Es gibt etwas in bezug auf Weihnachten, was uns sehr wertvoll sein kann, etwas, was tiefer geht als Worte. Jenseits von Festlichkeiten und materialistischer Betriebsamkeit steht Weihnachten als ein leuchtendes Zeichen der Einheit und Liebe. Es ist eine Zeit, in der Christen aller Konfessionen unterschiedliche Auffassungen beiseite setzen und sich auf einer gemeinsamen Grundlage vereinen können. Sie feiern das Kommen des Erlösers und verherrlichen den Geist des Friedens und der Nächstenliebe, den Jesus beispielhaft zum Ausdruck brachte. Hier ist eine Botschaft, die die Welt das ganze Jahr hindurch bitter nötig hat. Diese tiefere Bedeutung des Weihnachtsfestes veranlaßt uns zu fragen, was wir tun können, um Frömmelei, Voreingenommenheit und den Aufruhr, den sie verursachen, auszulöschen.
Religiöse Meinungsverschiedenheiten sind die Wurzel einiger der grausamsten und unheilvollsten Auseinandersetzungen in der Geschichte. Heute denkt man dabei an den Nahen Osten, die Unruhen in Irland, die Ausbreitung des Terrorismus und an den gewalttätigen Fanatismus, der große Teile der islamischen und christlichen Welt erfaßt hat. Man denkt auch an die Grausamkeiten, zu denen Frömmelei in der Familie und im Gemeinwesen führt. Die Menschheit ist nicht über religiöse Gegensätze und ihre trennenden und zerstörerischen Folgen hinausgewachsen. Doch kann jeder von uns sehr viel dazu beitragen, diese Übel im Familienkreis und in der Welt insgesamt zu verringern.
Eine unabhängige und klare Beurteilung dieser Dinge findet man in Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift, wo Mary Baker Eddy schreibt: „Tyrannei, Unduldsamkeit und Blutvergießen, wo sie sich auch finden, erwachsen aus der Annahme, daß der Unendliche nach dem Muster sterblicher Persönlichkeit, Leidenschaft und sterblichen Impulses gebildet sei.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 94. Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß „der Unendliche“ tatsächlich universale Liebe ist, wird uns die tiefe Wahrheit dieser Feststellung klar. Ist der Gott, vor dem wir uns beugen, eine Gottheit sterblicher Persönlichkeit und Leidenschaft? Wenn dem so ist, welche Gedanken- und Verhaltensmuster fördert dann eine solche Vorstellung in uns? Oder wissen wir, daß Gott universale Liebe ist, und bemühen wir uns, unsere Handlungen und unser Leben von diesem Verständnis regieren zu lassen?
Die unendliche Liebe umfängt die Völker auf der ganzen Welt. Die allmächtige Liebe, der eine universale Gott, ist für alle Menschen erreichbar und kann Unrecht aufheben, den einzelnen erlösen und individuelle als auch kollektive Konflikte beheben. Liebe ist das universale Lösungsmittel. Das erklärt uns Wissenschaft und Gesundheit; Siehe ebd. 242:16–22. ferner versichert uns das Lehrbuch: „Liebe ist unparteiisch und allumfassend in ihrer Anwendbarkeit und in ihren Gaben.“ Ebd., S. 13.
Wenn Gottes Liebe unser Herz erfüllt, ist es möglich, stark voneinander abweichende Anschauungen zu vertreten, ohne daß dies in Streit und Gewalt ausartet. Wir können anderer Meinung sein, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen. Wir können vergeben. Wir können die segnen, die uns fluchen. Religiöse Meinungsverschiedenheiten an sich brauchen nicht von Haß erfüllt oder zerstörerisch zu sein, und in einem Klima des guten Willens werden sie es auch nicht sein. Was Feindseligkeit entstehen läßt, sind die gottlosen Elemente des sterblichen Gemüts — Neid und Furcht, Gefühllosigkeit und Verdammung — sowie von Emotionen getriebener Fanatismus, Selbstgerechtigkeit und vernunftloser sterblicher Wille. Das sind die sündigen Elemente, die religiöse Kontroversen (oder jede andere Meinungsverschiedenheit) mit Irrationalität und vergiftenden Einflüssen belasten. Das christusgleiche Bewußtsein, daß Gott universale Liebe ist, das einzig wahre Gemüt, das alles beherrscht, wirkt im menschlichen Denken wie ein kräftiger Sauerteig, um diese zerstörerischen mentalen Kräfte null und nichtig zu machen und aufzulösen.
In der Christlichen WissenschaftChristian Science (kr´istjən s´aiəns) lernt man, daß man sich mit bösen Suggestionen, Gedanken und Handlungsweisen auseinandersetzen muß; aber sie werden durch Wahrheit besiegt, nicht dadurch, daß man sich gegenseitig befehdet oder an anderen Anstoß nimmt. Wahrheit ist eine universale Macht, die in dem Gesetz der göttlichen Liebe für uns offenkundig und zur Tatsache wird. Durch ernsthaftes Gebet können wir die Machtlosigkeit von Feindschaft und die Allmacht der Liebe beweisen, die den Menschen regiert. Durch das wissenschaftliche Vertrauen auf das Gesetz der göttlichen Liebe können wir Kontroversen in unserem eigenen Bewußtsein entschärfen. Und damit tragen wir dazu bei, das mentale Klima, in dem wir leben, zu verbessern und andere sowie uns selbst zu segnen. Die Christliche Wissenschaft fördert im Denken ihrer Anhänger diese heilende Einstellung zu Kritik und Angriffen auf ihre Religion.
Die Bibel enthält auch für die heutige Zeit zahlreiche eindrucksvolle Lehren, die die Bedeutung von Toleranz und brüderlicher Liebe erklären. Ein Beispiel ist der Bericht über Petrus und den römischen Hauptmann Kornelius. Der Hauptmann, ein frommer Mann, der nach der Wahrheit suchte, sandte Boten, um eine Zusammenkunft mit Petrus zu erbitten. Aber seine kulturelle und religiöse Erziehung erlaubten es Petrus nicht, mit jemandem, der einem anderen Volk und einer anderen Religion angehörte, zu essen oder zu verkehren. Doch seine Ansichten hierüber wurden durch Gebet und göttliche Führung, die er in einem Gesicht erlebte, verändert. Er gewann einen höheren Standpunkt. Er ging mit den Boten mit, um Kornelius zu treffen. Er erzählte dem Hauptmann von seiner Vision und erklärte: „Nun erfahre ich in Wahrheit, daß Gott die Person nicht ansieht; sondern in jeglichem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“ Apg. 10:34, 35.
Die Lehre für uns heute ist eindeutig: Wir sollten unser Verhalten anderen gegenüber von Gebet, Liebe zu Gott und den Menschen bestimmen lassen — und von dem, was der Mensch tatsächlich ist, anstatt von kulturellen Vorurteilen oder allgemein herrschenden Klischeevorstellungen. Und wir sollten ungeachtet der Umstände das Gesetz der Liebe in unseren Herzen regieren lassen und seine universale Macht und Herrschaft voll und ganz anerkennen.
Nicht durch Gewalt, sondern durch die göttliche Liebe erlangt die Menschheit eine höhere Erkenntnis von der Wahrheit — denn Wahrheit ist Gott, und Gott ist Liebe. Echter individueller und kollektiver Fortschritt wird nicht dadurch erreicht, daß eine Gruppe die andere angreift oder zu zerstören versucht, sondern durch das Christentum Christi. Die göttliche Liebe, die in Nächstenliebe und Nachsicht praktisch zum Ausdruck gebracht wird, fördert eine Atmosphäre, in der Konflikte gelöst werden können. Mrs. Eddy schrieb einmal an die Mitglieder ihrer Kirche: „Leben und leben lassen, ohne viel Geschrei nach Auszeichnung oder Anerkennung; der göttlichen Liebe dienen; die Wahrheit obenan auf die Tafel seines Herzens schreiben — das spricht für einen gesunden Verstand und eine vollendete Lebensführung und ist mein menschliches Ideal.“ Botschaft an Die Mutterkirche für 1902, S. 2.
Möge der wahre Geist der Weihnacht — der Geist des liebevollen, heilenden Christus, der Wahrheit — in jedem Herzen das ganze Jahr hindurch herrschen! Und möge die Wissenschaft der allmächtigen Liebe Intoleranz austreiben und so das menschliche Denken mit einem höheren Empfinden von Einheit und Brüderlichkeit erfüllen!
