuließen. Sie suggerieren uns, dass materielle Zustände ein unvermeidbarer Bestandteil unseres Daseins sind. Tatsache ist jedoch, dass Materie und ihre Begleiterscheinungen Falschdarstellungen unseres wahren Seins sind. Nichts Materielles ist Tatsache unseres einzigen Seins, denn das ist geistig.
Diese falschen Überzeugungen, die als Probleme erscheinen, werden unserem Denken aufoktroyiert; sie gehören zu der allgemeinen Vorstellung, die sich als unser eigenes Denken verkleidet, nämlich, dass das Leben materiell ist. Sie gehören nicht zu uns, denn sie entstammen nicht Gott. Das bedeutet also, dass wir absolut berechtigt sind, uns falschen Überzeugungen entgegenzustellen und wie unser Meister den Befehl zu geben: „Rühre mich nicht an!“
Alle materiellen Überzeugungen kommen erst als Gedanken zu uns, und wenn wir sie annehmen, zeigen sie sich körperlich. Wenn Suggestionen von Krankheit oder Disharmonie durch die Macht der göttlichen Liebe aufgehalten und zerstört werden, sobald sie in unserem Bewusstsein erscheinen, werden sie sich gar nicht erst auswirken können. Wenn sich Suggestionen bereits als Symptome zu manifestieren scheinen, können wir trotzdem noch beten, um sie zu zerstören – geistig zu verstehen, dass sie in der göttlichen Liebe keine Grundlage und in der Idee der Liebe, unserer wahren Individualität, keinen Platz haben.
Ob es darum geht, einer Sache vorzubeugen oder eine zu heilen, wir haben das gottgegebene Recht, Furcht oder irrigen Überzeugungen jeder Art entgegenzusetzen: „Du kannst mich nicht finden. Du kannst mich nicht berühren. Du kannst mir keine Angst machen.“ Warum? Weil wir in der göttlichen Liebe geborgen sind und nur von Gottes Gegenwart und Macht regiert werden. Dieses Verständnis von Gottes Gegenwart und unserer Vollkommenheit in Gott heilt uns.
Kein Element des Bösen oder Irrtums – Bosheit in jeder Form oder die unwissende Überzeugung von Krankheit, Mangel o. ä. – kann Gott bedrohen oder außer Kraft setzen. Gott handelt zu unseren Gunsten, indem Er uns in Seiner großen Liebe umfängt und uns behütet und beschützt. Da Gott immer hier ist, sind wir nie ohne zuverlässige Verteidigung. Wenn wir uns von Furcht vor Krankheit oder Leiden angegriffen fühlen, können wir uns mental und im Gebet dagegen auflehnen, diese falschen Konzepte richtigstellen und sie durch das Verständnis unserer vollkommenen, harmonischen Individualität ersetzen, die in Gott jederzeit sicher ist. Wir können Angst und andere Vorstellungen über die Materie ausräumen, sodass sie unser Bewusstsein, unser Leben, unsere Erfahrung und unser Sein nicht berühren – und in Wirklichkeit haben sie das auch in der Vergangenheit nicht getan. Wenn wir dies tun, stehen wir wissenschaftlich auf Gottes Seite und nehmen Seine Gegenwart und Macht in unserem Denken und Leben an.
Sich gegen den Irrtum zu erheben bedeutet nicht, unseren menschlichen Willen zu mobilisieren und die Augen vor etwas zu verschließen, das unsere Gebete erfordert. Es bedeutet vielmehr, unser geistiges Verständnis von uns als Gottes Kinder zu stärken und auf diese Weise die Irrtümer Krankheit und Leiden zu zerstören. Es bedeutet, dass wir uns auf Gottes Seite statt auf die Seite der Materie schlagen. Es bedeutet, die Gedanken zu prüfen, die uns einfallen, um ihr Wesen und ihre Absichten zu erkennen. Unsere stille, gebetvolle Kommunion mit Gott in der Tiefe des geistigen Einsseins mit Ihm zerstört aggressive Suggestionen und hilft uns, deren Unwirklichkeit zu begreifen.
Es ist erwähnenswert, dass sich Jesu Wirken nicht auf das Heilen von Sünde, Krankheit und Tod beschränkt hat, auch wenn das ein wichtiger Teil seiner Mission war. Er war daran beteiligt, Materie und ihre Vorstellungen vollständig zu vertreiben. Dazu war erforderlich, eine materielle Grundlage der Überzeugungen durch das geistige Verständnis der Realität zu ersetzen. Das ist Teil der „neuen Geburt“, die wir alle erleben, wenn wir das Falsche durch das Richtige ersetzen.
Mary Baker Eddy schreibt: „Die Wiedergeburt ist nicht das Werk eines Augenblicks. Sie beginnt mit Augenblicken und dauert durch die Jahre fort; mit Augenblicken der Hingabe an Gott, des kindlichen Vertrauens und der freudigen Aufnahme des Guten; mit Augenblicken der Selbstverleugnung und der Selbsthingabe, der himmlischen Hoffnung und der geistigen Liebe“ (Vermischte Schriften 1883–1896, S. 15).
War das nicht die Art und Weise, wie unser Meister Christus Jesus seine Himmelfahrt bewerkstelligt hat – durch Augenblicke und Jahre der Selbsthingabe, Selbstverleugnung, geistigen Liebe und himmlischen Hoffnung? Das ist die Art und Weise, wie auch wir geistigen Fortschritt machen. Auch wir können geistig zu unserer wahren, christlichen Individualität erwachen und zu materiellen Vorstellungen und Bedrohungen sagen: „Rühre mich nicht an!“
Übersetzt aus dem Christian Science Sentinel, Ausgabe 13. April 2015
