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Original im Internet

Das Gebet der Unterwerfung

Aus dem Herold der Christlichen Wissenschaft. Online veröffentlicht am 21. Mai 2019


Christus Jesus lehrte seine Nachfolger in der Bergpredigt eine neue Art zu beten. Dieses revolutionäre Gebet ist heute als Gebet des Herrn bekannt. Der erste Teil könnte als Bekräftigungsgebet bezeichnet werden – Bekräftigung dessen, was Gott ist und wie Er uns regiert. Das restliche Gebet ließe sich als Bittgebet bezeichnen, denn es enthält demütige Bitten an unseren himmlischen Vater, den Ursprung unendlicher Segnungen.

Gegen Ende seiner Laufbahn, direkt vor seiner Kreuzigung, gab uns Jesus eine andere Art Gebet (Matthäus 26:39), das auch mit einer demütigen Bitte beginnt: „Mein Vater, wenn es möglich ist, dann gehe dieser Kelch an mir vorüber“, aber mit dieser bemerkenswerten Aussage endet: „... doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“ Das könnte als Gebet der Unterwerfung bezeichnet werden. Jesus unterwarf sich nicht denen, die vorhatten, ihn ans Kreuz zu nageln, sondern seinem himmlischen Vater, Gott. Und er konnte dies mit Zuversicht tun, denn er verstand Gott als Liebe, als vollkommen gut.

Jesus lehrte uns sehr wichtige Dinge, doch wir sind vielleicht erst bereit, sie anzunehmen und umzusetzen, wenn wir vor sehr großen Herausforderungen stehen. Zum ersten Mal dachte ich an diese Lektionen, als ich 12 Monate in einem Kampfgebiet in den nördlichen Provinzen von Süd-Vietnam verbrachte.

An einem heißen Abend im September kam mein Camp unter Granatbeschuss. Ich versuchte wie in anderen Fällen Schutz im Bunker nebenan zu finden, kam aber nur bis zur Tür meiner Hütte. Eine Granate explodierte so nah vor mir, dass Steine und Granatsplitter in die dünnen Wände und das Blechdach der Hütte eindrangen. Ich drehte mich automatisch um, warf mich auf den Boden und robbte unters Bett. Auf dem Bauch liegend und mit den Fäusten im Nacken spürte ich die Erderschütterungen, als weitere Granaten einschlugen. Die Armee hatte mich darin trainiert, fast jede Situation zu überleben, doch in diesem Moment fühlte ich mich dadurch weder getröstet noch beschützt.

In den Monaten davor hatte ich viele Stunden mit Beten verbracht, um meine Angst vor dem Krieg zu verringern und mein Denken offen zu halten für die unaufhörliche Fürsorge der göttlichen Liebe. Es war nicht einfach und erforderte ständige Arbeit, doch Gebet brachte mir immer Trost.

Ich studierte regelmäßig die Bibel und las Mary Baker Eddys Buch Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift und ihre anderen Werke von vorne bis hinten durch. Inspirierende Gedanken aus dieser Lektüre schrieb ich mir auf, angefangen mit: „‚Liebe deine Feinde‘ ist gleichbedeutend mit ‚du hast keine Feinde‘“ (Vermischte Schriften 1883–1896, S. 9). Dieser Satz half mir zu verstehen, dass ich den Glauben aufgeben musste, ich sei von einem feindlichen Gemüt umgeben, das ständig gegen mich arbeitet und mir nach dem Leben trachtet. In den 12 Monaten musste ich diese Vorstellung eines feindlichen Gemüts durch die feste Überzeugung ersetzen, dass niemand jemals von Gottes allumschließender fürsorglicher Liebe getrennt ist.

Und dann mitten in der Gefahr an jenem Septemberabend, auf dem Bauch unterm Bett, spürte ich etwas tief in meinem Denken – eine Stille inmitten des wütenden Angriffs. Ich würde es als den „Schirm des Höchsten“ bezeichnen, der im 91. Psalm erwähnt wird und auf den Mrs. Eddy sich in Die Erste Kirche Christi, Wissenschaftler, und Verschiedenes bezieht: „Der Platz unter dem ‚Schirm des Höchsten‘, von dem David sang, ist fraglos der geistige Stand des Menschen als Gottes Ebenbild und Gleichnis, ja das innere Heiligtum der göttlichen Wissenschaft, in das die Sterblichen nicht ohne einen Kampf oder eine harte Erfahrung eintreten und wo sie das Menschliche für das Göttliche ablegen“ (S. 244).

Nach dem Angriff ging ich mit Taschenlampe nach draußen, um mir den Schaden anzusehen. Die ersten fünf Granaten waren über die Länge des Camps eingeschlagen, wobei die fünfte direkt vor meiner Hütte am Rand einer kleinen Gruppe von Unterkünften explodiert war, wo die gesamte Kompanie geschlafen hatte. Die verbleibenden neun Granaten waren ungefähr am selben Platz explodiert wie die fünfte, ohne weiter vorzudringen. Obwohl Militärfahrzeuge und Ausrüstung beschädigt waren, hatten unsere Unterkünfte keinen Schaden genommen, und es gab weder Tote noch Verletzte.

Am meisten ist mir aus dieser Nacht das Gebet in Erinnerung geblieben, das mir gekommen war. Es war ein Gebet ohne Worte, eine demütige Unterwerfung unter die beständige Gegenwart Gottes, der mich und die anderen liebte und beschützte.

Früher oder später befinden sich die meisten Menschen in einer Situation, wo Unterwerfung die einzige Option ist. Wie ich in jener Nacht lernte, heißt das nicht, sich einem Feind oder einem Konflikt zu ergeben; man ergibt sich der Macht Gottes. Ich gebe zu, dass es mir zuerst nicht leichtfiel, doch in jener Nacht zeigte sich, wie wirksam das Gebet der Unterwerfung sein kann.

Ich fand diese Lehre ein paar Jahre später besonders hilfreich, als ich wieder Zivilist war. Bei der Gartenarbeit zog ich mir einen Bänderriss im Knie zu. Ich konnte nicht laufen und musste im Bett bleiben. Ich rief einen Praktiker der Christlichen Wissenschaft an, der einwilligte, für mich zu beten. Nach ein paar Tagen war die körperliche Lage unverändert. Ich sagte dem Praktiker, dass ich mit der Frage kämpfte, wie die beiden gerissenen Enden in meinem Knie wieder zusammenkommen sollten. Er erwiderte, dass es nicht nötig war, genau zu wissen, wie die Heilung stattfindet; vielmehr solle ich mich für Gottes vollkommene Arbeit öffnen.

Es vergingen drei weitere Tage, bevor ich die Lage wirklich Gott überließ – bevor ich mich Gottes liebevoller Herrschaft unterwarf und diesen Ort der Stille in mir zuließ. Ich erkannte schließlich, dass ich mir eigenmächtig eine persönliche Autorität und Verantwortung hinsichtlich der Heilung auferlegt hatte. Stattdessen musste ich Gottes Gesetz der vollkommenen Harmonie erkennen und anerkennen und vertrauen. Als ich das tat, war ich augenblicklich geheilt – ich spürte eine Veränderung im Knie und die Schmerzen verschwanden. Die Heilung ist seit über vierzig Jahren unverändert.

Ich habe viele Gelegenheiten gehabt, den Schirm des Höchsten umfassender zu schätzen und mich mehr auf das Geschenk der heiligen Unterwerfung zu stützen. Das ist wichtig, ob ich für mich oder für andere bete. Wenn ich versucht bin zu glauben, dass Heilung aus meiner eigenen Kraft, meiner Persönlichkeit oder meinem Intellekt kommt, muss ich demütig anerkennen, dass alle Heilung durch unseren Vater, Gott, bewirkt wird. Heilung kommt ohne eine gewisse Unterwerfung nicht zustande, und ohne Demut ist Unterwerfung nicht möglich. Demut öffnet unser Denken für Gottes beständige geistige Inspiration und gestattet uns, auf Seine unendliche Liebe zu vertrauen.

Ich fand es hilfreich, dass Jesus, der den Kurs der menschlichen Geschichte veränderte, in einem Akt reiner Unterwerfung erklärte: „Ich kann nichts von mir selber tun. ... ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen des Vaters, der mich gesandt hat“ (Johannes 5:30). Gott war das führende und belebende Prinzip seines Lebens.

Wir alle können wie Jesus demütig Gottes liebevolle Kontrolle über Seine geistige Schöpfung anerkennen. Wenn wir das tun, sind wir bereit, auf Gottes Befehle zu lauschen, und selbstverständlich fähig, ihnen zu folgen. Und wir entdecken den Frieden, die Gesundheit und die Freiheit, die Er jedem von uns verliehen hat.

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– Otto Bertschi, Der Herold der Christlichen Wissenschaft, Oktober 1968 

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