Die Jünger fragten einmal Christus Jesus: „Wer ist doch der Größte im Himmelreich?“ Vielleicht wollten sie herausfinden, wer in seinen Augen am meisten begünstigt oder geistig am weitesten fortgeschritten war. Hofften sie, einen oder gar mehrere ihnen vertraute Namen zu hören? Wir wissen das natürlich nicht, aber wir kennen Jesu Antwort: „Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nun sich selbst erniedrigt wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ Matth. 18:1–4.
Vielleicht müssen auch wir wie die Jünger gelegentlich daran erinnert werden, was Größe „im Himmelreich“ bedeutet! Wenn wir kindliche Eigenschaften wie Demut, Vertrauen, Vergebung und Freude zum Ausdruck bringen, ist das wahrhaftig ein Zeichen dafür, daß wir Gottes Wesen — die unendliche, allumfassende Liebe — verstehen und geistig wachsen. Erhaschen wir einen größeren Schimmer von der unendlichen Vater-Mutter Liebe, so müssen wir auch einen Einblick in unser eigenes wahres Wesen gewinnen und erkennen, daß wir Gottes unschuldige und unverdorbene Kinder sind.
Jesu Antwort auf die Frage der Jünger mag andeuten, daß sie mit der unter „Erwachsenen“ verbreiteten Haltung des Konkurrenzdenkens und der Sorge um persönliches Ansehen nicht ins Himmelreich, die geistige Harmonie, kommen konnten. Mary Baker Eddy schreibt in Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift: „Manchmal möchte es so scheinen, als ob die Wahrheit deshalb verworfen würde, weil Sanftmut und Geistigkeit die Bedingungen für ihre Annahme sind, während die Christenheit im allgemeinen so viel weniger verlangt.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 343.
Wenn Sanftmut und Geistigkeit für uns die Bedingungen sind, die Wahrheit anzunehmen, können wir die unberechtigten mentalen Einstellungen zurückweisen, die unseren oder eines anderen Fortschritt nach der falschen Vorstellung der Welt bemessen, für die nur das Anwachsen oder die Vermehrung eines persönlichen, pseudogeistigen Ansehens gilt. Diese irrige Auffassung führt leicht zum Glauben an eine Hierarchie oder Priesterschaft — eine Vorstellung, die von den Gesetzen des christlichen Heilens, die Mrs. Eddy entdeckt hat, und von ihrer Gründung der Kirche Christi, Wissenschafter, völlig abweicht.
Ein andermal fragte ein Jünger Christus Jesus, welche Aufgabe oder Bestimmung ein anderer Jünger zu erfüllen habe. Der Meister antwortete: „Was geht es dich an? Folge du mir nach!“ Joh. 21:22.
Auch wir müssen sicher sein, daß wir danach streben, Christus zu folgen. Wir mögen eines anderen Fähigkeit zu heilen bewundern und achten und uns vielleicht durch sein Vorbild sehr inspiriert fühlen; doch es verstieße gegen den Buchstaben und den Geist der Christlichen WissenschaftChristian Science (kr´istjən s´aiəns) und es wäre für die eigene Ausübung dieser Lehre schädlich, wenn man einen besonders geschätzten Metaphysiker zum Idol machte!
Ja, die übertriebene Bewunderung für einen anderen mag dem Fortschritt nicht dienlich sein, sondern das geistige Wachstum hemmen. Wenn wir jemanden ehrlich wertschätzen und respektieren, sind wir uns bewußt, daß die Eigenschaften, die wir in ihm sehen und lieben, Gott, das allmächtige Gute, widerspiegeln.
Jesus fragte, um zu verhindern, daß seine Person verherrlicht oder er um sein Heilungswerk beneidet würde: „Was heißest du mich gut? Niemand ist gut als allein Gott.“ Mark. 10:18. Gewiß wollte er nicht unfreundlich sein, noch war seine Demut nur eine Art Zurückhaltung. Er wußte, sein einzigartiger Platz in der Prophezeiung mußte anerkannt werden. Aber er wies darauf hin, daß jemand, der wahrhaftig Größe anerkennen wollte, demütig eingestehen mußte, daß die Größe ihren Ursprung einzig und allein in Gott hat; und er mußte in dem Verständnis wachsen, daß Gottes Güte gleichermaßen für alle da ist.
Wenn jemand die Angewohnheit hat, Gutes über die Maßen mit Personen in Verbindung zu bringen, dann stellt er vielleicht auch fest, daß er sich daran gewöhnt hat, den Irrtum Personen zuzuschreiben. Ein solches Denken könnte einen dazu verleiten, die Demonstration eines anderen der Beurteilung und Kritik preiszugeben, was genauso schädlich und unethisch wäre, wie jemanden zum Idol zu machen. Die Unzulänglichkeiten eines anderen aufzuzeigen mag nicht unbedingt auf eine besondere geistige Einsicht oder Überlegenheit des Kritikers hinweisen. Es könnte jedoch ein Zeichen dafür sein, daß dessen eigener Erkenntnis etwas Heilung guttäte!
Wir müssen vielleicht demütig genug werden, um die Wahrheit von Gottes makellosem Menschen in unserem Bruder oder in unserer Schwester zu erblicken, anstatt unchristliche Kritik zu üben, zu spotten oder Vergleiche anzustellen.
Johannes der Täufer drückte mit folgenden Worten aus, daß er Christi Jesu Aufgabe anerkannte: „Siehe, das ist Gottes Lamm!“ Joh. 1:36. Ist für uns diese Erkenntnis vom Lamm die größte und bedeutendste? Erkennen wir, daß auch wir die Eigenschaften des Lammes besitzen — unsere geistige Kindschaft —, und fühlen wir, wie sehr wir geliebt und geistige werden? Wie steht es mit unserer Bereitschaft, diese Eigenschaften des Lammes in anderen zu sehen?
Wir müssen wie Jesus wissen, daß Unschuld, Demut und vertrauensvolle Abhängigkeit von Gott uns die einzig wahre Macht und das einzig wirkliche Urteilsvermögen geben. Ein wachsendes Empfinden für kindliches Vertrauen und Reinheit stärkt uns und fördert, wenn wir gehorsam sind, in uns die Fähigkeit, schwierige Entscheidungen mit Weisheit und Einsicht zu treffen.
Intuition kann eine kindliche Eigenschaft sein. Wenn wir uns als Kinder Gottes, der Seele, sehen, können wir durch geistige Intuition erkennen, was tatsächlich wahr und wirklich ist. Diese Eingebung wird uns zeigen, daß wir uns nicht zu fürchten brauchen, wenn wir jener Erkenntnis der geistigen Wirklichkeit folgen. Unsere individuelle Beziehung zu Gott als Kind zum Vater entfaltet sich für uns immer mehr und wird uns niemals enttäuschen.
Wir können der Bibel und dem Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft, Wissenschaft und Gesundheit, gewissenhaft und aufrichtig folgen und ihnen als unserem Hirten und Pastor ehrlich anhängen. Wenn wir das tun, brauchen wir uns nicht zu sorgen, daß man sich über unsere Bemühungen, in der Familie, im Geschäft oder in der Kirche geistig kindliche Eigenschaften zum Ausdruck zu bringen, lächerlich machen oder uns ausnutzen könnte. Wer diese Eigenschaften in aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit lebt, erlangt dadurch die Weisheit, die ihn davor bewahrt, sich naiv zu verhalten. Wahrer geistiger Fortschritt schließt ein Vertiefen der christusgleichen Schlichtheit ein — nicht ein Anhäufen komplexen theoretischen Wissens.
Geistiges Wachstum ist nicht gleichzusetzen mit hohem Alter oder gewissen Kirchenämtern, die man innehat. Das Niederknien, um unseres Bruders Füße zu waschen, Siehe Joh. 13:3–15. erniedrigt uns nicht, sondern erhebt uns; und diese praktische Liebe, die sich in selbstlosem Dienst zeigt, enthüllt unsere wirkliche geistige Größe. Das Erscheinen dieser wahren Größe löscht die trügerische Vorstellung von „Standesbewußtsein“ aus.
Das mag uns alle daran erinnern, daß einige Ämter in der Kirchenarbeit nicht als mehr (oder weniger) „bedeutend“ angesehen werden sollten als andere. Falls diese Vorstellung eine Gewohnheit des sterblichen Gemüts ist, wird sie durch ein sich entwickelndes Denken aufgegeben, wenn wir darüber beten, wie wir der Kirche praktisch und inspiriert dienen können. Die Sorge um Ansehen in der Kirchenarbeit hindert die Entwicklung von Demut, einer Eigenschaft, die in der Ausübung der Christlichen Wissenschaft unerläßlich ist.
Wenn wir uns der Sorgen der „Erwachsenen“ über Ansehen und Standesbewußtsein entledigen, kann uns das helfen, die strahlende Einfachheit von Gottes Wort so zu erfassen, daß wir beweisen können, daß Heilen einfacher ist, als es zunächst erschien. Wir stellen dann fest, daß wir uns nicht so häufig vom tierischen Magnetismus betören lassen, der uns als körperliches Symptom, als eingefleischter Charakterzug oder als haßerfüllter oder gleichgültiger Sterblicher entgegentritt. Die erstaunliche Einfachheit der Wahrheit dämmert im müden und verstörten Denken auf und heilt es.
Wir müssen jedoch wachsam sein. Paulus drückt das durch zartes Mitgefühl für die Korinther folgendermaßen aus: „Ich fürchte aber, daß, wie die Schlange Eva verführte mit ihrer List, so auch eure Gedanken verkehrt werden hinweg von der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus.“ 2. Kor. 11:3.
Bei der Heilarbeit kann das christusgleiche Kind — das Lamm in uns — das Licht der Wahrheit spüren, das so scheint, daß Gottes Allheit unwillkürlich klar ist. Doch um solch ein Heiler zu sein, muß man sich selbst wie auch seinen Patienten als geliebtes Kind der Schöpfung unseres Vater-Mutter Gottes sehen, als das Kind, an dem kein Falsch ist.
Gott ist für uns alle Vater und Mutter! Und wir können spüren, was es wirklich bedeutet, Gottes Kind zu sein. Es bedeutet zu wissen, daß die Liebe, die uns liebt, vollkommen und unwandelbar ist — daß das genauso für jeden einzelnen unserer Brüder und Schwestern gilt wie für uns. Es bedeutet zu wissen, daß unseren Nöten bereits auf liebevolle Weise abgeholfen ist, noch ehe wir darum bitten. Es bedeutet, daß wir wie Jesus aufrichtig und natürlich mit Gott reden können.
Alle buchstabengetreue und intellektuell erfaßte Metaphysik der Welt könnte niemals der heilenden Kraft gleichkommen, die in Jesu Äußerung lag, wenn er in seinem Gebet Gott mit „Vater“ anredete. Der heilende Ton, die heilende Moral der individuellen Ausübung und das heilende Ergebnis jener Ausübung muß auf den Geist unserer kindlichen „lammgleichen“ Beziehung zu unserem Vater-Mutter Gott gegründet sein.
Jeder, der die Christliche Wissenschaft studiert und Mrs. Eddy verehrt als einen bemerkenswerten Heiler, als Entdeckerin und Gründerin der Christlichen Wissenschaft, als Autorin ihres Lehrbuchs Wissenschaft und Gesundheit, als Führerin der Kirche Christi, Wissenschafter, als Gründerin einer Reihe von Zeitschriften, einschließlich einer internationalen Tageszeitung (The Christian Science Monitor) — jeder, der sie so sieht, könnte über ihr gewaltiges Lebenswerk staunen! Man könnte überwältigt sein, wenn man die geistige Stärke und die geistige Erkenntnis bedenkt, die sie demonstrierte.
Doch die Höhe ihrer Erkenntnis wird auf so liebevolle und einladende Weise zugänglich gemacht — z. B. in ihrem Gedicht, in dem sie sehr kindlich und gebeterfüllt bittet: „Hirte, über Berge steil/zeig den Weg mir klar ...“ Vermischte Schriften, S. 397.
In ihrer ersten Ansprache an Die Mutterkirche schreibt sie: „Geliebte Kinder, die Welt braucht euch — und mehr als Kinder denn als Männer und Frauen: sie braucht eure Unschuld, Selbstlosigkeit, treue Liebe, eure unbefleckte Lebensführung. Ihr müßt auch wachen und beten, daß ihr diese Tugenden unbefleckt bewahrt und sie nicht durch die Berührung mit der Welt verliert. Welch höheres Streben könnte es geben, als das in euch zu erhalten, was Jesus liebte, und zu wissen, daß euer Beispiel mehr als eure Worte die Sittlichkeit der Menschheit bestimmt!“ Ebd., S. 110.
Wenn wir uns in dem Bemühen, Mrs. Eddy so zu folgen, wie sie Christus folgte, dennoch gelegentlich dabei ertappen, daß wir die Frage der Jünger: „Wer ist doch der Größte im Himmelreich?“ wiederholen, dann sollten wir demütig genug sein und uns an Jesu Antwort erinnern: „Kleine Kinder“. Wir sollten das Konkurrenzdenken und den Eigenwillen der Welt dahinschmelzen lassen, wenn wir das Lamm Gottes erblicken — das christusgleiche Kind in uns und in anderen. Das führt zu Heilung. Und mit diesem Beweis wird sich die Frage erübrigen, worin Größe besteht. Die Herrlichkeit gehört dann Gott.
Ihr seid das Licht der Welt.
Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.
Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel,
sondern auf einen Leuchter;
so leuchtet es allen, die im Hause sind.
So soll euer Licht leuchten vor den Leuten,
daß sie eure guten Werke sehen
und euren Vater im Himmel preisen.
Matthäus 5:14–16
