„Mehr Liebe ist das, was der Menschheit not tut“ Vermischte Schriften, S. 107., sagte Mary Baker Eddy, die Gründerin der Christlichen Wissenschaft
Christian Science (kr’istjən s’aiəns), am 26. Mai 1895 bei einer Ansprache in Boston.
Wer könnte da nicht zustimmen? Wenn wir aus dem Weltraum auf unseren kleinen Planeten hinabschauten, könnten wir an so vielen Orten das traurige, nutzlose Aufflammen von Raketen und Bomben sehen. Die Territorialgrenzen, die Namen der kriegführenden Parteien und sogar die Anlässe wären wahrscheinlich von viel geringerer Bedeutung als jene kleinen, immer wieder aufflackernden Explosionen dort unten — Ausbrüche des Hasses, denen Leid folgt — , und all das geht schon lange so.
Inmitten von Terrorismus und Kriegen schreit das menschliche Herz nach mehr Liebe. Es schreit nach Liebe inmitten des Alltags.
Aber wie kann die Menschheit die Liebe erlangen, die sie braucht — nicht nur die Liebe, die nach Konflikten tröstet, sondern die Liebe, die so stark ist, daß sie Haß und feindselige Entfremdung auflöst, die zu Konflikten führen?
Ein Schritt in die rechte Richtung besteht darin, besser zu verstehen, was Liebe ist. So oft wird die Notwendigkeit, mehr zu lieben, in den Bereich der Moral verwiesen, wo sie beständig außer Reichweite zu sein scheint, ein schönes, fernes Ideal. Aber in dem Maße, wie wir genauer verstehen, was Liebe ist, stellen wir fest, daß es möglich und natürlich ist, das zu tun, von dem wir zutiefst wissen, daß wir es tun sollten.
Wenn wir erneut die Berichte in den Evangelien, in der Apostelgeschichte und in den Briefen des Paulus betrachten, so sehen wir, daß die Worte „du sollst deinen Nächsten lieben ...“ Mark. 12:31. für Christi Jesu Nachfolger weit mehr waren als ein farbloser moralischer Grundsatz, zu dem sie sich in späteren Jahrhunderten allmählich entwickelten. Diese Worte müssen aufgrund der Unmittelbarkeit von Jesu eigenem Beispiel große Bedeutung gehabt haben. Die Jünger wurden mit einer Liebe vertraut, die das Auf und Ab menschlicher Zuneigung übersteigt — einer Liebe, die nicht bei Freunden erglüht und in der Gegenwart von Feinden erlischt. Jesus liebte alle Menschen. Und seine Liebe hing nicht davon ab, ob jemand sie erwiderte oder nicht.
Diese Liebe war offensichtlich von anderer Art. Paulus spricht von der „Liebe Christi, die doch alle Erkenntnis übertrifft“ Eph. 3:19.. Sie war eine Gegenwart, die mächtig genug war, um harte Herzen zu erweichen, das Leben der Sünder umzuwandeln und den Menschen das Gefühl zu geben, daß sie geliebt wurden, und in ihnen den Wunsch zu wecken, selbstlos zu lieben.
Allgemein betrachten die Menschen die Liebe als etwas, was ein menschliches Wesen gelegentlich entwickeln oder schaffen kann. Doch das Neue Testament stärkt zweifellos in uns die Vorstellung, daß es wohl zutreffender wäre, die Liebe als etwas Beständiges zu sehen — als etwas, was immer gegenwärtig und vorhanden ist. Die Menschen erschaffen sie nicht, können aber ihre Gegenwart anerkennen, in sie eingehen und lernen, wie man sie ausdrückt.
Mrs. Eddy schreibt: „Wahrhaft beten heißt nicht Gott um Liebe bitten, es heißt lieben lernen und die ganze Menschheit in eine Liebe einschließen. Durch das Gebet machen wir uns die Liebe zunutze, mit der Er uns liebt.“ Nein und Ja, S. 39.
Da Gott Liebe ist, ist Liebe das eigentliche Wesen allen wahren Seins. Liebe ist überall. Wenn wir bereit sind, unsere verschwommenen Vorstellungen von dem, was Liebe ist, aufzugeben, können wir die Tatsache erfassen, daß Liebe immer gegenwärtig ist, weil Gott sie in Seiner Schöpfung, dem Menschen, stets zum Ausdruck bringt. Geistige Liebe ist grundlegend für das wahre Sein des Menschen — für die Individualität, die Gott schafft. Reine Liebe ist tatsächlich unser echtester und tiefster Charakterzug, der immer zu unserer Veranlagung gehört.
Solche Liebe wird nicht durch die Ungerechtigkeit einer menschlichen Situation begrenzt oder unterdrückt. Sie sprudelt unaufhörlich aus ihrer unendlichen göttlichen Quelle, die Gott ist, im Menschen hervor.
Einem mir bekannten Geschäftsmann wurde offensichtlich durch einen Kollegen schweres Unrecht zugefügt. Mein Bekannter hatte eine sehr wichtige Sitzung angesetzt. Einer seiner Kollegen reiste zusammen mit dem Firmenleiter zu diesem Treffen. Als sie ankamen, hatte der Kollege den Chef über alles ins Bild gesetzt, was angeblich mein Bekannter falsch gemacht hatte. Der Chef war beunruhigt und tadelte meinen Freund mit scharfen Worten, daß er seinem Kollegen gegenüber nicht die angemessene Höflichkeit und Rücksichtnahme gezeigt habe.
Mein Bekannter war überrascht und empört. Aber er ist Christlicher Wissenschafter; so rief er einen Ausüber der Christlichen Wissenschaft an und bat ihn, ihm durch Gebet zu helfen.
Bald nachdem er den Hörer aufgelegt habe, sagte er, sei er ruhiger geworden. Er berichtete später dem Ausüber, daß eine machtvolle Zusicherung der Liebe sein Denken durchflutet habe, als er Gefühle der Ungerechtigkeit und Kränkung losließ und sich rückhaltlos an Gott wandte.
Er wurde sich so sicher, daß Gott, die göttliche Liebe, grenzenlose Liebe und vollkommen Gutes ausströmt, daß er wußte, daß mehr als genug für jeden vorhanden war. Im Lichte dieser Liebe, derer er sich nun bewußt wurde, war es einfach sinnlos, sich anders zu verhalten, als vollkommen liebevoll zu sein und nicht im geringsten zurückzuhalten. Weder der Chef noch der Kollege schnitten dieses Thema noch einmal an; die Sitzung war in jeder Hinsicht erfolgreich, und zwischen den drei Männern bestand ein ausgesprochen herzliches Einvernehmen.
Ein geistigeres und klareres Verständnis von dem, was Liebe ist, erkennt an, daß Liebe tatsächlich ihren Ursprung in Gott hat und deshalb nicht von menschlicher Erwiderung abhängt. Sie kann auch nicht durch die Ungerechtigkeit einer Situation oder durch häßliche Gründe beeinflußt werden, die versuchen, uns davon abzubringen, liebevoll zu sein — sei es nun im Geschäftsleben, in der Familie oder in einer Auseinandersetzung zwischen Nationen oder Religionen.
In einem Gedicht, das später ein bekanntes Chrstlich-wissen-schaftliches Kirchenlied wurde, schrieb Mrs. Eddy:
Du, dessen Macht uns Hoffnung gibt,
befreie uns vom Zwist!
Durch Deine Liebe leben wir,
da Liebe Leben ist ...„Liebe“, Verm., S. 387.
Der Vers weist auf ein Verständnis dessen hin, was Liebe ist — ein Verständnis, das weit umfassender ist als die übliche Vorstellung, daß Liebe eine menschliche moralische Verpflichtung sei. Doch dieses umfassendere Verständnis ist es, das uns tatsächlich befähigt, auf viel konsequentere Weise unserer moralischen Verpflichtung nachzukommen und sie zu erfüllen. Wir geben dann schneller und bereitwilliger Sünden wie Stolz, Ichbezogenheit und persönliche Reaktionen auf, die die Leibe verdunkeln. Uns dämmert die Wahrheit auf, daß Liebe nicht nur eine von vielen guten Eigenschaften ist, die die Menschen zum Ausdruck bringen sollten. Sie ist vielmehr der Inbegriff des Lebens. Sie ist das, was Gott dem Menschen gibt; und wenn wir das anerkennen und verstehen, wird uns das Leben offenbar, von dem man erwarten könnte, daß es von einem Gott ausgeht, der Liebe ist. Kein Wunder, daß Jesus so großes Gewicht auf Liebe legte! Sie ist der Schlüssel, mit dem Leben begreifbar wird; dieser Schlüssel öffnet die Tür unseres Denkens zu Gottes Universum.
Juni: Mehr Liebe auf einem kleinen Planeten (2. Teil)
