Hinter einer jeden unsrer Erfahrungen, hinter allem, was wir hören und sehen, liegt eine tiefere Bedeutung als diejenige, welche, wie wir wissen, an der Oberfläche angedeutet wird; und unter dem Antriebe, welcher mit dem Lichte der Christian Science gekommen ist, werden die Gedanken der Sterblichen mehr als je zuvor auf das Lesen dieser verborgenen doch immer offenen Textstellen hingeführt. Wie es mit lebenden Wesen und ihrer Art und Weise ist, so ist es auch mit der ganzen Natur um uns her. Das reine Herz und der klare Verstand werden immer aufgefordert, unter den äußeren Schein zu blicken; denn wie Mrs. Eddy sagt: „Von den unendlichen Elementen des einen Geistes rühren alle Formen, Farben und Eigenschaften her; und diese sind geistig, sowohl in erster als auch in zweiter Linie.” (Science and Health, S. 512.) Um deshalb in einigem Maße das, was wir sehen, zu verstehen und in diesem Verständnis zu wachsen, muß der Gedanke vergeistigt werden; denn im Hinblick auf diese Dinge sagt Mrs. Eddy ferner: „Ihre geistige Natur wird nur durch die geistigen Sinne erkannt” (Science and Health, S. 512), während ihre mehr oder weniger verzerrten Bilder wie sie durch das entstellende Mittel des sterblichen Sinnes gesehen werden, gleichfalls als das, was sie sind, erkannt und im Gedanken von dem Wahren getrennt werden.
All das wurde kürzlich und höchst einleuchtend auf einer Reise durch ein Beispiel bewiesen. Wir waren eine Gesellschaft und hatten eines Tages ein Ziel erreicht, nach welchem wir seit langem gestrebt hatten. Wir standen auf einer hohen Felsenspitze, an einer abgelegnen Stelle, weit entfernt von den Wegen der Menschen; jeder allein in einiger Entfernung vom andern, allein mit seinen Gedanken und mit Gott. Ein Panorama von unerreichter Pracht breitete sich vor uns aus, denn wir blickten auf die weitberühmte Spitze des „Yellowstone.” Und doch war es eine Pracht, die dem Verfall entgegenging. Das wilde Farbenwunder schien, wenn man sich so ausdrücken darf, das Bild der Verzweiflung der Natur zu sein. Die Glorie war eine sterbende Glorie, zu gleicher Zeit ein passender Typus der Verheißung und des Hohnes aller materiellen Gedanken.
In der nächsten Umgebung erhoben die Berge ihre majestätischen Häupter und legen von den entferntesten Generationen in unvergleichlichem Symbol, bis es keiner Symbole mehr bedarf, von der großen Gewißheit der Wahrheit und des Geistes, Zeugnis ab. Aber die nächsten zerrissenen und vernarbten Kuppen sprachen eindrucksvoll zu uns von dem sterblichen Widerstand der Wahrheit gegenüber, von „Kälte und Hartnäckigkeit” (Science and Health, S. 593). In vergangenen Äonen hat hier ein Titanenkampf stattgefunden. Weit zurück in den Jahrtausenden kam die Sündflut; und dann als Jahrhundert dem Jahrhundert folgte, haben diese Riesenbollwerke, wie sie es jetzt noch tun, Zoll für Zoll dem unablässigen Angriff der Naturkräfte nachgegeben, welche heute sowohl von Reinigung und Überwindung als von Tätigkeit und Kraft sprechen.
Die Lektion? Wir können sie deutlich lesen. Wie eitel ist törichter Widerstand gegen den Fortschritt der Wahrheit! Wie die prahlerische Festigkeit des Minerals und des Metalls der Zeit unter der Einwirkung der Elemente verschwindet, so zerbröckeln die kristallisierten Überlieferungen des menschlichen Verstandes. Seine felsenharten Vorurteile müssen schmelzen, sein Eigendünkel und sein Selbstwille müssen sich auflösen; Eitelkeit und Pracht müssen vor der alles-verwandelnden Macht der Christus-Liebe untergehen, damit die Gewalt und der Friede des Geistes mit seinem alleinigen Rechte in den Herzen und in dem Leben der Menschen herrschen kann. Welch eine Eitelkeit der Generationen der Erde, sich einzubilden, daß sie ein Werk in materiellen Elementen aufbauen oder schmieden könnten. Obgleich sie in dem ungeheuren Umfang des Cheops und mit der Pracht Karnaks bauen mögen, so geht doch alles denselben Weg wie Ägyptens Stolz und Ägyptens Macht. Von all der Arbeit, die in Härte und Lieblosigkeit hervorgebracht worden ist, soll in keiner Weise irgend ein Merkmal oder eine Spur übrig bleiben.
Wieder blickten wir in das Tal hinab. Weit unten an den Seiten des Abgrundes klammerten sich verstreute Bäume an, welche sich mit knorrigen Wurzeln an Ritzen und Spalten festhielten, während ihre vom Winde zerzausten Zweige, auf und niedergeweht wurden. Noch hielten sie tapfer den Schein ihrer ursprünglichen Kraft und Schönheit aufrecht, doch wie beredsam sprachen sie, die so still mit der verräterischen Tiefe kämpften, von dem tradionellen Begriff des Lebens, welcher sich in die Materie einpflanzen und von dort aus aufwärtssteigen möchte. Was für ein einleuchtendes Beispiel geben sie von all der Mühsal und Fruchtlosigkeit der Anstrengungen derer, welche sich an das klammern wollen, was von Anfang an dem Verfall geweiht ist.
Tote Riesentannen lagen überall im Chaos darnieder, — den Abhang hinab. Wir sahen es und wurden daran erinnert, daß der Weg des materiellen Lebens für immer zum Entwurzeln und Umwerfen bestimmt ist. Es glaubt zu stehen und wird gestürzt; seine Siege sind nur flüchtiger Schein; sein Weg ist Eitelkeit, sein Ende Verzweiflung. Kein Mensch braucht je zu glauben, daß er sich in Lebenslagen, die nur von seinem eignen Wollen und Wählen abhängen, niederlassen kann, denn es gibt keinen permanenten Ruhepunkt außerhalb der Pfade, die von Gott vorgezeichnet sind; keine sichere Grundlage, ausgenommen in dem Bewußtsein der göttlichen Herrschaft, auf dem Wege des Geistes. Noch kann irgend jemand aufwärtssteigen und die wichtigsten Höhen der geistigen Unterscheidungskraft erreichen, bis er nicht zuerst die Tiefen seiner eignen Demut sondiert hat, einen Schein der Wahrheit des Daseins erfaßt hat, und bis er nicht in seinem Herzen anerkannt hat, daß der sterbliche Mensch durch sich selbst nichts ist. Da ist nur der eine Weg in der Erfahrung des menschlichen Bewußtseins offenbart worden, auf welchem wir geistig höher steigen können, um Gottes idealen Menschen zu erkennen, und das ist, in unseren eigenen Augen als Sterbliche gänzlich zu sinken, um uns für immer von dem scheinenden Etwas des Eigenwillens, der Selbstgerechtigkeit und der Eigenliebe abzuwenden.
Die Propheten Israels waren sich in gewissem Maße der Wege des sterblichen Verstandes und der Verirrungen der menschlichen Natur bewußt, die gegen die Art und Weise der Wahrheit und des Guten ins Gewicht fielen. Und daher kam es, daß diese Seher des Altertums vorhersagten, was sie vorhersahen und vorherfühlten; nämlich die Auferstehung des Menschengeschlechts durch die Triumphe der Sanftmütigen und Demütigen; denn man kann sagen, daß Prophezeiung in einer Hinsicht der zeit-durchdringende Lichtblick gegenwärtiger und ewiger Wahrheiten ist. Dadurch daß ihr Bewußtsein immer wieder durch Schimmer des Ewigen berührt wurde, eilten sie in Gedanken der Zeit weit voraus; ja selbst über die Grenzen der Zeit hinaus. Weil sie ein neues Reich erkannten, das Reich der Harmonie oder das Himmelreich, deshalb offenbarte ihnen ihr Vorgefühl, daß es nicht im Raum oder in der Zeit sein würde, sondern im Bewußtsein, welches der Widerschein der Wahrheit im Menschen ist, oder vielmehr deren Spiegelbild der Mensch ist, und welche die immerwährende Tätigkeit des göttlichen Geistes ist, und welche sowohl von den Ideen des Raumes wie der Zeit gänzlich unabhängig ist; denn diese Ideen werden demjenigen, der geistig oder wissenschaftlich erleuchtet ist, als bloße Possen des Gedankens offenbart, durch welche der irdische Verstand lange und schmerzlich betrogen und verwirrt worden ist. „Den Unmündigen” nur werden, wie uns gesagt wird, solche Wahrheiten offenbart, — Kindern in Einfachheit und Demut des Geistes, mit gelehrigen Herzen und voller Verehrung geistiger Dinge.
Der größte aller Propheten, der demütige Nazarener, betrachtete niemals dieses neue Reich nur in Verbindung mit der Zukunft, noch als in irgend einen Raum verlegt, denn „da er aber gefraget ward von den Pharisäern: Wann kommet das Reich Gottes? antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden [oder mit äußeren Zeichen]; man wird auch nicht sagen: Siehe hie, oder: da ist es. Denn sehet das Reich Gottes ist inwendig in euch.” Und Johannes erklärt später, als er von dem Engel in der Offenbarung spricht, daß der Engel oder der geistig erhabene Gedanke „schwur bei dem Lebendigen von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel geschaffen hat und was darinnen ist, ... daß hinfort keine Zeit mehr sein soll.” Aber den Zeitpunkt dieser Vollendung kennet kein Mensch. Wir haben unseren Lauf auf dem Wege begonnen — denn das wissen wir — welcher aus dem Begriffe der Zeit heraus und in das volle Bewußtsein dessen führt, was die Ewigkeit ausmacht; aber der Tag der eitlen Vorwände des sterblichen Sinnes muß erst vorüber sein, und die Nichtigkeit all seiner Ideen muß erkannt werden, ehe die Wirklichkeit, ja das ganze Wesen des göttlichen Geistes und das Reich der Harmonie universell sichtbar werden können. Das Prinzip des Daseins muß zuerst beweisbar verstanden werden, und so als die Wahrheit, das Ganze und das Einzige unter den Menschen bewiesen werden, und dadurch werden sie in einer süßeren Eintracht beieinander wohnen, die auf geistigen Grundlagen in der fortdauernden Einigkeit der Wahrheit und der Liebe begründet ist.
So flogen die Gedanken weiter; sicherlich, es gab viel Stoff zum Nachdenken in der Botschaft der Bäume. Mit sinnenden, dankbaren Herzen blickten wir wieder und zum letzten Male in die neblige Tiefe; um gleich darauf einen anderen Typus des Lebens wahrzunehmen, der dieses Mal eine aufwärts strebende Richtung andeutete; und noch eine Lektion wurde in dieser großen Einsamkeit gelernt.
Man sah das Nest eines Adlers, welches sich in der sinkenden Sonne scharf abzeichnete, und ein Paar junger Adler versuchten ihre neugefundenen Flügel zum Fluge. Auf der Spitze eines schlanken Gipfels hoch in der Luft und von jedem möglichen Angriff von unten her gesichert ruhte der Horst. Weit über unseren Häuptern beschrieben die alten Vögel mit bewegungslosen Schwingen große Spiralen in dem sonnerleuchteten Blau. Sich vorsichtig auf dem Rande ihrer Kinderstube aus Zweigen balanzierend, unter den Augen ihrer elterlichen Lehrer, riefen die jungen Adler in die Winde hinaus und warfen sich dann nach einem Augenblicke des Zögerns in die Luft und tauchten in die Tiefe unter ihnen. Was für eine Kühnheit der Bewegung! Welche Freiheit! Welche Kraft!
Die Heilige Schrift erwähnt oft in biblischen Ausdrücken und in Gleichnissen den Adler — als ein Sinnbild der königlichen Würde, der Furchtlosigkeit und der Kraft. Wer hätte nicht in Davids Gesang gelesen, wie Gott Seine Kinder befriedigt, so daß sie „wieder jung” werden „wie ein Adler”; und wer hätte sich nicht nach der universellen Verwirklichung dieser geistigen Vollendung gesehnt? Und wer hätte nicht mit Verwunderung gelesen, wie Gott Jakob „in der dürren Einöde” führte und „wie ein Adler ausführet seine Jungen und über ihnen schwebet, breitete er seine Fittiche aus und nahm ihn und trug ihn auf seinen Flügeln. Der Herr allein leitete ihn.”
Hier an den Ufern des Westens, wohin die Pilgrim-Väter, vom Geiste geführt, kamen, um frei zu sein, Gott anzubeten; hier in dieser großen Republik, deren Unabhängigkeitserklärung und deren Konstitutionsartikel von der Berührung der unveränderlichen Wahrheit erklingen; hier, wo der Adler das Wappenbild des Landes ist; hier sind in der Tat die Sprößlinge der Nationen, welche in jener Freiheit und Kühnheit wieder jung werden, die des Menschen Erbteil von Gott ist. Wiedergestärkt und gekräftigt, werden sie von jenem Lichte wahrer Verklärung erhoben, welches in dieser „Wiege der Freiheit” wohlbewacht, heller und heller gebrannt hat, bis die Welt bei dem Anbruch dieses zwanzigsten Jahrhunderts das Heranfluten der bedeutendsten geistigen Erleuchtung seit den Tagen Jesu wahrnimmt. „Die Sonne der Gerechtigkeit” ist wirklich mit „Heil unter ihren Flügeln” aufgegangen, und der Inbegriff der Wahrheit in der Christian Science hat seinen Segen über die ganze Welt bekannt gemacht. Sind wir, die wir der Sache der Christian Science dienen, uns der großen Wichtigkeit alles dessen bewußt, was das bedeutet? Vernehmen wir manchmal in den Pausen des Sturmes das erwartungsvolle Schweigen, das Schweigen der aufgeschreckten Millionen, welche atemlos wahrnehmen, daß ein neues Licht sich leise, widerstandslos in ihre umnachtete Mitte Bahn bricht? Erhaschen wir den Schimmer auf den Gesichtern, wenn die Hoffnung neu in den menschlichen Herzen auflebt? Dann werden wir uns vor der Majestät und dem Wunder der Wahrheit und „der Herrlichkeit seines Kommens beugen.” Dann werden wir unsere Eingebung durch die warme Christus-Liebe in unserem Herzen erhalten, und wir werden auf sie sehen, die von dem Gipfel des höchsten geistigen Strebens hinaus auf das verheißene Land geblickt hat, die sichere Wohnung des Menschen im Geiste, und die dasselbe betreten, während die Glut eines wunderbaren Vorsatzes in ihrer Brust brannte. Wir werden mit einem tieferen Gefühl unsrer Verantwortlichkeit auf ihre Hingebung blicken und ihr folgen, die ihr Leben gleich dem Horste dort zu begründen suchte, wo kein irdisches Ding von unten her aufsteigen kann, um seine Erhabenheit in Zweifel zu ziehen.
Wie unsere verehrte Führerin werden wir versuchen, unsern Lebenszweck und unsere Lebensarbeit auf dem Berge Zion des geistigen Verständnisses zu errichten, wo nichts „Schaden tun noch verderben” soll „und wird nicht hineingehen irgend ein Gemeines .... und Lüge.” So können wir beständig unser Bestreben in jenen geistigen Eigenschaften wieder verjüngen, die nie alt werden können, und deren Besitz der Menschheit den Gewinn alles Guten möglich macht, und welcher endlich alle gewissenhaften und treuen Bemühungen mit sicherem und bleibendem Siege krönt.
