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Original im Internet

Ist Moral relativ?

Aus dem Herold der Christlichen Wissenschaft. Online veröffentlicht am 29. Juni 2026


Eine Nachbarin sagte einmal: „Moral ist relativ. Jeder Mensch hat andere Vorstellungen von dem, was gut oder schlecht ist.“ Ihre Meinung spiegelte eine vertraute moderne Überzeugung wider – dass Moral je nach persönlichen Vorlieben und kulturellen Trends unterschiedlich gesehen wird. Aus dieser Sichtweise können Richtig und Falsch wie unstete Ziele aussehen, die von den Umständen abhängen, statt auf einem feststehenden Prinzip zu beruhen.

Als ich meiner Nachbarin zuhörte, empfand ich das Bedürfnis, mir Zeit zu nehmen und zu beten. Ist Moral tatsächlich relativ? Oder gibt es eine festere, geistige – nicht von menschlichen Meinungen abhängige – Grundlage, auf der man einschätzen kann, was richtig und was falsch ist?

Durch mein Studium der Bibel und des Lehrbuchs der Christlichen Wissenschaft, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass Moral nicht relativ ist. Sie ist in Gott, dem göttlichen Prinzip, Liebe, verwurzelt. Wahre Moral ist der natürliche Ausdruck von Gottes unveränderlichem Gesetz, das in jedem Aspekt unserer menschlichen Erfahrung praktiziert wird.

Mrs. Eddy schreibt in Wissenschaft und Gesundheit (S. 13): „Liebe ist unparteiisch und universal in ihrer Anwendbarkeit und in ihren Gaben.“ Da göttliche Liebe alles ist und alles regiert, kann Moral weder persönlich und veränderlich sein noch von Angst diktiert werden. Sie muss die Beständigkeit und Fürsorge der Liebe für uns alle und die ganze Schöpfung widerspiegeln.

Diese geistige Grundlage wird in der gesamten Bibel bestätigt. Im Hebräischen bedeutet das Wort šālôm– das meist mit Frieden wiedergegeben wird, erheblich mehr als nur die Abwesenheit von Konflikten. Es weist auf Vollständigkeit, Harmonie, Lückenlosigkeit und Wohlbefinden hin, und zwar sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene. Ich verstehe diese Eigenschaften als im Gehorsam Gott gegenüber verankert, und diese Idee spiegelt sich in den Zehn Geboten wider, die nicht etwa einengende Regeln, sondern geistige Gesetze sind und den Zweck haben, uns zu vereinen, zu schützen und zu segnen.

Das Thema šālôm zieht sich durch das Alte wie das Neue Testament. Die beiden Gebote, die Jesus als das größte und das zweitgrößte im Gesetz bezeichnete, könnten als Zusammenfassung aller moralischen Gesetze verstanden werden (Matthäus 22:36–39): „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“ und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Aus meiner Sicht sagte Jesus, als er diese beiden Gebote besonders hervorhob, dass Gott zu lieben und unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst den Kern alles moralischen Handelns ausmacht. Diese Regeln sind zwingend und untrennbar voneinander, denn beide bringen göttliches Prinzip, Liebe, zum Ausdruck. Sie bilden eine Einheit und hüllen alle Menschen, auch uns, in Gottes Liebe.

Jesus setzte diese moralische Klarheit in seinem Leben kompromisslos um, vielfach angesichts Kritik vonseiten der jüdischen Obrigkeit. Er heilte, wo und wann immer er auf einen Bedarf stieß – einschließlich am Sabbat –, sprach mit Ausgestoßenen, weigerte sich, eine Frau zu verdammen, die beim Sündigen ertappt worden war (wobei er die Sünde durchaus tadelte), und verkörperte selbst inmitten von Gewalt noch Vergebung. Während seiner Kreuzigung sagte er über diejenigen, die sein Leid hervorgerufen hatten (Lukas 23:34): „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Seine moralische Autorität floss aus seinem Verständnis seiner Einheit mit Gott. Er sagte (Johannes 10:30): „Ich und der Vater sind eins“, und sein Leben zeigt, dass Moral nicht auf menschlichem Willen, Angst, einem Bedarf an Kontrolle oder einer Gesellschaftsnorm beruht, sondern unsere Reaktion darauf ist, dass Liebe alle umarmt und dadurch vereint. Jesus lebte die geistige Harmonie, die šālôm repräsentiert.

Der Apostel Paulus gibt uns praktische Schritte vor, mit denen wir göttliche Liebe leben können. Er schreibt beispielsweise (1. Korinther 16:14): „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!“ Im 13. Kapitel desselben Briefes beschreibt er Liebe als langmütig, freundlich, demütig, vergebend und beständig. So wie ich Paulus verstehe, bezieht er sich hier auf geistige Liebe, und diese Eigenschaften offenbaren, wie man im Alltag „tätige Liebe“ jedem Menschen gegenüber praktiziert, dem man begegnet, und auch sich selbst gegenüber.

Die Christliche Wissenschaft lehrt uns, wie wir über unser Denken wachen und zwischen Gedanken unterscheiden können, die von der göttlichen Liebe kommen, und denen, die aus Angst entstehen. Viele von uns kennen die schrille Stimme der Selbstverdammung: „Ich bin nicht gut genug“, „Ich gehöre hier nicht hin“, „Ich kann nicht mithalten.“ Doch diese und ähnliche Gedanken bringen nicht Demut, sondern Angst zum Ausdruck. Sie stammen nicht von Gott.

Mrs. Eddy schreibt in Vermischte Schriften 1883–1896 (S. 183): „Der Mensch ist Gottes Bild und Gleichnis; was immer Gott möglich ist, ist dem Menschen als Gottes Widerspiegelung möglich.“ Wenn wir das akzeptieren, ändert sich unser innerer Dialog von einer kritischen Selbstverurteilung zu Gnade, Mitgefühl, Geduld und Vergebung. Und wir stellen fest, dass wir uns ganz natürlich mehr in Übereinstimmung mit unserem wahren Selbst als Ausdruck Gottes, der Liebe, befinden.

Ich habe das bei einer Renovierungsarbeit an unserem Haus selbst erlebt. Die Dinge liefen nicht wie geplant, und ich wurde zunehmend frustriert über meine eigenen Fehler. Doch ich hielt inne und fragte mich: „Ist das die Art und Weise, wie die göttliche Liebe mich sieht?“ Ich ersetzte Irritation durch Mitgefühl, Zartheit und Geduld mir selbst gegenüber. Ein paar Tage später, als ich das schon bekannte Gefühl der Ungeduld verspürte, während meine Frau aus dem Auto ausstieg, vollzog sich dieselbe Veränderung wie von selbst. Geduld und Dankbarkeit für meine Frau ersetzten Frust. In dem Augenblick war das ein echter Bonus für unsere Beziehung. Gottes Liebe zu mir zu fühlen half mir, Seine Liebe zu ihr zu fühlen.

Wenn wir üben, Gottes Liebe entgegenzunehmen und widerzuspiegeln, ändert sich etwas in unserem Denken und Handeln. Mehr von Gottes Ebenbild in jedem Menschen zu sehen bewirkt, dass wir andere weniger verurteilen. Wir sind offener dafür, Anzeichen der Liebe anderer anzunehmen. Wir hören offener zu, denn Liebe bringt Angst und Ich-Bezogenheit zum Schweigen. Unsere Entscheidungen beruhen weniger auf Reaktionen und mehr auf einem Befolgen der Führung der Liebe. Nach und nach fühlen wir geistige Harmonie – das šālôm –, die daraus entsteht, dass wir uns Gottes Regierung und nicht menschlichem Willen unterwerfen. Diese Änderungen kommen nicht aufgrund persönlicher Bemühungen, sondern wenn wir zulassen, dass die göttliche Liebe unsere Gedanken umwandelt und uns zeigt, was wahrhaft moralisch und richtig ist.

Somit ist Moral kein kultureller Trend und auch kein ständig neuer menschlicher Standard. Sie ist ein natürlicher Ausdruck des göttlichen Gemüts, Liebe, universal und unveränderlich. Mrs. Eddy drückt dies schlicht und überzeugend aus (Wissenschaft und Gesundheit, S. 452): „Das Recht ist radikal.“

In dem Maße, wie wir zulassen, dass Liebe unsere Gedanken und unser Verhalten regiert, fühlen wir die heilende Gegenwart wahrer Moral – stetig, sanftmütig und zutiefst mitfühlend. Dann bringen wir unsere wahre Natur als Widerspiegelung der Liebe wahrhaft zum Ausdruck, wodurch wir uns selbst, jeden Menschen, dem wir begegnen, und die Welt segnen.

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