Skip to main content Skip to search Skip to header Skip to footer

Die Christliche Wissenschaft: Erlösung, nicht Selbstzerstörung

Aus der März 1982-Ausgabe des Herolds der Christlichen Wissenschaft


Da die Christliche Wissenschaft den Glauben an eine objektive Wirklichkeit des materiellen Universums ablehnt, wird sie manchmal leichthin mit östlicher Philosophie und Religion, wie z. B. dem Buddhismus und Hinduismus, gleichgestellt. Ein eingehenderes Studium der Christlichen Wissenschaft oder dieser östlichen Gedankenrichtungen zeigt, daß jede vermeintliche Ähnlichkeit bestenfalls begrenzt und oberflächlich ist. Ja, es besteht ein grundsätzlicher und radikaler Unterschied in den metaphysischen Begriffen sowie in der Betätigung. Und in keinem Punkt ist der Unterschied wohl gewaltiger als darin, wie die Christliche Wissenschaft und die östliche Philosophie das Selbst betrachten.

In seinem vielgerühmten Buch Der Buddhismus, Wesen und Entwicklung faßt Edward Conze den buddhistischen Begriff vom Selbst folgendermaßen zusammen: „Der wichtigste Beitrag des Buddhismus auf dem Gebiet religiösen Denkens liegt in der mit großem Nachdruck vertretenen Lehre des Nicht-Selbst (an-attã in Pali, an-ãtman in Sanskrit). Alle Buddhisten sehen den Glauben an ein Selbst als die Hauptursache des Leidens an.“ Ferner erklärt er: „Es wird nicht bestritten, daß das Selbst usw. eine Gegebenheit der Erfahrung des gesunden Menschenverstandes ist. Aber wenn es sich um Tatsachen der absoluten Wirklichkeit handelt, müssen wir das Selbst und alle derartigen Vorstellungen verneinen. Dieser Schritt hat eine wichtige Folge. Wenn es kein Selbst gibt, kann es auch keine Persönlichkeit geben.“ Der Buddhismus, Wesen und Entwicklung (Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 1977), S. 16, 17.

Die Christliche Wissenschaft muß grundsätzlich von dieser nihilistischen Anschauung vom Selbst und von der Persönlichkeit abweichen. Das Christentum ist vor allem eine Religion, die das Selbst erlöst, nicht zerstört. In Christus hat jeder einzelne seinen unendlichen Wert vor Gott. Ja, richtig betrachtet, ist die bewußte menschliche Individualität etwas Heiliges. Warum? Weil ihr endgültiger Ursprung Gott ist. In dem Buch Die Einheit des Guten sagt Mrs. Eddy in bezug auf die Verneinung der Behauptung, daß das göttliche Gemüt in der Materie sein könne: „Sie ehrt die bewußte menschliche Individualität, indem sie Gott als deren Urquell offenbart.“ Einh., S. 25.

Im Lichte der vollständigen Darlegung der Christlichen Wissenschaft wäre es jedoch falsch, den Schluß zu ziehen, daß das scheinbare Bewußtsein von Gut und Böse seinen Ursprung in Gott habe oder letzten Endes wirklich oder ewig sei. Das Bewußtsein, das Gott gibt, ist völlig geistig — wie Geist — und kennt kein böses oder leidendes Dasein. Aber das sogenannte menschliche Bewußtsein gleicht dem Acker in Jesu Gleichnis, auf dem das Unkraut unter dem Weizen wächst. S. Matth. 13:24–30. In jedem Menschen, sogar im schlechtesten, steckt etwas von dem Weizen — dem wirklichen Menschen —, wenn es im Augenblick auch noch so verborgen zu sein scheint. Keiner kann nur böse, durch und durch Unkraut sein. Immer findet man etwas Weizen, und ein Begriff von der „bewußten menschlichen Individualität“ deutet nicht Unkraut, sondern Weizen an. Richtig gesehen, weist er auf die bewußte geistige Identität des Menschen hin.

Welche Hoffnung liegt in der Erkenntnis, daß der Christus, das göttliche Bild und Gleichnis, als geistiges Selbst immer gegenwärtig ist, um entdeckt und verherrlicht zu werden! Die ewige Tatsache, daß der Mensch ein geistiges Dasein hat, bedeutet, daß niemand unrettbar oder für immer verloren ist. Wie tief wir auch in Gottes Ungnade gefallen zu sein glauben, die unzerstörbare Wirklichkeit unseres sündlosen Selbst als Idee Gottes ist stets als erlösende Macht und Gegenwart bei uns. Und wie sehr das Unkraut eines falschen Selbst auch wuchern mag, das wir bekämpfen und zerstören müssen, die Tatsache bleibt bestehen, daß uns nicht Vernichtung, sondern völlige Erlösung in Christus endgültig bestimmt ist. Unsere Führerin, Mrs. Eddy, erklärt: „Wir sind nicht in dem Maße Transzendentalisten, daß wir alles, was wirklich, gut oder wahr ist, auslöschen; denn in der göttlichen Wissenschaft oder in der Logik der Wahrheit bestehen Gott und Mensch zugleich und sind ewig, und das Wesen Gottes muß im Menschen, der Sein ewiges Bild und Gleichnis ist, wahrgenommen werden.“ Botschaft an Die Mutterkirche für 1901, S.

Es ist etwas Wahres an der Einsicht, daß das endliche Ego der Ursprung allen Leidens ist. Die Hölle ist im Grunde nichts weiter als die Auffassung, daß das Selbst sich in der Materie befinde und von Gott getrennt sei. Wenn es also kein eigentliches geistiges Selbst gäbe, bestünde in der Tat die einzige Möglichkeit, Leiden zu beenden, darin, das Selbst durch das Auslöschen jeden Begriffes vom „Ich“ zu vernichten. Daher suchen einige durch Selbstmord, Drogen, Alkohol und andere Formen materieller Selbstzerstörung dem Leiden ein Ende zu machen. Diese Auswege können jedoch niemals das Problem des Seins lösen, denn die Annahme und das Elend eines Lebens in der Materie bestehen fort, bis sie durch Christus, Wahrheit, zerstört werden.

Christi Weg bedeutet aber nicht bloße Verneinung. Selbstverleugnung schließt in Christus die Selbstbejahung als Gottes unsterbliches Bild ein. Christus lehrt, daß Selbstaufopferung der Weg zu wahrer Selbsterfüllung ist und das Aufgeben des Selbst zum Bewußtsein geistiger Identität führt. Als Christus Jesus sagte: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir“ . Matth. 16:24., führte er die Menschheit nicht zur Vernichtung des Selbst im „kosmischen Meer“, sondern zur bewußten Kindschaft mit der unendlichen Person, Gott.

„Wir löschen das materielle Adamsgeschlecht nicht aus“, schreibt Mrs. Eddy, „überlassen jedoch alle Sünde dem Machtanspruch Gottes — der Selbstzerstörung und der endgültigen Offenbarwerdung des wirklichen geistigen Menschen und Universums. Wir glauben, in Übereinstimmung mit der Heiligen Schrift, daß Gott unendlicher Geist oder unendliche Person und der Mensch Sein Bild und Gleichnis ist; daher spiegelt der Mensch Geist wider, nicht Materie.“ ’01, S. 5. Die einzige rechtmäßige Selbstzerstörung in der Christlichen Wissenschaft ist die Zerstörung eines sündigen Begriffes vom Selbst. Selbstvernichtung ist niemals berechtigt, niemals eine Lösung. Das scheinbare Selbst der Sünde wird nur dann zerstört, wenn wir das Kreuz auf uns nehmen und Christus, der wahren Idee des Seins, ernstlich nachfolgen. Durch gehorsame Jüngerschaft, die durch die Christus-Wissenschaft erleuchtet wird, löst das scheinbare endliche Selbst allmählich auf, und der wirkliche Ego-Mensch — das „Ich“, das zum Vater geht — beginnt als wahres Selbst zu erscheinen.

Was für ein Fehler wäre es also, zu glauben, daß geistiger Fortschritt in der Christlichen Wissenschaft zur „Transzendenz“ (an sich eine Unmöglichkeit) der bewußten Individualität führen könnte. Die Tatsache, daß Gott Alles ist, daß Er das einzige Gemüt ist, daß Er nur Seine eigene in sich selbst vollendete Unendlichkeit kennt, zerstört nicht den Menschen als Menschen. Ein geistiger Pantheismus ist nicht besser als ein materieller Pantheismus. Gemüt ist Alles-in-allem. Das stimmt. Aber diese Allheit schließt den Menschen als ein Wesen ein, das klar erkennbar, individualisiert und „ewig bewußt“ ist. Unsere Führerin erklärt dies folgendermaßen: „In der Wissenschaft gehen Form und Individualität niemals verloren; Gedanken sind umrissene, individualisierte Ideen, die immerdar als faßbare, wahre Substanz dem göttlichen Gemüt innewohnen, da sie ewig bewußt sind.“ Vermischte Schriften, S. 103.

Gottes individualisierte Idee ist immer der bewußte Mensch, stets dem Gemüt untertan und im Gemüt eingeschlossen. Eine Idee hat niemals ein Bewußtsein von sich selbst als Gott, denn das würde bedeuten, daß Gott sich irgendwie in Seiner Idee befinden oder mit ihr identisch sein könnte. Gott ist niemals in Seiner Idee; vielmehr bringt Er sich in Seiner unendlichen Idee zum Ausdruck, und diese Idee ist der Mensch. Auf diese Weise bleibt Gemüt immer klar erkennbar als Prinzip, Ursache, Ursprung und Schöpfer, und das ganz bewußt. Der Mensch ist immer klar erkennbar als bewußte Idee, als Wirkung, Ergebnis, Schöpfung.

Wäre geistiger Pantheismus wahr, dann würde man — je näher man Gott käme — sich um so weniger seiner Individualität als Mensch bewußt sein und um so mehr sogenanntes „Gottes-Bewußtsein“ erhalten, bis die bewußte Identität in Gott absorbiert wäre. Aber die christliche Erfahrung — wie auch die Metaphysik von Christi Lehren — sagt uns, daß dies eben nicht geschieht. Wenn wir Fortschritte machen, beginnen wir nicht zu denken, wir seien Gott. Noch erleben wir, daß unsere bewußte Individualität sich auflöst. Wir werden uns jedoch mehr und mehr unseres Lebens bewußt, das völlig von dem einen Leben, Gott, herrührt. Ja, je wirklicher Gott für uns wird, desto deutlicher wird für uns unsere eigene und anderer Personen Kindschaft und geistige Individualität als Mensch.

Als Mrs. Eddy gefragt wurde, ob sie an den Menschen glaube, begann sie ihre Antwort folgendermaßen: „Ich glaube an den individuellen Menschen, denn ich erkenne, daß der Mensch ebenso wirklich und ewig wie Gott ist und daß der Mensch zugleich mit Gott besteht als die ewig göttliche Idee. Dies ist dadurch beweisbar, daß man sich einfach an das menschliche Bewußtsein wendet.“ Einh., S. 49.

Abstraktes metaphysisches Theoretisieren über die endgültige Persönlichkeit Gottes und des Menschen sollte niemals das verdunkeln, was bereits dadurch bewiesen werden kann, daß „man sich einfach an das menschliche Bewußtsein wendet“. Der Mensch — Ihre und meine wahre, geistige Identität — ist ebenso wirklich und ewig wie der Schöpfer und wird es immer sein. Der Vater muß Seinen geliebten Sohn haben. Die göttliche Liebe muß ihre unendliche Familie haben. Gottes eigene Individualität bietet Gewähr dafür, daß die Individualität des Menschen — von der geringsten zu der höchsten Idee — niemals verlorengeht. Der unendliche Mensch besteht immerdar als gehorsame Idee des Gemüts, und er weiß um diese Wahrheit, spiegelt sie wider. Wie könnte der Mensch sich nicht selbst kennen, wenn er doch all das widerspiegelt, was der Vater weiß? Widerspiegelung ist individuelles Sein, das Spiegelbild „Ich“ des großen Ich Bin. Christus Jesus hat der Menschheit dieses widergespiegelte „Ich“, den Ego-Menschen, am deutlichsten veranschaulicht, und zwar mit Worten, die niemals vergehen werden, da sie im eigentlichen Wesen der Wirklichkeit verankert sind: „Ich und der Vater sind eins“ Joh. 10:30.; „Der Vater ist größer als ich“ 14:28.; „Ich bin nicht allein, sondern ich und der mich gesandt hat.“ 8:16.

Die große Freude und der Sinn unseres Daseins ist, Gott und Seine Ideen zu kennen, indem wir Seine vollständige Offenbarwerdung, der Mensch, sind. In der Christlichen Wissenschaft geht die Identität niemals verloren. Es wird immer heißen: „Ich und der mich gesandt hat“, weil Gott und der Mensch ewiglich als das göttliche Wir zusammen bestehen. Christi Weg bedeutet die Vernichtung der Sünde, nicht Selbstzerstörung. Alles, was in unserer gegenwärtigen Erfahrung „wirklich, gut oder wahr“ ist, einschließlich der bewußten Identität, muß und wird durch Christus, Wahrheit, geläutert und gereinigt werden, bis wir in Gottes unsterblichem Gleichnis erwachen.

Wenn Sie mehr Inhalte wie diese erforschen möchten, können Sie sich für wöchentliche Herold-Nachrichten anmelden. Sie erhalten Artikel, Audioaufnahmen und Ankündigungen direkt per WhatsApp oder E-Mail. 

Anmelden

Mehr aus dieser Ausgabe / März 1982

  

Die Mission des Herolds

„... die allumfassende Wirksamkeit und Verfügbarkeit der Wahrheit zu verkünden ...“

                                                                                                                            Mary Baker Eddy

Nähere Informationen über den Herold und seine Mission.