Es wird gewöhnlich angenommen, daß der Mensch materiell ist, aus Materie besteht, und daß er zwar mit Gott verwandt ist, doch eine von Ihm gänzlich verschiedene Wesenheit hat. Die Lehren Christi Jesu und der Christian Science behaupten das gerade Gegenteil, nämlich, daß der Mensch tatsächlich aus der Substanz des Geistes oder Gemüts besteht; daß er geistig und unlösbar mit der Substanz Gottes, des Geistes, verbunden ist. Er ist eine Idee des Gemüts und hat keine Wesenheit, die von Gott, seinem einzig wirklichen Leben, getrennt ist. Er erfreut sich der engsten Beziehung und Vereinigung mit Gott, die es nur geben kann—nämlich der Beziehung, die die Idee immer mit dem sie hervorbringenden Gemüt behalten muß.
Ein Sterblicher betrachtet seine Wesenheit als ein Ergebnis materieller Fortpflanzungsvorgänge und glaubt, daß er ein Leben, ein Gemüt, einen Willen und eine Art hat, die ihm eigen sind, daß er seinen Platz in einer Welt von Sterblichen erobern muß, daß er sich selbst Ellbogenraum schaffen muß, wenn er nicht von der Menge in den Hintergrund gedrängt werden will. Er hält sein Leben, sein Gemüt, seine Wünsche, Ziele und Fähigkeiten für sein Eigentum. Persönlicher Besitz nimmt einen wichtigen Platz ein in seinem Denken. Ja, er denkt viel daran, was er persönlich besitzt oder besitzen möchte.
Doch Gott, das unendliche Gemüt, das eine wirkliche Ego, das einzige ICH BIN, ist in der Wissenschaft der unbestrittene Besitzer alles dessen, was wirklich ist. David erkannte diese Wahrheit, als er sagte: „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdboden und was darauf wohnet." (Ps. 24:1.) Gott spricht durch Jesaja und erklärt Seinen absoluten Besitz des Menschen: „Du bist mein." (Jes. 43:1.)
Gott, das göttliche Gemüt, kennt den Menschen stets als Sein Eigentum. Da der Mensch die Offenbarwerdung des Gemüts selbst ist—wie kann der Mensch je etwas anderes als der bleibende Besitz Gottes sein? Es gibt nur eine einzige Ursache, und die Wirkung muß diese Natur des Einzigartigen widerspiegeln. Die Ursache besitzt stets ihre Wirkung. Das Gemüt besitzt seinen Ausdruck, und es liefert seinen Besitz niemals dem negativen sterblichen Gemüt aus, von dem es nichts weiß.
Besitz bringt gewisse Verantwortlichkeiten mit sich. Eine davon ist, zu erhalten; eine andere, zu schützen; wieder eine andere, zu regieren. Gott, der Besitzer des Menschen, erhält, schützt und regiert ewiglich die Individualität Seines Sohnes, Seines Zeugen, Seiner Idee. Keine materiellen Umstände, Ereignisse oder Annahmen können Gott jemals auch nur einen Augenblick daran hindern, das Leben, die Gesundheit, die Normalität und die Harmonie Seines Ausdrucks zu erhalten. Niemals gestattet und kennt das Vater-Gemüt irgend etwas als die höchste Vollendung für die Seinen.
Gott, der einzige Besitzer, beschützt, indem Er eine jede Seiner Ideen in Seiner eigenen unendlichen Allheit in sich schließt und mit sich vereinigt. Keine Gefahr oder Unsicherheit kann der Gottheit oder dem, was sie besitzt, bewußt sein. Keine Macht kann sich dem Menschen nahen außer Gott, in dem, durch den und für den der Mensch ewiglich existiert. Von der Allmacht Gottes erhalten, in der Allgegenwart der Liebe enthalten, von der Allwissenheit des Gemüts erleuchtet, bleibt der Mensch, das Eigentum Gottes, immer unter dem Schatten des Allmächtigen, alle dem entrückt, das die Allheit der Gottheit, in der der Mensch weilt, leugnen möchte.
Unsre Sünden, Krankheiten und Schwierigkeiten, sie alle kommen von unserm unwissenden Annehmen des lügenhaften Anspruchs des einen Bösen, des sterblichen Gemüts, daß es uns erschaffen und besitzen kann; daß wir durch es leben, denken, sehen, hören, fühlen und handeln.
Die Sterblichen glauben, daß sie unabhängige Persönlichkeiten haben, während sie—wenigstens insofern sie auf materielle Gedanken und Motive reagieren—nur die Puppen des sterblichen Gemüts sind, die das denken, was dieses ihnen suggeriert, die sprechen und handeln, wie es sie antreibt. Wie der Puppenspieler seine Puppen besitzt, so besitzt und führt das sterbliche Gemüt seine sterblichen Persönlichkeiten. Entweder nehmen wir die Lüge an, daß das sterbliche Gemüt uns besitzt und lenkt, oder wir erwachen und erheben uns mittelst des geistigen Sinnes zum Verständnis der wissenschaftlichen Tatsache, daß das einzig wahre Leben, Bewußtsein und individuelle Sein, das wir besitzen, unsre geistige Individualität ist, die von Gott geschaffen, erhalten, beschützt und gelenkt wird.
Die Demut ist die geistige Eigenschaft, die eine Begleiterscheinung der Bereitwilligkeit ist, den Irrbegriff des Menschen als eines Sterblichen, der der Herrschaft des sterblichen Gemüts und dessen sterblichen Gedanken und Kräften unterworfen ist, aufzugeben, und stattdessen das wahre Sein des Menschen als der individuellen, geistigen Idee Gottes, Seines ewigen Eigentums, des Gegenstandes Seiner immerwährenden Liebe, Beschirmung und Fürsorge, anzuerkennen und ständig auszudrücken.
Laßt uns daran denken, wenn wir des Morgens aufwachen, und oft während des Tages, daß Gott uns besitzt, wie das Gemüt seine Ideen besitzt; daß das göttliche Gemüt allein uns während jedes Augenblicks des Tages und der Nacht bemuttert und bevatert, erhält, beschützt und beherrscht. Laßt uns mit Hilfe dieser geistigen Tatsache jene Lüge widerlegen, daß die Materie oder das sterbliche Gemüt uns bevatert, bemuttert, erhält oder besitzt.
Wenn wir in Versuchung sind zu glauben, daß eine Krankheit, ein falsches Gelüst, eine sündige Gewohnheit, ein negativer Charakterzug Gewalt über uns hat, so sollten wir uns von ganzem Herzen der einfachen Wahrheit zuwenden, daß wir allein Gott, dem unendlichen Guten, angehören. Laßt uns kraftvoll und nachhaltig Anspruch erheben auf die Segnungen, die uns zugehören, weil wir Gottes Eigentum sind. Laßt uns erkennen, daß Gesundheit, Heiligkeit und Glück naturgemäß unser eigen sind—als Gaben, die Gott uns verliehen hat und erhält. Laßt uns verstehen lernen, daß unser Leben und unser Bewußtsein nur dem Einfluß, der Herrschaft und der Führung Gottes unterworfen sind.
„Die Erfahrung zeigt," sagt Mary Baker Eddy, „daß die Demut der erste Schritt in der Christian Science ist, worin alles nicht etwa vom Menschen oder von materiellen Gesetzen, sondern von Weisheit, Wahrheit und Liebe beherrscht wird" (Miscellaneous Writings, S. 354). „Die Demut ist der erste Schritt", und ein großer Schritt, und manche brauchen lange Zeit, ehe sie ihn tun können. Und doch ist er unerläßlich, ehe wir vom Menschen sagen können, wie Salomo von der Weisheit sagte: „Der Herr hat mich besessen im Anfang seiner Wege" (Sprüche 8:22, engl. Bibel), und wissen, daß dies bedeutet, daß die Tatsache, daß Gott den Menschen besitzt, auf der Einheit von Gott und dem Menschen beruht, die der Eckstein der Wissenschaft des Seins ist. Diese Wahrheit immer folgerichtiger zu offenbaren—im Heim, im Geschäft, im Laden, auf dem Feld, in der Fabrik und in der Schule, ja, wo wir auch immer sein mögen—ist das Ziel eines jeden aufrichtigen Christlichen Wissenschafters. Er betet darum. die Stimme des Vaters zu hören, die zu ihm sagt: „Du bist mein."
