Welch notwendige Begleiterin ist doch die Hoffnung für den christlichen Pilger! Ja, man kann wohl sagen wie Thomas Fuller in einem seiner treffenden Denksprüche: „Wer der Hoffnung ermangelt, ist der ärmste Mensch auf Erden.” Die Hoffnung muß, so lehrt uns das Wörterbuch, ein Verlangen nach dem Guten sein, das von der Erwartung des Guten begleitet ist. Und mit welchem Sehnen und Hoffen auf eine bessere Welt und eine geordnetere menschliche Gesellschaft sollten alle recht denkenden Menschen die Anstrengungen verfolgen, die eben gemacht werden, um Zustände zu schaffen, die es Menschen und Völkern möglich machen, in Frieden und Harmonie zusammen zu leben. Gottesfürchtige Menschen sollten nicht nur wünschen, sondern zuversichtlich erwarten, daß die Verheißungen eines Jesaja und Micha (Jes. 2:4, Mich. 4:3) in dieser erleuchteten Stunde in Erfüllung gehen, und daß Schwerter zu Pflugscharen und Speere zu Sicheln gemacht werden und Menschen und Völker nicht mehr kriegführen lernen.
Eine Sichel, oder vielmehr eine Heckensichel, ist ein Gerät, mit dem überflüssige Zweige oder dürre Reiser aus den Bäumen ausgeschnitten werden. Mag nicht manchmal etwas Ausschneiden im individuellen Bewußtsein angebracht sein bei dem großen Werk, einen dauernden Frieden auf Erden auszuarbeiten? Die Sterblichen haben die Neigung, überall anders lieber als in ihrem eigenen Denken die Berichtigung eines Irrtums zu suchen. Wer hat nicht von jener stolzen Mutter gehört, die ausrief, als sie ihren Sohn mit seiner Kompanie vorbeimarschieren sah: „Alle sind aus dem Schritt außer meinem Jungen!” Ehe man daher die allgemeine Umwandlung von Schwertern und Spießen zu Pflugscharen und Heckensicheln erwarten kann, sollte man das eigene Herz erforschen und anfangen, einige der unschönen Begriffe des sterblichen Gemüts auszuschneiden, die Disharmonie hervorrufen.
Der Krieg zwischen den Völkern kann nicht überwunden werden, bis die kriegerischen Gedanken im individuellen Bewußtsein unterdrückt worden sind. Was verursacht den Krieg? Haß, selbstsüchtige tierische Triebe, Furcht und Unwissenheit. Hier sind wichtige Fragen: Wieviel von dem, was Krieg verursacht, ist in meinem eigenen Denken vorhanden? Gibt es da unüberwundenen Haß oder Bitterkeit oder Rachegefühle, die noch in den Winkeln meines Bewußtseins lauern? Und wenn dem so ist, wie kann es überwunden werden?
Der Anhänger der Christian Science Der Name, den Mary Baker Eddy ihrer Entdeckung gab (sprich kri'ß-tiön ßai'-enß). Die wörtliche übersetzung der zwei Worte ist „Christliche Wissenschaft”. lernt gewöhnlich schon ganz früh in seiner Erfahrung, daß er nicht gleichzeitig hassen und glücklich sein kann, daß er nicht die Schlange der Bitterkeit in seinem Busen nähren und gesund sein kann. Die Notwendigkeit, den starken Scheinwerfer der Wahrheit auf das eigene Denken zu richten, um solch heimtückische Irrtümer aufzudecken und zu zerstören, sollte von allen verstanden werden.
Jemand mag sagen: „Ich muß zugeben, daß ich solch haßerfüllte Gedanken beherberge; doch wie kann ich sie überwinden? Wäre es ehrlich, wenn ich vorgäbe, einen unangenehmen Sterblichen zu lieben, der viel getan hat, um mir zu schaden?” Eine klare Antwort auf solche Fragen ist in einem Aufsatz Mary Baker Eddys in „Miscellaneous Writings” (S. 8) zu finden, der in seiner Schönheit und praktischen Anwendbarkeit ganz einzigartig ist. Hier lesen wir: „Wer ist dein Feind, daß du ihn lieben solltest? Ist er ein menschliches Wesen oder überhaupt etwas außerhalb deiner eigenen Schöpfung? Kannst du einen Feind sehen, wenn du nicht erst diesen Feind in Gedanken gestaltest und dann auf das Gebilde deiner eigenen Vorstellungen schaust?” Dann fügt sie etwas weiter unten hinzu: „Betrachte einfach das als deinen Feind, was das Christusbild, das du widerspiegeln solltest, entweiht, entstellt und entthront.”
Das Bild eines Feindes ist daher vielmehr etwas Subjektives als etwas Objektives. Es ist das Gebilde der eigenen irregeleiteten Auffassungen. Dasjenige, was eine Abneigung erregende, haßerfüllte Person zu sein scheint, ist gar nicht der Mensch Gottes. Gott ist die Liebe, und der Mensch ist Sein Ausdruck. Daher muß ein Ausdruck von Haß ein falscher Begriff vom Menschen sein, ebenso wie das verzerrte Bild eines Kindes vor einem grotesken Spiegel keine richtige Widerspiegelung des Kindes darbietet.
Ein junges Mädchen, das noch nicht ganz zwanzig Jahre alt war, eine Anhängerin der Christian Science, wurde eines Nachts von einem sonderbaren Geräusch in ihrem Zimmer aufgeweckt. Als sie das Licht über ihrem Bett andrehte, sah sie einen Dieb, der in einer ihrer Schubladen herumwühlte. Er sprang zu ihrem Bett, drehte die elektrische Birne aus dem Sockel und sagte ihr, daß er, wenn sie sich nicht ruhig verhielte, Gewalt gebrauchen würde. Sie blieb eine Weile ganz still liegen und bat Gott um Weisheit und Schutz.
Dann sagte sie mit ruhiger Stimme: „Wissen Sie, in wessen Gegenwart Sie sind?” Der Dieb fragte, augenscheinlich ganz erstaunt, was sie damit meinte. Sie antwortete: „Sie sind in der Gegenwart Gottes, und Ihre wahre Selbstheit ist Gottes ehrliches, liebenswertes Kind.” Sie hörte, wie er das Zimmer verließ, doch sie blieb ganz still.
Nach einigen Minuten kam er zurück, trat an ihr Bett, gab ihr eine Handtasche und sagte: „Ich glaube, dies ist Ihre Tasche; ich kann sie nicht wegnehmen.” Nach einer kurzen Pause fragte er nachdenklich: „Was sind Sie?” Sie erwiderte, daß sie eine Christliche Wissenschafterin sei.
„Sie sind ein Engel,” entgegnete er, „und ich bin ein Teufel.”
Im Dunkeln reichte ihre Hand aus nach der seinen. „Sie sind kein Teufel,” sagte sie ernst. „Sie sind in Wirklichkeit zu Gottes Ebenbild geschaffen und haben keine Freude daran, Unrecht zu tun.” Er fragte sie, ob sie versuchen würde, die Polizei zu rufen. Sie erwiderte, daß sie das nicht tun würde, wenn er still fortginge und zwar mit dem Entschluß, sich zu Gott zu wenden und des Menschen wahre Natur verstehen zu lernen. Sie hörte, wie er schluchzend den Flur entlang ging, und bei dem Fenster, durch das er hinauskletterte, lagen alle Wertsachen der Familie, vollzählig.
Können die Kriege fortdauern, wenn die Kinder Gottes in dieser Weise zu lieben lernen? Laßt uns unsre Heckensicheln nehmen und aus unserm Bewußtsein alles dürre Reisig kleinlicher, grollender, unschöner und unfreundlicher Gefühle ausschneiden, indem wir seine völlige Machtlosigkeit und Unwirklichkeit erkennen, da es weder Teil noch Anteil im Reich der Liebe hat.
Heute noch können wir in unserm geistigen Heim beginnen, die Speere in Sicheln umzuschmieden. Heute noch können wir anfangen, wichtige Beiträge zu machen zum internationalen Frieden. Heute noch und alle Tage kann ein jeder von uns mit seiner Führerin erklären (ebd., S. 104): „Ich will lieben, selbst wenn ein andrer haßt. Ich will es mit dem Guten, meinem wahren Sein, aufwiegen. Dies allein verleiht mir die Gotteskraft, womit ich allen Irrtum überwinden kann.”
