Eine der vielen Segnungen, welche die Christliche Wissenschaft mit sich bringt, ist die geistige Befreiung, die sie dem verschaffen kann, dessen Glück, Erfolg und Fortschritt durch das Unrechttun eines andern beeinträchtigt zu werden scheinen, wenn er lernt, sich durch ein Verständnis von Gott und dem Menschen über dieses Gefühl der Hemmung zu erheben.
Das Böse suggeriert vielen Menschen in aggressiver Art: Du bist ziemlich gut, doch der andere da ist die Ursache all deiner Schwierigkeiten, und bis er sich ändert, wird dein Leben wahrscheinlich recht unglücklich sein. Dieser Störenfried erscheint in mancherlei Rollen. Es mag ein Ehegatte sein oder auch ein Partner, ein Konkurrent, ein Tadler oder ein Schwätzer, ein eifersüchtiger oder bösartiger Gegner. Wie oft sind wir versucht zu denken, wenn wir jenen anderen Menschen nur umwandeln könnten, so würde unser ganzes Leben rosiger sein.
Wer also an der allgemeinen Annahme leidet, daß er in dem materiellen Begriff des Lebens und der Selbstheit gefangen ist, daß er an eine unerträgliche Person oder Lage gefesselt ist, daß durch einen unrecht denkenden und handelnden Sterblichen sein Glück verdunkelt, sein Planen durchkreuzt, sein Fortschritt behindert, seine Gesundheit und vielleicht sein Leben gefährdet wird, der kann gewißlich seine Erlösung in der Christlichen Wissenschaft finden.
Im Lichte dieser Wissenschaft des Lebens gesehen, gehören solche Lagen gänzlich in das Reich des Mentalen und sind falsche Auffassungen von der Schöpfung und dem Menschen. Keine einzige stellt den wahren Begriff vom Menschen und dessen Beziehungen zu seinen Mitmenschen dar. Wir müssen gewillt sein, die wahre oder geistige Idee vom Leben und vom Menschentum zu erlangen, welche uns in dem Maße, wie wir sie verstehen lernen, eine befriedigende Lösung unsres Problems bringen wird.
Der zugrunde liegende Irrtum, der die scheinbare Quelle dieser unharmonischen Zustände ist, ist das sterbliche Gemüt, das lügenhafte Gegenteil Gottes, des unsterblichen und guten Gemüts. Das sterbliche Gemüt behauptet, ein Weltall materieller Begriffe, Personen, Tiere und Dinge zu erschaffen. Die lebendigsten dieser Begriffe sind die sterblichen Menschen, denen es ein zeitweiliges Leben und Gemüt zu geben beansprucht sowie zeitweilige Fähigkeiten und — nicht zu vergessen — einen ihnen eigenen Willen und eine ihnen eigene Handlungsweise. Diese Sterblichen werden gleich den Puppen, die von ihrem Puppenspieler regiert werden, von dem sterblichen Gemüt beherrscht, das sie dazu antreibt, so zu handeln, wie es wünscht, daß sie handeln sollen, und so zu reden, wie es wünscht, daß sie reden sollen. Die sterbliche Existenz ist sein Puppentheater. Die Sterblichen haben die verschiedenen Rollen in dem Schauspiel der Sterblichkeit, und es ist eine nie endende Aufführung.
Nichts Derartiges hat jedoch seinen Ursprung in Gott, der einzigen Ursache, noch findet es Seine Zustimmung. Gott ist das Gute, das unendliche Gute; die Schöpfung Gottes ist die intelligente, harmonische Offenbarwerdung des Gemüts, das Weltall der Ideen des Gemüts, deren höchste der Mensch ist. Alle Ideen bleiben gleicherweise und ewiglich unter der absoluten Regierung ihrer gemeinsamen Ursache, des göttlichen Gemüts. Kein einziger Mensch kann jemals seiner geistigen, liebevollen, demütigen Natur beraubt werden oder sie aufgeben, oder auch jemals etwas denken oder tun, was die Freude, die Harmonie, die Tatkraft oder den Fortschritt eines andern beeinträchtigen könnte.
Warum nicht? Weil das eine allmächtige, all-wirkende Gemüt eine jede individuelle Offenbarwerdung des Seins in sich schließt und immerwährend beherrscht. Das sterbliche Gemüt kann nie in die Unendlichkeit des göttlichen Gemüts eindringen, niemals eins der Kinder Gottes berühren, beeinflussen oder auch auf es einwirken oder ihm erlauben zu einem Hindernis für das Glück eines andern oder zu einer Hemmung für den Erfolg eines andern gemacht zu werden.
Christus Jesus wußte all dies und noch mehr, als er ohne Einschränkungen zu seinen Nachfolgern sagte: „Eure Freude soll niemand von euch nehmen“ (Joh. 16:22). Kein sterblicher Begriff des Menschen kann jemals die Macht oder das Recht erlangen, euch oder mich der gottgegebenen Freude zu berauben, die immerdar unsern geistigen Begriff des Seins begleitet. Dieser gottgegebene Begriff der Wirklichkeit macht uns mit der Harmonie, Unsterblichkeit und Unversehrtheit der geistigen Schöpfung bekannt, und mit der Wahrheit, daß in der einzig wirklichen Schöpfung alle Einzelwesen in ewiger Sicherheit in ihrer von Gott erzeugten Beziehung zu dem Vater einbeschlossen sind, ebenso wie in der Einigkeit des Verstehens und der Brüderlichkeit, die ein natürliches und wesentliches Merkmal der Harmonie Seiner großen Familie ist.
Christus Jesus ließ sich nicht von jener Unwahrheit, nämlich daß der Irrtum Personen hat, durch die er uns unsrer Freude berauben kann, beunruhigen. Der grobe Materialismus, der alle außer einigen wenigen davon abhielt, seine gottgesandte Botschaft zu erkennen, der Haß, die Verleumdung und der Verrat, die seine Sendung zu vereiteln und zunichte zu machen drohten — alles dies wurde von seiner großen verständnisvollen Liebe für Gott und den Menschen, für die Wahrheit und ihre Offenbarwerdung, überwunden. Diese verständnisvolle Liebe für die geistige Wirklichkeit erlöste ihn. Sie wird auch uns erlösen.
„Der Christliche Wissenschafter“, sagt Mary Baker Eddy, „ist allein mit seinem eigenen Sein und der Wirklichkeit der Dinge“ (Botschaft an Die Mutterkirche für das Jahr 1901, S. 20). Nicht allein mit unerträglichen Personen oder Umständen, sondern allein mit seinem von Gott erschaffenen Sein, seinem geistigen Bewußtsein und der wirklichen Schöpfung richtigdenkender Ideen des Gemüts, worin das sterbliche Gemüt und seine personifizierten Phasen des Bösen unbekannt sind. Hierin besteht die erlösende Idee des Seins. Der Mensch, der diese Idee findet, der sie liebt und sich getreulich bemüht, seine Erkenntnis derselben zu erweitern, bringt schwierigen menschlichen Beziehungen, wo ein Sterblicher das Leben und den Fortschritt eines andern zu hemmen und verdunkeln droht, das Heilmittel, das die Liebe gespendet hat.
Das Zeugnis der materiellen Sinne, das uns erst betrügen und dann berauben möchte, muß streng zurückgewiesen werden, nicht nur ein- oder zweimal, sondern immerwährend, und zwar mit der geistigen Idee des Seins, welche die Individualität des andern, ebenso wie unsre eigene, in sich schließt. Unser Bruder darf nicht der Annahme nach dem sterblichen Gemüt überlassen werden. Wenn dies geschehen könnte, so gäbe es keine Vollständigkeit im Werke Gottes, keine unwandelbare Einheit und daher keine göttliche Idee, die unsre Erlösung für uns ausarbeiten könnte.
Als Ergebnis seines standhaften Festhaltens an der geistigen Wirklichkeit, ohne jemals dem Anspruch des Bösen auf Personifikation Wirklichkeit beizumessen, kann der treue Christliche Wissenschafter mit Recht menschliche Berichtigungen seiner Schwierigkeiten erwarten, die ihm eine bessere Regelung, größere Freiheit und ungetrübte Freude bringen. Mit zuversichtlichem Vertrauen kann er wissen, daß Gott Seine absolute Macht über das Leben, die Tätigkeit und die Bestimmung irgendeines Seiner Kinder niemals sterblichen Wesen überläßt. Das all-liebende Gemüt ist immer bereit, uns durch die Christus-Idee die Harmonie und den Frieden klarzumachen, die uns von keinen Erdenszenen geraubt und von keinen Phasen der Materialität getrübt werden können. Das Reich der Liebe in all seiner Vollkommenheit ist immerdar nahe bei uns, so daß ein jeder von uns es durch die geistige Idee des Seins finden und genießen kann.
