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Der Sieg über den Zorn

Aus der Dezember 1913-Ausgabe des Herolds der Christlichen Wissenschaft


Es wird immer mehr zugegeben — wenn auch von vielen noch sehr zögernd —, daß die Christliche Wissenschaft alle Arten von Krankheit heilt. Obschon sie nun in dieser Hinsicht herrlichen Erfolg gehabt hat, insoweit sie verstanden worden ist, so besteht doch ihre Aufgabe nicht in erster Linie darin, körperliche Leiden zu heilen. Sie verfolgt vielmehr den Zweck, alles, was falsch ist, von Grund aus zu berichtigen, wodurch dann die Grundlage von Krankheit und Disharmonie aller Art vernichtet wird. In der Christlichen Wissenschaft ist also die Heilung einer Krankheit nur ein beiläufiger Beweis, daß im menschlichen Bewußtsein das Werk der Berichtigung seinen Anfang genommen hat und vielleicht weiter geführt worden ist, als bei einer früheren Gelegenheit. Unser Lehrbuch spricht sehr deutlich über diesen Gegenstand; so z. B. auf Seite 162: „Die Christliche Wissenschaft wirkt wie ein Reinigungsmittel, das den Irrtum durch Wahrheit neutralisiert. ... Die Wirkung dieser Wissenschaft besteht darin, daß sie das menschliche Gemüt so aufrührt, daß es seine Grundlage verändert, von welcher aus es nun der Harmonie des göttlichen Gemüts Raum geben kann.”

Wir haben wohl keinen schlagenderen Beweis von der „reinigenden” Wirkung der Christlichen Wissenschaft, als er uns in der „Heilung” von Zorn und Reizbarkeit entgegentritt. Es könnten in dieser Richtung viele Fälle angeführt werden. Einer genügt jedoch zur Erläuterung des Gegenstandes. Ein Mann meiner Bekanntschaft, der schon in seiner Kindheit sehr zum Zorn geneigt war und diese Gewohnheit unbewußt pflegte, so daß er oft auf eine geringe Veranlassung hin, ja zuweilen ohne eine eigentliche Veranlassung sehr heftig wurde, begann sich für die Christliche Wissenschaft zu interessieren. Er hatte es nicht auf körperliche Heilung abgesehen, sondern wollte wissen, was ihm diese „neue Philosophie” als eine Grundlage zur Lebensführung oder etwa als eine Religion zu bieten habe. Von Zeit zu Zeit erfuhr er kleine, oft fast unerwartet eintretende Heilungen, hinsichtlich deren es anfangs schien, als hätten sie sowieso stattgefunden, die sich aber so oft wiederholten, daß sie nicht wegerklärt werden konnten. Kurz bevor er mit dem Studium der Christlichen Wissenschaft begann, war er mit einem andern Mann in Streit geraten und mußte infolgedessen eine gute Stelle aufgeben. Nachdem er sich etwa sechs Monate mit der Christlichen Wissenschaft besaßt hatte, traf er eines Tages ganz unerwartet seinen früheren Gegner. Es war jedoch eine solche Veränderung in ihm vorgegangen, daß er diesem Manne ein Gefühl herzlichen Wohlwollens entgegenbringen konnte. Ja noch mehr: der alte Groll kehrte nicht wieder, obschon die beiden Männer in Geschäftsangelegenheiten noch oft miteinander in Berührung kamen.

Hier haben wir es mit einer Heilung zu tun, von der sich nur diejenigen, die diesen Mann genau kennen, einen rechten Begriff machen. Insoweit er selbst über den Fall urteilen kann, ist seine Heilung vollständig und dauernd, denn er hat unter weit schwierigeren Umständen niemals mehr die Symptome dieser Krankheit, wie Zorn mit Recht genannt werden kann, an sich verspürt. Das „Reinigungsmittel” hatte gewirkt, ganz unauffällig, aber gründlich. Lange ehe dieser Mann eine anwendbare Kenntnis von der Christlichen Wissenschaft erlangt hatte, war er ernstlich bestrebt gewesen, seinen Feind zu überwinden, denn als einen solchen hatte er die Neigung zum Zorn erkannt. Er versuchte alles mögliche, und hoffte besonders durch Anwendung von Willenskraft der bösen Gewohnheit Herr zu werden. Fast jedesmal aber, wenn die alte Versuchung an ihn herantrat und er eine Zeitlang mit ihr gekämpft hatte, erreichte er den Punkt, wo sein Zorn mit unwiderstehlicher Gewalt hervorbrach, was oft für ihn wie für andre ernste Folgen hatte und ihm nachträglich immer sehr leid tat. Eine andre Verfahrungsart, die er versuchte, war die, daß er sich von der Person entfernte, die den schlafenden Löwen weckte. Aber auch das half nicht, denn der Kampf dauerte ebenso heftig fort, wie wenn sein Peiniger zugegen gewesen wäre. Auch der Versuch, an andre Dinge zu denken, war vergeblich.

Wahrer Sieg kann nur dadurch erlangt werden, daß man den Feind vernichtet. Wer ist nun der Feind? Eine Person? Nein! Ein Ding? Nein! Was denn aber? Nur eine falsche Vorstellung. Diese Tatsache legt uns gleich das Heilmittel nahe, nämlich das Erlangen des wahren Begriffs. Aber wie ist dies inmitten einer Streitigkeit zu bewerkstelligen? Streng genommen geschieht es nicht während des Zwistes, sondern vorher; nicht durch das Bestreben, sich bei einem Zornausbruch zu mäßigen, sondern dadurch, daß man dieser Störung vorbeugt, indem man gegen den Feind im Innern gewappnet ist. Wir müssen uns bewußt werden, daß keine Störung stattfinden kann, und zwar erstens, weil der falsche Begriff keine Grundlage hat, und zweitens, weil der Gegner gleichfalls aufrichtig ist und uns daher in einem friedlichen Ausgleich gerne halbwegs begegnen würde. Um sich gegen die Angriffe des Zornes zu schützen, muß man gegen dieselben gewappnet sein. So viel als möglich von dem entzündbaren Stoff muß aus dem Bewußtsein entfernt werden; dann können die Schüsse des Feindes keinen Brand verursachen. Wie ein tüchtiger General muß man sich gegen Angriffe von außen verschanzen. Vor allem aber hat man die schwachen Punkte im Innern zu befestigen, gegen Überfälle sich zu schützen und stets vor heimlichem Verrat auf der Hut zu sein. Wie geschieht das? Dadurch, daß man einen klaren Begriff von dem Wesen Gottes und des Menschen erlangt, wodurch die falschen Begriffe aus dem Bewußtsein Vertrieben werden.

Dies wird vielen zu einfach erscheinen, als daß es von praktischem Wert wäre. Aber auch die Wahrheit, zu der man durch solche Betrachtungen gelangt, ist trotz ihrer Tiefe äußerst einfach. Einem Menschen, der eine böse Gewohnheit zu überwinden hat, mag die Sache nicht so leicht erscheinen. Die Wahrheit kommt nicht durch Willenskraft zum Ausdruck. Gelehrsamkeit kann das Wachstum in der Erkenntnis der Wahrheit weder fördern noch hindern. Innere geistige Anschauung ist nötig — das Erfassen der Tatsache, daß Harmonie eine bestimmte Grundlage hat, möge man diese Grundlage Prinzip, Ursache, Schöpfer, Gott oder irgend etwas andres nennen; daß alle Dinge, die von diesem Prinzip abhängig sind und mit demselben in Harmonie stehen, auch untereinander harmonisch sein müssen, und daß wegen dieser grundlegenden Tatsache Mißverständnisse nicht auf Wahrheit beruhen können. In dem Maße, wie man solche Gedanken verfolgt, nimmt der Prozeß des Ausscheidens gehässiger Gedanken seinen Fortgang, bis sich der Zorn zuletzt nicht mehr äußern kann, weil er „mit dein universalen Lösungsmittel der Liebe” ausgelöst worden ist (Wissenschaft und Gesundheit, S. 242).

Die zu verfolgenden Gedanken sind in kurzem etwa die: Wenn ich in irgendeinem Fall im Recht bin, so wird der Mensch, mit dem ichs zu tun habe, dies mit der Zeit einsehen und meine Ansicht teilen. In solchem Fall habe ich keine Veranlassung zum Zorn, sondern muß nur Geduld beweisen. Wenn andrerseits ich im Irrtum bin und er Recht hat, so will ich als ein Mensch, der nur nach dem Rechten strebt, gerne seiner Anschauung beistimmen. Auch in diesem Fall habe ich keine Veranlassung, heftig zu werden. Es handelt sich bei dieser Frage einfach um die wahre und vernünftige Art des Denkens. Wer die angedeutete Verfahrungsart gewissenhaft verfolgt, wird es nie zu bereuen haben, denn er nähert sich dann nicht nur der Befreiung vom Zorn und von all den Strafen, die dieser Tyrann auferlegt, sondern entgeht auch all den kleineren Unannehmlichkeiten, denen man sich aussetzt, wenn man empfindlich ist, sich leicht beleidigt fühlt und aus Mücken Elefanten macht. Ist der Feind vernichtet, dann können wir die Wahrheit der Worte des Psalmisten bezeugen: „Die dein Gesetz lieben, haben großen Frieden; und sie finden keinen Anstoß” [Zürcher Bibel].

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