Was wir heute als okkulte Wissenschaften bezeichnen, ist seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr an den Universitäten gelehrt worden. Nicht, jedenfalls, bis auf unsere Tage.
Gegenwärtig werden jedoch Vorlesungen über Parapsychologie, Astrologie und andere okkulte Wissenschaften angeboten, entweder im Vorlesungsplan einer Fakultät oder im Rahmen der „Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten“. Die Universitätsbuchhandlungen haben ein überreiches Angebot an Büchern über den Okkultismus, und das Interesse unter den Studenten ist erheblich. Wie können wir es uns erklären, daß junge Menschen, die eine höhere Bildung anstreben, plötzlich vom Okkultismus so fasziniert sind?
Der Okkultismus verspricht alles mögliche, was die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse angeht — das Bewußtsein zu erweitern, neue Erlebnisbereiche zu erschließen, Erleuchtung zu bringen. Er beansprucht, die Pforten zu den großen Geheimnissen des Seins, einschließlich der Präexistenz und des Lebens nach dem Tode, öffnen zu können.
Er wendet sich an die im menschlichen Herzen brennende Sehnsucht nach Selbsterkenntnis, Sicherheit, Anerkennung, Kameradschaft, einem Lebensinhalt und Erfüllung.
Wenn es wahr wäre, daß der Okkultismus auf die quälenden Probleme des menschlichen Lebens gültige Antworten bereithielte und es den Menschen ermöglichte, bei der Überwindung der Begrenzungen menschlicher Umstände Fortschritte zu machen, würde er zweifellos die ihm geschenkte Aufmerksamkeit verdienen.
Aber wenn die Okkultisten trotz des eindrucksvollen Anspruchs, den sie erheben, keine Erlösung bringen und wenn ihre Praktiken schädliche Nebenwirkungen haben, sollte dies klargemacht werden, damit vielen ernsthaften Suchern eine schmerzliche Reise in eine gefährliche Sackgasse erspart bleibt.
Im Lichte der Lehren der Christlichen Wissenschaft treten die Mängel des Okkultismus klar zutage. Entscheidend für ein Verständnis, warum der Okkultismus völlig versagt, die Nöte der Menschen zu beheben, ist der Unterschied, den die Christliche Wissenschaft zwischen dem göttlichen Gemüt, oder Gott, und dem sterblichen Gemüt, oder den sogenannten Gemütern der Sterblichen, macht. Wir lernen verstehen, daß es in Wirklichkeit kein anderes Gemüt als das eine unendliche göttliche Gemüt gibt und daß das sogenannte sterbliche Gemüt, der Ursprung allen menschlichen Leidens, überhaupt nichts mit Gemüt zu tun hat, sondern ein hypnotischer Zustand der Annahme ist, ohne wirkliches Dasein.
Wenn wir dies verstehen, verliert das sterbliche Gemüt seine Macht, uns zwischen den Suggestionen des Guten und Bösen hin und her zu stoßen. Wir beginnen unsere uns von Gott verliehene Herrschaft geltend zu machen, unter der unser Leben einzig und allein von dem Gesetz des Guten regiert wird. Dieser radikale geistige Gesichtspunkt, diese Bereitwilligkeit, alle Dinge vom Standpunkt des göttlichen Gemüts und nicht von einem mit sich selbst beschäftigten und sich selbst betrügenden persönlichen Begriff von Gemüt aus zu betrachten, ist gerade das, was der Okkultist bezeichnenderweise nicht erfaßt.
Der Okkultist beschäftigt sich mit einem leer gewordenen Begriff von der geistigen Wirklichkeit. Seine Vorstellung vom Geistigen erreicht selten, wenn überhaupt, die Höhe, wo er die falsche Sicherheit eines materiellen Menschen, Gemüts und Universums hinter sich läßt. Bei dieser materialistischen Denkweise kann er leicht an die Macht des Gemüts über ein anderes Gemüt und des Gemüts über die Materie glauben. Aber sein Glaube an die Macht positiven oder negativen Denkens, der sich auf Millionen sterblicher Gemüter konzentriert, die sich gegenseitig beeinflussen und oft einander widerstreiten, bringt ihm keine Befreiung. Er läßt ihn nur noch tiefer in die Illusion der Sterblichkeit sinken.
Unter „geistig“ versteht der Okkultist gewöhnlich „psychisch“. Und das Psychische entpuppt sich als etwas, was von der geistigen Wirklichkeit weit entfernt ist. Es ist tatsächlich nichts anderes als eine weitere Phase des sterblichen Gemüts, ob man sie nun als mentale Suggestion, Willenskraft, Gedankenübertragung, kosmische Kräfte, Strahlungen, magnetische Strömungen, Energie, elektrische Impulse, Virbrationen oder als noch weniger wahrnehmbare Stadien der Materie ansieht. Statt zur geistigen Wirklichkeit durchzubrechen, hält der Okkultist an der Materie und dem materiellen Bewußtsein fest, ganz gleich, in welchen Formen sie ihm erscheinen mögen.
Der Okkultist wendet sich nicht um Inspiration, Trost oder Heilung an das eine göttliche Gemüt, die Quelle alles Guten, sondern zapft verborgene Phasen des sterblichen Bewußtseins an, sei es nun sein eigenes, das eines anderen oder ein „kollektives Unbewußtes“, in der Hoffnung, eine gewisse Offenbarung, Erleichterung oder Herrschaft zu gewinnen.
Der Okkultist maßt sich im Grunde das göttliche Vorrecht an; an die Stelle der Allmacht Gottes setzt er Gedanken, die er aus dem Unterbewußtsein des sterblichen Gemüts hervorholt. Anstatt sich an die eine göttliche Intelligenz zu wenden, wenn es darum geht, Ereignisse vorauszusagen, die das Wohlergehen eines einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit betreffen, verläßt sich der Okkultist auf die Zeit der Geburt eines Sterblichen (Astrologie), auf das Münzenwerfen (das I Ging) und das Kartenlegen (das Tarock) oder ähnliches.
Die Christliche Wissenschaft zeigt, daß wir keinen Mittler und kein Wahrsagen benötigen, um all das zu wissen, was wir wissen müssen. Mrs. Eddy schreibt: „Das Vertrautsein mit der Wissenschaft des Seins befähigt uns, mit dem göttlichen Gemüt in größerem Maße in Gemeinschaft zu stehen, Ereignisse vorauszusehen und vorauszusagen, die das allgemeine Wohl betreffen, göttlich inspiriert zu sein — ja, in den Bereich des schrankenlosen Gemüts zu gelangen.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 84;
Wenn der Okkultist den normalen Bewußtseinszustand ändert, damit sich das Denken für das Unterbewußte öffne, dringt er tiefer in die sterbliche Annahme ein. Wir können uns nicht aus der Gefangenschaft und den Begrenzungen des sterblichen Gemüts erheben, wenn wir uns noch tiefer in die Annahmen dieses sogenannten Gemüts versenken. Solch ein Bemühen führt nicht zu echter Erleuchtung, sondern trägt nur dazu bei, daß die Sterblichkeit und Materialität im Denken eines Menschen und daher in seinem Leben stärker Fuß faßt.
Das göttliche Gemüt ist keineswegs der Ursprung der Telepathie, des Hellsehens, der Psychometrie, des Wahrsagens, der Zauberei, Magie, des Hypnotismus, mentaler Manipulation, der Trance oder anderer das Bewußtsein ändernder Verfahren. Wir haben allen Grund zu glauben, daß, wo man sich ihrer bedient, das Streben nach Erleuchtung und Übersinnlichkeit — wie idealistisch die Motive auch sein mögen — das Ziel bei weitem verfehlt.
Wir haben ferner allen Grund, uns vor Lehren zu hüten, die einer materialistischen Auffassung vom Universum Fortdauer verleihen. Ganz gleich, wie edel ihre erklärten Ziele und wie scharfsichtig manche ihrer Erkenntnisse sein mögen: sie werden den Menschen nicht die Freiheit bringen, sondern ihre Versklavung in gewissem Maße fortbestehen lassen. Dazu gehören z. B. Lehren, die auf Vibrationen, Mantras — oder heilige Klänge —, psychische Zentren und Magnetismus Gewicht legen; auch solche, die Reinkarnation und eine Vielzahl mehr oder weniger materieller Sphären und Ebenen in den Vordergrund stellen; und schließlich solche, die sich zum Fürsprecher von Mittlern oder übernatürlichen Wesen machen, ganz gleich, ob diese nun als Götter, Dämonen oder Geister, die Außergewöhnliches mitteilen, oder als wiederkehrende Meister angesehen werden, von denen man glaubt, daß sie die irdischen Angelegenheiten überwachten und anderen auf ihrem „Wege“ hülfen.
Die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen zu erfassen, wie die Christliche Wissenschaft sie erklärt, kann sich für den einzelnen als außerordentlich befreiend erweisen und häufig Heilung und Erneuerung mit sich bringen, die viele als Wunder betrachten würden. Aber die sich im Denken und am Körper vollziehende Umwandlung steht in vollem Einklang mit dem geistigen Gesetz und ist deshalb göttlich natürlich anstatt übernatürlich, mysteriös oder okkult.
Die Christliche Wissenschaft hat nichts Okkultes oder Mysteriöses an sich, auch gibt es in ihr keine Manipulation. Was sie vollbringt, hat ebensowenig etwas mit den Wunderwirkungen des Okkultismus zu tun, wie Moses und Christi Jesu Demonstrationen von der Macht Gottes etwas mit den Künsten der Zauberer ihrer Zeit zu tun hatten.
Die Christliche Wissenschaft heilt nicht durch Suggestion und Willenskraft — Methoden, die der Okkultist anwendet, um sowohl Schaden zuzufügen wie auch zu heilen. Heilung in der Christlichen Wissenschaft erfolgt durch das göttliche Gesetz, das Gesetz der Liebe, das nur segnen kann.
Wer sich von der Materie und dem sterblichen Gemüt abwendet und sich statt dessen dem unsterblichen Gemüt oder Geist zuwendet, stellt fest, daß er mehr und mehr von Besorgnis und nagendem Verlangen frei wird, daß sein Leben eine neue Richtung nimmt und daß er seine ihm von Gott verliehene Autorität in seinen gegenwärtigen Angelegenheiten geltend zu machen beginnt.
Nicht durch irgendwelche okkulten Praktiken, sondern durch ein Verständnis von Gott — dem göttlichen Prinzip, Liebe — und durch eine Kenntnis seiner untrennbaren Beziehung zu diesem großen Urquell alles Guten gewinnt er das Gefühl freudenerfüllter Tätigkeit und eine Vorstellung von den unendlichen Möglichkeiten, die er, wenn er soweit ist, nur anzunehmen braucht.
Wenn sich jemand auf der Suche nach Zufriedenheit erst einmal ernsthaft an seine göttliche Quelle, das Gemüt oder die Seele, wendet, stellt er fest, daß er jegliche Neigung verliert, in einer dunklen Ecke des Okkultismus herumzustochern, wie verlockend oder faszinierend dessen Behauptungen, wie sensationell deren Versprechungen auch sein mögen. Versprechungen, die gänzlich oder teilweise auf einer sterblichen und materiellen Grundlage beruhen, führen letzten Endes zu enttäuschten Hoffnungen.
Die Wissenschaft des Christus zerstreut das Mysteriöse und gibt uns auf unsere tiefgründigsten Fragen befriedigende Erklärungen. Diese Wissenschaft offenbart uns unseren großen Lebenszweck und zeigt uns, wie wir sinnvolle und wirksame Beziehungen zu anderen unterhalten können. Dann stellen wir fest, daß wie keine okkulten Ersatzmittel benötigen.
Für jemanden, der die Liebe und Macht des Christus in seinem eigenen Leben verspürt, ist der Okkultismus weder eine Drohung noch eine Verheißung. Als die Kundwerdung der Liebe steht der Mensch ständig unter dem Schutz des Allmächtigen. Die folgende biblische Verheißung gilt für alle: „Zuflucht ist bei dem alten Gott und unter den ewigen Armen. Er hat vor dir her deinen Feind vertrieben.“ 5. Mose 33:27.
Wer sich seiner göttlichen Rechte bewußt ist, weiß, daß aggressive mentale Suggestionen ihn nicht antasten können. Er ruht sicher in der Allheit des Gemüts, geborgen unter dem Schirm des Geistes.
Nachdem er die feste Überzeugung von seiner eigenen unauflösbaren Beziehung zu Gott gewonnen hat, stellt er fest, daß die okkulte Phase des sterblichen Gemüts ihn weder in Schrecken versetzen noch ihn bezaubern kann. Ebenso wie Gott sein vollkommener Schutz ist, so ist Gott auch das einzige, was ihn anzieht. Und sein Leben ist allein vom Guten gekennzeichnet.
