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Mary Baker Eddy Bibliothek

Dem Ruf Gottes folgen

I. Teil

Aus der April 2003-Ausgabe des Herolds der Christlichen Wissenschaft


Im ersten Jahrhundert der Geschichte der Vereinigten Staaten war Mary Baker Eddy eine der wenigen außergewöhnlichen Frauen, die Selbstzweifel und gesellschaftliche und religiöse Konventionen überwanden und es wagten, in der Öffentlichkeit über ihre religiösen Anschauungen zu sprechen. Was setzte diese Pionierinnen in den Stand, sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen? Dass sie jahrtausendealte Glaubenslehren, gesellschaftliche Vorurteile und auch Selbstzweifel zu überwinden vermochten, führten fast alle auf ihre Inspiration von Gott zurück. Sie erhoben ihre Stimme, weil sie Seinem Ruf folgten.

Mary Baker Eddy erklärt im Vorwort zu Wissenschaft und Gesundheit, dass „Gott die Autorin berief, diesem Zeitalter Sein Evangelium zu verkünden ...”Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, S. xi., und damit ist sie Teil dieser Tradition. In einer bewegenden öffentlichen Erklärung legte sie 1887 ferner dar, dass sie wie andere Frauen mit Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen hatte, ehe sie auf den geistigen Ruf eingehen konnte: „Die Entdeckerin dieser Wissenschaft könnte von Zaghaftigkeit, Mangel an Selbstvertrauen, Verlassenheit, mühevollem Streben, Seelenangst und Siegen berichten, angesichts derer sie einer wunderbar klaren geistigen Schau als Halt bedurfte, als sie die ersten Schritte in dieser Wissenschaft unternahm.”Grundzüge der Göttlichen Wissenschaft, S. 17. All diesen Frauen, die es wagten, in der Öffentlichkeit zu sprechen und in Amerika religiöse Führungsrollen zu übernehmen, sind zwei Dinge gemein, nämlich die absolute Überzeugung von ihrer göttlichen Berufung und die Notwendigkeit, mit Gottes Hilfe Selbstzweifel, theologische Tabus und gesellschaftliche Hindernisse zu überwinden.

Die Geschichte der amerikanischen Frauen, die sich geistig dazu inspiriert fühlten, an die Öffentlichkeit zu treten, beginnt kurz nach der Ankunft der Puritaner in Neuengland. In Boston versammelten sich Kolonisten im Haus von Anne Hutchinson, einer frommen Hausfrau, um zu hören, was sie über die in der Kirche gehaltenen Predigten und über die dort verkündete Glaubenslehre sagte. Diese Versammlungen erregten die Aufmerksamkeit der Behörden, die besorgt waren, dass die Anstandsregeln nicht eingehalten wurden, wenn eine Frau vor gemischter Gesellschaft sprach, und dass Hutchinson sich nicht an die Glaubenslehre halten könnte. Und so wurde sie vor Gericht geladen, um sich wegen ihrer öffentlichen Reden zu verantworten.

Kaum eine andere Begebenheit veranschaulicht besser die enge Verbindung zwischen dem Recht der Frau, auf Redefreiheit und dem Recht der Frau, die Bibel zu interpretieren. Die Bibel wurde als Beweis dafür angeführt, dass es den Frauen im Christentum untersagt war, in der Öffentlichkeit zu sprechen oder religiöse Lehren zu verbreiten. Taten sie es dennoch, dann nahmen sie damit praktisch für sich das Recht in Anspruch, biblische Texte neu zu interpretieren.

Hutchinson war eine „schlagfertige und mutige” Frau, erinnerte sich Gouverneur John Winthrop, der bei ihrem Prozess den Vorsitz führte. J. Winthrop, The History of New England from 1630–1649 [Die Geschichte von Neuengland von 1630-1649], Bd. 1, hrsg. J. Savage (1972), S. 200. Das Gericht legte ihr zur Last, gegen das fünfte Gebot verstoßen zu haben („Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren”), denn Zuhörer ins Haus einzuladen hieß, die Autorität des Staates zu missachten. Hutchinson entgegnete Winthrop: „Setzen wir den Fall, Sir, dass ich Gott und meine Eltern fürchte, darf ich dann nicht die Gottesfürchtigen zu mir einladen, obgleich mir meine Eltern nicht die Erlaubnis dazu geben?” „Die Verhörung von Anne Hutchinson vor dem Gericht in Newtown”, in The Antinomian Controversy [Die antinomische Kontroverse], 1636-1638, hrsg. D. Hall (1990), S. 313-314. Hutchinson war bibelfest. Für jede Bibelstelle, die das Gericht gegen die Redefreiheit der Frau anführte, zitierte sie eine andere als Gegenargument. Als das Gericht einwandte, dass ihre Bibelstellen nicht ganz auf ihren Fall zutrafen, fragte sie sarkastisch: „Muss ich auch noch zeigen, dass sie meinen Namen enthalten?” J. Winthrop, Eine kurze Geschichte des Aufstiegs, der Herrschaft und des Niedergangs der Antinomisten, Familisten und Libertiner, in Hall: Antinomian Controversy, S. 269. Selbst heute funkelt ihre Redegewandtheit in der alten Sprache des Gerichtsprotokolls. Nur die Berichte ihrer Anschuldiger zeugen heute noch von Anne Hutchinsons Mut und Überzeugung. Ohne diese Berichte waren ihre Worte der Nachwelt verloren gegangen.

Die Richter, die Anne Hutchinson aus Massachusetts verbannten, taten sich schwer, zwei Sachverhalte voneinander zu trennen, nämlich die Tatsache, dass eine Frau in der Öffentlichkeit gesprochen hatte, und die Frage, ob der Inhalt ihrer Rede ketzerisch war. Die Ketzerei, der sie Hutchinson beschuldigten, war genau das Grundrecht, auf das sich Frauen überwiegend für ihre Redefreiheit beriefen, nämlich die Überzeugung, dass fromme Menschen Gottes Willen selbst erfahren können, ohne die Mittler von Geistlichen oder der Kirche. Es ist nicht verwunderlich, dass John Winthrop vor allem Hutchinsons Gedanke zu schaffen machte, dass „die Person des Heiligen Geistes der gerechtfertigten Person innewohnt” Winthrop, History, S. 200.. Er befürchtete, dass diese Vorstellung zu religiöser Anarchie führen würde. Winthrop betrachtete öffentliche Reden der Frauen als Anzeichen dafür, dass der „wohlgeordneten Gesellschaft” des puritanischen Staates Gefahr drohte. Das Gericht befand Hutchinson schuldig, dass sie eher „ein Ehemann als eine Ehefrau, eine Predigerin als eine Zuhörerin” „Bericht über das Gerichtsverfahren gegen Anne Hutchinson vor der Kirche in Boston”, in Hall, Antinomian Controversy, S. 383. sei. Für sie liefen diese beiden Anschuldigungen auf dasselbe hinaus. Die Anweisung in der Bibel: „Wollen sie [die Frauen] aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen. Es steht der Frau schlecht an, in der Gemeinde zu reden” (1. Kor 14:35) bedeutete, dass man nicht zugleich Ehefrau und Predigerin oder Lehrerin sein konnte. Es wäre wohl für jede Frau schwierig gewesen, die Anschuldigungen gegen Anne Hutchinson zu widerlegen, ohne ihre Stimme zu erheben.

Von 1700 bis 1775 folgten mehrere hundert Quäkerinnen in den zentral gelegenen Kolonien dem Ruf zum Predigen. Die Gesellschaft der Freunde (Quäker) hatte keine Priesterweihe, sondern erkannte von Anfang an Frauen wie auch Männer der Gemeinde als Geistliche an. Das wie auch andere Merkmale des Quäkertums hatten zur Folge, dass die Religion der Quäker zu Beginn umstritten war und vielerseits abgetan wurde. Margaret Fell, eine der ersten führenden Quäkerinnen, verfasste Womens Speaking Justified (Eine Rechtfertigung der Redefreiheit der Frau, 1666), während sie in England im Gefängnis saß, weil sie als Verfechterin ihres Glaubens aufgetreten war. Auch hier war das Recht der Frau auf Redefreiheit mit biblischer Interpretation verbunden.

„Als Gott die Autorin berief, diesem Zeitalter Sein Evangelium zu verkünden, beauftragte Er sie auch, Seinen Weinberg zu bepflanzen und zu bewässern.” Mary Baker Eddy

Während die Mehrzahl der Protestanten in theologischen Fragen die Bibel als höchste Autorität ansah, glaubten die Quäker, dass Gott der menschlichen Seele jedes Einzelnen die Wahrheit durch ein „inneres Licht” offenbart. Zwar konnte jeder von Gott dazu bewegt werden, in der Versammlung zu sprechen, doch wer eine besondere Gabe dazu besaß, wurde als Geistlicher oder „öffentlicher Freund” anerkannt. Die Quäker glaubten, dass Paulus’ Redeverbot für Frauen aus dem Zusammenhang gerissen worden war und nicht allgemein Anwendung finden sollte. Sie sahen das Erscheinen von Predigerinnen als Beweis dafür an, dass die „letzten Tage” näher gerückt waren, an denen Gottes Verheißung zufolge „eure Söhne und eure Töchter weissagen sollen” (Apg 2:17).

Doch selbst in einer religiösen Gemeinde, wo Frauen sprechen durften, war der Ruf zum Predigen nicht immer willkommen. „Herr, ich bin schwach und für eine solche Aufgabe allesamt nicht fähig”, antwortete Jane Fenn, ein 24-jähriges Dienstmädchen, das sich 1718 von Gott berufen fühlte. Der Gedanke, in der Öffentlichkeit zu sprechen, jagte ihr einen solchen Schrecken ein, dass sie die Quäkerversammlungen eine Zeitlang mied. Nachdem sie gebetet hatte, dass Gott die Furcht von ihr nehmen möge, fühlte sie schließlich „eine Fülle himmlischer Liebe zu Gott und seinem Volk” und stand auf und sprach in einer Versammlung.The Friends’ Library [Die Bibliothek der Freunde], hrsg. W. Evans, T. Evans, Bd. 1 (1837-1850), S. 462-464; in R. Larson, Daughters of the Light: Quaker Women Preaching and Prophesying in the Colonies and Abroad [Töchter des Lichts: Predigende und prophezeiende Quäkerinen in den Kolonien und im Ausland] 1700-1775, (1999), S. 49. Obwohl sie ein Dienstmädchen war, erkannte die Quäkergemeinde ihre Gabe an. Sie heiratete einen wohlhabenden Kaufmann und war vierzig Jahre lang als Geistliche tätig.

Die ersten Quäker-Predigerinnen, die nach Neuengland kamen, wurden ins Gefängnis geworfen und dann deportiert. Eine von ihnen wurde hingerichtet, weil sie Lehren predigte, die man im puritanischen Boston als ketzerisch betrachtete. Doch in der Zeit vor dem amerikanischen Befreiungskrieg erlebten diese Quäkerinnen zunehmend religiöse Toleranz, so dass sie sowohl innerhalb als auch außerhalb der Quäkergemeinde zu angesehenen Rednerinnen wurden. 1769 versammelten sich prominente Bostoner Bürger in der Faneuil Hall, um die englische Geistliche Rachel Wilson sprechen zu hören. Der Boston Gazette zufolge „zeigte sie deutlich ein sehr reges Vorstellungsvermögen, einen einzigartigen Scharfsinn und viel von jener Herzensgüte, die einen wahren Christen auszeichnet.”Boston Gazette, or Country Journal (10. Juli 1769); in Larson, Daughters, S. 234. Quäker-Predigerinnen sprachen mit Indianern bei Vertragsabschlüssen, mit Studenten an der Princeton-Universität und mit Wissbegierigen aller Konfessionen.

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