Wie oft kommt von dem sogenannten sterblichen Gemüt diese Klage der Selbstgerechtigkeit und der Annahme persönlichen Gutseins: „Warum sollen wir uns bestreben, gut zu sein? Ich bemühe mich, so recht zu tun, wie ich kann, und trotzdem habe ich nichts als Schwierigkeiten, während mein Nächster, der nichts darum gibt, recht zu tun, alle guten Dinge der Erde genießt.”
Das ist eine alte Klage! Selbst der Psalmist fing an, an der Gerechtigkeit Gottes zu zweifeln und gibt seinen Zweifeln recht ausdrücklich im 73. Psalm Ausdruck: „Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glückselig in der Welt und werden reich. Soll es denn umsonst sein, daß mein Herz unsträflich lebt und ich meine Hände in Unschuld wasche,—und bin geplagt täglich, und meine Strafe ist alle Morgen da?” Er fährt fort: „Ich dachte ihm nach, daß ich's begreifen möchte; aber es war mir zu schwer, bis daß ich ging in das Heiligtum Gottes und merkte auf ihr Ende.” Wir wissen nicht genau, was der Psalmist mit dem Heiligtum Gottes meinte, außer, daß er wohl einen Schimmer von einem gerechten Gott erhascht hatte, der unmöglich das Gute bestrafen und das Böse belohnen konnte.
Für den Anhänger der Christian Science bedeutet das Heiligtum Gottes etwa den „Schirm des Höchsten”—nämlich das geistige Verständnis von Gott als Geist, als das unendlich gerechte, unendlich gute und unwandelbare göttliche Prinzip. Aus Seite 244 ihres Buches „The First Church of Christ, Scientist, and Miscellany” schreibt Mary Baker Eddy: „Der, Schrim des Höchsten‘, von dem David sang, ist zweifellos des Menschen geistiges Dasein in Gottes Ebenbild und Gleichnis, ja das innere Heiligtum der göttlichen Wissenschaft, in das die Sterblichen nicht eingehen können ohne ein Ringen oder eine einschneidende Erfahrung, und in dem sie das Menschliche für das Göttliche ablegen.”
Um also die scheinbare Ungerechtigkeit und das Gefühl der Hemmung zu beobachten in der Gewißheit, daß ihr Ende nahe ist, muß man in das „innere Heiligtum der göttlichen Wissenschaft” eingehen. Dort lernt man, daß allein Gott, der Geist, die Quelle des Guten ist, und daß daher alles Gute geistig ist und niemals in der Materie noch aus Materie besteht, niemals einen persönlichen Besitz darstellt. Geistige Liebe ist gut; geistiger Frieden und geistige Freude sind gut. Eine jede Eigenschaft des göttlichen Gemüts ist gut und allein befriedigend. Im Heiligtum der Wissenschaft wird es dem Menschen offenbart, daß dieses Gute durch Widerspiegelung sein Eigen ist, und zwar in aller Fülle, tief befriedigend, über alles Wissen des materiellen Sinnes hinaus. Dieses Gute wird niemals ein persönlicher Besitz, der sterblichen Wechselfällen ausgesetzt ist, sondern es bleibt in Gott und wird individuell widergespiegelt, und es ist erhaben über die Angriffe der Verminderung, der Ungerechtigkeit und der Umkehrung.
Wenn also die Versuchung kommt, „verdrossen über die Ruhmredigen” zu sein und zu fragen: „Warum habe ich so viel zu leiden, wenn ich mich doch so sehr bemühe, gut zu sein, während mein gedankenloser Nächster gedeiht?”—so mag man sich wohl diese Fragen stellen: „Was ist mein Sehnen und Verlangen? Warum bestrebe ich mich so sehr, gut zu sein? Ist es, um wahrhaft gottähnlich zu werden und Gottes Güte widerzuspiegeln, oder strebe ich vielleicht unbewußt darnach, dieselben irdischen Güter zu erlangen, die mein Nächster genießt?” Solange man das Gutsein irgend welcher Art auf die Materie oder seinen eigenen persönlichen Besitz beschränkt, steht man in der Gefahr, es zu verlieren und sich mißhandelt und beraubt zu fühlen. Durch solch ein Ringen oder einschneidende Erfahrung lernt man jedoch in das „innere Heiligtum der göttlichen Wissenschaft” einzugehen.
Wenn jemand von sich selbst denkt, daß er es schwer hat, daß er behindert ist und von Gott und der Menschheit ungerecht behandelt wird, so täte er wohl, sich daran zu erinnern, daß ohne seine eigene mentale Zustimmung zu den Ansprüchen des Bösen auf Macht und Gegenwart, das Böse sich nicht in seiner Erfahrung geltend machen kann. Auf Seite 355 ihres Buches „Miscellaneous Writings” sagt Mrs. Eddy: „Mentale Dunkelheit ist sinnloser Irrtum, der der Intelligenz und der Macht ermangelt, und ihr Opfer ist verantwortlich für ihre angebliche Gegenwart.” Dieser Ausspruch mag sehr hart erscheinen, doch liegt ein Trost in dem Wort „angeblich”. Jedwede Form des Bösen ist stets angeblich, niemals wirklich. Sie scheint nur deshalb wirklich zu sein, weil wir mental einer Gott entgegengesetzten Macht und Gegenwart Wirklichkeit zusprechen. Wenn wir in intelligenter Weise den Ansprüchen des Bösen unsre mentale Zustimmung verweigern und das Gute als die einzige Macht anerkennen, so werden diese Ansprüche aus dem Bewußtsein verbannt und verschwinden aus unserm Erleben. Wir hören auf, uns selbst als Sterbliche anzusehen, die sich bemühen, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und ihre Bemühungen vereitelt sehen, und erkennen uns statt dessen als die Bewohner des „Heiligtums Gottes”, die Gottes Güte widerspiegeln.
Auf Seite 77 des Buches „Miscellaneous Writings” sagt Mrs. Eddy in bezug auf die Art des Glaubens, den man an die Lehren Christi Jesu haben sollte: „Dies zu glauben, bedeutete in das geistige Heiligtum der Wahrheit einzugehen, und da etwas von dem All-Vater-Mutter-Gott zu lernen. Es bedeutete, Gott und den Menschen zu verstehen.” In diesem inneren Heiligtum der Wissenschaft lernt man die Wahrheit über Gott und den Menschen: daß Gott Geist ist, und daß der Mensch, der reine Ausdruck des Geistes, unfehlbar von dem göttlichen Prinzip regiert wird und vollkommen befriedigt ist. Dann braucht es keine Klagen mehr zu geben, kein Seufzen: „Zu was ist es nütze?” Ist der „All-Vater-Mutter-Gott” nicht unendlich—Alles? Kann dann der Mensch, der Ausdruck Gottes, außerhalb des „inneren Heiligtums der göttlichen Wissenschaft” sein? Kann es ein Außerhalb der Unendlichkeit, des unendlichen Guten, geben? Der Mensch ist niemals weniger als der Ausdruck jenes unendlichen Guten gewesen, hat niemals eine eigene Gerechtigkeit oder Gutheit besessen, deren er beraubt werden könnte, oder die unzureichend sein, oder die verdorben oder umgekehrt werden könnte. So erwacht man aus dem Traum der Trennung, der scheinbaren Ungerechtigkeit und Vergänglichkeit, der Befürchtungen und des Mangels, und befindet sich jetzt und hier tätig und zielbewußt, befriedigt und vollständig, ein Bewohner des Heiligtums der Liebe.
