Apathie verstößt gegen das Gesetz der göttlichen Liebe. Sie widerspricht allem, was Christus Jesus lehrte, denn ein apathisches Verhalten bedeutet, daß man ohne Mitgefühl oder Anteilnahme ist, ohne den Widerhall der selbstlosen Liebe, die das Christentum fordert.
Man könnte sogar den Standpunkt vertreten, daß Apathie das Gebot bricht: „Du sollst nicht töten.“ 2. Mose 20:13. Sie erstickt Spontaneität, Aktivität und Vitalität. Sie führt zu einer Vernachlässigung geistigen Wachstums. Sie trübt die Freude. Ein apathisches Leben ist ein freudloses Leben. Tennyson beschrieb ein solches Dasein in poetischen Worten als
Das dauernde mechanische Hin- und Hereilen,
Ein graues Leben und apathisches Ende. „Love and Duty“, The Poetic and Dramatic Works of Alfred Lord Tennyson (Boston: Houghton, Mifflin and Co., 1898), S. 86.
Die zerstörerischen Wirkungen der Apathie kann man überall dort beobachten, wo sie in Familien, Firmen, Kirchen und in unsere Gesellschaft insgesamt eingedrungen ist. Wenn ein Ehepartner es nicht mehr für notwendig hält, den anderen mit Würde zu behandeln oder durch selbstloses Bemühen seinen Partner zu stützen und zu ermutigen, dann kann der Zerfall der Familie beginnen. Eine Firma, deren Angestellte sich ihrer Arbeit nicht verpflichtet fühlen, eine Kirche, deren Mitglieder ohne Anteilnahme sind, eine Gesellschaft mit gleichgültigen Bürgern, ihnen allen droht die große Gefahr, von innen heraus zu zerfallen und zusammenzubrechen. Der amerikanische Erziehungswissenschaftler Robert Maynard Hutchins hat erkannt, welch eine zersetzende Wirkung gleichgültige Bürger auf eine demokratische Gesellschaft haben. Er sagte einmal warnend: „Der Tod der Demokratie wird wahrscheinlich nicht durch einen Anschlag aus dem Hinterhalt verursacht werden. Apathie, Gleichgültigkeit und Unterernährung werden sie langsam zum Erlöschen bringen.“ Great Books: The Foundation of a Liberal Education (New York: Simon and Schuster, 1954), S. 23.
Die Christliche Wissenschaft zeigt, wie man die Sünde der Apathie heilen kann. Sie lehrt, daß in Wirklichkeit sterbliche Neigungen, zu denen die Apathie gehört, niemals als Eigenschaften der wahren Identität des Menschen oder als Elemente des heiligen Reiches Gottes bestehen. Gott ist das göttliche Leben, und der Mensch ist die immer tätige Widerspiegelung des unendlichen Lebens. Als Idee des vollkommenen Gemüts bekundet der Mensch ewige Intelligenz; als Schöpfung der grenzenlosen Liebe bringt er unaufhörliche Liebe zum Ausdruck. Durch Gebet können wir zu dem geistigen Verständnis gelangen, daß des Menschen tätiges, liebendes und intelligentes Sein von Dauer ist und zugleich mit Gott besteht. Dieses Verständnis wandelt unsere menschliche Erfahrung um. Gebet nährt und erneuert die Freude, eine ständige Erwartung des Guten, reines kindliches Vertrauen und die demütige Bereitschaft, Gottes Willen zu tun.
Wahre Demut erkennt Gott als den Schöpfer, die Ursache, die Quelle alles Guten an und behauptet, daß der Mensch die Wirkung, die vollkommene Kundwerdung ist. Wissenschaftliche Demut ist ein machtvolles Mittel gegen den Egoismus der Apathie. Wenn wir nämlich den Menschen tatsächlich als den Ausdruck des Gemüts sehen, werden wir uns auch bewußt, daß wir das in unserem täglichen Leben demonstrieren müssen, indem wir aktiv danach streben, mehr von den Eigenschaften Gottes, die unser wirkliches, geistiges Sein ausmachen, widerzuspiegeln. Wir können mit dieser Aufgabe beginnen und die Lebensbedingungen heben, indem wir echte Zuneigung und Mitgefühl, Dankbarkeit, Aufrichtigkeit und ein ernsthaftes Verlangen, anderen nützlich zu sein, unbeirrbar zum Ausdruck bringen.
Wieso ist denn Apathie eine Form des Egoismus? Wer gleichgültig und kalt ist, befaßt sich oft in erster Linie nur mit seinen eigenen unmittelbaren, persönlichen Wünschen und Bedürfnissen. Er hat für andere weder Zeit noch Ohr — auch nicht für Bemühungen, die dem Fortschritt der Menschheit dienen. Apathie ist Egoismus, denn sie schließt eine falsche Vorstellung von unserem Platz und unserer Aufgabe in Gottes Reich ein. Sie betrachtet das Leben als völlig getrennt von der menschlichen Familie, losgelöst vom Gemüt und von der Einheit der gesamten Schöpfung. Wer apathisch ist, berücksichtigt andere nicht und versteht seine eigene Identität falsch. Mary Baker Eddy, die Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft, schreibt: „Mangelnde Selbsterkenntnis ist die hartnäckigste Annahme, die überwunden werden muß, denn sie hat Gleichgültigkeit, Unehrlichkeit und Sünde zur Folge.“ Die Erste Kirche Christi, Wissenschafter, und Verschiedenes, S. 233.
Das Wort „Apathie“ stammt von dem griechischen Wort apatheia ab, was wörtlich „Zustand der Gefühllosigkeit“ bedeutet. Im Neuen Testament werden wir im Brief an die Epheser vor den traurigen Folgen gewarnt, die sich ergeben, wenn wir über unser wahres Selbst im Dunkeln bleiben und „stumpf geworden“ sind. Der Verfasser des Briefes schreibt: „So sage ich nun und bezeuge in dem Herrn, daß ihr nicht mehr wandeln dürft, wie die Heiden wandeln in der Nichtigkeit ihres Sinnes. Ihr Verstand ist verfinstert, und sie sind fremd geworden dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, durch die Verstockung ihres Herzens; in ihrem Gewissen sind sie stumpf geworden und ergeben sich der Unzucht und treiben jegliche Unreinigkeit voll Habgier.“ Eph. 4:17–19.
Einem Bibelkommentar zufolge hat das von Luther mit „Verstokkung“ des Herzens übersetzte Wort im griechischen Original grundsätzlich die Bedeutung „Härte“ des Herzens. Der Kommentar weist daraufhin, daß einem gottentfremdeten Leben Gefühl fehlt. Und ein Stumpfwerden ist „das schließliche Ergebnis eines langen Prozesses der, Verhärtung.. . ‘ “ Robert Jamieson et al, Commentary Practical and Explanatory on the Whole Bible (Grand Rapids, Michigan: Zondervan Publishing House, 1971), S. 1291.
Der Verfasser des Briefes an die Epheser gibt dann seinen Lesern zu verstehen, daß sie keine Entschuldigung für Unwissenheit, Härte, Apathie und Sünde haben, denn „Ihr aber habt Christus nicht so gelernt...“ Und daraufhin fordert der Brief zu geistiger Erneuerung auf, zu der bewußten Umwandlung des Charakters, indem wir „den neuen Menschen an[ziehen], der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit“ Eph. 4:20–24..
Das Anziehen des neuen Menschen bedeutet das Aufgeben alter falscher Vorstellungen — der Vorstellungen, daß das Leben des Menschen, seine Intelligenz, seine Substanz ihren Ursprung in der Materie hätten und von ihr abhingen. Aus genau diesen Unwahrheiten entsteht Apathie — sie ist die abstumpfende, verhärtende Wirkung materieller Gesinnung. Doch solange wir bewußt an der Wahrheit festhalten, daß der Mensch geistig ist, daß er das All-Wirken des göttlichen Geistes, der unendlichen Liebe, widerspiegelt, werden wir von Gleichgültigkeit und Untätigkeit frei sein. Wir werden nicht „stumpf“ — gefühl- und lieblos — sein.
Ein Lied aus dem Liederbuch der Christlichen Wissenschaft spornt uns an, fest und standhaft zu sein, Gottes Gnade zu suchen, damit wir Seine Absicht erfüllen können, und freudig Seinen Geboten zu gehorchen. Der letzte Vers fordert uns auf zu erkennen, daß Gottes Barmherzigkeit uns Güte üben lehrt; und der Vers enthält den folgenden Segen:
Gott hat geheilt deine Härte durch Liebe,
Segen vom Himmel verheißt ew’ges Heil ...Liederbuch, Nr. 278.
Ja, Gottes Liebe löst die Härte des Herzens, die Verstockung und Unwissenheit der Apathie auf. Und in dem Maße, wie aus jedem Bereich unseres Lebens die Härte verschwindet, wird reine und wissenschaftliche Anteilnahme für andere sichtbar — unsere Familie wird gestärkt, das erlösende Wirken unserer Kirche erhält neuen Antrieb, die volle Freude unserer Hingabe an den Christus segnet die Welt.
