Alles, was jemals für das Menschengeschlecht vollbracht worden ist, geschah durch geistiges Schauen. Große Erfindungen, fabelhafte Möglichkeiten, Freiheiten, die erkämpft, Menschenrechte, die anerkannt und verteidigt wurden, sie alle waren das Ergebnis des geistigen Schauens. Solange es geistiges Schauen gibt, kann es keine Niederlage geben. Menschen oder Nationen, die geistiges Schauen ihr eigen nennen, sind die Menschen oder Nationen, die Macht besitzen. Das geistige Schauen eines Staatsmannes ist eine wesentliche Bedingung seiner Größe, ebenso wie das des Geschäftsmannes für seinen Erfolg. Der Seher alter Zeiten schrieb (Sprüche 29:18): „Wo keine Weissagung ist, wird das Volk wild und wüste.“ Doch was ist wohl Weissagung oder geistiges Schauen in seiner wahren geistigen Bedeutung?
Die englischen Ausdrücke für „geistiges Schauen“ und „Idee“ sind gewissermaßen miteinander verwandt, da die Stammwörter im Griechischen und Lateinischen, von denen sie abgeleitet sind, beide „sehen“ bedeuten. In der Christlichen Wissenschaft wird der Mensch als die Idee Gottes offenbart. Das Gemüt erzeugt seine eigene Idee, und die Idee existiert und funktioniert immerdar innerhalb des Gemüts, als Ausdruck des Gemüts. Es ist wichtig zu verstehen, daß das Gemüt die Ideen bildet, nicht etwa die Ideen das Gemüt. Da Gott, das Gemüt, der All-Sehende und All-Wissende ist, können die Idee, oder der Mensch, und das geistige Schauen niemals voneinander getrennt werden; daher kann der Mensch niemals sein Sehvermögen verlieren, und durch das Verstehen dieser Wahrheit wird der verzweifelte Schrei des Sterblichen: „Ich habe das Sehen verloren“ zum Schweigen gebracht.
Das christlich-wissenschaftliche Lehrbuch „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ von Mary Baker Eddy definiert Gott folgendermaßen (S. 587): „Der große Ich bin; der All-Wissende, All-Sehende, All-Wirkende, All-Weise, All-Liebende und Ewige; Prinzip; Gemüt; Seele; Geist; Leben; Wahrheit; Liebe; alle Substanz; Intelligenz.“ Welch wunderbare Definition von Gott dies doch ist! Ein jedes dieser Synonyme kann unabhängig von den andern betrachtet werden, und ein jedes der Beiwörter kann auf alle Synonyme angewendet werden. So ist zum Beispiel das all-wissende Gemüt das all-wissende und all-liebende Prinzip, daher keinem Wechsel unterworfen und unwandelbar; der all-sehende Geist ist das all-wirkende Leben; die all-weise Wahrheit ist die ewige Seele, und so fort. Gott ist das einzige Ego, „das große Ich bin“; und der Mensch, Gottes Idee, hat weder Wesenheit noch Ego, weder Individualität noch Selbstheit, unabhängig von Gott.
Das all-wissende Gemüt bildet die Idee; das all-sehende Gemüt erzeugt das geistige Schauen; das all-wirkende Gemüt schafft die Erfüllung dieses Schauens; das all-liebende Gemüt wird in seinem wohltätigen Wirken widergespiegelt, und das ewige Gemüt in seiner bleibenden Substanz und Leistung. Dieses Gemüt ist der Geist, das Leben, die Liebe, die Seele, und so fort. Das geistige Schauen des göttlichen Gemüts, welches der Mensch widerspiegelt, kann nur die dauernden, aufbauenden, wohltätigen und reinen Eigenschaften Gottes ausdrücken.
Die Illusion, die sich sterblicher Mensch nennt, und die von menschlichen Leidenschaften, Selbstgefälligkeit und Selbstsucht beherrscht wird, ist nur die Fata Morgana des Irrtums, die erdichtete Umkehrung der Idee Gottes. Die Bilder und Pläne, die dieser Sterbliche im Sinn hat, haben nichts zu tun mit dem geistigen „Schauen“ sondern sind vielmehr wesenlose Träume, die auf den Triebsand des persönlichen Ehrgeizes, des Sinnengenusses und der sinnlichen Begierde aufgebaut sind. Geistiges Schauen kann niemals untergraben oder umgekehrt werden, auch kann es nie verzerrt oder dazu benutzt werden, den Zielen materiellen Gewinns oder selbstsüchtiger Wünsche zu dienen. Das Sterben nach der Erfüllung selbstsüchtiger Absichten und falscher Ideale, gleichwohl ob diese von Einzelwesen oder auch Nationen gehegt werden, und alle Träume des sterblichen Gemüts von persönlichem Ruhm und Weltherrschaft entspringen nicht dem geistigen Schauen sondern dem Mangel daran und führen zu sicherer Selbstzerstörung und schließlicher Vernichtung. Die Selbstsuggestion und das Mystische existieren nicht im göttlichen Gemüt und können daher das heilige Schauen des Gemüts weder verdunkeln noch hindern.
Die Idee Gottes hat ausschließlich geistige Sinne, und geistige Sinne bedeuten geistiges Schauen, das Wahrnehmen des Geistes, des Guten. Mrs. Eddy schreibt in ihrem Lehrbuch (Wissenschaft und Gesundheit, S. 215): „Das geistige Gesicht ist von geometrischen Höhen nicht abhängig.“ Geistiges Schauen ist nicht an einen Ort gebannt; die menschliche Umgebung kann es weder beeinflussen noch modeln, sondern es selbst modelt die Umgebung und erhebt sie auf eine höhere Ebene, ja es erhebt das menschliche Denken bis zur Wahrnehmung des Himmels. Ein altes griechisches Sprichwort lautet: „Was du siehst, das bist du.“
In ihrem Werk „Unity of Good“ (S. 61) schreibt Mrs. Eddy: „Für den materiellen Sinn erschien Jesus zuerst als ein hilfloses menschliches Kindlein; doch für die Wahrnehmung des unsterblichen und geistigen Schauens war er eins mit dem Vater, nämlich die ewige Idee Gottes, die weder jung noch alt, weder gestorben noch auferstanden war — oder ist.“ Sie fügt hinzu: „Die Wandlungen des sterblichen Sinnes sind der Abend und der Morgen des menschlichen Denkens — die Abend- und Morgendämmerung des irdischen Schauens, das dem nachtlosen Strahlenglanz des göttlichen Lebens vorausgeht.“ Das geistige Schauen weilt auf den Höhen des Geistes, hoch über dem Wechsel der Zeit und der Sinne; es erreicht die Wirklichkeit, den geistigen Sinn des Seins, in dem der Mensch auf dem Standpunkt der Vollkommenheit existiert und weder der Geburt noch dem Tode unterworfen ist, und in dem seine Fähigkeiten und Möglichkeiten unbegrenzt sind und sein Leben unzerstörbar und ewig ist.
Das geistige Schauen überwindet die Unwahrheit des schlechten Sehens. Schlechtes Sehen entspringt aus dem Glauben an die Annahme, ein Sterblicher zu sein — ein begrenztes Geschöpf, das von Sinneneindrücken abhängig ist, um sein eigenes Sein und Wesen wahrzunehmen ebenso wie ein materielles Weltall, das vermeintlich außerhalb von ihm selbst existiert. Demgemäß mag ein Sterblicher weitsichtig, kurzsichtig oder blind sein, da er annimmt, daß er durch die Sinne eingeschränkt ist, abgetrennt von dem Guten, welches das Gemüt und das Leben schon in sich schließen in bewußter Wahrnehmung und volkommenem Ausdruck, und welches sie ihrer Widerspiegelung in der Unendlichkeit der Liebe verliehen haben.
Der Prophet Habakuk schrieb (2:2, 3): „Schreib das Gesicht und male es auf eine Tafel, daß es lesen könne, wer vorüberläuft!“ um die Mühelosigkeit der Erfüllung zu veranschaulichen, wenn sie von heiligem Schauen inspiriert ist, und dann fügte er hinzu: „Ob sie aber verzieht [die Erfüllung der Weissagung], so harre ihrer: sie wird gewiß kommen und nicht verziehen.“ Der Christliche Wissenschafter kennt weder Furcht noch Entmutigung; er wird nicht von den Sinnen getäuscht. Er kann sein geistiges Schauen nicht verlieren noch von ihm getrennt werden; denn die Christliche Wissenschaft selbst ist die Erfüllung des Schauens, die Tatsächlichkeit und Offenbarung der Wahrheit. In der täglichen Vergeistigung seines Denkens und der Reinheit seines Lebens beschützt und bewahrt er das geistige Schauen, daß es in dem heiligen Glanz der gegenwärtigen Demonstration und des wahrnehmbaren Guten erglühen kann.
