„Sie können sich kaum vorstellen, wie ernst es Seiner Majestät damit ist, daß das Werk begonnen werde."
Dies schrieb Richard Bancroft, Erzbischof von Canterbury und Leiter der Übersetzergruppe der King-James-Bibel, im Juli 1604 an die Verwaltung der Universität Cambridge — kaum sechs Monate nachdem Jakob auf der Konferenz von Hampton Court die neue Bibel in Auftrag gegeben hatte.
Und der König war tatsächlich „die treibende Kraft und der Urheber des Werkes", wie die Übersetzer selbst in der Widmung und im Vorwort der fertig bearbeiteten Bibel schrieben. Er allein war es, der — nach ihren Worten — den Plan für die neue Bibel vorantrieb, „daß die Arbeit beschleunigt und das Unternehmen auf so würdige Weise durchgeführt werde, wie es eine derart wichtige Sache mit Recht erfordert".
Jakob war zuversichtlich, daß eine neue Bibel die heillos zerrissene englische Kirche irgendwie einen könne — eine Kirche, die in rivalisierende Gruppen zersplittert war, angefangen mit den Anglikanern der High-Church (der katholischen Richtung innerhalb der Kirche von England) bis hin zu den Puritanern der Low-Church (der protestantischen Richtung in dieser Kirche). Also setzte er die Bischöfe, die Universitäten und Staatssekretär Robert Cecil dauernd unter Druck — und spornte sie an —, bis sie sich durch das Labyrinth der vorbereitenden Maßnahmen für die Übersetzung hindurchgearbeitet hatten und bis sich die sechs Komitees bibelgelehrter Männer an die hochbedeutsame und heilige Aufgabe gemacht hatten, die englische Bibel neu zu überdenken, in neue Worte zu fassen und neu zu gestalten.
BANCROFT WIRD BEAUFTRAGT, DAS BIBELPROJEKT ZU KOORDINIEREN
Auf der Konferenz von Hampton Court — wo die Puritaner den König um eine neue Übersetzung der Bibel gebeten hatten — hatte Bancroft (der damalige Bischof von London) klipp und klar gesagt, es bestehe dafür keine Notwendigkeit. Aber das geschah, bevor ihm klar wurde, wie leidenschaftlich der König eine neue Bibel wünschte. Sobald der Bischof das erkannt hatte, machte er eine völlige Kehrtwendung und wurde zu einem der engagiertesten Verfechter der Übersetzung. Und als wiederum der König Bancrofts Enthusiasmus für das Projekt sah, ernannte er ihn unverzüglich zum Hauptkoordinator des Unternehmens und zum Erzbischof von Canterbury.
Bald nach der Krönung Jakobs Mitte März 1604 stürzten sich der König, Bancroft und Cecil in die Vorbereitungen für die eigentliche Übersetzung. Zunächst bat Bancroft den Dekan von Westminster, Lancelot Andrewes, sowie die Regius- (königlichen) Professoren von Cambridge und Oxford, Edward Lively und John Harding, als regionale Leiter dreier Übersetzerteams zu wirken, die in London, Cambridge und Oxford arbeiten sollten. Jedes Team würde aus zwei Komitees bestehen — eines gebildet aus Hebraisten und das andere aus Gräzisten.
Dann erbat der Erzbischof von jedem der drei Leiter eine Liste ausgezeichneter Gelehrter auf dem Gebiet des Hebräischen und des Griechischen, die als Übersetzer dienen könnten. Jakob hatte keine Einwände gegen die Vorgeschlagenen und stimmte allen drei Listen zu.
INSTRUKTIONEN VOM KÖNIG
Im Juli schrieb Jakob an Bancroft und sandte ihm detaillierte Richtlinien für die praktische Durchführung der Übersetzungsarbeit. In diesem Brief wies er Bancroft zunächst an, praktisch jeden gelehrten Hebraisten oder Gräzisten im Land einzuladen, „Beobachtungen" oder Anregungen einzusenden, die die verschiedenen Übersetzungskomitees bei ihrer Arbeit erwägen sollten. Dann erläuterte er, wie er sich die Zusammensetzung der sechs Übersetzungskomitees vorstellte. Drei sollten am Alten Testament, drei am Neuen arbeiten. Die Mitgliederliste umfaßte nicht weniger als 54 Übersetzer — das größte „Komitee", das sich je um eine englischsprachige Bibel bemühte!
Weiter legte der König dem Brief eine Liste bei mit „Regeln, die bei der Übersetzung der Bibel zu beachten" seien. Und hier brachte er das Kunststück fertig, es allen recht zu machen — von den hochkirchlichen Anglikanern bis zu den reformierten Puritanern. Aber was noch wichtiger war: diese „Regeln" verhinderten praktisch, daß irgendeine extremistische Gruppe — ob Anglikaner oder Puritaner — die Oberhand beim Übersetzen gewinnen konnte. Und dies wiederum garantierte ein faires und akkurates Ergebnis: eine Bibel, die den hebräischen und griechischen Urtexten getreu war.
Natürlich fanden die hochkirchlich Gesinnten in den „Regeln" vieles, was ihnen sehr willkommen war. Zunächst, daß die Übersetzer dem Text der konservativen Bischofsbibel folgen und diesen „so wenig verändern" sollten, „wie es die Wahrheit des Originals erlaubt". Zweitens sollten die alten klerikalen Begriffe wie „Kirche" statt des demokratischer klingenden „Gemeinde" bestehenbleiben. Auch sollten Formulierungen gewählt werden, die mit den Kirchenvätern und der traditionellen anglikanischen Theologie in Einklang standen. Und die Übersetzer sollten alle kontroversen Randbemerkungen ausmerzen außer denjenigen, die den ursprünglichen hebräischen oder griechischen Wortsinn erläuterten.
Aber in den „Regeln" des Königs war auch vieles, was die Puritaner ermutigte — was ihnen die Gewißheit gab, daß die neue Bibel des Königs keinen überkonservativen Standpunkt einnehmen würde. Zum Beispiel erklärte Jakob, daß die neue Bibel eine Übersetzung sein solle, nicht nur eine weitere Revision des alten Bischofstextes. „Jeder einzelne Mann in jeder Gruppe", so bestimmte Jakob, müsse zuerst jedes Kapitel allein übersetzen. Dann solle das ganze Komitee zusammenkommen und sich demokratisch über die beste Formulierung für das jeweilige Kapitel „einigen". Wenn kein Übereinkommen erzielt werden könne, sollten die anderen Übersetzungskomitees die Stelle überprüfen. Könnten auch sie keine Einigkeit erreichen, so werde die Angelegenheit einer „Generalversammlung" übertragen, wo von Mitgliedern aller Komitees eine endgültige Entscheidung getroffen werde.
Auch eine weitere Bestimmung in den königlichen „Regeln" wird den Puritanern gefallen haben: die Erlaubnis, die radikalen protestantischen Bibeln der Vergangenheit zu Rate zu ziehen — den Text von Tyndale oder Matthew oder den der Genfer Bibel. Diese Entscheidung garantierte, daß die Schönheit, die Poesie und die evangelische Kraft dieser beliebten Bibeln nicht verlorengingen. Sie würden für alle Zeiten in die nationale Fassung der Heiligen Schrift eingebunden sein.
FINANZIELLE REGELUNGEN
Die Finanzierung der Bibel war eines der größten Probleme für Jakob. Er war äußerst knapp an Geldmitteln, und so mußte er neue Geldquellen finden: die Kirchenschätze, die Universitäten — und die Großzügigkeit der Übersetzer selbst.
Am 22. Juli schrieb Jakob an Bancroft und befahl ihm, beim englischen Klerus eine königliche Sonderabgabe zu erheben, um die Übersetzung zu finanzieren. Außerdem wies der Brief den Erzbischof an, die Gehälter aller unbesetzten staatlichen und kirchlichen Stellen den „gelehrten Männern" zukommen zu lassen, die als Übersetzer tätig waren. Und am gleichen Tag schrieb der König an Staatssekretär Cecil und ordnete an, er solle die Universitäten davon in Kenntnis setzen, daß sie den Übersetzern, die in Oxford und Cambridge arbeiteten, Unterkunft und Verpflegung zu stellen hätten.
Allerdings zeigte es sich bald, daß diese finanziellen Vorkehrungen bei weitem nicht ausreichten. Die kirchlichen Institutionen trugen nichts zu dem Projekt bei. Die Universitäten erwiesen sich als etwas großzügiger, und ein paar Colleges der Universität Cambridge boten sogar an, einigen Übersetzern ein kleines Stipendium zukommen zu lassen. Aber im großen und ganzen mußten sich die „gelehrten Männer", die an der Übersetzung beteiligt waren, während der sechs bis acht Jahre, die sie an der King-James-Bibel arbeiteten, mit Armut abfinden. Aus reiner Liebe zur Bibel — und für ihre Landsleute — nahmen sie die Mühe auf sich.
DIE ÜBERSETZUNGSARBEIT BEGINNT
Am 31. Juli 1604 schrieb Bancroft im Namen des Königs den Leitern der Übersetzerteams in Oxford, Cambridge und Westminster, daß sie sofort mit der Arbeit beginnen sollten. Damit „keine Zeit verstreiche, die der besseren Förderung des Werkes dienen könnte", sagte er, sollten alle Übersetzer sich augenblicklich versammeln, um sich „fortan diesem Geschäft zu widmen", und zwar „mit der größtmöglichen Geschwindigkeit".
DIE SECHS ÜBERSETZUNGSKOMITEES
Bei der sorgfältigen Auswahl der Übersetzer bewiesen die drei regionalen Leiter (Lancelot Andrewes in Westminster, John Harding in Oxford und Edward Lively in Cambridge) zutiefst ökumenische Gesinnung. Ihr oberstes Auswahlkriterium war Kompetenz auf dem Gebiet des Griechischen, Hebräischen oder Lateinischen — ohne Rücksicht auf den theologischen Standpunkt des Übersetzers.
Die Leiter beriefen Anglikaner aller Schattierungen — Anhänger der High-Church, der Low-Church und Gemäßigte — in jedes der sechs Komitees und förderten dadurch gesunde Kontroversen bei der Übersetzungsarbeit. Sie meinten, daß die volle Spannweite theologischer Standpunkte sich zur Mäßigung verbinde, so wie das Farbenspektrum harmonisch ineinanderfließt.
DAS ALLGEMEINE PROFIL DER ÜBERSETZER
Nur eine Handvoll der Übersetzer bekannte sich öffentlich dazu, Puritaner zu sein, doch gut die Hälfte war als gemäßigt einzuordnen — mit einem starken Hang zur Low-Church. Etwa zwanzig andere waren im Grunde genommen Calvinisten. Dann gab es Arminianer — eine kleine, aber einflußreiche Gruppe von Übersetzern, die der Doktrin des „freien Willens" anhingen (was von der Kirche damals als ketzerisch angesehen wurde). Der Rest waren gemäßigte bis konservative Kirchenbeamte der High-Church.
Das breite Spektrum von Vertretern der verschiedensten Richtungen in den einzelnen Komitees garantierte von Anfang an, daß Extremisten sich gegenseitig ausschalteten und so der gemäßigten anglikanischen Mehrheit Handlungsfreiheit gesichert war.
Zu den Übersetzern gehörte die Elite der Bibelgelehrten der Universitäten. Ja, fast dreiviertel aller Übersetzer — etwa 35 — hatten zu irgendeiner Zeit ihres Lebens an einer Universität gelehrt. Im Oxforder Komitee saßen sechs gegenwärtige oder zukünftige Regius-Professoren und fünf gegenwärtige oder zukünftige Rektoren eines Colleges. Auch das Cambridger Komitee hatte eindrucksvolle Namen aufzuweisen. Sieben Mitglieder waren bereits oder wurden später Regius-Professoren und acht Rektoren. Die meisten hatten den Doktorgrad.
Geeint durch ihren gemeinsamen Anglikanismus, durch ihre Treue zum König und ihre Liebe zur Heiligen Schrift, wurden die Übersetzer während der gemeinsamen harten Arbeitsjahre getragen von ihrer unermüdlichen Hingabe an die Idee, dem englischen Volk eine neue und völlig unvoreingenommene Fassung der Bibel zu geben.
Die Notizen, die sich einer der Übersetzer über die Arbeit in seinem Komitee gemacht hat, zeigen, daß es unter ihnen heiße Auseinandersetzungen gab. Wichtig aber ist, daß die Übersetzer diese persönlichen Differenzen ihrem gemeinsamen Ziel unterordneten.
Zweifellos war es eine hohe Ehre, in den Kreis der 54 Übersetzer berufen zu sein. Im Jahre 1614 richtete Samuel Ward ein Beförderungsgesuch an den Bischof von Bath und Wells und führte als letzte und eindrucksvollste seiner vier Qualifikationen die einfache Tatsache an: „Ich war ein Übersetzer."
Singet dem Herrn ein neues Lied;
singet dem Herrn, alle Welt!
Singet dem Herrn und lobet seinen Namen,
verkündet von Tag zu Tag sein Heil!
Erzählet unter den Heiden von seiner Herrlichkeit,
unter allen Völkern von seinen Wundern!
Psalm 96:1-3
