Johannes sagt in einem seiner Briefe: „Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, daß wir Gottes Kinder sollen heißen; und es auch sind! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.“ 1. Joh. 3:1. Der tiefere Sinn dieser Worte führt zum Verständnis des geistigen Wesens Gottes und des Menschen. Die Liebe, die hier angedeutet wird, ist unendlich und göttlich; sie hebt unsere Definition vom Menschen geradewegs aus „der Welt“ oder der Sterblichkeit heraus. Diese Liebe enthüllt, daß die Materie oder das sterbliche Denken den Menschen nicht berührt, ja ihn nicht kennt. Dieses Verständnis, daß Gott göttliche Liebe ist, steht im Mittelpunkt der Christlichen WissenschaftChristian Science (kr´istjen s´aiens).
In meiner Jugend besuchte ich verschiedene Sonntagsschulen protestantischer Kirchen, manchmal mit meinen Eltern, manchmal mit einem Nachbarn. Ich gewann dabei die Vorstellung, daß Gott ein strenger Richter sei, der mich auf Schritt und Tritt beobachtete. Man lehrte mich, daß ich mich Seiner Liebe unwürdig fühlen sollte, obwohl Er mich trotz meiner Sünden liebte. Ich strengte mich sehr an, gut zu sein, aber jeden Sonntag mußte ich mit den anderen laut hersagen, daß ich trotz meiner Bemühungen ein erbärmlicher Sünder sei. Ich war verwirrt. Gott liebte die Sünde bestimmt nicht. Wie konnte Er dann mich, einen Sünder, lieben?
Im Alter von elf Jahren verletzte ich mich im Wald. Als ich mich bückte, um Farnkraut zu pflücken, drang ein Zweig in mein Ohr und durchstach das Trommelfell. Meine Großmutter hatte von der Christlichen Wissenschaft gehört und schlug vor, daß wir es einmal damit versuchen sollten. Hier hörte ich zum ersten Mal von einem liebenden Gott, der tatsächlich das Böse nicht kennt. Er liebte mich, nicht trotz meiner Sünden, sondern weil Er nur meine wirkliche, geistige Identität sah, die Er geschaffen hatte. Diese Identität ist sündlos, und Er erhält sie sündlos.
Das war eine ganz neue Dimension. Ich konnte nun verstehen, wie Gott ein vollkommenes, geistiges Wesen lieben konnte. Gleichzeitig wurden auch einige Zweifel darüber beseitigt, ob Gott etwas Gutes schaffen könne. Oft hatte ich mich gefragt, warum Gott den Menschen so schwach erschaffen würde, daß er versucht werden könne, wenn Er ihn dann doch für seine Schwäche bestrafe.
Zu der Zeit forderte diese neue Perspektive, daß ich mit meinem Glauben einen „Sprung“ machte. Ich mußte das sterbliche Bild vom Menschen aufgeben, das ich mein ganzes Leben lang gelehrt worden war (und das doch so offensichtlich zu sein schien). Es war aber für mich so einleuchtend, daß ein gütiger Gott einen guten Menschen schuf, daß ich in diesem Vertrauen Ruhe fand. Kurze Zeit später war ich vollständig geheilt, und ich konnte wieder vollkommen hören. Ich freute mich, als meine Eltern mich in die christlich-wissenschaftliche Sonntagsschule schickten.
Dort lernte ich, daß dieser himmlische Vater-Mutter Gott, die göttliche Liebe, es nicht zuläßt, daß Seine völlig geistige Schöpfung, der Mensch, sündigt oder krank ist. Seine Kinder sind immer Sein Ausdruck und spiegeln die göttlichen Eigenschaften des unendlichen Guten wider. Welch dankbares, inniges Gefühl vermittelt uns das Wissen, daß dieser Vater-Mutter Gott niemals Seine Hand von uns abzieht, uns nie in unangenehme Situationen geraten oder uns in der Sünde ertrinken läßt. Nicht einmal eine Minute ist das von Ihm erschaffene Kind etwas anderes als das strahlende, reine, herrliche, sprühende Ergebnis des göttlichen Wesens, für Gott einzigartig, wertvoll und notwendig. Wie sehr liebt Er uns! Wie sehr ist Er doch mit unserer unvermeidlichen Widerspiegelung Seiner göttlichen Natur zufrieden! So nahe ein Gedanke dem Gemüt ist, das ihn denkt, so nahe sind wir der göttlichen Intelligenz, deren Idee wir sind.
Die Christliche Wissenschaft offenbart diesem Zeitalter die geistige Einheit von Gott und dem Menschen, die Jesus lehrte. Mary Baker Eddy sagt uns in Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift: „Folgendes ist die Lehre der Christlichen Wissenschaft: Die göttliche Liebe kann ihrer Offenbarwerdung oder ihres Gegenstandes nicht beraubt werden; Freude kann nicht in Leid verwandelt werden, denn Leid ist nicht der Herr der Freude; Gutes kann niemals Böses hervorbringen; Materie kann niemals Gemüt hervorbringen, noch kann Leben im Tode enden. Der vollkommene Mensch, der von Gott, seinem vollkommenen Prinzip, regiert wird, ist sündlos und ewig.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 304.
Mrs. Eddy, die die Christliche Wissenschaft entdeckte und gründete, beschreibt das sterbliche Dasein als einen traumähnlichen Zustand des „sterblichen Gemüts“. Sie sagt: „Wenn Gott das Böse kennte — und sei es auch nur als falschen Anspruch —, so würde diese Kenntnis offenbar machen, daß Böses in Ihm ist und von Ihm ausgeht. Die Christliche Wissenschaft zeigt, daß Materie, Böses, Sünde, Krankheit und Tod nichts sind als Verneinungen des Geistes, der Wahrheit und des Lebens — die doch unbestreitbar Wirklichkeiten sind. Die subjektiven Zustände des Bösen, sterbliches Gemüt oder Materie genannt, sind Unwirklichkeiten, die der Zeit und des Raumes ermangeln; denn es gibt nichts außer Gott, dem Geist, und der Idee des Geistes.“ Nein und Ja, S. 16.
Das sterbliche Gemüt möchte uns glauben machen, daß wir in der Materie lebten und folglich ihren Gesetzen hilflos ausgeliefert seien. Es möchte Herrschaft über uns beanspruchen, uns der Krankheit und Sünde unterwerfen und uns erst nach dem Tode einem undeutlich begriffenen Gott überlassen. Dieser Gott der menschlichen Leidenschaften und Sorgen erscheint in der Gestalt eines Übersterblichen. Von einem solchen sterblichen Standpunkt aus würde Gebet kaum etwas nützen. Es könnte wohl unser Denken beruhigen, uns eine Richtung zeigen oder sogar Hoffnung verleihen. Aber die Zuversicht des Psalmisten, der schrieb: „Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?“ Ps. 27:1., ruht auf einem festeren Beweis der göttlichen Liebe, als er durch sterbliches Sehnen gefunden werden könnte.
Wir finden keine Antwort auf die endgültige Wirklichkeit des Seins und das wahre Wesen des Menschen, wenn wir die Aufzeichnungen der allgemeinen materiellen Annahmen durchgehen. Im Laufe der Geschichte ist nur geistig Gesinnten die reine Wirklichkeit offenbar geworden, wie Licht, das durch Lücken zwischen den Wolken hindurchbricht.
Christi Jesu Zeitgenossen bezeichneten ihn, wie er es selbst tat, als ein „Licht“, das in die Welt gekommen war, um zu heilen und zu erneuern. S. Joh. 1:9; 8:12. Wie heilte und erneuerte er? Beständig verwies er auf seine Untrennbarkeit von dem Vater; er erklärte immer wieder, daß es Gottes Macht war — die Macht der Wahrheit und Liebe —, die die Heilung bewirkte. Er sah durch jedes furchterregende Bild hindurch bis auf den Grund des Problems, einen illusorischen Anspruch auf die Mentalität des Patienten. „Sie ist nicht gestorben, sondern sie schläft“ Luk. 8:52., sagte er. Und dann ließ er das Problem nicht einmal als Traum bestehen und weckte ein Kind vom Tode auf.
Der Bibel entnehmen wir, daß Gott, Geist, Alles-in-allem ist, unendliche Liebe, alle wahre Substanz, vollkommen, gut, der allmächtige Schöpfer, der zärtliche Vater und die liebevolle Mutter. Dieses herrliche Verständnis bringt uns Heilung, weil es uns über das Zeugnis der sterblichen Sinne erhebt und wirklich wahr ist. Mrs. Eddy sagt uns: „Gott erbarmt sich unserer Leiden mit der Liebe eines Vaters zu Seinem Kinde — nicht etwa dadurch, daß Er menschlich wird und um die Sünde, oder das Nichts, weiß, sondern dadurch, daß Er uns die Kenntnis von etwas nimmt, was nicht ist. Er könnte unsere Leiden nicht völlig zerstören, wenn Er irgendwelche Kenntnis davon hätte. Sein Mitfühlen ist göttlich, nicht menschlich. Die Tatsache, daß Wahrheit um ihre eigene Unendlichkeit weiß, verbietet die wirkliche Existenz auch nur eines Anspruchs auf Irrtum. Diese Erkenntnis ist das Licht, in dem keine Finsternis ist — nicht Licht, das Finsternis in sich birgt.“ Nein und Ja, S. 30.
Der Mensch hat in diesem geistigen Universum die Aufgabe, dieses allumfassende, liebende Gemüt widerzuspiegeln, zum Ausdruck zu bringen, seine Idee zu sein. Diese Einheit von Gemüt und seiner Idee ist beständig und eine feststehende Tatsache. Die göttliche Liebe wirkt, ist tätig, sieht, kennt, erhält den Menschen aufrecht. Wenn wir bewußt beanspruchen, daß dieses Gesetz für uns und andere gilt, werden wir einen großen Unterschied in unserem Leben feststellen.
Im Laufe der Jahre habe ich viele Beweise dafür erlebt, daß die Erkenntnis dieser reinen Liebe, die Gott für Seine Kinder hegt, heilt. Um die Wirkung dieser heilenden Liebe jedoch wirklich spüren zu können, müssen wir Habakuks Beschreibung Gottes akzeptieren. Er sagte: „Deine Augen sind zu rein, als daß du Böses ansehen könntest, und dem Jammer kannst du nicht zusehen!“ Hab. 1:13.
Obwohl ich seit jenen frühen Tagen ein klareres Verständnis davon erlangt hatte, daß Gott mich liebte und ich als Seine Widerspiegelung wertvoll war, glaubte ich doch immer noch an ein Selbst, das von sterblichen Annahmen umgarnt werden konnte. Zu jener Zeit bot sich mir die Gelegenheit, mein Verständnis von der göttlichen Liebe zu vertiefen. Ich war augenblicklich von einem langwierigen inneren Problem geheilt, als ich schließlich mit plötzlicher Klarheit erkannte, daß das sterbliche Gemüt und ich nichts gemein haben. Mein wirkliches und einziges Selbst war überhaupt nicht Teil des Problems. Da das sterbliche Gemüt nicht mein Gemüt sein konnte, war ich weder in sterblichen Annahmen verwickelt, noch brauchte ich zu versuchen, mich von ihnen zu befreien — noch versuchten sie, mich loszuwerden. Ich verstand nun, daß Gott das einzige Gemüt war, das ich haben konnte, da Er das einzige Gemüt ist. Ich mußte die sterbliche Vorstellung, daß ich mit der Materie verbunden sei, aufgeben und meine Identität in der Allheit des Geistes suchen. Dann fühlte ich, welch eine Liebe uns Gott erzeigt, eine Liebe, die mich niemals für Versuchung und Täuschung anfällig gemacht hatte. Ich wußte, daß die göttliche Liebe völlig stark und bestreitbar ist. In dem Strahlenglanz dieser geistigen Wahrheit mußten die Schatten verschwinden, und das taten sie auch.
Mir wurde klar, daß ich versucht hatte, Gottes Liebe zu erflehen, um meinen Zustand zu ändern. In jenem inspirierten Augenblick änderte sich meine Auffassung, und ich erkannte, daß Gottes Liebe meine Vorstellungen weit übertraf. Seine Liebe ist absolut und unendlich. Er läßt weder Krankheit zu, noch schließt Er sie in sich. Ich erkannte, daß gerade in jenem Augenblick mein wirkliches und einziges Sein frei und gesund war.
Dieses Verständnis kam von Gott, der zu mir sprach und durch den Christus meinem Bewußtsein Seine Wahrheit kundtat. Durch Gebet, Dankbarkeit, Gehorsam und Mut hatte ich mein Denken vorbereitet, diese Wahrheit zu akzeptieren. Wenn wir christliche Eigenschaften üben, dringt das heilende Licht als Wirklichkeit gnadenvoll in unsere Erfahrung ein.
Dieses Verständnis der göttlichen Liebe ist Teil der wunderbaren Entdeckung, die die Christliche Wissenschaft diesem modernen Zeitalter bringt. Sie leitet ihre Autorität von dem inspirierten Wort und den Beispielen der Bibel her und führt zu dem praktischen Verständnis, wie Jesus heilte. Diese Wissenschaft stillt unser geistiges Verlangen nach dem höchsten Guten. Sie steigert unsere Wertschätzung der Gottheit, so daß wir erkennen, mit welcher Liebe Er uns liebt — einer Liebe, die zu rein und mächtig ist, um das Böse einzuschließen, einer Liebe, in der wir unsere eigene Identität als Seinen Ausdruck finden und in der wir jedermanns unzerstörbares Wohlbefinden entdecken.
