Am 11. August 1995 hat der Leiter der Rechtsabteilung Der Mutterkirche, einen Bericht an die Kirchenmitglieder geschickt, in dem er die Hauptelemente eines Prozesses beschreibt, der eine Änderung der von Mary Baker Eddy für ihre Kirche festgelegte Form der Verwaltung zur Folge haben könnte. In diesem Verfahren werden gegenwärtige und ehemalige Beamte der Kirche und der Christlich-Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft von zwei Mitgliedern der Kirche verklagt, die das Gericht veranlassen wollen, gewisse Gründungsdokumente von Mrs. Eddy auszulegen (und damit grundlegend zu ändern).
Mr. Jones’ Bericht lag ein Schreiben bei von David C. Driver, dem Präsidenten Der Mutterkirche, der am 22. August im Originalgebäude Der Mutterkirche auch zu den Angestellten der Kirche sprach. Folgendes sind Auszüge aus Mr. Drivers Ansprache.
Guten Tag, liebe Mitarbeiter, liebe Mitglieder!
In diesen wenigen Monaten, seit ich Präsident bin, ist mir mehr als je zuvor bewußt geworden, wie nötig es ist, alle Mitglieder unserer Kirchenfamilie in Gottes Liebe einzuschließen, wo immer sie sich geographisch befinden und wo immer sie sich mental befinden: ob sie nun für oder gegen die verschiedenen Dinge sind, die sich als strittig erwiesen haben. Es scheint paradox, daß es in Familien, wo doch die größte Einigkeit bestehen sollte, manchmal Uneinigkeit gibt. Gegenwärtig verklagen zwei Mitglieder dieser Kirchenfamilie andere Mitglieder derselben Familie.
Aber Familienfehden sind natürlich nichts Neues. Schon vor langer Zeit, am Anfang der Bibel, haben wir Kain gegen Abel — eine Auseinandersetzung mit mörderischem Ausgang. Es ist interessant, daß Mrs. Eddy, die in Wissenschaft und Gesundheit über diese Fehde schreibt, die Schuld nicht auf Personen schiebt. Sie geht direkt zu dem Uneinigkeit erzeugenden Irrtum — der Annahme, daß Leben, Substanz und Intelligenz in der Materie sind. Dies, so sagt sie, „bricht das Leben und die Brüderschaft der Menschen gleich von Anfang an“ (S. 341). Die Schuld liegt beim Bösen bzw. beim tierischen Magnetismus — der Annahme, daß es etwas gibt, was Gott, entgegengesetzt ist.
Eine spätere Familienfehde — die zwischen Jakob und Esau — zog sich über Jahre hin. Und wie Sie ja wissen, bestand auch hier die Gefahr einer möderischen Zusammenkunft. Aber dann erlebte Jakob eine wunderbare Nacht des Ringens an Pnuël. Jakob rang mit einem falschen, einem sterblichen Identitätsbegriff — einem falschen Begriff von sich selbst, aber zweifellos ebenso von seinem Bruder. Und er klammerte sich an den erlösenden Engel, bis sein Wesen umgewandelt wurde. Am nächsten Tag dann fand das Treffen mit Esau statt — es muß wohl eine der schönsten Versöhnungen in der Geschichte, ja in der Literatur überhaupt sein. Es gab eine Umarmung, es gab Dankbarkeit und Großzügigkeit anstelle des gefürchteten Mords und Totschlags.
Wenn wir die gleiche Haltung einnehmen können und keine Personen, keine Gruppen beschuldigen, sondern statt dessen der grundlegenden falschen Annahme, daß es eine Gott entgegengesetzte Macht geben könne, die Schuld zuweisen, dann können auch wir Versöhnung finden.
Wir sind heute hier zusammengekommen, weil es Leute gibt, die eindeutig das Handbuch Der Mutterkirche und die Kirche lieben, und sie vertreten einen Standpunkt. Und es gibt andere, die ebenso eindeutig das Kirchenhandbuch und die Kirche lieben, doch die vertreten einen ganz anderen Standpunkt. Aber kein Standpunkt menschlichen Argumentierens an sich ist genug. Es muß noch eine andere Betrachtungsweise geben.
Wenn wir nur mit menschlicher Vernunft an Wissenschaft und Gesundheit herangehen, werden wir nicht weit kommen. Die göttliche Wissenschaft sieht aus dieser Sicht sehr unvernünftig aus. Wir müssen also Gott und Seine Gesetze verstehen. Und genauso müssen wir an das Kirchenhandbuch herangehen, das Gesetze enthält, die, wie Mrs. Eddy selber sagt, ihr „von einer Macht“ eingegeben wurden, „die man nicht sein eigen nennen kann“ (Vermischte Schriften, S. 148).
In den Vermischten Schriften gibt es einen aufschlußreichen Brief, über den ich in letzter Zeit viel nachgedacht habe. Mrs. Eddy beschreibt, wie kompliziert die Übereignung des Landes für ihre Kirche war. Sie sagt: „Das Land und die darauf stehende Kirche mußten in einer Form übereignet werden, die dem wahren Wesen der Schenkung entspricht, einer sittlich und geistig unantastbaren, wenn auch materiell umstrittenen Form — so wie alles geistig Gute zu den Christlichen Wissenschaftern kommt, damit ihr Vertrauen auf Gott und ihr Festhalten an der Überlegenheit der Ansprüche des Geistes über die Materie oder rein gesetzliche Rechtstitel geprüft werden.“ Ferner schreibt sie: „Das Fundament, auf dem unsere Kirche gebaut werden sollte, mußte dem Zugriff gesetzlicher Macht entzogen und nun in die Arme der göttlichen Liebe zurückgelegt werden, auf daß wir nicht erfunden würden als die wider Gott streiten“ (S. 140). Und sie versichert uns: „Ich glaube, ja, ich bin überzeugt, daß, wenn alle von Christi Geist beseelt sind, die gesetzliche Spitzfindigkeit zur Befriedigung aller, die damit zu tun haben, leicht berichtigt werden kann. Laßt dies baldigst geschehen. Befleckt nicht, ich bitte Euch, die frühe Geschichte der Christlichen Wissenschaft durch Impulse menschlichen Willens und Stolzes, sondern laßt den göttlichen Willen und den Adel menschlicher Demut dieses geschäftliche Unternehmen beherrschen, im Gehorsam gegen das Gesetz der Liebe und die Gesetze unseres Landes“ (S. 141).
Zum Abschluß möchte ich noch auf etwas eingehen, was ich ganz am Ende des Briefes erwähnte, der Gary Jones' Bericht beilag. Ich zitierte dort Mrs. Eddy und sagte, gegenwärtig sei der „Glaube“ gefordert, „daß Gott alles lenkt“ (Verschiedenes, S. 281). Diese Worte äußerte sie zu einer Zeit, als Japan und Rußland Krieg gegeneinander führten. Mrs. Eddy hatte die Mitglieder ihrer Kirche aufgefordert, für einen baldigen Frieden zwischen den beiden Ländern zu beten. Aber zwei Wochen später bat sie die Mitglieder, mit dem besonderen Gebet für den Frieden aufzuhören. Die Frage stellte sich natürlich: Warum? Was ist verkehrt an solchem Gebet? In ihrer Antwort ließ sie durchblicken, daß Gebet für ein bestimmtes Ergebnis, auch wenn es noch so lobenswert ist, immer eine Form von menschlichem Planen ist. Was aber gegenwärtig nötig sei, sagte sie dann, sei der „Glaube, daß Gott alles lenkt“.
Sie brachte das Ergebnis vor das allerhöchste Gericht — das Gericht des Geistes (auf das sie sich auf Seite 430 in Wissenschaft und Gesundheit bezieht). Genauso kann jeder von uns die ganze gegenwärtige Situation vor das Gericht des Geistes bringen, wo der geistige Sinn das richtige Urteil fällen wird.
Interessanterweise wurde bald nach dieser Mitteilung an die Mitglieder ihrer Kirche, ein Friedensvertrag zwischen Rußland und Japan unterzeichnet, aber nicht in Genf, Paris oder Washington oder in irgendeiner anderen Hauptstadt der Welt, sondern in Portsmouth, New Hampshire, wenige Kilometer entfernt von dem Ort, wo Mrs. Eddy wohnte. War das bloßer Zufall? Oder deckte es sich mit ihrem absoluten Vertrauen, „daß Gott alles lenkt“?
Mehrere hundert Telefonanrufe und Dutzende von Briefen (einige mit beigelegten Spenden) sind auf die Briefsendung vom 11. August hin in der Kirche eingegangen. Einige Auszüge aus diesen Briefen folgen.
Ich habe mich sehr gefreut, das so eindrucksvolle Dokument zu erhalten, das [vom Leiter der Rechtsabteilung] vorbereitet und kürzlich [an die Kirchenmitglieder] verschickt wurde. Es ist bedauerlich, daß Sie den darin dargelegten Dingen Zeit und Aufmerksamkeit widmen mußten, aber was Sie geleistet haben, ist großartig. Ich denke, Sie haben sich der Herausforderung, die dieses Thema darstellt, gewachsen gezeigt und haben die Zusammenhänge mit juristischem Sachverstand und doch klar und leicht verständlich dargelegt. Mein Kompliment an [den Leiter der Rechtsabteilung] und die Kirche für die Aussagekraft des Inhalts und die Bereitschaft, ihn zu übermitteln.
Boston, Massachusetts, USA
Gerade jetzt, wo Wissenschaft und Gesundheit in den Buchhandlungen auf den Markt kommt und mehr Leute darauf aufmerksam gemacht werden, brauchen wir keine trennenden Gedanken. Das ist etwas, was das sterbliche Gemüt anzuzetteln versucht, aber nichts kann dazwischenkommen und etwas ändern, was durch geistige Inspiration zustande gekommen ist.
Cleveland, Ohio, USA
