Der Meister verschmähte es nie, in bekannten Bildern zu dem menschlichen Sinn zu reden; so z. B., als er zu seinen Jüngern sagte: „In meines Vaters Haus sind viel Wohnungen.” Die Christen im allgemeinen denken sich des Vaters Haus als in einer Gegend gelegen, die man nur durch den Übergang, der Tod genannt wird, erreichen könne. Dies stimmt jedoch nicht überein mit einer andern Aussage Jesu im gleichen Kapitel (Johannes 14): „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.” Mag eine Wohnung auch noch so unansehnlich erscheinen, so kann sie doch zum Ort werden, wo Liebe und Wahrheit ihre Stätte bei dem Menschen haben, und diese göttliche Gegenwart bildet den Himmel.
Jakob erkannte diese geistige Tatsache, als er aus der Heimat seiner irdischen Eltern verbannt war und sich beim Einbruch der Nacht an einem öden, einsamen Ort niederlegte, mit einem Stein als Kissen. Inmitten der tiefen Stille und Dunkelheit, die ihn umgab, erschienen ihm Engel, und Gottes Absicht, die weit über Zeit und Raum erhaben ist, wurde ihm entfaltet. Er erhielt die Verheißung der göttlichen Liebe: „Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du zeuchst”. Kein Wunder, daß er am Morgen in tiefer Ehrfurcht ausrief: „Hie ist nichts anders denn Gottes Haus und hie ist die Pforte des Himmels”! Hier in dieser Einöde war er, wie Mrs. Eddy es ausdrückt, „der Gast Gottes” gewesen; während der langen und einsamen Nachtstunden hatten die Engel über ihn gewacht, die unsre Führern, als „Gottes Gedanken, die zum Menschen kommen”, definiert (Wissenschaft und Gesundheit, SS. 254, 581). War dies nicht ein Vorgeschmack der himmlichen Heimat, wie sie uns die Christliche Wissenschaft offenbart?
Nun mag jemand einwenden, Jakob habe aber doch sterben müssen, um die Wirklichkeit zu erreichen, von welcher diese Erfahrung eine Vorahnung gewesen sei. Dies wäre der Lehre Christi Jesu direkt zuwider, denn er sagte, wer an ihn glaube, werde den Tod nicht schmecken ewiglich. Alsdann führte er die folgende Stelle aus dem Alten Testament an: „Ich bin der Gott ... Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs”, und fügte sodann die Erklärung hinzu: „Gott aber ist nicht der Toten, sondern der Lebendigen Gott; denn sie leben ihm alle.” Was kann das andres heißen, als daß für Gott niemand je tot gewesen ist, denn Er selbst ist das Leben. Wie uns die Bibel berichtet, wohnten die Patriarchen in Zelten. Insofern sie aber die göttliche Allgegenwart erkannten und liebten, war ein jeder von ihnen ebenso gewiß in einer der vielen Wohnungen in des Vaters Haus, als hätte er in Salomos stolzem Palast gewohnt, oder gar im Tempel zu Jerusalem, der nach seinem Namen genannt wurde. Der englische Schriftsteller Ruskin sagt in einem seiner Werke vom wahren Weib, wo sie auch sei, und hätte sie kein Obdach und nur einen Leuchtkäfer als Lampe, da sei eine Heimat, da sei Friede zu finden.
Die Christliche Wissenschaft erklärt und betont die große Wahrheit, daß das göttliche Gemüt der einzige Baumeister dessen ist, was mit Recht ein Heim genannt werden kann. Von allem, was nicht im göttlichen Gemüt besteht, sagte Christus Jesus, nicht ein Stein werde auf dem andern bleiben. Die Wohnung, wo das Kind Gottes sein Heim hat, sollte rein, hell und schön sein, möge sie auch den sterblichen Sinnen nach von den vier Wänden einer einzigen Stube umschlossen sein. Die Ideen des Gemüts werden von keinen materiellen Wänden begrenzt. Der Christliche Wissenschafter weiß, daß das widergespiegelte Licht des Geistes in die tiefste Finsternis der Welt hinausstrahlt und dadurch Leben, Gesundheit und Glück, mit einem Wort, „die Heimat der Seele” offenbart.
Von unserm teuren Meister, der uns auf die vielen Wohnungen hingewiesen hat, sagt Mrs. Eddy: „Als er unter ihnen [seinen Jüngern] weilte, wurde ein Fischerboot zum Heiligtum, und die Einöde bevölkerte sich mit heiligen Botschaften von dem All-Vater. Der Hain wurde sein Klassenzimmer, und Sammelplätze in der freien Natur bildeten die Universität des Messias” („Retrospection and Introspection“, S. 91). Eine seiner Verheißungen lautete: „Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.” Diese Wohnungen werden für diejenigen bereitet, die des Menschen geistiges Erbteil, das vor Grundlegung der Welt vollständig war, suchen und finden. Was liegt also daran, ob einige die Erfahrung durchgemacht haben, die die sterblichen Sinne Tod nennen! Für Gott leben sie alle, wie Jesus sagte, und finden „dort” ein Heim, wie wir es „hier” finden sollen. „Dort” und „hier” drücken nur sterbliche Unterschiede aus, während des Vaters Haus die ewigwährende Tatsächlichkeit ist.
