Auf die als Überschrift dieses Aufsatzes dienende Frage hat Mary Baker Eddy, die Entdeckerin und Gründerin der Christian Science, in „Unity of Good” (S. 51) geantwortet: „Frau ist die höchste Erscheinungsform des Menschen; dieses Wort ist der Gattungsname für alle Frauen; aber kein einziges aller dieser Einzelwesen ist eine Eva oder ein Adam.”
Das erste Kapitel im 1. Buch Mose bezeugt die wirklichen Tatsachen der Schöpfung, einer Schöpfung, von der es heißt, daß sie geistig, völlig gut und vollständig ist. Der Bericht lautet: „Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie männlich und weiblich” (engl. Bibel). Diese Erklärung, daß Männlichkeit und Weiblichkeit eine geistige Einheit ist, ist die wissenschaftliche Wahrheit über den wirklichen Menschen. Sie ist das Gegenteil der materiellen Unwahrheit, die im zweiten Kapitel des 1. Buchs Mose sinnbildlich erzählt ist.
Dieser zweite Bericht behauptet, daß von einem aus Erde gemachten Mann während eines mesmerischen Schlafes eine Rippe genommen wurde, um die Frau zu erschaffen. Der ganze Inhalt des zweiten Kapitels vom sechsten Vers an schließt in sich, daß Weiblichkeit und Männlichkeit voneinander getrennt seien. Dies steht im Widerspruch zu der im vorausgehenden Kapitel behaupteten Wahrheit.
Der Mensch ist gattungsgemäß die unteilbare und volle Kundwerdung des Gemüts. Die Wissenschaft enthüllt, daß die Männlichkeit und Weiblichkeit der Schöpfung Gottes die vom einzelnen widergespiegelte Einheit des Gemüts ist. Allmählich räumt die Menschheit der Frau ihren rechtmäßigen Platz in menschlichen Angelegenheiten ein und erkennt ihre gottgegebene Fähigkeit an, nicht nur Erbarmen, Milde und Barmherzigkeit, sondern auch in gleicher Weise wie der Mann Intelligenz, Mut und Stärke auszudrücken.
Im zweiten Kapitel des 1. Buchs Mose, Vers 10, lesen wir von einem Strom, der „von Eden ausging, zu wässern den Garten, und teilte sich von da in vier Hauptwasser.” Es heißt dort auch, daß der zweite Fluß Gihon heißt; ihm legt Mrs. Eddy im Glossarium in „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift (S. 587) die geistige Bedeutung bei: „Die Rechte der Frau moralisch, bürgerlich und sozial anerkannt.”
Als David wohl betagt war, „erhob sich Adonia und sprach: Ich will König werden” (1. Kön. 1, 5). Aber was ist sterbliche Großtuerei im Vergleich mit Gottes göttlichem Plan? Der Prophet Nathan suchte die Vermittlung Bath-Sebas, der Mutter Salomos, die bei David zu Gunsten ihres Sohnes Fürsprache einlegte. David schenkte ihrer Bitte Gehör und gab bekannt, daß Salomo auf den Thron kommen werde. Er erließ daher den Befehl (1. Kön. 1, 33. 34): „Nehmet mit euch eures Herrn Knechte und setzet meinen Sohn Salomo auf mein Maultier und führet ihn hinab gen Gihon. Und der Priester Zadok samt dem Propheten Nathan salbe ihn daselbst zum König über Israel. Und blaset mit den Posaunen und sprecht: Glück dem König Salomo!” Man beachte in dieser Erzählung, daß das Recht der Thronfolge durch eine Frau bewahrt wurde, und daß die Bestätigung ihrer Rolle in dem königlichen Drama darin gipfelte, daß Salomo im Fluß Gihon zum König gesalbt wurde.
Herrliche Strahlen geistigen Lichts geben durch heilige Lichtblicke über geschichtliche Begebenheiten in der Bibel Aufklärung. In Wechselbeziehung zu der vorstehend erwähnten Erzählung in der Bibel steht Mrs. Eddys Erklärung (Nein und Ja, S. 45): „Im Naturgesetz und im Glauben an Gott hat die Frau das unveräußerliche Recht, das höchste Maß erleuchteten Verständnisses und die höchsten Stellen in der Regierung auszufüllen; und diese Rechte werden von den Edelsten beider Geschlechter in geeigneter Weise geschützt.”
Das Wirken Christi Jesu gab den geistigen Anstoß zur Besserung der Stellung der Frau. Das christliche Zeitalter, das der Meister einführte, war fortschrittlichen Stellungnahmen, die die Befreiung der Frau ahnen ließen, förderlich. Die Jünger Jesu lernten von ihrem Lehrer, der Frau ihren rechtmäßigen Platz in der Kirche und der Gemeinde einzuräumen.
In der Bibel erwähnte Fälle zeigen, daß die Frau sowohl zum Geschäftsund Familienleben, als auch zu bürgerlichen Angelegenheiten beitrug. In der Apostelgeschichte ist Lydia erwähnt, die offenbar eine gute Geschäftsfrau war. In den Sprüchen Salomos, Kap. 31, Vers 10–31 ist die Frau im Heim gelobt. Zu den Richtern Israels zählte auch eine Frau, Debora, deren Triumphlied von der Rolle der Frau im Krieg und im Frieden zeugt. Auch aus unserer Zeit könnten Fälle angeführt werden, daß Frauen Fähigkeiten beweisen, die zur Hebung der Sittlichkeit, des Geschäftslebens und des bürgerlichen und gesellschaftlichen Lebens dienen. Durch Christian Science beweisen Frauen, daß das göttlich Gute in menschlichen Angelegenheiten zweckmäßig angewandt werden kann. Sie finden dadurch geistigen Halt, daß sie sich täglich in die göttlichen Wahrheiten vertiefen, die sich in der Bibel und in Mrs. Eddys Schriften befinden. Sie schöpfen gewohnheitsmäßig aus diesen heiligen Quellen geistige Erfrischung.
Der Verfasser dieses Aussatzes wohnte einst dem Festmahl eines Juristenvereins bei, der nur aus weiblichen Rechtsanwälten bestand. Der als Gast geladene Redner führte aus, daß noch bei jeder fortschrittlichen Bewegung in der Zivilisation die Frau im Vordergrund gestanden und die Männer zu höherem Vollbringen angefeuert habe. Als eine lange Reihe hervorragender Frauen aufgezählt wurde, fiel ihm ein name ein, den Tausende in liebevoller Ehrfurcht nennen, der dankbaren Herzen immer lebendig im Gedächtnis bleibt und sie mit heiligen Gefühlen erfüllt: Mary Baker Eddy. Ihr herrliches an Arbeit und Liebe reiches Leben spricht beredt von der heiligen Wache, die sie während einer langen Nacht in der Finsternis des Irrtums hielt, bis das Tagesgestirn der Offenbarung aufging.
Man beachte, daß Mrs. Eddy ihrer Antwort auf die Frage: „Was sagen Sie über die Frau?”, den Satz hinzufügt: „Kein einziges aller dieser Einzelwesen ist eine Eva oder ein Adam.” Der Fluch des Leidens und der Unterjochung (1. Mose 3, 16) ruht auf dem persönlichen Sinn; aus der falschen Auffassung dieser Stelle entstehen manche der heimtückischsten Geltendmachungen des Leides und der Krankheit. Aber die Christian Science verwirft die schmähliche Verdammung als grundlos und unhaltbar. Das fleischliche Gemüt, das nichts von des Menschen geistigem Ursprung weiß, flößt seinem männlichen Begriff vom Menschen oft eine Selbstüberhebung ein, die die Frau unterzuordnen sucht. Daher widersetzt sich dieses Gemüt so hartnäckig, die Menschheit insgesamt, also jeden Menschen, als die geistige und vollständige Idee des Gemüts anzuerkennen. Männer und Frauen müssen sehen, daß Anmaßung, Beherrschung und Sinnlichkeit unwirkliche Irrtümer sind; denn in der irrigen materiellen Annahme entschuldigen beide diese mesmerischen Übel als unvermeidlich. Was nicht auf den Geist, auf Gott, zurückgeführt werden kann, kann der Wirkung Gottes, dem Menschen, nicht anhaften.
Wenn die Menschheit in der Christian Science verstehen lernt, was der Mensch wirklich ist, wird sich durch geistiges Verständnis ein rechter Begriff von der Frau und der ihr zustehenden Rechte entfalten, und dann werden im geselligen Verkehr, im beruflichen und bürgerlichen Leben die nötigen Veränderungen folgen. Dem Denken sollte die geistig wissenschaftliche Auffassung vorschweben, daß die Frau „die höchste Erscheinungsform des Menschen” ist, besonders gegenwärtig, wo falsche Begriffslehren die Frau in einen Kerker der Finsternis und der Knechtschaft zurückzuversetzen suchen.
Der Dichter Tennyson gibt einem Schimmer des höheren Ideals Ausdruck in seinen Zeilen:
Die Frau ist nicht ein unentwickelter Mann,
Sondern anders. ...
Nicht Gleiches zu Gleichem, sondern etwas gleichwertiges Anderes.
Mit der Zeit müssen sie einander jedoch ähnlicher,
Der Mann weiblicher, sie männlicher werden;
Er muß an Liebenswürdigkeit und an sittlicher Höhe,
Sie ein erweitertes Denken gewinnen,
Bis sie schließlich zum Mann im gleichen Verhältnis steht,
Wie vollkommene Musik zu hehren Worten.
