Der Name, unter welchem unsre Religion bekannt ist, nämlich „Christian Science” oder auf deutsch Christliche Wissenschaft, ist bisweilen unberechtigterweise der Gegenstand einer abfälligen Kritik seitens der Anhänger andrer Konfessionen. Die ungünstige Beurteilung dieses Namens kommt von verschiedenen Seiten und ist auf verschiedene Gründe zurückzuführen. Manche Leute sind gegen diese Benennung, weil sie sie mit der materiellen Wissenschaft in Beziehung bringen, die sie als der Religion entgegengesetzt betrachten. Hieraus ergibt sich dann für sie die irrige Folgerung, daß die Christlichen Wissenschafter keine Christen seien. Andre scheinen es als einen Frevel zu empfinden, die Begriffe „christlich” und „Wissenschaft” überhaupt miteinander in Verbindung zu bringen. Sie können nicht erklären, warum sie diese Benennung für irrig und ungehörig halten, sondern äußern es einfach als ihre Ansicht, daß eine solche Verbindung nicht statthaft sei. Noch andre, die offenbar wissen, in welchem Sinne das Wort Wissenschaft auf das Christentum wie auf andre Gebiete, die unsrer Kenntnis zugänglich sind, angewandt werden kann, betrachten den Gebrauch dieser Bezeichnung als eine Anmaßung oder Überhebung, weil ihnen das gleichbedeutend zu sein scheint mit der Behauptung, daß die Christlichen Wissenschafter eine bessere Kenntnis vom Christentum hätten als die Anhänger der übrigen Konfessionen, namentlich der ihren. Andre schließlich beanstanden den Namen einfach aus dem Grunde, weil er eine neue religiöse Bewegung bezeichnet. Ihre eigne Kirche und Religion genügt ihnen vollständig, und etwas Neues kann daher, ihrer Ansicht nach, nichts Rechtes sein.
Bei der Darlegung ihrer Gründe für die Bezeichnung ihrer Entdeckung sagt Mrs. Eddy, sie sei bestrebt gewesen, die Wissenschaft des Gemüts zu finden, die die Dinge Gottes erfassen, sie der Kreatur zeigen und das große heilende Prinzip, die Gottheit, offenbaren würde. (Siehe „Retrospection and Introspection“, S. 24.) Weiterhin sagt sie, daß, nachdem das Licht der Wahrheit ihr die Schrift erleuchtet hatte, sie zum erstenmal Jesu Lehre und Demonstration in ihrer geistigen Bedeutung, sowie das Prinzip und die Regel der geistigen Wissenschaft und metaphysischen Heilung, mit einem Wort, die Christliche Wissenschaft, erkannt habe. „Ich nannte sie christlich, weil sie barmherzig, hilfreich und geistig ist”, erklärt sie weiter auf Seite 25.
Demjenigen, der die eigentliche Bedeutung dieser Wortverbindung versteht und der erkannt hat, was sie dem Verständnis nahebringen soll, werden die obigen Einwendungen töricht erscheinen. Man darf wohl annehmen, daß niemand, der selbst ein Christ ist, gegen den Gebrauch des Wortes christlich zur Kennzeichnung oder Bestimmung einer Kirche im Ernste etwas einwenden wird, vorausgesetzt, daß diese Kirche die christliche Religion und ihre Lehren in aller Aufrichtigkeit vertritt. Tatsächlich hat sich eine Konfession hier in Amerika speziell den Namen „Christian Church“ (Christliche Kirche) beigelegt, ohne daß dies seitens andrer Konfessionen oder ihrer Anhänger beanstandet würde. Obige Einwendungen gelten also offenbar nicht dem Worte christlich als einem Kennzeichen irgendeiner religiösen Gemeinschaft oder Kirche, die die Bibel als den Ursprung ihrer Lehre anerkennt.
Aber auch gegen die Benennung Wissenschaft läßt sich nichts einwenden. Der getrennte Gebrauch dieser Wörter wird nicht getadelt, wohl aber ihre Verbindung. Dies kommt demjenigen sonderbar vor, der die Bedeutung beider Wörter kennt, oder der ohne Vorurteile über dieselben nachdenkt und sich ihren Sinn in der Verbindung klarmacht. Einem nahmhaften Wörterbuch zufolge ist ein Christ „jemand, der an Jesus Christus glaubt, ein Bekenner Christi oder ein Mensch, von dem man annimmt, er glaube an Christus und an die von ihm gelehrte Wahrheit.” Ferner ist nach diesem Lexikon das Christentum „die Religion der Christen; die von Christus erteilten Lehren und Vorschriften; daher das Gefüge von Anschauungen, Bräuchen und sittlichen Gefühlen, die sich aus den Lehren und dem Leben Christi ergeben haben.”
Soweit scheint das Wort „christlich” auf irgendwelche Kirchengemeinschaft zu passen, die den in obiger Definition gestellten Anforderungen genügt. Wir wollen nun auf das Wort „Wissenschaft” etwas näher eingehen. Das Wörterbuch gibt dafür folgende Definition: „1. Wissen; Kenntnis von Prinzipien und Tatsachen. 2. Im besondern, gesammelte und für richtig angesehene Kenntnis, die mit Rücksicht auf die Entdeckung allgemeiner Wahrheiten oder der Wirksamkeit allgemeiner Gesetze systematisiert und formelmäßig abgefaßt ist; geordnete und brauchbare Kenntnis, für die Arbeit, das Leben und das Forschen nach Wahrheit anwendbar gemacht; umfassendes, tiefes philosophisches Wissen.” Diese Definitionen erklären die Bedeutung des Wortes Wissenschaft ebenso genau wie die vorigen das Wort christlich. Wissenschaft bedeutet Kenntnis, Kenntnis auf irgendeinem Gebiet. In der Verbindung „Christliche Wissenschaft” bedeutet dieses Wort die Kenntnis des Christentums oder die Erkenntnis Christi und seiner Lehre.
Man betrachte doch einmal die Frage ohne Vorurteil. Weshalb soll es inkonsequent oder unangemessen sein, diese beiden Worte zu verbinden und damit eine Kirche zu bezeichnen, die der Definition von „christlich” und „Wissenschaft” entspricht! Können wir dieses Wort nicht in aller Ehrfurcht mit Jesus von Nazareth in Verbindung bringen? War er nicht im wahrsten Sinne des Wortes ein Christlicher Wissenschafter? Daß er ein Christ war, werden alle ohne weiteres zugeben. Daß er Wissen besaß, eine eigenartige, tiefe und philosophische Kenntnis von den Lehren und Gesetzen des Christentums, steht ebenfalls außer Frage. Er war ein Christ und ein Wissender auf dem Gebiete dieser Religion, daher im wahrsten Sinne des Wortes ein Christlicher Wissenschafter. Nun wollen wir einen Schritt weitergehen. Die heutigen Christlichen Wissenschafter sind Nachfolger Christi Jesu, glauben an seine Lehre und beschäftigen sich gewissenhaft und gründlich mit seinen religiösen Vorschriften und Geboten. Darum sind auch sie Christen. Dies läßt sich nicht gut leugnen. Ebensowenig kann man in Abrede stellen, daß sie Wissenschafter sind, d. h. Menschen, die über eine mehr oder minder gründliche Kenntnis von Jesu Religion oder Lehre verfügen. Sie sind seine Schüler. Sie lesen nicht nur regelmäßig in der Bibel, sondern vertiefen sich auch in dieselbe, und zwar sowohl in das Alte wie in das Neue Testament. Sie glauben an die Bibel. Die Heilige Schrift bildet die Grundlage ihrer Religion. Zu den Glaubenssätzen der christlich-wissenschaftlichen Kirche gehört die ernste und feierliche Erklärung: „Als Anhänger der Wahrheit haben wir das inspirierte Wort der Bibel zu unserm geeigneten Führer zum ewigen Leben erwählt” (Wissenschaft und Gesundheit, S. 497). Mit demselben feierlichen Ernst bekennen sie ihren Glauben an Christus Jesus und seine Lehre. Sie bekennen seine Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt.
Andre mögen die Kenntnis der Christlichen Wissenschafter vom Christentum in Zweifel ziehen, mögen behaupten, sie selbst besäßen eine bessere Einsicht in die Lehren Jesu. Es ist dies eben eine Ansicht. Die Christlichen Wissenschafter sind überzeugt, daß ihre Kenntnis und ihr durch die weisen und religiösen Lehren ihrer Führerin, Mrs. Eddy, bereichertes Verständnis von der Bibel und vom Christentum auf fester Grundlage ruht; daß ihr Studium und Forschen die rechte Richtung hat und in Übereinstimmung mit den Lehren Jesu steht, und daß sie deshalb berechtigt sind, den Namen zu brauchen, der ihrer Kirche von deren Begründerin gegeben wurde. Wie tiefgehend ihr Wissen bezüglich der großen und für uns scheinbar unerforschlichen Gebiete der christlichen Lehre ist, darüber haben andre Christen das Recht zu urteilen. Die Christlichen Wissenschafter behaupten nicht, vollkommen zu sein. Sie sehen täglich ein, wie weit sie noch davon entfernt sind, die Tiefen des christlichen Wissens ergründet zu haben, und wie wenig ihr Leben dem wahrhaft christlichen Lebenswandel entspricht Dabei haben sie aber den Trost, daß der große Lehrer der Christlichen Wissenschaft oder der Kenntnis des Christentums durch Lehre und Beispiel den Grund legte zu vollkommenem Denken und Leben, und daß er der ganzen Menschheit zeigte, wie man wahrhaft christlich leben kann. Genau in dem Maße, wie wir seine Lehre kennen lernen, sie verstehen und befolgen, sind wir Christliche Wissenschafter, gleichwie er einer war.
Der Mensch als Gottes Idee besitzt alles Wissen und Verständnis; wir aber, die wir scheinbar im Fleische sind, glauben Beschränkungen unterworfen zu sein und Erkenntnis entbehren zu müssen. Solange wir diese falschen Anschauungen von einem Menschentum, das Beschränkungen ausgesetzt ist, nicht überwinden, können wir uns nicht als vollkommene Christliche Wissenschafter betrachten, noch haben wir das Recht, auf den Besitz vollkommener Kenntnis des Christentums oder seiner Lehren Anspruch zu machen. „Gott verlangt Vollkommenheit, aber nicht eher, als bis die Schlacht zwischen Geist und Fleisch ausgesuchten, und der Sieg gewonnen ist” (Wissenschaft und Gesundheit, S. 254). Der Kampf findet jetzt statt, das Gute und das Böse ringen miteinander. Die Christlichen Wissenschafter beteiligen sich an dem Kampf auf der Seite des Guten. Das Forschen in der Bibel, die ihnen durch das Lehrbuch Wissenschaft und Gesundheit erleuchtet worden ist, hat ihnen Verständnis verliehen und sie zum Kampf ausgerüstet. Dieses Verständnis oder diese Kenntnis der Lehren des Christentums ist es, das sie zu dem ihnen beigelegten Namen berechtigt.
Jesus behauptete nicht nur, das rechte Verständnis und die rechte Kenntnis vom Christentum zu besitzen, sondern er bewies es auch durch seine Werke. Er lehrte die Allheit Gottes und die Vollkommenheit des wirklichen Menschen sowie die Machtlosigkeit des Bösen gegenüber dem Einfluß des Guten. Krankheit und Sünde behandelte er als einen falschen Anspruch des Bösen auf Macht, nicht als etwas, was von Gott kommt oder was Er dem Menschen zur Strafe oder aus sonst einem Grunde auferlegt. Er ließ die Macht des unendlichen Guten zur Überwindung alles Übels wirken, behandelte alles Ungemach als Übel und heilte allerlei Krankheit in genau derselben Weise, wie er Sünde überwand, nämlich durch die Macht des Guten.
Dies waren die Demonstrationen oder Beweise für die Wahrheit, die er lehrte. Seine Lehre war, daß das Gute allmächtig ist, und daß in Wirklichkeit nichts andres besteht, als das Gute. Hierfür lieferte er den Beweis, indem er das Böse mit Gutem überwand. Genau wie die Finsternis durch das eindringende Licht verscheucht wird und sich in nichts auflöst, so verbannte er die Finsternis der Krankheit, des Leidens und andrer Übel, indem er in das menschliche Bewußtsein das Licht der Wahrheit brachte, die er lehrte. Dies war die praktische Anwendung der von ihm gelehrten Wahrheit auf die gegenwärtigen Bedürfnisse der Menschheit; es war angewandte Christliche Wissenschaft. Sie war damals und ist heute ein praktisches Christentum, im Gegensatz zu einem nur theoretischen, und Jesus vermochte sie auf menschliche Bedürfnisse anzuwenden, weil er ein Christlicher Wissenschafter war, d. h. weil er eine Kenntnis des Christentums hatte, das, wie vorher ausgeführt wurde, mit Christlicher Wissenschaft gleichbedeutend ist.
Dies ist es gerade, was die heutigen Christlichen Wissenschafter tun. Sie behaupten nicht, das vollkommene Wissen zu besitzen, das Jesus besaß, noch beanspruchen sie, beim Demonstrieren des wahren Christentums oder der praktischen Anwendung der von ihm gelehrten Wahrheiten gleich ihm Vollkommenes zu leisten. Er war der Lehrer, sie sind seine Schüler. Sie werden durch Jesu Erklärung ermutigt und getröstet: „Wer an mich glaubet, der wird die Werke auch tun, die Ich tue, und wird größere denn diese tun; denn Ich gehe zum Vater.” Es ist ihr Bestreben, die Werke zu tun, die er tat, und ihre Bemühungen sind nicht vergeblich gewesen. Taufende von Kranken und Traurigen haben Heilung und Trost gefunden durch das Bestreben der Christlichen Wissenschafter, Jesu Gebot bezüglich des Predigens und Heilens zu befolgen. Sie glauben fest an ihn. Sie sind sich einer gewissen Kenntnis der Wahrheiten bewußt, die er lehrte, sowie der geistigen Gesetze, von denen er sich beim Vernichten von Krankheit und Sünde leiten ließ. Durch ihre Werke liefern sie den Beweis hierfür. Gerne wollen sie nach ihren Früchten beurteilt werden. Sie sind des Befehls Jesu eingedenk: „Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.” Hieraus ergibt sich für sie die Gewißheit, daß Vollkommenheit möglich ist. Sie sind bemüht, ihr Heil selbst auszuarbeiten, um des himmlischen Zustandes teilhaftig zu werden, der vollkommenes, sündloses Sein bedeutet. Durch Bemühungen, die ausschließlich dem eignen Ich gelten, wird jedoch das Ziel nicht erreicht. Man nähert sich der Vollkommenheit nur dadurch, daß man andern in selbstloser und liebevoller Weise hilft, dem Beispiele Jesu gemäß. Hierin besteht die große, die heilige Arbeit aller Christlichen Wissenschafter. Das Verständnis, das sie erlangt haben, gibt ihnen das sichere Gefühl, daß sie dem Namen, der ihrer Religion gegeben wurde, keine Unehre machen. Sie sind bestrebt, dies werktätig zu beweisen. Hiermit sollen das Wissen und die Verdienste andrer Kirchen und ihrer Mitglieder durchaus nicht herabgesetzt werden. Ein jeder muß seine Seligkeit in seiner Weise ausarbeiten, im Lichte der Erkenntnis, die er erlangt hat oder die ihm durch sein christliches Streben noch zuteil werden wird. Jedoch können sich die Christlichen Wissenschafter der Erkenntnis nicht verschließen, daß viele Menschen, die sich als Christen bekennen, die Lehren des Meisters nicht in vollem Umfang befolgen. Sie predigen wohl das Evangelium in ihrer Weise, heilen aber nicht die Kranken, wie es Jesus befahl. Sie predigen nicht das Evangelium in der für die Menschheit hilfreichsten Weise, d. h. durch das Vollbringen der Werke, die einen Teil der religiösen Wirksamkeit Jesu bildeten. Sie wenden ihre Kenntnis des Christentums nicht auf die täglichen Bedürfnisse ihrer Mitmenschen an. Ihre Religion entbehrt des praktischen Elements, sie ist theoretisch und daher unbefriedigend für die Kranken und Betrübten, die in ihrer Not um Hilfe flehen und sich sodann getäuscht sehen. Sie beschränken die Macht Gottes, indem sie die Leidenden den Ärzten und ihren materiellen Mitteln überlassen, anstatt sie Jesu Befehl gemäß durch die Macht Gottes zu heilen.
Die Christlichen Wissenschafter wollen das christliche Heilen nicht für sich in Beschlag nehmen. Diese göttlich-barmherzige Mission ist gemeinsame Pflicht aller Kirchen, und ihre Erfüllung sollte von ihnen allen erstrebt werden. Zu ihrem eignen wie der Menschheit Nachteil können sie nicht nur keine solche segensreiche und heilige Werktätigkeit aufweisen, sondern bleiben sogar bisweilen in tadelsüchtigem Geiste abseits stehen und hindern diejenigen, die bestrebt sind, das heilige Werk Jesu von Nazareth zu tun und ihm in der gebotenen Weise zu gehorchen.
