Die ersten Christen waren Heiler. Sie waren der Anlaufpunkt für diejenigen, die Heilungen von Krankheit, Verletzungen und sogar dem Tod miterlebt hatten oder vom Hörensagen kannten. Ihr Lehrer Christus Jesus vertraute auf eine Macht, die für die meisten unerreichbar schien – eine Macht, die nichts mit der Abhängigkeit von der herkömmlichen materiellen Gesundheitsfürsorge zu tun hatte. Er bewies die Macht Gottes, die Menschheit zu heilen und zu erneuern. Der Unterschied hätte größer nicht sein können.
Heilung in der Christlichen Wissenschaft weicht auch heute enorm von der üblichen Denkweise ab. Und sie verlangt dasselbe Umdenken, das zu Christi Jesu Zeiten erforderlich war – eine völlig andere Betrachtungsweise der Realität als nicht materiell, sondern auf Geist gegründet. Bei diesem geistigen Ansatz wird deutlich, dass die Materie (einschließlich Körper und materieller Mittel) nicht die Intelligenz besitzt, unabhängig zu handeln, unfähig ist, das Leblose zu beleben, und keine Denkfähigkeit hat. Diese Erkenntnis ebnet völlig neuen Möglichkeiten den Weg.
Selbst eine kleine Veränderung dessen, wie wir uns und andere als Ausdruck der Liebe erkennen, wirkt sich auf alle Bereiche unseres Lebens aus.
Mary Baker Eddy, die Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft, erklärt dieses Umdenken: „Für den materiellen Sinn ist alles Materie; vergeistige aber das menschliche Denken, und unsere Überzeugungen ändern sich, denn der geistige Sinn gewinnt nun eine neue Sicht, in der die Natur Geist wird; und Geist ist Gott, und Gott ist das Gute. Die Wissenschaft enthüllt die Tatsache, dass die Gottheit von jeher Gemüt, Geist, war, dass die Materie niemals Gemüt hervorbrachte und umgekehrt“ (Vermischte Schriften 1883–1896, S. 217–218).
Um diesen Sichtwechsel zu illustrieren, betrachten wir, wie Kinder Bäume und den Wind verstehen. Einige Kinder meinen, dass Wind durch die Bewegung der Äste erzeugt wird. Doch das stimmt natürlich nicht.
Ebenso wie ein Kind zu dem Schluss kommen kann, dass Bäume Wind erzeugen, können wir zu der Annahme verleitet werden, dass Materie die Quelle von Intelligenz und Tätigkeit ist. Beim Heilen in der Christlichen Wissenschaft geht es darum, diese neue Sichtweise einzunehmen. Es geht darum, die uns anerzogenen, anhand unserer Wahrnehmungen erlangten falschen Überzeugungen abzulegen. Es geht darum zu verstehen, dass wir in Gemüt, Gott, und nicht in der Materie „leben, weben und sind“ (Apostelgeschichte 17:28) – und dass diese neue Sichtweise sich auf unsere äußeren Erfahrungen auswirkt. Heilung in der Christlichen Wissenschaft erwächst nicht aus derselben Grundlage wie die Schulmedizin, sondern baut auf einer völlig anderen Grundlage auf, bei der die Quelle der Intelligenz korrekt als Geist, nicht Materie, identifiziert wird.
Die allgemein anerkannte Weltanschauung des Daseins besteht darin, dass der Mensch entweder völlig materiell oder eine vorübergehend im menschlichen Körper gefangene Seele ist. In beiden Fällen gilt die Materie als Mittel, über das wir Leben erfahren. Doch die Materie hat keine Intelligenz. Einfach ausgedrückt zäumt diese materielle Weltanschauung das Pferd von hinten auf. Wie ein Kind, das meint, ein Baum verursache den Wind, ernennt die moderne Sichtweise die Materie (Gehirn, Muskeln usw.) zur Ursache von Intelligenz und Aktivität, zur Grundlage, von der Denken, Glück und Liebe ausgehen.
Die Christliche Wissenschaft offenbart das göttliche Gemüt als die Quelle der Intelligenz, unabhängig von Materie, und formt und gestaltet unsere Sichtweise von Identität mit diesem höheren Konzept. Um die heilende Macht der Christlichen Wissenschaft in ihrem ganzen Umfang zu verstehen, müssen wir unsere wahre Identität verstehen – dass wir als unsterbliche Wesen, die das Gemüt widerspiegeln, das nie etwas anderes als Gott ist, durch ein völlig geistiges Gesetzescorpus regiert werden. Paulus erklärt das in seinem Brief an die Römer: „Die ihrer menschlichen Natur entsprechend leben, können Gott nicht gefallen. Ihr aber lebt nicht gemäß eurer menschlichen Natur, sondern im Geist, wenn Gottes Geist wirklich in euch wohnt“ (Röm. 8:8, 9).
Im Reich des Gemüts hat alles seinen Ursprung im Gemüt und verbleibt dort. Die Wechselwirkung mit dem Glauben an die Materie oder die Tatsache des Geistes findet im Bewusstsein statt. Das physische Verständnis von Identität ist ein mentales Konzept, ein überzeugter Glaube der Welt. Wir fragen uns vielleicht: Wem schreiben wir unsere mentale Energie zu – dem Körper oder Gott als Liebe, Gemüt, Seele? Es ist enorm wichtig aufzupassen, wie wir uns in jedem Augenblick des Tages identifizieren, um das geistige Wachstum zu erleben, das zu einer befriedigenderen und gesünderen menschlichen Erfahrung und zu unserer endgültigen Erlösung führt.
Selbst eine kleine Veränderung dessen, wie wir uns und andere als Ausdruck der Liebe erkennen, wirkt sich auf alle Bereiche unseres Lebens aus. Sie schenkt Familien Harmonie, den Traurigen Fröhlichkeit, den Armen Fülle und den Übeltätern Reinheit. Wenn wir uns als die Auswirkung der Liebe erkennen, können wir anfangen, andere auf dieselbe Weise zu betrachten. Wir werden ganz selbstverständlich fürsorglicher, geduldiger und freundlicher. Unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst wird als beständiger Teil unserer Natur als Gottes geistige Widerspiegelung betrachtet.
In dem Maß, wie unser Selbstverständnis als Kind der Liebe stärker wird, verliert die ungehörige Fessel der Krankheit ihre Kraft. Eine andere Sichtweise unserer selbst öffnet den Weg für ein höheres Verständnis der Wirklichkeit. Heilung in der Christlichen Wissenschaft kann wie ein Wunder wirken, bis man diese neue Sichtweise angenommen hat. Dann erscheint sie völlig normal. In dem Maße, wie wir unser Denken von dem Konzept einer materiellen Quelle des Lebens ab- und der Tatsache zuwenden, dass wir jetzt in diesem Moment das Ebenbild Gottes sind, erleben wir eine Freiheit und einen Frieden, den wir nicht für möglich gehalten hätten.
In dem Maß, wie unser Selbstverständnis als Kind der Liebe stärker wird, verliert die ungehörige Fessel der Krankheit ihre Kraft.
Vor ein paar Jahren spürte ich einmal, wie sich etwas in meinem Rücken verrenkte, und es traten Schmerzen auf. Am folgenden Morgen konnte ich nicht aufstehen. Sofort machte sich Angst breit. Während ich dort lag und über meine geistige Identität nachdachte, kam mir der Gedanke: „Wie soll ich anderen helfen, wenn ich nicht mal mir selbst helfen kann?“ In der Zeit erwog ich, mich hauptberuflich dem Heilen in der Christlichen Wissenschaft zu widmen. Mir wurde klar, dass es nicht um einen körperlichen Zustand ging – dass die Materie nicht der Ursprung von Schmerz oder Schmerzlosigkeit ist. In Wirklichkeit ging es um Angst. Und sofort fiel mir folgender Satz von Mary Baker Eddy ein: „Beginne deine Behandlung immer damit, dass du die Furcht der Patienten beschwichtigst“ (Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, S. 411).
Das war der Wendepunkt. Sobald ich begriff, dass es um eine rein mentale Sache ging, fühlte ich mich frei. Die Furcht verschwand und die Schmerzen hörten auf. Bis Mittag war ich aus dem Bett und bei der Arbeit.
Eine Woche später erzählte ich meiner Lehrerin der Christlichen Wissenschaft von dieser Erfahrung. Sie wiederholte den zweiten Teil des Zitats, betonte aber das Wort Patienten: „... dass du die Furcht der Patienten beschwichtigst.“ Mrs. Eddy bezog sich auf die Furcht, die Patienten bei Krankheiten oder Störungen oft empfinden. Ich aber musste meine Angst davor überwinden, dass Patienten mich um Behandlung durch Gebet bitten – die Angst, dass ich nicht fähig sein würde, mit der geistigen Sicherheit und dem nötigen Verständnis darauf einzugehen, die Heilung bringen. Durch die Erkenntnis, dass die Macht des Heilens nicht persönlich ist, sondern eine Erkenntnis der gegenwärtigen Macht des Gemüts, und dass mein Daseinszustand jetzt geistig ist, erlangte ich meine Freiheit. Meine Aufmerksamkeit wandte sich von der „Reparatur“ des Körpers fort und der erneuten Bestätigung dessen zu, dass die göttliche Liebe die Quelle meiner Identität und der aller ist.
Einige Monate später begann ich, als Praktiker der Christlichen Wissenschaft im Journal und Herold zu inserieren – ein Beruf, den ich seit 25 Jahren im Herzen bewegte.
Die Christliche Wissenschaft ist wirklich eine ganz neue Denkweise über die Gesundheit. Heilung in der Christlichen Wissenschaft hängt damit zusammen, uns selbst in neuem Licht zu sehen – im Licht der geistigen Realität –, das einer neuen Vielfalt geistiger Möglichkeiten als verlässlicher Methode der Selbstfürsorge die Tür öffnet. Die schlichte Wahrheit, dass wir im Gemüt existieren und dass sich unsere Identität dauerhaft und auf ewig auf die göttliche Liebe statt Materie gründet, ist vonnöten, um das Himmelreich hinsichtlich unserer Gesundheit und unseres Wohlbefindens in jedem Bereich unserer Erfahrung umzusetzen.
Dieser Artikel erschien ursprünglich am 17. Juli 2017 im Internet.
Übersetzt aus dem Christian Science Journal, Ausgabe März 2017
