Um das Jahr 1990 herum wurde ich in den Nahen Osten versetzt. Das war die Zeit, in der die erste Intifada der Palästinenser, der Aufstand der Bevölkerung gegen die Besetzung palästinensischer Gebiete durch Israel, ihren Höhepunkt erreichte.
Palästinensische Jugendliche organisierten damals nach der Schule immer wieder Demonstrationen, wobei sie Straßensperren aus Autoreifen und Mülltonnen bauten. Und dann bewarfen sie die israelischen Soldatinnen und Soldaten mit Steinen. Diese reagierten mit Gewehrschüssen, manchmal mit Gummigeschossen und manchmal mit scharfer Munition.
Ich war im Bereich Menschenrechte tätig und musste nach Gaza fahren, um mit palästinensischen Menschenrechtsanwältinnen und -anwälten zusammenzutreffen. Und so nahm ich ein Taxi dorthin – zusammen mit anderen, denn das war die einzige Möglichkeit, nach Gaza zu fahren. Wir kamen in der Stadt an, und plötzlich sagte der Taxifahrer: „Sie müssen jetzt aussteigen.“ Also stiegen wir aus, und ich merkte, dass wir uns mitten in einer Demonstration befanden. Die Personen, die mit mir im Taxi gesessen hatten – alles Palästinenser – verschwanden sehr schnell, und ich blieb allein mitten auf der Straße zurück. Ich sah, dass Kinder und Jugendliche Steine warfen, Soldaten feuerten ihre Gewehre ab, und ich stand mitten dazwischen.
Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte, denn bei Demonstrationen ließen die Geschäftsleute die Rollläden vor ihren Geschäften herunter und verriegelten sie. Auf beiden Straßenseiten sah ich nur verschlossene Läden. Es gab keine offenen Türen, keine Zuflucht, die ich nutzen konnte.
Genau in diesem Moment kam ein Stein geflogen. Ich glaube, er streifte meine Kleidung, denn er landete genau vor meinen Füßen. Mir wurde klar, dass ich bald ein Angriffsziel sein würde. Ich schien in großer Gefahr zu sein.
Sofort begann ich, um Schutz zu beten in derselben Weise, wie ich die ganze Zeit betete, während ich im Nahen Osten tätig war. Ich bemühte mich zu erkennen, dass dort nicht zwei gegnerische Völker waren, sondern dass es nur ein Volk gab – dass es nur den von Gott erschaffenen Menschen gab. Und ich arbeitete daran zu verstehen, dass dort Liebe herrschte, nicht Hass. Dass Liebe die einzige Macht war. Ich betete, um zu spüren, dass Gottes Gegenwart und Macht mich und alle anderen, die dort waren, beschützten.
Ich wandte mich mit diesen Gebeten von ganzem Herzen an Gott und fühlte mich beruhigter. Das alles dauerte nur einige Minuten, diese Erleichterung meines Herzens und das Abwenden von der materiellen Sicht der Dinge – dieses Wenden an das, was sich geistig in diesem Augenblick in Wahrheit abspielte.
Dann sah ich, dass ein Mann auf der anderen Straßenseite seine Ladentür aufmachte und mich heranwinkte. Also lief ich über die Straße, und er ließ mich hinein. Er schloss und verriegelte die Tür und brachte mich in die Hinterräume, wo er und seine Familie lebten. Die Familie lud mich zum Mittagessen ein. Sie sprachen kein Englisch, und ich konnte damals nur ein paar Worte Arabisch. Doch wir verbrachten einen wundervollen Nachmittag zusammen. Wir kommunizierten auf andere Weise, und ich wurde sehr freundlich behandelt.
Später ging der Mann zu einem Haus in der Nähe und rief einen Konvoy der Vereinten Nationen, der mich am Abend sicher zurück nach Jerusalem brachte. Ich habe aus dieser Erfahrung eine tiefe Liebe zu den Menschen auf beiden Seiten des Konflikts mitgenommen – eine äußerst tiefe Liebe zu allen. Und auch die Gewissheit, dass Gott sie liebt.
Außerdem verstand ich, dass es keinen Ort gibt, an dem man sich nicht an Gott um Schutz und Liebe wenden und beides sehr klar fühlen kann. Dieser Schutz ist allen verfügbar, welcher Ethnie, Religion oder Kultur sie auch angehören mögen. Gottes Gegenwart ist bei uns, und sie ist für uns alle greifbar, wenn wir erkennen, dass Er die einzige Macht ist.
