Daß das geistige Heilen den Menschen längere Zeit verloren gegangen war, muß als eine höchst auffällige historische Tatsache bezeichnet werden. Es ist deshalb um so bemerkenswerter, daß dieses Heilen in unsrer Zeit wieder eingeführt worden ist. Die Geschichtsforscher der Vergangenheit haben sich nicht viel mit diesem Gegenstand beschäftigt; daher wird der Geschichtsforscher der Zukunft diesbezüglich umso interessantere Tatsachen zu verzeichnen haben. Dahin wirkt die Christian Science, indem sie die Schatzkammer erschließt, wo die Wahrheit ihre köstlichsten Juwelen aufbewahrt, und indem sie dieselben mit freigebiger Hand austeilt. Ein jeder bekommt etwas, was seine Bedürfnisse befriedigt. Als im ersten und zweiten Jahrhundert der Einfluß der Wirksamkeit Jesu etwas abzunehmen begann, wurden dem Volk aufs neue allerhand abergläubische Lehren, Kirchenformeln, Dogmen, ja in vielen Fällen die reine Zauberei aufgedrängt. Welch günstigen Boden muß doch die Saat der Unzufriedenheit in dieser Zeit gefunden haben!
Die moderne Theologie hat die in der Kirchengeschichte berichteten glaubwürdigen Heilungen und Totenerweckungen als Wunder bezeichnet. Christian Science läßt diesen Ausdruck fallen und erklärt, daß den ersten Christen die sogenannten Wunder deshalb möglich waren, weil sie einen hohen Grad des geistigen Verständnisses, eine klare Einsicht in das göttliche Gesetz erlangt hatten. Ist das genaue und unfehlbare Wirken der Gesetze Gottes den Menschen nicht stets wunderbar vorgekommen?
Während der Regierung des Kaisers Konstantin wurde das Ausüben sinnloser Zeremonien, welche das apostolische Werk fortpflanzen sollten, sehr allgemein. Das Volk verlor sich unbewußt in der Verehrung seines äußerst beliebten Kaisers — eine Art blinde Heldenverehrung — und entfernte sich dadurch von der wahren Verehrung des einen allweisen Vaters, der sie so manches Mal von Seuche und Hungersnot errettet hatte. Allerhand Aberglaube vergangener Zeiten wurde aufgefrischt und übte bei dem primitiven, wohlmeinenden und nach Wahrheit suchenden Volk weit mehr Macht aus als je zuvor.
Der englische Geschichtsforscher Gibbons hat in seinem Werk: „Der Verfall und Untergang des römischen Reiches” folgende merkwürdige Stelle in Bezug auf die sogenannten Wunder: „Aber die wunderbare Heilung von Krankheiten der hartnäckigsten, ja selbst der übernatürlichen Art kann fernerhin kein Erstaunen mehr erregen, wenn wir bedenken, daß in den Tagen des Irenäus, etwa zu Ende des zweiten Jahrhunderts, die Auferweckung der Toten durchaus nicht für eine Seltenheit gehalten wurde; daß diese Wunder häufig während eines allgemeinen Fastens und gemeinschaftlichen Gebets der Kirche verrichtet wurden, und daß die auf solche Weise auferweckten Personen später viele Jahre unter ihnen wohnten.” In Bezug auf die Gabe des Heilens schreibt Gibbons ferner: „Da jeder Freund der Offenbarung von der Wirklichkeit wunderbarer Kräfte überzeugt ist, und da jeder vernünftige Mensch weiß, daß wunderbare Kräfte aufgehört haben zu wirken, so muß es eine Zeit gegeben haben, in welcher dieselben der christlichen Kirche entzogen worden sind — entweder allmählich oder plötzlich.” Ferner sagt er in Bezug auf das Streben, die Werke der Apostel nachzuahmen: „Leichtgläubigkeit versah das Amt des Glaubens, Fanatismus durfte die Sprache der Inspiration führen, und zufällige Ereignisse oder Resultate der Schlauheit und List schrieb man übernatürlichen Kräften zu.”
Auf diese Weise wurde die sich entwickelnde Gewaltherrschaft der Kirche durch die Leichtgläubigkeit des wohlmeinenden Volkes ermutigt und genährt. Kann der denkende Mensch unsrer Tage, dessen Herz von Dankbarkeit überfließt, einer Glaubenslehre oder vorgeschriebenen Form beistimmen, die auf solch verdächtige Weise großgezogen worden ist? Der Christian Scientist hat es nicht nötig zuzugeben, daß diese Dinge die Grundlage wahrer Religion bilden, denn die Religion, zu der er sich jetzt bekennt, ist so einfach und klar wie das Sonnenlicht; sie ist von der stets wirksamen göttlichen Liebe geboren, auf die ein Zeitalter nicht mehr Anspruch hat als ein andres. Der ungebildetste Gottesverehrer mag in Augenblicken, da er besonders inspiriert ist, sich eine große geistige Wahrheit zu eigen machen und dieselbe der Welt in einer unbekannten Zunge verkündigen. Dies bewies sich in den Tagen Konstantins und lange nachher. Die Art dieser Äußerungen war zum großen Teil von der Eigenart des Gläubigen und den ihn umgebenden Einflüssen abhängig. Sekten wurden immer zahlreicher, Eifersucht und Reibungen mehrten sich. Von diesen Leuten könnte man sagen (wie in der Epistel an die Ebräer zu lesen ist): „Die ihr solltet längst Meister sein, bedürfet wiederum, daß man euch die ersten Buchstaben der göttlichen Worte lehre. ... Darum wollen wir die Lehre vom Anfang christlichen Lebens jetzt lassen [von ihr ausgehen] und zur Vollkommenheit fahren; nicht abermal Grund legen von Buße der toten Werke”. Ist dies nicht eine sehr zeitgemäße Warnung für alle, die die Werke, welche Christus Jesus als Beweise der Jüngerschaft verlangte, unbeachtet lassen oder verwerfen?
Gewiß schläft ein jeder, der in unsern Tagen nicht die herrliche Entfaltung des Lebens, der Wahrheit und der Liebe erkennt, wie Jesus sie während seiner kurzen Amtszeit lehrte und wie sie in dem tagtäglichen Heilungswerk der Christian Science einbegriffen ist. Christian Science ist kein Überbleibsel einer veralteten Wahrheit, sondern sie repräsentiert den ganzen geistigen Plan, den uns unsre Führerin durch Lehre und Beispiel klar gemacht hat. Dieses neuzeitige Werk der Offenbarung wird keine Unterbrechung erfahren, sondern wird stets vorwärtsschreiten. Die denkende Welt im allgemeinen wird die in der Christian Science dargelegte Wahrheit immer mehr als das vernunftgemäße Universalmittel gegen alle Disharmonie erkennen und wird deshalb diese Lehre nicht nur zulassen, sondern sie geradezu verlangen.
Der Begründerin und Entdeckerin der Christian Science sind wir zum innigsten Dank verpflichtet. Es hat sich bewiesen, daß ihr Werk vollkommen in den Entwicklungsgang der Geschichte hineinpaßt. Die Früchte, die bereits zutage liegen, dienen einem intelligenten und fortschrittlichen Zeitalter als Beweise. Die Ereignisse der Geschichte wiederholen sich somit vor unsern Augen, und wir ernten das, was da und dort gesät worden ist. Wir, die wir wahrhaft leben und uns bewußt sind, daß es unser gottverliehenes Vorrecht ist zu leben, sollten täglich und stündlich danken, daß es uns vergönnt ist, an diesem gegenwärtigen Werk der Erneuerung teilzunehmen.
