Ein begabter junger Mann, der eine vielversprechende Karriere vor sich hatte, wurde von der Frau seines Vorgesetzten gedrängt, mit ihr sexuelle Beziehungen einzugehen. Seine ganze Zukunft stand vor dieser Frage still.
Eine solche Versuchung ist nichts Neues. Doch der Beschluß, den dieser junge Mann faßte, verdient es, von uns genau betrachtet zu werden. Er traf seine moralische Entscheidung, den Verführungen der Frau zu widerstehen, mehr als dreihundert Jahre, bevor Mose Gottes Gebot niederschrieb: „Du sollst nicht ehebrechen.“ 2. Mose 20:14. Der junge Mann war Joseph.
Obwohl dieser Patriarch weder die Zehn Gebote noch die Bergpredigt zur Verfügung hatte, die ihm hätten helfen können, erfaßte er den Geist der Wahrheit, der beiden gemeinsam ist. Er sagte zu Potiphars Frau: „Wie sollte ich ... ein solch großes Übel tun und gegen Gott sündigen?“ 1. Mose 39:9. In Josephs Bewußtsein muß der Schimmer der ewigen Wahrheit — die makellose Idee Gottes — geleuchtet haben. Wie hätte er sonst davor bewahrt werden können, gegen Gott zu sündigen?
Dieser rettende Geist der Wahrheit, den Joseph bewußt empfand, der aber noch keinen Namen hatte, war und ist der zeitlose Erlöser der Menschheit: der lebendige Christus. Mrs. Eddy schreibt: „Alle Generationen hindurch, vor wie nach Beginn der christlichen Zeitrechnung, ist der Christus, als die geistige Idee — die Widerspiegelung Gottes —, mit einem gewissen Maß von Macht und Gnade zu allen denen gekommen, die bereit waren, Christus, Wahrheit, zu empfangen. Abraham, Jakob, Mose und die Propheten hatten herrliche Lichtblicke von dem Messias oder Christus, was diese Seher in die göttliche Natur, in das Wesen der Liebe, taufte.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 333.
Als die ideale Wahrheit bleibt der immergegenwärtige Christus ewiglich der gleiche. Doch die Menschheit nahm den Christus im Laufe der Zeit auf verschiedene Weise wahr, und damit wandelte sich auch ihre Vorstellung vom Kommen der Wahrheit. Jede neue Wahrnehmung des Christus hat dazu beigetragen, das Verständnis der Menschheit von der geistig unversehrten Identität des Menschen zu erweitern. Mose z. B. erschaute etwas von der unkörperlichen Idee und der sich daraus ergebenden illusorischen Natur der Krankheit, als seine von Aussatz befallene Hand wieder normal wurde. Zweifellos bewies Elias Himmelfahrt seinem Jünger Elisa die unsterbliche Idee des Lebens auf eindrucksvolle Weise. Und der biblische Bericht von den drei Hebräern, die aus dem glühenden Ofen unversehrt wieder hervorkamen, zeigt, wie unzerstörbar Gottes Kundwerdung ist. Dieses sich entfaltende Bewußtsein von der Christus-Idee bewirkte, daß die Menschen das vollständigere Erscheinen des Christus als Messias erwarteten — eine Erwartung, die ihre Erfüllung in der Fleischwerdung fand.
Die Christlichen Wissenschafter verehren den fleischgewordenen Jesus. In dem irdischen Leben des Meisters — von seiner jungfräulichen Geburt bis zur krönenden Himmelfahrt — sehen sie die geistige Idee Gottes in seinem Triumph über Sünde, Materialität, Krankheit und das Grab vollständig demonstriert. Das Wort war wirklich Fleisch geworden. Dem menschlichen Bewußtsein erschien Jesu physisches Dasein als die Verkörperung der erlösenden Wahrheit. Und mit Recht erkennt die christliche Welt in Christus Jesus den einen Erlöser an, der als Person erschien und geschichtlich nachweisbar ist.
Aber die Christliche Wissenschaft läßt es nicht zu, den Meister aufgrund der Fleischwerdung persönlich zu vergöttern. Der Mensch Jesus war weder Gott — noch behauptete er jemals, es zu sein. Als höchste menschliche Erscheinung des idealen Menschen wird Jesus jedoch immer mit der Christus-Idee, die er lehrte und lebte, in Verbindung gebracht werden. Der Meister hinterließ der Menschheit unentbehrliche Beispiele dafür, wie der Christus im Menschen verkörpert wurde. Während seines irdischen Lebens erbrachte er den vollständigen Beweis, daß sein geistiges Selbst der Christus, der Sohn Gottes, ist — und er zeigte, wie wir alle unser wahres christliches Wesen als Söhne und Töchter Gottes demonstrieren können und eines Tages demonstrieren müssen.
Jesu Himmelfahrt kennzeichnete nicht das Verschwinden des Christus. Mrs. Eddy bemerkt hierzu: „Diese zweifache Persönlichkeit des Unsichtbaren und des Sichtbaren, des Geistigen und des Materiellen, des ewigen Christus und des körperlichen, im Fleisch offenbar gewordenen Jesus, dauerte fort bis zu des Meisters Himmelfahrt, wo der menschliche, materielle Begriff oder Jesus verschwand, während das geistige Selbst oder Christus in der ewigen Ordnung der göttlichen Wissenschaft fortbesteht und die Sünden der Welt hinwegnimmt, wie der Christus es je und je getan hat, schon ehe der menschliche Jesus für die sterblichen Augen Fleisch geworden war.“ Ebd., S. 334. Nur in Christus, Wahrheit, kann die Welt ihren einen unpersönlichen und universellen Erlöser finden.
Unser aller Christus ist ebenso bei uns, wie er bei den Patriarchen und den frühen Kirchenvätern war. Heutzutage erscheint der Christus auf eine Weise, die die Nöte des modernen Zeitalters stillt. Um aber seine Gegenwart und Stärke in unserem Leben wahrnehmen zu können, müssen wir — wie der Apostel Paulus es von uns verlangt — außerhalb des Fleisches nach dem Erscheinen des Christus Ausschau halten: „Darum kennen wir von nun an niemand mehr nach fleischlicher Weise; und ob wir auch Christus früher nach fleischlicher Weise erkannt haben, so erkennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.“ 2. Kor. 5:16.
Der geistige Christus ist im zwanzigsten Jahrhundert — und in allen kommenden Jahrhunderten — als eine wissenschaftliche, keine körperliche Kundwerdung hier. Mrs. Eddys Entdeckung der Christus-Wissenschaft ist das Kommen des verheißenen Trösters oder Heiligen Geistes, von dem Jesus sprach. Auch ist es das zweite Kommen des Christus, das die Christenheit lang ersehnte. Dieses „Kommen“ ist eigentlich nichts anderes, als daß im menschlichen Bewußtsein wieder etwas an die Oberfläche kommt, was schon immer vorhanden war: Gott und Sein Ideal. Christliches, wissenschaftliches Heilen bietet den unbestreitbaren Beweis, daß der Christus „in der ewigen Ordnung der göttlichen Wissenschaft fortbesteht und die Sünden der Welt hinwegnimmt“.
Der eine Christus ist das vollständige Ideal Gottes. Was Gutes verleiht, ist selbst gut. Was Harmonie bringt, muß Beweis der Harmonie sein. Wenn die Menschheit den Christus versteht, wird er für sie zum Immanuel oder „Gott mit uns“. Mrs. Eddy erklärt: „Christus ist die wahre Idee, die das Gute verkündet, die göttliche Botschaft von Gott an die Menschen, die zum menschlichen Bewußtsein spricht.“ Wissenschaft und Gesundheit, S. 332.
Zu Elia sprach die göttliche Idee als stilles sanftes Sausen. Für den Offenbarer ertönte das Wort Gottes mit Donnerstimme und wie ein brüllender Löwe. Diese Männer mögen die Wahrheit durchaus mit ihrem Gehör vernommen haben, doch sie kommt stets von innen und ist mental. Das Gemüt des Christus spricht, unabhängig vom „Dezibel“, als Bewußtsein zum Bewußtsein: „Deine Ohren werden hinter dir das Wort hören:, Dies ist der Weg; den geht! Sonst weder zur Rechten noch zur Linken!‘ “ Jes. 30:21. Gottes Idee zeigt sich in der Form, die wir am besten verstehen — als individuelle Gedanken —, und bringt natürliche Güte und Reinheit, Gesundheit und Unsterblichkeit zum Ausdruck. Die guten Gedanken, die wir in jedem beliebigen Augenblick hegen, entstehen nicht in uns. Sie spiegeln das wider, was das göttliche Gemüt uns, seinen mentalen Sprößlingen, jetzt zu verstehen gibt. Sie bezeugen unsere wahre Christlichkeit.
Christliche Gedanken heilen und erlösen. Der lebendige Christus ist der heilende Christus. Diese göttliche Eingebung bewirkt eine Änderung, wie wir über uns selbst und andere denken. Sie erweckt uns zur Geistigkeit. Sie stellt die vollkommene Gesundheit wieder her, hebt die Moral, entfacht echte Freude. Sie vollbringt, was erforderlich ist, um die fühlbare Wirkung der göttlichen Liebe im Leben der Menschen zu beweisen, indem sie alles überwindet, was sterblich ist. Vor allem erhebt sie uns zu einer beständigen Liebe zu Gottes universaler Gabe: Seinem erlösenden Christus.
Im Morgenlicht der Christlichen Wissenschaft kann jeder erkennen, daß sein Erlöser lebt. Die Christus-Idee verkündet uns immer Gutes. Wenn wir ihre Stimme hören und ihr gehorchen, ist das ebenso ein Zeichen dafür, daß der Christus in unserem Leben wirkt, wie es die göttliche Kommunikation selbst ist.
Vielleicht übersehen wir, wie ganz und gar unkompliziert die Gegenwart des Christus ist. Durch den lebendigen Christus veranlaßt uns Gott, in allem, was unser Leben betrifft, gut zu sein und zu denken — selbst wenn niemand anwesend ist, der von unserem Tun oder Denken etwas wissen oder sehen könnte. Wir folgen diesem göttlichen Impuls mehr, als den meisten von uns klar ist; wir beherbergen regelmäßig „ohne ... Wissen Engel“. Bestünde nämlich dieser göttliche Einfluß nicht, der stets im menschlichen Bewußtsein wirkt, würden Eltern keine Liebe für ihr Kind und Kinder keine Liebe für ihre Eltern empfinden; ein Sportler hätte nicht den geringsten Ansporn, sein Bestes zu tun; ein Architekt oder Erfinder könnte nichts kreieren; einem Freund könnte man nie Vertrauen schenken; das Leben wäre uninteressant und Gebet bedeutungslos. Ohne den Christus in der Welt wären Ehrlichkeit und künstlerische Schönheit, Freiheit und Hoffnung gänzlich unbekannt.
Erfreulicherweise ist uns aber das Gute — wenigstens bis zu einem gewissen Grade — bereits bekannt. Und der Christus ist hier, um alles Falsche, das noch in der Welt besteht, zu beseitigen. Der ewige Christus lebt, um zu zeigen, daß der gegenwärtige Zustand des Menschen und des Universums gut ist.
