Um das schöne, geistige, gottgeschaffene Universum zu entdecken, das unser ursprüngliches und einzig wahres Zuhause ausmacht, muss man auf der menschlichen Ebene in gewissem Maße eine Flüchtlingserfahrung durchmachen. Man muss ein fehlbares Verständnis von einer rein nationalen Bindung aufgeben und sein reineres, dauerhafteres Heim in Gott finden.
Das heißt nicht, dass wir unser Land nicht mehr lieben dürfen oder in ein anderes übersiedeln müssen. Aber wir müssen eine tiefe, geistige Bindung an ein bleibendes Verständnis von Heimat anstreben und aufbauen, das über ein menschliches Verständnis von Nation hinausgeht.
Gleich im ersten Buch der Bibel vermittelte Gott Abram dieses Verständnis. „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will“ (1. Mose 12:1). Die Suche nach einem göttlich geschaffenen Zuhause führte ihn auch dazu, seine materielle Heimat zu verlassen und an einen anderen Ort zu ziehen, doch dieser Umzug war symptomatisch für seine geistige Umwandlung, nach der Abram einen neuen Namen annahm, nämlich Abraham.
Abrahams Sohn Isaak führte die Suche nach diesem neuen Land fort, und Isaaks Sohn Jakob tat dies ebenfalls. Nachdem Jakob mit einem sterblichen Sinn vom Leben gerungen hatte, erhielt er einen großen Durchbruch, als er Gott „von Angesicht zu Angesicht“ sah. Diese Erfahrung wandelte ihn so um, dass auch er einen neuen Namen annahm: Israel. Und aus Jakobs darauffolgender Versöhnung mit seinem Bruder wird deutlich, dass sein neues höheres Verständnis Auswirkungen auf jeden Aspekt seines Lebens hatte (siehe 1. Mose 32:25–33:11).
Etwas von Gott, Geist, zu erkennen, nimmt einer beengten Sicht auf die Welt, die sich in Form von Materialität und Egoismus zeigt, die Scheuklappen. Jeder kann damit seine ewige Einheit mit Gott verstehen, die nicht in einem physischen Ort, sondern ewiglich in grenzenloser Liebe verankert ist. Wir müssen alle dieselbe Erfahrung durchlaufen wie Abram/Abraham und Jakob/Israel. Das bedeutet, dass wir uns der groben Verderbtheit einer sterblichen Sicht von der Existenz entgegenstellen und unser Zuhause in Gott finden müssen.
Dieses Zuhause, dieses göttliche „Land“, ist kein physischer Ort, der sich ethnisch, geographisch, kulturell, sprachlich oder sonst wie definieren lässt. Es ist gänzlich geistig und wir werden es durch die Demonstration der umwandelnden Macht Gottes, der göttlichen Liebe, in unserem Leben finden und anderen dabei helfen – indem wir Qualitäten wie Geduld, Integrität und Gerechtigkeit in die Tat umsetzen, Qualitäten, die mit einem liebevollen Zuhause und einem guten Land assoziiert werden. Dieses geistige Heim und Land ist das Himmelreich, das Christus Jesus in der Herrlichkeit christlichen Heilens demonstrierte und das Mary Baker Eddy, die Entdeckerin und Gründerin der göttlichen Wissenschaft des Christus, in nachvollziehbare Worte fasste.
Zu demonstrieren, dass das Himmelreich unser wahres und einziges Zuhause und das aller Menschen ist, bedeutet, die geistige Umwandlung durchzumachen, die die wahre Natur aller Kinder Gottes als vollständig geformte, geistige Ideen Gottes offenbart. Es bedeutet, dass wir in unseren Brüdern und Schwestern und in uns selbst hier auf Erden das sehen, was Jakob in seinem Bruder sah: „Ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht.“ Dazu müssen wir die fehlerhaften Eindrücke der materiellen Sinne zurückweisen, die uns ständig über die Menschheit mitteilen: manche Leute, vielleicht sogar wir, verdienen Gottes Liebe nicht, sind unfähig, das Himmelreich zu erkennen oder zu erreichen, wurden auf irgendeine Weise unvollkommen erschaffen, werden nie völlig von Gott angenommen.
Der Christus führt uns beständig zu dem Verständnis von Gottes Liebe, unserem ewigen Zuhause.
Als Bürger von Gottes geistigem „Land“ spiegeln wir das Licht wider, das Gott der Menschheit für immer durch den ewigen Christus offenbart, durch die wahre Idee der Gotteskindschaft aller Menschen. Dieser Christus führt uns beständig zu dem Verständnis von Gottes ewiger Liebe, unserem ewigen Zuhause.
Dieses Christus-Verständnis kann so erkannt werden, dass es direkt auf die Probleme anwendbar ist, die in den Nachrichten gezeigt werden, z. B. die Entbehrung und Sehnsucht von Millionen gegenwärtigen und potenziellen Flüchtlingen. Mrs. Eddy gab uns schon Anfang des 20. Jahrhunderts eine nützliche Betrachtungsweise des Flüchtlingsdaseins, als Flüchtlinge auf der Suche nach einem besseren Land für sich und ihre Kinder in die Vereinigten Staaten einströmten. Sie bezog sich auf das biblische Konzept der Suche „nach einem besseren, nämlich dem himmlischen“ Vaterland (Hebräer 11:16) und hob ihre Zuhörer auf eine höhere Sichtweise von einer nationsbedingten Heimat, indem sie das Willkommen von Gott für alle Seine Kinder beschrieb sowie die Rolle, die jeder von uns darin spielen kann, dieses Willkommen durch unsere Demonstration von Gottes unendlicher Liebe zu erweitern: „Unser himmlischer Vater hat die Sterblichen, die nach einem besseren Lande suchen, niemals dazu bestimmt, als enttäuschte Wanderer an den Gestaden der Zeit dahinzuziehen – durch widrige Umstände hin und her gestoßen und unvermeidlich der Sünde, der Krankheit und dem Tode unterworfen. Die göttliche Liebe wartet darauf und bittet inständig darum, die Menschheit zu erretten – und sie erwartet mit Vollmacht und einem Willkommen, mit Gnade und Herrlichkeit die Erdenmüden und Schwerbeladenen, die den Pfad zum Himmel finden und ihn weisen“ (Botschaft an Die Mutterkirche für 1902, S. 11).
Jedes Kind Gottes, jeder von uns, jeder Flüchtling in oder aus welchem Land auch immer, über den in den Nachrichten berichtet wird, ist wahrhaft eine Widerspiegelung der Schönheit und Intelligenz des unendlichen Gottes. Als Sterbliche mögen wir buchstäblich Flüchtlinge sein, wir mögen andere in diesen Umständen sehen oder einfach einen Bedarf nach einem besseren Verständnis von Heim und Umgebung für uns selbst haben. In jedem Fall ist Gott da und zeigt uns eine klarere Sichtweise von der gegenwärtigen unsterblichen Identität und dem geistigen Zuhause, das uns und der ganzen Menschheit zu eigen ist. Dieses Heim ist das Bewusstsein und der Ausdruck der wundervollen geistigen Eigenschaften Gottes, die wir widerspiegeln – Zärtlichkeit, Verständnis und Weisheit, das geistige Geburtsrecht jedes Menschen. Wenn wir Gottes Eigenschaften in unserem Alltag und unserem Umgang mit anderen anwenden, schaffen wir die Grundlage für ein dauerhaftes, himmlisches Heim in Gottes ewiger Liebe für unsere Mitmenschen.
Für Einzelpersonen oder Familien ist es manchmal ganz natürlich, in ein anderes Land ziehen zu wollen, weil sich ihre Lebensumstände geändert haben. Gott liebt Menschen, die nach einem besseren Land für sich Ausschau halten, nicht weniger. Jeremia schreibt zartfühlend über die Heimkehr der Kinder Israel nach Zion: „Sieh, ich will sie aus dem Land des Nordens bringen und will sie von den Enden der Erde sammeln, Blinde und Lahme, Schwangere und Wöchnerinnen, sodass sie in großen Scharen wieder hierher kommen sollen. Sie werden weinend und betend kommen, und ich will sie leiten; ich will sie an den Wasserbächen auf ebenem Weg leiten, damit sie sich nicht stoßen“ (Jeremia 31:8, 9).
Ich schreibe dies im Foyer eines Hotels in Südspanien, wo man nicht nur Spanisch, sondern auch Französisch, Englisch, Norwegisch und Arabisch hört. Die Gäste tragen die unterschiedlichste Kleidung, einige von Kopf bis Fuß verhüllt, andere leicht bekleidet (es ist heiß hier!). Im Hintergrund läuft ein Fernsehbericht über die Bemühungen, Flüchtlinge zu retten, die aus desolaten Umständen über das Mittelmeer fliehen. Ich weiß nicht, was die Menschen um mich herum mitgemacht haben, bin aber ganz sicher, dass jeder von ihnen, jeder von uns, von Gott geliebt wird und zu Gottes unendlicher Familie gehört – jeweils eine vollkommene Idee der unendlichen, göttlichen Liebe.
Es gibt eine wunderschöne Geschichte, die ich meiner Tochter vorlas, als sie klein war. Sie heißt Harold und die Zauberkreide und ist von Crockett Johnson. Sie handelt von einem kleinen Jungen, der nach seinem Zuhause sucht. Nach langer Suche erkennt er, dass sein Zuhause die ganze Zeit bei ihm war. Es war der Ort, wo der Mond nachts durch sein Schlafzimmerfenster scheint, und er muss nichts weiter tun, als das Fenster und den Mond mit seiner Zauberkreide zu malen.
Wo immer wir leben und wonach sich die Menschheit auch immer sehnt, unser Zuhause ist dort, wo Gott scheint.
