Eine Frau bat mich, mit ihr zu beten, weil sie Eheprobleme hatte. Sie und ihr Mann hatten kleine Kinder und waren mit ihren Rechnungen im Rückstand. Der Ehemann trug nichts zum Familieneinkommen bei, was der Beziehung sehr schadete. Die Situation schien überwältigend, und es kam meiner Patientin so vor, als kämen täglich neue Probleme hinzu. Wir beteten gemeinsam und besannen uns bei jedem neuen Problem auf die Wahrheit – Gottes geistige Wahrheit – und bekräftigten den ewigen Status, den sie und ihr Mann als Kinder Gottes genossen.
Obwohl meine Patientin den Wunsch gehabt hatte, ihre Ehe zu heilen, reichte sie die Scheidung ein, als sie erfuhr, dass ihr Mann fremdging. Es hatte den Anschein, als ob alles über ihr zusammenbrach und sie für seine Fehler bestraft wurde. Sie sagte: „Ich versuche, das Richtige zu tun. Wieso bin ich diejenige, der alle diese Probleme aufgebürdet werden?“
Als ich eines Tages betete und auf Inspiration von Gott lauschte, kam mir ein Gedanke, der uns beiden half: „Jemand, der sich seine Erlösung erarbeitet, kann uns nicht schaden.“ Das sagte mir, dass der Mann meiner Patientin sich seine eigene Erlösung erarbeitete, ob sie es sehen konnte oder nicht, und dass seine Entscheidungen und sein Verhalten ihr beim Erarbeiten ihrer eigenen Erlösung nicht im Weg stehen konnten.
Als ich weiter darüber nachdachte, kamen mir zwei Zitate in den Sinn. Das eine war aus der Bibel (Philipper 2:12): „Schafft, dass ihr selig werdet.“ Das andere ist aus Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy, in dem das obige Zitat aus der King James Bibel übersetzt wiedergegeben wird (S. 22): „‚Erarbeitet euch eure eigene Erlösung‘ ist die Forderung von Leben und Liebe, denn zu diesem Zweck arbeitet Gott mit euch. ...
Die endgültige Befreiung von Irrtum, durch die wir uns der Unsterblichkeit, der grenzenlosen Freiheit und des sündlosen Sinnes erfreuen, wird nicht auf Blumenpfaden erreicht noch dadurch, dass wir unseren Glauben ohne Werke an die stellvertretenden Bemühungen eines anderen heften.“
Diese Stelle sagt mir, dass wir uns nicht einfach darauf verlassen können, dass Jesu große Arbeit uns rettet. Wir alle müssen ihm nachfolgen und unsere eigene Arbeit tun, wozu auch gehört, unser Verständnis der göttlichen Wahrheit zu vertiefen. Das bedeutet, dass wir uns unser eigenes Verständnis von Gott als die Quelle aller Wahrheit, alles Guten und aller Wirklichkeit und des Wesens und Zwecks unseres Lebens erarbeiten müssen – von unserer Identität, Substanz, Vollständigkeit, unserem Platz und Daseinszweck in der gesamten Schöpfung.
Durch mein Studium der Christlichen Wissenschaft ist mir ist klar, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, nämlich Geist, Gott. Mir meine Erlösung zu erarbeiten bedeutet also als Erstes zu verstehen, wer und was Gott ist und wie Gott mich sieht. Wir können uns weder wirksam unsere Erlösung erarbeiten noch können wir unseren Lebenszweck finden, wenn Gott in unserem Denken und Handeln nicht an erster Stelle steht.
Christus Jesus hat uns vorgelebt, wie man Gott richtig versteht. Er war der Wegweiser und zeigte uns unsere Beziehung zu unserer göttlichen Quelle durch seine Heilungen und Lehren. Mrs. Eddy schreibt über Jesus (Wissenschaft und Gesundheit, S. 18): „Er erfüllte sein Lebenswerk in der richtigen Weise, nicht nur, um sich selbst gerecht zu werden, sondern auch aus Erbarmen mit den Sterblichen – um ihnen zu zeigen, wie sie ihr eigenes Lebenswerk erfüllen können, jedoch nicht, um es für sie zu tun, noch um ihnen eine einzige Verantwortung abzunehmen.“
Wir alle müssen uns unser eigenes individuelles Leben erarbeiten. Wir können nicht für eine andere Person schlafen, essen und leben. Ebenso wenig können wir das Verständnis vom Leben und von der Erlösung für andere erarbeiten. Es ist möglich, einem anderen Menschen zu helfen und mit ihm zu beten, doch letztendlich muss jeder seinen eigenen geistigen Weg gehen. Und natürlich können wir nicht erwarten, dass andere dieses Verständnis für uns erarbeiten.
Unsere Rolle als Zeuginnen und Zeugen des Lebens anderer besteht immer darin, sie so zu sehen, wie Gott sie kennt – als von Ihm geliebt, geistig, unschuldig, vollständig und liebevoll.
Um wahres Leben zu verstehen, wenden wir uns unserer Quelle zu: Gott, dem Leben. Durch Gebet – durch unsere Kommunion mit Geist, Gott – erkennen wir uns und andere besser. Wir entdecken die Güte und Unendlichkeit Gottes, aus dem alles individuelle Leben und jeder Lebenszweck entsteht. Und auf dieser Grundlage können wir im Kleinen wie im Großen Gottes Güte durch das Verständnis zeigen, dass Böses, Sterblichkeit und menschliche Persönlichkeit nicht die geringste Macht besitzen, da sie keinen Platz in Gott und Seiner Schöpfung haben.
Ich habe aus dem Essay „Beleidigtsein“, der in Mrs. Eddys Buch Vermischte Schriften 1883–1896 (S. 223–224) erschienen ist, viele wertvolle Erkenntnisse erlangt. Sie haben mir verständlich gemacht, dass wir alle eine vollständig einzigartige Beziehung zu Gott haben, die uns niemand nehmen kann. Es ist ausschließlich Gott und uns vorbehalten, unseren Zweck und Platz im Leben zu verstehen. Beim Erarbeiten unserer Erlösung können wir daher verstehen, dass uns niemand das Gute, unseren Lebenszweck und unsere Versorgung streitig machen kann. Wir alle haben eine untrennbare individuelle Verbindung zu Gott, Liebe, unserer göttlichen Quelle.
Wenn wir danach streben, klarer zu verstehen, dass Gott die einzige Quelle und Macht ist, stellen wir fest, dass wir und andere weder das Verlangen haben noch die Fähigkeit besitzen, einander zu schaden, und somit können wir durch das Verhalten eines anderen Menschen auch keinen Schaden erleiden.
Meine Patientin fragte mich einmal, warum ihr Ex-Mann nicht unter den Folgen seines Verhaltens litt. (Sie hatte den Eindruck, die Einzige zu sein, die die Konsequenzen seines Verhaltens zu tragen hatte.) Doch wir verstanden: Wenn wir die Freiheit jedes Menschen anerkennen, sich seine eigene Erlösung zu erarbeiten, ist es nicht unsere Sache, wie und wann er dies tut.
Das heißt nicht, dass wir Probleme ignorieren oder Fehlverhalten dulden. Vielmehr können wir wissen, dass solch ein Verhalten kein Bestandteil eines Menschen als Gottes Kind ist, sondern ein falscher Glaube über den Menschen, den wir im Gebet handhaben können. Ich empfinde es als hilfreich, mir in meinem eigenen Denken klarzumachen, dass Sünde jeglicher Art unwirklich und machtlos ist und einem anderen Menschen niemals angehaftet werden kann.
Jesus sagte (Lukas 6:37): „Richtet nicht, dann werdet ihr auch nicht gerichtet. Verurteilt nicht, dann werdet ihr nicht verurteilt. Vergebt, dann wird euch vergeben.“ Wenn wir diese Anweisung verstehen und in die Tat umsetzen, können wir das Gefühl, ein Opfer zu sein und eine Enttäuschung zu erleben, loslassen und gelassen und demütig sein. Das befähigt uns, im Umgang mit anderen liebevoller zu sein und nicht einfach auf sie zu reagieren, denn wir wissen, dass auch sie sich ihr Leben erarbeiten und machtlos sind, uns zu schaden. Wir sind nicht hier, um den Lebensweg eines anderen Menschen zu bewerten, sondern unser eigenes Bewusstsein ganz auf Gott ausgerichtet zu halten.
Meine Patientin fragte sich, ob sie angesichts all der Ungerechtigkeiten, die ihr widerfuhren, diese richtenden Gedanken ablegen und ihrem Ex-Mann wirklich vergeben könnte. Und dann kam ihr beim Beten ein heilender Gedanke aus der Bibel, ein Versprechen, das Gott gibt (Joel 2:25): „Ich will euch die Jahre erstatten, die die Heuschrecken ... gefressen haben.“ Das, was sie ihrer Meinung nach verloren hatte, würde ihr von der einzigen Macht in ihrem Leben – Gott – erstattet werden.
Und sie wusste auch, dass wir in der Christlichen Wissenschaft nicht für ein bestimmtes Ergebnis beten, sondern auf Jesu Versprechen vertrauen, dass „die Taten Gottes sichtbar [gemacht] werden“ (Johannes 9:3) – dass ihre Gebete nicht darauf abzielten, Gott zu sagen, wie etwas geheilt werden sollte, sondern dass Gottes Güte offenbar werden und sie leiten sollte. Sie erkannte, dass sie jegliche Ressentiments ihrem Ex-Mann gegenüber aufgeben und einfach wissen musste, dass Gott ihn liebte.
Dadurch, dass meine Patientin Gott inniger liebte und als ihren wahren Angetrauten und ständigen Versorger erkannte, konnte sie die gemeinsamen Schulden des Paares abzahlen. Sie zog näher an ihren Arbeitsplatz und wurde auf eine besser bezahlte Stelle versetzt. Dann hat sie einen Mann geheiratet, der sie und ihre Kinder liebt und respektiert. Sie haben ein harmonisches Familienleben. Meine Patientin hat nicht nur eine augenscheinlich verheerende Situation hinter sich gebracht, sondern sie und ihre Kinder konnten wirklich gedeihen. Wenn sie nun an ihren Ex-Mann denkt oder mit ihm zu tun hat, sieht sie ihn als Gottes geliebtes Kind, der ihr absolut nichts schuldet. Sie hat erkannt, dass Gott ihre einzige Quelle des Guten ist.
Wir sind beide dankbar für das, was wir aus dieser Erfahrung gelernt haben. Niemand kann unsere geistige Arbeit für uns tun, noch können die Taten anderer uns schaden, wenn wir verstehen, dass Gott die einzige Macht ist. Niemand kann unserem Verständnis von der Vollständigkeit und Fülle Gottes im Weg stehen, denn Gott ist Liebe, beständig und immer für alle verfügbar. Wir können darauf vertrauen, dass Liebe jeden Menschen dabei führt und versorgt, sich seine eigene Erlösung zu erarbeiten.
