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Original im Internet

Mary Baker Eddys Schreibstil

Aus dem Herold der Christlichen Wissenschaft. Online veröffentlicht am 10. Mai 2019


Meine Teilnahme an Verlegerkonferenzen als Leiterin des Büros des Verlegers von Mary Baker Eddys Schriften hat im Lauf der Jahre zu interessanten Unterhaltungen geführt. Im Kreis von Verlegern, Literaturagenten und Autoren – die alle nach Kontakten zum Networking und zusätzlichen Gelegenheiten für Marketing und Vertrieb suchen – ist der Austausch mit anderen allerdings oft kurz. Die Person fragt mich: „Wie viele Autoren vertreten Sie?“ „Eine Autorin“, sage ich. „Wie? Was verlegen Sie denn?“ „Ich verlege im Auftrag unseres Vorstands die Grundschriften der Kirche der Christlichen Wissenschaft.“ („Wie?“) Und schon sieht mein Gesprächspartner hinter mir jemanden, den er unbedingt begrüßen muss.

Bei meiner Arbeit ist mir die Besonderheit dieser ungewöhnlichen – und für andere Verleger befremdlichen – Situation bewusster und wertvoller geworden. Meine Abteilung hat das Privileg, Mary Baker Eddys Schriften in gedruckter und digitaler Form zu verlegen und weltweit zu vertreiben. Wir sind nur für eine Autorin zuständig.

Die Herausgabe des Werks eines einzigen Autors und die verlegerische Tätigkeit dieser Bücher über mehr als einhundert Jahre ist selten in der heutigen Geschäftswelt. Ich habe daraus vor allem gelernt, dass Mary Baker Eddys Schriften für empfängliche Leser immer aktuell sind. Unser Fokus auf eine einzige Autorin und das Herausgeben ihrer Bücher versetzt uns ferner in die Lage, ihre einzigartigen und zeitlosen Beiträge als Verfasserin und Redakteurin, Leserin, Dichterin, Zuhörerin, Lehrerin und Führerin wertzuschätzen.

Was sehr zur Frische und Zugänglichkeit ihrer Werke beiträgt, ist die enorme Vielfalt ihrer Stimme, ihres Schreibstils. Sie bewegt sich fließend zwischen Prosa und Poesie hin und her, zitiert aus der Bibel oder spielt auf sie an. Bei der Definition und Erklärung göttlicher Gesetze ist ihr Ton revelatorisch und eindringlich, aber sie ist zartfühlend und umsichtig mit ihren Lesern. Sie zeigt Humor. Und immer, auch in Briefen an Gegner, ist sie großmütig und gütig. Manchmal ist sie direkt, manchmal fast kindlich in ihrer Demut. Sie erreicht über Jahrzehnte eine große Bandbreite an Lesern, denn ihre Denkweise, die sie in einem immer aktuellen Schreibstil ausdrückt, ist so breit gefächert.

Ihre äußerst umfangreiche Bildung beruhte auf Unterricht von Angehörigen, Freunden und ihrem eigenen Studium. Doch sie hat immer betont, dass ihr Verständnis der Christlichen Wissenschaft als Gesetze Gottes weit über menschliche Bildung hinausging – sie schrieb dazu in ihrer Autobiografie Rückblick und Einblick: „Nach meiner Entdeckung der Christlichen Wissenschaft schwand der größte Teil des Wissens, das ich aus Schulbüchern gesammelt hatte, wie ein Traum dahin.

Die Gelehrsamkeit war so erleuchtet, dass die Grammatik in den Schatten trat. Die Etymologie war göttliche Geschichte, die in des Menschen Ursprung und Bedeutung die Idee Gottes verkündete. Die Satzlehre war geistige Ordnung und Einheit. Die Verslehre aber war der Gesang der Engel und kein irdisches oder ruhmloses Thema“ (S. 10).

Das wird in ihren Schriften deutlich. Immer wieder setzte sie Grammatik- und Interpunktionsregeln aus oder außer Kraft, um die Metaphysik klarer darzustellen. Eines der bekanntesten Beispiele dafür findet sich im Kapitel „Zusammenfassung“ in ihrem Hauptwerk Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, dem Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft:

Frage. – Gibt es mehr als einen Gott oder ein Prinzip?

Antwort. – Nein. Prinzip und seine Idee ist eins, und dieses eine ist Gott, allmächtiges, allwissendes und allgegenwärtiges Wesen, und Seine Widerspiegelung ist der Mensch und das Universum“ (S. 465–466).

Wenn sie der Grammatik gefolgt wäre und gesagt hätte: „Prinzip und seine Idee sind eins“, hätte sie das grundlegende Argument der Christlichen Wissenschaft der Einheit und Untrennbarkeit von Gott und Mensch unterminiert.

Ein Beispiel für ungewöhnliche Zeichensetzung, um etwas klarzustellen, findet sich im Lehrbuch im ersten Teil des sechsten Glaubenssatzes der Christlichen Wissenschaft: „Und wir geloben feierlich zu wachen, und zu beten, dass das Gemüt in uns sei, das auch in Christus Jesus war; anderen zu tun, wie wir wollen, dass sie uns tun sollen; und barmherzig, gerecht und rein zu sein“ (S. 497). Sie schrieb nicht „zu wachen und zu beten“, sondern: „zu wachen, und zu beten ...“. Erst wachen wir (Komma, Pause), dann beten wir. Dieses Komma ist wichtig!

Die folgende Stelle in Wissenschaft und Gesundheit bringt mich immer zum Schmunzeln (und ich habe mehr als eine Heilung dadurch erlebt, dass ich sie studiert habe). Wie durchbricht man besser den Traum des Mesmerismus als ihn unverblümt, unbeeindruckt und mit Humor anzusprechen, wie sie das hier tut? „Krankheit hat keine Intelligenz, durch die sie sich verlagern oder von einer Form in eine andere verwandeln kann. Wenn sich die Krankheit verlagert, dann ist es das Gemüt, nicht Materie, das sie verlagert; darum achte darauf, dass du sie austreibst“ – oder „auslagerst“, um das englische Wortspiel in Bezug auf „verlagern“ aufzugreifen (S. 419).

Eine Dienstbotin Mrs. Eddys bemerkte, wie sorgfältig sie jedes Wort wählte, und beschreibt den Kontext, der zu folgendem Satz im Lehrbuch führte: „Christliche Wissenschaftler, seid euch selbst ein Gesetz, damit euch die mentale Malpraxis nicht schaden kann, weder im Schlaf noch im Wachen“ (S. 442). In We Knew Mary Baker Eddy, Expanded Edition, Volume I [Wir kannten Mary Baker Eddy, erweiterte Ausgabe, Band 1] ist vermerkt, dass Martha Wilcox Folgendes über den Satz zu sagen hatte: „Sie schrieb drei Tage lang fast ununterbrochen. Sie schlug im Wörterbuch und in der Grammatik nach, studierte Synonyme und Antonyme, und am Ende hatte sie diese beiden Zeilen verfasst, die sie in Wissenschaft und Gesundheit einfügte. Ich war verwundert über ihre Beharrlichkeit und erstaunt, dass sie so viel Zeit aufwandte, um zwei Zeilen zu schreiben. Aber sie hatte für diejenigen, die sich mit der Christlichen Wissenschaft befassten, eine wissenschaftliche Erklärung ausgearbeitet, die alle Zeiten überdauern würde. Nach dreitägigem Schreiben gab sie uns zwei Zeilen, aber wer von uns kann schon den Wert dieser beiden Zeilen ermessen?“ (S. 475).

Eine weitere Sache, die ich über Mrs. Eddy als Autorin schätzen gelernt habe, ist die enorme Vielfalt ihres Tons. Sie verwendet formale, rechtliche Sprache (siehe die Allegorie der Gerichtsverhandlung in Wissenschaft und Gesundheit, S. 430–442). In Vermischte Schriften 1883–1896 verwendet sie lateinische und griechische Begriffe, zum Beispiel: „Das schulmäßige [im Englischen „scholastische“] Dogma hat die Menschen blind gemacht. Christi Logos gibt diesen Blinden das Gesicht, diesen Tauben das Gehör und diesen Lahmen die Kraft ihrer Füße wieder – körperlich, sittlich, geistig“ (S. 362). Dasselbe Buch enthält außerdem empfindsame, liebevolle Briefe an ihre Kirchen und Nachfolger. In einem Essay mit dem Titel „Die Wiedergeburt“ schreibt sie: „Nun, lieber Leser, halte mit mir einen Augenblick inne, um diese geistige Höhe der Wiedergeburt ernstlich zu betrachten, denn jene Behauptung bedarf des Beweises“ (S. 16). Mrs. Eddy spricht oft in ihren Schriften jeden von uns mit ungeminderter Relevanz als „Lieber Leser“ an. Wer hat es nicht nötig, daran erinnert zu werden, wie sehr Gott uns liebhat?

Ich verstehe Mrs. Eddys Gebrauch von „Lieber“ immer in diesem Sinne, wenn ich ihre Schriften studiere. So direkt sie sein konnte, wie in ihrer Aufforderung in Vermischte Schriften 1883–1896, „eure Lauheit [abzulegen]“ (S. 177), so liebevoll war sie doch in erster Linie in diesen Aufforderungen. Ihr einzigartiger Schreibstil gründet sich auf ihre große Liebe – Liebe zu Gott, zur Menschheit und zu der Kirche, die sie gegründet hat. Diese Liebe erreicht und berührt das Herz jedes empfänglichen Lesers und wird dies über Jahrhunderte hinaus tun.

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Der Herold ermutigt jeden von uns, das geistig Gute zu entdecken — den geistigen Sinn zu betätigen. Wir sehen damit klarer die geistigen Tatsachen unserer Beziehung zu Gott und entdecken gleichermaßen auch Gelegenheiten, sie der Welt zu verkünden und anzuwenden: mit anderen Worten, die Aufgabe des Herolds zu erfüllen.

Michael Pabst, Der Herold der Christlichen Wissenschaft, Februar 1997 

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