Viele Predigten sind über die Eintracht unter Brüdern gehalten worden. Zahllos sind die Christen, die eine solche Eintracht für vorbildlich gehalten und auf ihre Verwirklichung immer gehofft haben. David schrieb darüber einen ganzen Psalm, der mit den Worten beginnt: „Siehe, wie fein und lieblich ist’s, daß Brüder einträchtig beieinander wohnen!” Dann fährt er fort, indem er darlegt, eine solche Eintracht sei „wie der köstliche Balsam” auf dem „Haupt” und „wie der Tau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zions”, und er schließt mit der Erklärung: „Denn daselbst verheißt der Herr Segen und Leben immer und ewiglich”.
Daher ergibt sich die unvermeidliche Schlußfolgerung, daß, wenn erst vollkommene Eintracht unter Brüdern in der ganzen Welt dargetan ist, das „Leben immer und ewiglich” ebenso gewiß verwirklicht sein wird; denn herrschte wahre Eintracht, wo könnte dann etwas Böses gedacht, gewünscht oder zum Ausdruck gebracht werden? Da dies eine grundlegende Wahrheit ist, so folgt naturgemäß, daß derjenige, der ewiges Leben erfahren möchte, betet und arbeitet, um auf jede mögliche Art und Weise sowohl das Annehmen als auch das Nutzbarmachen alles dessen, was wahre Eintracht unter den Menschen bewirkt, zu beschleunigen.
In „Miscellaneous Writings” (S. 117) schreibt Mrs. Eddy: „Der Gehorsam ist der Sprößling der Liebe; und die Liebe ist das Prinzip der Eintracht, die Grundlage alles rechten Denkens und Handelns; er erfüllt das Gesetz. In dem Maße, wie wir lieben, sehen wir Auge in Auge, erkennen wir, gleichwie wir erkannt sind, erwidern Güte und arbeiten in kluger Weise”. Da also Liebe die einzige Grundlage der Eintracht ist, so erhebt sich naturgemäß die Frage: Wie können wir so lieben, daß Eintracht unter Brüdern daraus hervorgeht?
Alle Christlichen Wissenschafter verstehen, daß sie nur in dem Maße, wie sie das Gesetz dadurch erfüllen, daß sie unter allen Umständen und zu allen Zeiten lieben, den Forderungen des göttlichen Prinzips gehorchen. Sie wissen auch sehr gut, daß es verhältnismäßig leicht ist, sich des längeren über diesen Gegenstand zu ergehen, daß es aber etwas ganz anderes ist, ihn durch tägliches und stündliches Dartun zu beweisen. Nichtsdestoweniger bleibt das Gebot Gottes: „Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst”, bestehen.
In unserem Bestreben, diese Liebe gegen unsern Nächsten, deren Folge die Eintracht unter Brüdern ist, zu beweisen, finden wir, daß die schlimmsten Feinde, denen wir begegnen, unsere eigenen selbstsüchtigen Annahmen sind. Immer bilden, in irgend einer Weise, die Liebe zu einem falschen Selbst, die Betrachtung und die Pflege dieses Selbst — eines Selbst in und von der Materie — die überall gegenwärtigen Hindernisse eines rechten Fortschritts. Wie oft bietet sich uns Gelegenheit, das Wort, das unsern Bruder vorwärts bringen würde, zu reden, vielleicht anscheinend auf unsere eigenen Kosten! Doch sprechen wir es immer mit freiwilliger Bereitschaft und von ganzem Herzen aus? Sind wir nicht vielmehr versucht, innezuhalten und zu überlegen, was wir unter den Umständen vielleicht gewinnen oder verlieren könnten? Immer schnell bereit sein, den scheinbar beharrlichen Anspruch eines persönlichen Selbst durch die Wahrheit eines Lebens „mit Christo verborgen” zu vernichten, ist die Aufgabe, vor die sich jeder Sterbliche gestellt sieht.
Jesus bewies vollständig das Verstummen der Selbstsucht in jeder ihrer unzähligen Formen, und dadurch wurde er unser vollkommener Wegweiser. Unsere geliebte Führerin hat mit vollendeter Klarheit den Weg gewiesen, auf dem wir in seinen Fußtapfen wandeln sollen, wie sie selbst es getan hat. In allen ihren Schriften legt sie immer wieder den Nachdruck auf die Notwendigkeit, sich vom Eigennutz abzuwenden und das eigene Gute in dem des Bruders zu suchen, und sie betont die Art und Weise, wie es zu vollbringen ist.
Wie überaus töricht ist nach alledem der Versuch, etwas Gutes auf einem andern Wege zu erlangen, als auf dem, der die Liebe zu unserem Nächsten bei jedem Schritt betont! Warum sollten wir uns je zu dem Glauben verleiten lassen, daß wir etwas gewinnen können, sogar für uns selbst, wenn es nicht durch die Freude der Widerspiegelung der Liebe gegen andere geschieht? Wenn wir innehalten und bedenken, daß in Wirklichkeit jedermann stets mit Gott, dem unendlich Guten,— dem unendlichen göttlichen Leben, der unendlichen göttlichen Wahrheit und Liebe — vereint ist, wie können wir dann je zweifeln, daß uns ein solches Einssein mit allem versorgen muß, was durch alle Ewigkeit hindurch recht und wahrhaft wünschenswert ist? Niemand kann uns je auch nur eines Jotas des wirklich Guten berauben, da unser Vater-Mutter Liebe ewig und unendlich für jedes Seiner Kinder sorgt. Warum sollten wir also je unsern Bruder beiseite-zudrängen suchen oder uns nur einen Augenblick lang einbilden, daß er uns von unserem Platz im unendlichen göttlichen Gemüt trennen könnte?
Wenn wir die einfache Wahrheit, daß nichts unser Einssein mit Gott, dem Guten, stören kann, bereitwillig annehmen, haben wir einen gewaltigen Schritt in der Richtung des Beweises der Eintracht unter Brüdern getan. In dieser Weise von der Furcht, der beständigen Begleiterin der Eigenliebe, befreit, werden wir bereit sein, über das kleinste Gute, dessen wir unsern Bruder sich erfreuen sehen, zu frohlocken. Wir werden nicht nur darüber froh sein, sondern wir werden auch den Wunsch hegen, ihm in jeder Weise die Vergegenwärtigung seines unendlichen Erbes des Guten von unserem gemeinsamen Vater-Mutter zu sichern helfen. Jesus sagte: „Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott”. Er wußte, daß nichts sein Einssein mit Gott verletzen oder stören konnte; denn er hatte dieses Einssein durch vollständigen und unbedingten Gehorsam gegen Gott bewiesen. Er konnte daher weitergehen und in seinem Bewußtsein die gleiche Tatsache des Einssein seines Bruders mit Gott aufrechterhalten. In dieser Weise fand er die Grundlage, auf der von Anfang an alle Eintracht unter Brüdern aufgebaut ist,— ja, auf der alle wahre Eintracht durch alle Ewigkeit hindurch bestehen bleiben wird.
Jeder einzelne muß daher lernen, die Liebe so anzubeten, der Liebe so zu gehorchen und die Liebe so widerzuspiegeln, daß er fähig ist, sich zu weigern, die Ansprüche eines falschen Selbst zu hegen oder zuzugeben. Dies ist nur möglich durch die Christliche Wissenschaft, die uns lehrt, auf der Wirklichkeit des Göttlichen und Geistigen und der daraus folgenden Unwirklichkeit des Persönlichen und Materiellen zu bestehen. Durch die Betrachtung des Wirklichen gelangen wir in einen solchen Glanz des Guten, daß alles andere aufhört, wünschenswert zu scheinen, und wir danken Gott für die himmlische Vision, die allen vermeintlichen Glanz im Weltlichen und Falschen leugnet. In dieser Weise beten und arbeiten heißt, der Regel der Christlichen Wissenschaft gemäß leben. Dies bringt die Christlichen Wissenschafter unvermeidlich zu vollkommener Eintracht des Handelns. Indem unsere geliebte Führerin in „The First Church of Christ, Scientist, and Miscellany” (S. 212) von solchen Menschen spricht, sagt sie uns: „Wären sie wie die Jünger vor alters ‚einmütig beieinander‘, so würden sie einen geistigen Zustrom empfangen, der unter anderen Umständen unmöglich ist”. Wenn wir in dieser Weise unsere Eintracht in der Liebe finden, beweisen wir die Eintracht unter Brüdern, die heute die ganze Welt wünscht.
