Es war nicht sogleich erkennbar, welch einen tiefen Eindruck das Verhör und der Tod des Stephanus auf Paulus machten. Das unmittelbare Ergebnis war, daß sich der Verfolgungseifer des zukünftigen Apostels verdoppelte. Es wäre interessant zu wissen, ob er dadurch die inneren Befürchtungen unterdrücken wollte und das heilige Licht zu vergessen suchte, das das Gesicht des Stephanus erleuchtete, als dieser seine Rede vor dem Sanhedrin hielt. „Saulus aber wütete wider die Gemeinde, ging hin und her in die Häuser und zog hervor Männer und Frauen und überantwortete sie ins Gefängnis“ (Apg. 8:3). Bei dieser regen Christenverfolgung war er nicht allein, denn die Flammen des Fanatismus schlugen in Jerusalem hoch, und viele Anhänger der noch jungen Kirche mußten in die ländichen Gegenden von Judäa und Samarien fliehen. Dies erwies sich als ein ungeahnter Segen, denn wie der Same, der vom Wind verweht wird, schlugen die Lehren des Christentums in einem immer größeren Gebiet Wurzeln und trugen dort Frucht. Ohne es zu wissen, half Paulus, den Weg für sein eigenes späteres Wirken unter den Heiden vorzubereiten.
Die verschiedenen Hinweise auf die Rolle, die er bei dieser ersten großen Christenverfolgung spielte, zeugen von seinem unbeugsamen und schonungslosen Eifer und lassen seine Charakterstärke erkennen, eine Stärke, die später besser genutzt werden sollte. Wenn wir lesen, daß Paulus wider die Gemeinde „wütete“, so ist das ein sehr kräftiges Verb. Es scheint hier „verwüsten“ oder „schändlich behandeln“ zu bedeuten. In der Septuaginta, Psalm 80:14 wird dasselbe Verb gebraucht, und zwar in bezug auf die Verwüstung oder Zerstörung, die durch Wildschweine in einem Weinberg angerichtet wird. Es kann uns nicht verwundern, daß er in seinem späteren Leben zerknirscht auf jene Tage zurückblickte, wo er, wie er an die Galater schrieb, „über die Maßen die Gemeinde Gottes verfolgte und sie zu zerstören suchte“ (1:13; vgl. 1. Kor. 15:9; 1. Tim. 1:13; Apg. 26:11).
In den Berichten über diesen Zeitabschnitt ist der Unterschied zwischen Saulus, dem leidenschaftlichen und fanatischen Pharisäer, und Paulus, dem missionierenden Apostel, klar zu erkennen, dem Apostel, der voller Aufrichtigkeit schreiben konnte: „Die Liebe ist langmütig und freundlich ... sie läßt sich nicht erbittern“ (1. Kor. 13:4, 5). Dies waren die Stunden tiefster Dunkelheit, ehe das neue Licht anbrach.
Nachdem Paulus seine Verfolgung in der Hauptstadt Palästinas durchgeführt hatte, aber immer „noch mit Drohen und Morden wider die Jünger des Herrn“ schnaubte (Apg. 9:1), lenkte er seine Aufmerksamkeit nun auf die Hauptstadt Syriens. Er ersuchte die jüdische Obrigkeit um Briefe, die er auch empfing, um nach Damaskus zu gehen, Anhänger des neuen Glaubens gefangenzunehmen und nach Jerusalem zu bringen, wo sie, den Händen derer ausgeliefert, die Stephanus gesteinigt hatten, nur wenig Barmherzigkeit erwarten konnten (s. 22:5).
Die Entfernung zwischen Jerusalem und Damaskus beträgt ungefähr 240 Kilometer, und das gemächliche Tempo östlichen Reisens läßt uns darauf schließen, daß Paulus ungefähr eine Woche brauchte, um diese Strecke zurückzulegen. Als ein weithin bekannter Pharisäer, der von dem höchsten Gericht der Juden mit Vollmacht ausgerüster war, war er eine ziemlich wichtige Persönlichkeit, und eine Gruppe von Männern reiste mit ihm, zweifellos als Leibwache. Schließlich kam er in die Nähe von Damaskus — der Überlieferung gemäß in das Dorf Kochaba, das ungefähr 15 Kilometer südwestlich von Damaskus lag. Damaskus, eine der ältesten und schönsten Städte des Ostens, lag in einer fruchtbaren Ebene, die von den „Flüssen von Damaskus, Amana und Parpar“, die Naëman allen Wassern in Israel vorzog, bewässert wurde (2. Kön. 5:12).
Es war Mittag, doch in seiner Ungeduld, sein Ziel zu erreichen, trieb Paulus weiter vorwärts, obwohl es in warmen Ländern Sitte ist, während der Mittagsglut zu rasten. Plötzlich wurde die grelle Mittagssonne durch ein noch stärkeres Licht überschattet: „Mitten am Tage [sah ich] ... auf dem Wege ein Licht vom Himmel, heller als der Sonne Glanz, das mich und die mit mir reisten, umleuchtete... [Ich] hörte ... eine Stimme reden zu mir, die sprach auf hebräisch: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es wird dir schwer sein, wider den Stachel zu löcken“ (Apg. 26:13, 14).
Das mit „Stachel“ übersetzte Wort bedeutet buchstäblich „Sporen“, mit denen die Ochsen zur Arbeit angetrieben wurden. Es ist ein lebhafter bildlicher Ausdruck, der besonders zutrifft, wenn man bedenkt, daß Paulus, wie er uns selbst berichtet, glaubte, in Wirklichkeit von Geburt an zu dieser besonderen Aufgabe ausgesondert worden zu sein (s. Gal. 1:15). Offenbar sah er, daß er, störrisch wie der Ochse in der bildlichen Darstellung, den Forderungen dieser frühen Berufung blinden Widerstand entgegengesetzt hatte.
Auf die Frage: „Was verfolgst du mich?“ antwortete Paulus: „Herr, wer bist du?“ (Das griechische Wort Kurios, hier mit „Herr“ übersetzt, wird oft lediglich als höfliche Anrede gebraucht.) Die Antwort war: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Paulus war von dem grellen Licht zu Boden geworfen, aber nun, als er aufgefordert wurde, sich zu erheben, empfing er seine göttliche Berufung, wie sie die Propheten der alten Zeit erhalten hatten. Er sollte Diener und Zeuge dessen sein, was er gesehen hatte, und die Heiden „von der Finsternis zu dem Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott“ bekehren (s. Apg. 26:14–18).
In der Apostelgeschichte finden wir im 9., 22. und 26. Kapitel drei Berichte mit geringfügigen Unterschieden über Paulus' Vision — eine Wiederholung, die ganz gewiß die Bedeutung des Ereignisses unterstreicht. Aus den ersten beiden Berichten geht hervor, daß Paulus nicht sofort berufen, sondern aufgefordert wurde, nach Damaskus zu gehen, wo er weitere Anweisungen empfangen würde (s. 9:6; 22:10).
Unterdessen standen seine Begleiter voller Verwunderung da. Sie hatten das Licht gesehen und etwas gehört; doch die Worte und das Gesicht waren allein für Paulus bestimmt. Nach diesem Erlebnis war er mit Blindheit geschlagen und mußte an der Hand in die Stadt geführt werden, wo er drei Tage lang fastete.
Es ist sinnlos, darüber zu spekulieren, was Paulus in seiner Vision nun wirklich gesehen hat, doch die Worte, mit denen dieses Ereignis beschrieben wird, geben uns Aufschluß über einige interessante Punkte. Wenn uns in der Apostelgeschichte 9:3 und 22:6 berichtet wird, daß ein Licht ihn umleuchtete, bezeichnet das griechische Verb (periastraptein, hergeleitet von astrape, „Blitz“) das grelle Aufleuchten eines Blitzes.
Es ist ebenfalls interessant, daß Paulus immer auf der absoluten Wirklichkeit der Vision bestand. Für ihn war sie kein Produkt der Einbildung, sondern etwas sehr Bestimmtes, denn er konnte zu den Korinthern sagen: „Habe ich nicht unsern Herrn Jesus gesehen?“ (1. Kor. 9:1.) Als er die verschiedenen Gelegenheiten aufzählte, bei denen Jesus nach seiner Auferstehung gesehen worden war, erwähnte er auch sein eigenes Erlebnis und stellte es auf dieselbe Stufe mit den anderen, trotz der Tatsache, daß es sich drei oder vier Jahre nach der Himmelfahrt ereignet hatte. Nachdem er also davon gesprochen hatte, daß Jesus dem Kephas (Simon Petrus), den Aposteln und einer Gruppe von 500 Menschen erschienen war, fügte er hinzu: „Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Am letzten nach allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden“ (15:7, 8). In einem anderen seiner Briefe (Gal. 1:15, 16) drückt sich Paulus ganz anders aus, wenn er sagt: „Da es aber Gott wohlgefiel, der mich von meiner Mutter Leibe an hat ausgesondert und berufen durch seine Gnade, daß er seinen Sohn offenbarte in mir ...“ Aus dem Zusammenhang geht klar hervor, daß er sich auf denselben bedeutenden Vorfall bezieht, der sich auf der Straße nach Damaskus ereignete, eine Begebenheit, die den Lauf seines ganzen Lebens ändern sollte.
