Ich habe in meinem Leben vieles verzeihen können; manches davon schien unverzeihlich zu sein. Doch in einem Fall fiel es mir äußerst schwer.
Eine Person hatte schon länger Hass und Zwietracht in der Familie gesät statt Liebe und Einigkeit, sowie Lügen und Verrat statt Wahrheit und Respekt. Diese Lügen hatten sogar eine langjährige gute Freundin bewogen, sich von mir abzuwenden. Die rauen Fäden dieses subtilen, unterminierenden Bösen schienen sich durch alle Aspekte meines Lebens zu ziehen.
Aus diesem Grund fiel es mir schwer, Jesu Anweisung „Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut denen Gutes, die euch hassen, betet für die, die euch beleidigen und verfolgen“ (Matthäus 5:44) in die Tat umzusetzen. Ehrlich gesagt wollte ich diese problematische Person am liebsten einfach loswerden und nicht mehr an sie denken.
Doch da ich die Christliche Wissenschaft schon lange erforsche und praktiziere, wusste ich, dass es immer eine Lösung gibt, egal wie verzweifelt die Situation aussieht oder wie unmöglich eine positive Wendung scheint. Es ist so tröstlich zu entdecken, dass unser Glück und unsere Freiheit nicht davon abhängen, was andere über uns denken, sondern von dem, was wir denken und tun. Das war die Botschaft hinter Christi Jesu Versprechen: „[Ihr] werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ (Johannes 8:32).
Die Antwort auf Pontius Pilatus’ Frage an Jesus: „Was ist Wahrheit?“ (Johannes 18:38), die sich viele Menschen auch heute noch stellen, wurde mir klarer, als ich wegen dieses Problems tiefer in meine beiden Lieblingsbücher eindrang: die Bibel und Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy, der Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft. Wir lesen in Wissenschaft und Gesundheit: „Es gibt nur einen Weg zum Himmel, zur Harmonie, und Christus in der göttlichen Wissenschaft zeigt uns diesen Weg. Er besteht darin, keine andere Wirklichkeit zu kennen – kein anderes Bewusstsein vom Leben zu haben – als das Gute, Gott und Seine Widerspiegelung, und sich über die sogenannten Schmerzen und Freuden der Sinne zu erheben“ (S. 242).
Als ich betete, änderte sich mein Wunsch, die Person möge aus meinem Leben verschwinden, in den geläuterten Wunsch, geistig gesinnt zu sein und die Wahrheit zu erkennen, von der Jesus gesprochen hat. Damit hatte ich am Ende nur noch einen Wunsch: ausschließlich das Bewusstsein von Leben als Gott, dem Guten, zu haben und diese Person als die Schöpfung Gottes zu erkennen, eine Schöpfung, die unser Erschaffer als „sehr gut“ befunden hat (1. Mose 1:31). Ich erkannte, dass der gegenteilige Glaube an eine falsche, materielle Schöpfung – in der Bibel durch Adam und Eva und den „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ (1. Mose 2:17) dargestellt – die Ursache augenscheinlicher Disharmonie ist. Dieser materielle Glaube an Gut und Böse als wirklich hatte das Gefühl ausgelöst, der Situation ausgeliefert zu sein. Ich konnte nicht aufhören, ständig an das Problem zu denken, darüber zu reden und in meinem Denken eine Wirklichkeit daraus zu machen.
Ich bat eine Praktikerin der Christlichen Wissenschaft, für mich zu beten, damit ich mich von diesen belastenden Gedanken befreien konnte. Sie hörte sich meine Beschreibung still an und erzählte mir dann von einer Frau, die in ähnlicher Weise von einem Problem hypnotisiert gewesen war und ihre Freiheit erlangt hatte, indem sie folgenden Rat aus Wissenschaft und Gesundheit in die Tat umsetzte: „Um durch die Wissenschaft von Sünde frei zu werden, musst du der Sünde jedes vermeintliche Gemüt oder jede vermeintliche Wirklichkeit nehmen und niemals gelten lassen, dass Sünde Intelligenz oder Macht, Schmerz oder Lust haben kann. Du besiegst den Irrtum, indem du seine Wirklichkeit verneinst. Unsere verschiedenartigen Theorien werden ihre imaginäre Macht zum Guten oder Bösen niemals verlieren, bis wir unseren Glauben an sie verlieren und das Leben zu seinem eigenen Beweis der Harmonie und zum Beweis Gottes machen“ (S. 339–340).
Die Praktikerin sagte, dass die Frau die Gedanken, die ihr Denken benebelten, dank dieser Worte ablegen konnte. Sie begriff, dass diese Gedanken nicht gut (also sündig) waren, und beschloss, sie zu bekämpfen. Immer wenn sie an dieses Problem denken musste, machte sie einen Strich auf einem Zettel. Am Ende des Tages hatten sich mehr als hundert Striche angesammelt! Jetzt erkannte sie, dass sie sich von diesen belastenden Gedanken abwenden konnte, da es nicht wirklich ihre Gedanken waren. Alle wahren Gedanken kommen von Gott und sind gut, und als Sein Ausdruck kann sie nur Gedanken haben, die Gott ihr gibt.
Von da an sagte sie immer, wenn sich die belastende Situation in ihrem Denken nach vorn drängte: „Nein, ich habe hinsichtlich dieser Situation gebetet, und das reicht!“ Die aufwühlenden Gedanken verloren ihren Halt in ihrem Leben, und am folgenden Abend wies ihr Blatt Papier erheblich weniger Striche auf. Kurz darauf tauchte das Problem nicht mehr in ihren Gedanken auf, und sie hatte ihre Freiheit wiedererlangt.
Dieses praktische Beispiel war genau das, was ich brauchte. Es gelang mir, die aufdringlichen Gedanken von meiner Identität zu trennen, und immer wenn ich daran denken musste, sagte ich mit Überzeugung: „Ich bin unschuldig. Das sind nicht meine Gedanken, und damit Schluss!“ Es dauerte nicht lange, bis ich ebenfalls meinem Alltag nachgehen konnte, ohne an diese Person zu denken.
Allerdings war sie weiterhin ein Teil unseres Lebens, daher wandte ich mich täglich bewusst von dem ab, was die körperlichen Sinne mir sagten, und schaute auf das, was Christus, Wahrheit, mir über diese Frau und ihre Beziehung zu Gott entfaltete.
Dann nahmen eines Tages die Worte in der Bibel, „Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden“ (Markus 10:9), eine neue Bedeutung an. Mir kamen zwei Gedanken: „Was Gott nicht zusammengefügt hat, wird Er scheiden“ und „Was Gott zusammengefügt hat, soll niemand zu scheiden versuchen.“ Mit anderen Worten, Gott fügt zusammen, was zusammengehört, und trennt, was getrennt werden muss. Diese Erkenntnis befreite mich von der Furcht und dem Glauben, dass eine andere Macht, die Disharmonie hervorruft oder zulässt, unsere Familie und mich regierte. Ich erkannte, dass allein Gott die Kontrolle über alle Dinge hat und dass jeder Mensch in Gottes liebevoller Obhut gesegnet und an seinem richtigen Platz ist. Jetzt war ich bereit, diese Person ohne zu zögern und ohne Furcht liebevoll in unserem Haus und unserer Familie willkommen zu heißen.
Kurz darauf erfuhr ich, dass sie ein Wochenende bei uns verbringen würde. Als ich das Haus für ihren Besuch vorbereitete, kam mir ein wundervoller Gedanke: „Nichts und niemand kann mich davon abhalten zu lieben.“ Ich wusste, dass das eine Botschaft von Gott sein musste, denn ich fühlte, wie das Zimmer sich mit dem Frieden der göttlichen Liebe füllte – der Liebe, die keine Liebe fordert, sondern schenkt.
Als unsere Besucherin ankam, hieß ich sie liebevoll willkommen. Sie wiederum schenkte mir einen herrlichen Blumenstrauß. Frieden und Liebe herrschten, und wir verbrachten ein harmonisches Wochenende. Zusätzlich passierte etwas Erstaunliches: Seit dem Wochenende vor fast zwanzig Jahren sind wir uns nicht wieder begegnet. Wir gingen ohne Streit auseinander.
Dennoch gab es einige verborgene nachtragende Gedanken. Aber diese Gedanken konnten nicht ungeheilt verweilen, als ich ein tieferes Verständnis vom vollkommenen Gott und vollkommenen, zum Ebenbild der Liebe erschaffen Menschen erlangte. Dieses klarere Verständnis unserer geistigen, sündlosen Identität eröffnete sich mir eines Tages, als ich in Wissenschaft und Gesundheit las. Plötzlich erkannte ich, was ich die ganze Zeit getan hatte. Ich hatte die falschen Gedanken von mir selbst getrennt, verband aber das schlechte Verhalten weiterhin mit dieser Person und verlieh somit dem Bösen eine Persönlichkeit. Doch Heilung wird in der Christlichen Wissenschaft dadurch erlangt, dass man das Böse unpersönlich macht und nur die Wirklichkeit von Gott, dem Guten, anerkennt.
Mrs. Eddy schreibt: „Das Böse hat keine Wirklichkeit. Es ist weder Person, Ort noch Ding, es ist einfach eine Annahme, eine Illusion des materiellen Sinnes“ (Wissenschaft und Gesundheit, S. 71). Ich argumentierte, dass es nie einen bösen Menschen geben kann, weil das Böse kein Mensch ist. Und da es keinen bösen Menschen gibt, hatte eine schreckliche Erfahrung in der Wirklichkeit nie stattgefunden. Das Ganze war von Anfang an eine Lüge gewesen, eine Lüge der körperlichen Sinne. Diese Sinne können nur eine Fälschung von Gottes Gutem und vollkommener Schöpfung wiedergeben, einer Schöpfung, in der nachtragende Gedanken nicht existieren, geschweige denn uns überfallen können. Alles, was existiert oder jemals existiert hat, ist Gott und Sein vollkommenes, reines, rechtschaffenes Kind.
Als ich mir dieser Wirklichkeit vollständig sicher wurde, fiel es mir nicht mehr schwer, der Aufforderung nachzukommen, meinen Nächsten zu lieben. Wie kam das? Weil ich verstand, dass es keine Feindin und nichts zu vergeben gab. Ich erkannte die Wahrheit – und war frei!
